Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften LK 2022

Thema: Marktwirtschaftliche Ideen und Soziale Marktwirtschaft · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Thomas Jahn: Wachstum durch Technik (2021)

Robert Solow sagte 1987: „Computer finden sich überall, außer in den Produktivitätsstatistiken.“ Die

Klage des Ökonomen war aus damaliger Sicht nachvollziehbar. Fünf Jahre zuvor hatte das Magazin

„Time“ auf seinem Titelbild den Computer gefeiert, der bald in jedem Wohnzimmer stehen würde.

Doch danach kam volkswirtschaftlich gesehen – erst mal nichts.

5 Im Rückblick wissen wir: Solow war zu ungeduldig. Neue Technologie muss eingeführt, angepasst,

vernetzt und akzeptiert werden. Das braucht Zeit. Auch aufgrund von immer leistungsfähigeren

Computern kam es in den Neunzigerjahren tatsächlich zu einem Produktivitätsboom.

Die 33 Jahre alte Sorge von Wirtschafts-Nobelpreisträger Solow klingt heute wieder sehr zeitgemäß.

Seit der Finanzkrise 2008 kommt die Produktivität in Deutschland und anderen Industrienationen

10 kaum vom Fleck, trotz zahlreicher wissenschaftlicher Durchbrüche […].

Aber das könnte sich 2021 und in den Jahren danach ändern. […] Es erscheint einmal mehr nur als

eine Frage der Zeit, bis sich diese Innovationen in mehr Output pro Input niederschlagen. […]

Ein Grund für diesen Fortschrittsoptimismus: Das Coronavirus war in seiner Wirkung für Gesundheit

und Wirtschaft verheerend, beschleunigte aber technische Entwicklungen und deren Akzeptanz.

15 „Covid hat große und kleine Unternehmen in eine digitale Transformation gestürzt“, sagt die

amerikanische Futuristin Amy Webb. […]

Es gibt viele […] Beispiele von Unternehmen, die aufgrund von Corona agiler und digitaler werden.

Technologie einzuführen ist anfangs teuer, unbequem und komplex, der Status quo vielfach die

bequemste Variante des Wirtschaftens. „Don't fix what is not broken“ – diese amerikanische

20 Managementweisheit setzt sich in guten Jahren allzu oft und allzu leicht durch.

Doch diese Haltung verursacht in Unternehmen oft höhere Kosten als die Veränderung. Es sind der

entgangene Gewinn, das fehlende Wachstum und die verspielte Zukunft, die Ökonomen mit

Opportunitätskosten umschreiben. Mit Corona werden diese sonst so unsichtbaren Kosten auf einmal

klarer und spürbarer.

25 In der Wirtschaft brechen Widerstände und Bedenken zusammen, immer weniger Vorstände zweifeln

an der Notwendigkeit und Leistungsfähigkeit neuer Technologien. […]

Das Muster ist klar: Die Konkurrenz macht es vor, der Kunde drängt, wie auch nicht wenige

Lieferanten. Auf einmal ist eine neue Technologie omnipräsent. Und längst nicht alles, was nach

Zukunft klingt, kommt von der amerikanischen Westküste. Auch Deutschlands technologische

30 Pipeline ist überraschend reich gefüllt. […]

Die akademische Forschung ist der Schrittmacher von Technologie. Allerdings ist es eine Sache, sie

zu erforschen – und eine völlig andere, sie auf den Markt zu bringen. […]

Deutschland kann und weiß viel in Sachen Technologie, zögert aber bei deren Umsetzung. Und leider

hilft da Corona wenig. Laut Umfragen der staatlichen Förderbank KfW verschoben viele deutsche

35 Gründer aufgrund der Pandemie ihre Start-up-Pläne. Das Statistische Bundesamt meldete 6,4 Prozent

weniger Neugründungen von Januar bis September 2020 als im Vorjahr.

Ein Rückschlag. Aber immerhin: Das befürchtete Massensterben von Start-ups durch den

Wirtschaftseinbruch ist 2020 ausgeblieben. Und es gibt einen weiteren Lichtblick. Die Ausrichtung

und die Ziele der Neugründungen orientierten sich laut KfW stärker als bisher an digitalen

40 Schlüsseltechnologien und Geschäftsmodellen.

Auch der Staat scheint aufgewacht zu sein. Die Bundesregierung hat inzwischen erkannt, dass es in

Deutschland zu wenig Kapital gibt, um die Wachstumsphase von Start-ups zu finanzieren, und will

deshalb 2021 mehrere Initiativen starten. Der „Beteiligungsfonds für Zukunftstechnologien“ soll bis

2030 insgesamt zehn Milliarden Euro zur Verfügung stellen und damit noch einmal das Doppelte an

45 privaten Investitionen auslösen.

Wird all die neue Technologie nun endlich den ersehnten Produktivitätsschub bringen und damit

Deutschland neue Wachstumschancen eröffnen? Ökonomen wie Daniel Rock vom Massachusetts

Institute of Technology (MIT) und Chad Syverson von der University of Chicago befassten sich mit

dem Problem des fehlenden Produktivitätswachstums und erstellten die „Produktivität-J-Kurve“.

50 Danach setzen viele Unternehmen neue Technologie aus Erfahrung zunächst zögerlich ein, weil deren

Einsatz am Anfang wenig Nutzen verheißt. Doch wenn die Unternehmen sich erst einmal zur

Adaption der Technologien entschließen, geht die Produktivität J-förmig durch die Decke. So erklärt

sich der schon von Solow konstatierte Zeitverzug.

Gut möglich, dass wir uns kurz vor dem Punkt der J-Kurve befinden, ab dem sie steil nach oben zeigt.

55 Keiner wittert das besser als die Börsen. Für die stark steigenden Aktienkurse der vergangenen

Monate gibt es naheliegende Gründe wie die Niedrigzinsen der Zentralbanken. Aber eine weitere

Ursache könnte sein, dass wir ähnlich wie in den Neunzigerjahren – als die Börsen ebenfalls von

Rekord zu Rekord eilten – vor einem neuen Produktivitätsboom stehen.

Das wäre eine gute Nachricht, nicht nur für Aktionäre. Produktivität wirkt wie ein Zaubermittel auf

60 das Wirtschaftswachstum, sorgt für bessere Gehälter und wachsenden Wohlstand. „Produktivität ist

nicht alles“, sagte Paul Krugman, ein anderer Wirtschafts-Nobelpreisträger, „aber langfristig ist sie

beinahe alles.“

Thomas Jahn: Wachstum durch Technik, in: Handelsblatt vom 08.01.2021, S. 42 f.

3.

Erläutern Sie die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe in marktwirtschaftliche Prozesse. [25 BE]

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3 Erläutern Sie die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe in marktwirtschaftliche Prozesse.

Lösung: Differenzierte Erläuterung der Ursachen von Marktversagen (Externalitäten, öffentliche Güter, Allmende-Problematik, Marktmacht, asymmetrische Information) sowie sozialer Gerechtigkeitskorrekturen und Konjunkturpolitik.

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