Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften LK 2021
Thema: Marktwirtschaftliche Ideen und Soziale Marktwirtschaft · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Silke Kersting: Der Handel reagiert empört auf Forderungen nach Mindestpreisen (2020)
Die Auseinandersetzung um die Preisgestaltung im Lebensmittelhandel verschärft sich zunehmend.
„Mit ihren Forderungen nach Mindestpreisen für Lebensmittel im Einzelhandel überschreiten
Vertreter der Bundesregierung und der Parteien eine rote Linie“, sagte Josef Sanktjohanser, Präsident
des Handelsverbandes Deutschland (HDE), dem Handelsblatt.
5 „Offensichtlich ist einigen Politikern der ordnungspolitische Kompass verloren gegangen, der die
Vorteile der sozialen Marktwirtschaft und das Ziel, Wohlstand für alle zu schaffen, in den Mittelpunkt
stellt“, fügte Sanktjohanser kurz vor dem geplanten Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel
(CDU) an diesem Montag hinzu. „Die Vorgabe oder Verabredung von Mindestpreisen ist
kartellrechtlich strikt verboten und gehört zu den weitgehendsten Eingriffen in die Freiheit der
10 Wettbewerbsprozesse.“ Beschränkungen der Preissetzungsfreiheit seien grundsätzlich immer zum
Nachteil der Verbraucher.
Forderungen der Politik, die in diese Richtung zielten, dienten daher ausschließlich
Partikularinteressen und sollten die Ertragslage einzelner Branchen auf Kosten anderer
Wirtschaftsbeteiligter verbessern, wie in diesem Falle der Landwirtschaft, so der Handel.
15 Der Handel hatte sich bereits vor knapp zwei Wochen gegen Vorwürfe verwahrt, mit Dumpingpreisen
die wirtschaftliche Lage der Landwirte weiter zu verschlechtern und sieht sich zu Unrecht kritisiert.
Den Handel „pauschal anzuprangern“ sei der falsche Weg, hieß es in einem gemeinsamen Schreiben
von HDE und BVLH (Handelsverband Lebensmittel) an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner
(CDU).
20 Die aber legte seitdem nach: „In unserem Land gibt es mehr Handys als Einwohner“, sagte die
Ministerin, als sie jüngst in Berlin die Agrarmesse „Grüne Woche“ eröffnete. Stattliche Preise würden
für ein Mobiltelefon aufgerufen. „Fleisch, Obst und Gemüse können aber gar nicht billig genug sein.“
Jetzt erklärte sie, es sei wie „David gegen Goliath, so fühlen sich aktuell Erzeuger, wenn sie mit dem
Handel verhandeln – Augenhöhe ist nicht gegeben“. Das schlage sich auch in den Preisen nieder. Mit
25 dauerhaften Dumpingangeboten für Nahrungsmittel setze der Handel ein falsches und auch
gefährliches Signal. Wertschätzung könne beim Verbraucher nicht entstehen, wenn Fleisch, Obst und
Gemüse teilweise zu Tiefstpreisen verramscht werden.
Am Montag treffen sich nun die Kanzlerin und Klöckner im Kanzleramt mit Vertretern des
Lebensmitteleinzelhandels. Themen sind laut Agrarministerium die Wertschätzung von Lebensmitteln
30 und Dumpingpreise sowie faire Preisgestaltung und Lieferbedingungen bei Lebensmitteln mit Blick
auf Bauern und Handel. Klöckner sagte, auch ordnungsrechtliche Regelungen seien denkbar, um
unlautere Handelsbeziehungen abzustellen.
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) forderte am Wochenende, dass bei
zunehmenden Anforderungen an die Landwirte auch die Preise für Lebensmittel im Supermarkt
35 steigen müssten. „Mehr Leistung muss auch besser bezahlt werden. Anders bekommen die Bauern das
nicht hin“, sagte der Regierungschef des Agrarlandes Niedersachsen den Zeitungen der Funke-
Mediengruppe. Der Einzelhandel dürfe nicht das „Prinzip des niedrigsten Preises“ hochhalten.
Einen Schritt weiter ging der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck: In der „Bild am Sonntag“ forderte
er von der Bundesregierung ein Verbot von „Ramschpreisen“ bei Lebensmitteln. „Dieses
40 Preisdumping im Supermarkt macht mich wütend. Das muss die Bundesregierung untersagen.“
Doch der Handel wehrt sich: Man sehe seine Aufgabe darin, seinen Kunden jeden Tag das
bestmögliche und attraktivste Angebot zu unterbreiten, sagte Sanktjohanser jetzt. Das sei eine große
Herausforderung, denn jeder Kunde habe individuelle Bedürfnisse und Wünsche. Und diese richteten
sich eben auch auf den besten Preis als bestes Signal zur Differenzierung des Angebots und der
45 Qualität eines jeden Produktes. „Der Handel bietet daher in den jeweiligen Warengruppen nicht nur
unterschiedliche Qualitäten, sondern eben auch Produkte in verschiedenen Preislagen.“
Landwirte gehen seit Monaten immer wieder auf die Straße, um einerseits gegen steigende
Umweltauflagen zu demonstrieren, andererseits aber auch, um mehr Wertschätzung für ihre Produkte
und eine angemessene Bezahlung einzufordern.
Silke Kersting: Der Handel reagiert empört auf Forderungen nach Mindestpreisen, in: Handelsblatt, 21.01.2020, URL: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/ordnungspolitik-der-handel-reagiert-empoert-auf-forderungen-nach-mindestpreisen-fuer-lebensmittel/25491534.html?ticket=ST-2631554-fqxhYvlwQwqcp61YzgP6-ap1 (abgerufen am 08.02.2020).
Aufgabe 3
Untersuchen Sie die Vereinbarkeit von staatlichen Mindestpreisen für Lebensmittel mit dem Grundgesetz und der sozialen Marktwirtschaft.
(25 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Untersuchen Sie die Vereinbarkeit von staatlichen Mindestpreisen für Lebensmittel mit dem Grundgesetz und der sozialen Marktwirtschaft.
Lösung: Vereinbarkeit mit der Sozialen Marktwirtschaft: - Grundprinzip ist der freie Preismechanismus zur optimalen Allokation von Ressourcen bei Konsumentensouveränität und Privateigentum. - Mindestpreise stellen einen marktinkonformen Eingriff (Punktstörung) dar, da sie die Signalfunktion der Preise ausschalten und Marktungleichgewichte hervorrufen. - Eingriffe sind in der Sozialen Marktwirtschaft jedoch legitimiert bei Marktversagen, ruinösem Wettbewerb und gravierenden Einkommensungleichgewichten durch Marktmachtkonzentration. Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz: - Sozialstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 1 GG): Ermächtigt und verpflichtet den Staat, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen und existenzbedrohende Notlagen bzw. strukturschwache Gruppen abzufedern. - Staatsziel Umweltschutz und Tierschutz (Art. 20a GG): Legitimation staatlicher Vorgaben für nachhaltiges Wirtschaften; dies verursacht Zusatzkosten für Landwirte, die über gerechte Erlöse abgefangen werden müssen. - Spannungsverhältnis zur Berufs- und Vertragsfreiheit (Art. 12, Art. 2 Abs. 1 GG) der Händler und Verbraucher. Fazit: Die Notwendigkeit staatlicher Flankierung ist verfassungsrechtlich und sozialstaatlich begründbar; die konkrete Maßnahme eines starren Mindestpreises ist jedoch ordnungspolitisch als marktinkonform hochgradig umstritten.
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