Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1, 3 und 4 · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften LK 2022

Thema: Konjunktur und wirtschaftspolitische Konzeptionen · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Thema und Aufgabenstellung: Strukturwandel, Sozialstaat

Beziehen Sie sich für die folgenden Aufgaben auf das bereitgestellte Material:

Material

Francois Villeroy de Galhau: Mit Schumpeter und Keynes Europas Wachstumslücke bekämpfen (2021)

Die europäischen politischen Verantwortlichen sehen sich mit einem schmerzhaften Paradoxon

konfrontiert: Im Laufe von 20 Jahren scheinen zwei Krisen, die auf anderen Kontinenten entstanden,

unserer Wirtschaft mehr Schaden zugefügt zu haben als der US- oder der asiatischen Wirtschaft. Die

Finanzkrise 2008 begann in den USA und die Pandemie 2020 in China. Doch Mitte der 2010er-Jahre

5 waren die USA schon auf den alten Wachstumspfad zurückgekehrt, während Europa deutlich

hinterherhinkte.

2020 sank die Wirtschaftsleistung in den USA um 3,5 Prozent, während die Produktion im Euro-Raum

um 6,6 Prozent zurückging. China erwies sich in beiden Krisen als äußerst widerstandsfähig und ist im

vergangenen Jahr trotz der Lockdowns sogar gewachsen. Was also bremst Europa? Um eine Analogie

10 aus der Physik zu verwenden: Leistung ist Gewicht mal Geschwindigkeit. Meiner Meinung nach hat

Europa mit seinem erfolgreichen Binnenmarkt und der gemeinsamen Währung Gewicht, aber es fehlt

die Geschwindigkeit.

Das Argument, die hohen Sozialausgaben in Europa lähmten die Wirtschaft, trägt nicht. Im Gegenteil:

Unser gemeinsames europäisches Sozialmodell, das Wachstum fördert und Ungleichheiten begrenzt,

15 ist ein Vorteil. Einige Volkswirtschaften Europas beweisen das eindrücklich. Sie haben hohe

Sozialausgaben, ein starkes Arbeitsrecht und gleichzeitig eine überdurchschnittliche

Wirtschaftsleistung. Nehmen Sie als Beispiel, neben Deutschland, viele nordische Volkswirtschaften,

wo die Arbeitslosigkeit niedrig und das Produktivitätswachstum hoch ist, obwohl die Sozialausgaben

über dem Durchschnitt liegen. [...]

20 Auf struktureller Ebene haben die Krisen der letzten zwölf Jahre gezeigt, dass neben der erfolgreichen

Währungsunion auch die Wirtschaftsunion vollendet werden muss. [...] wir sollten eine gemeinsame

Fiskalkapazität in Betracht ziehen, in begrenzteren Beträgen, aber mit der Möglichkeit, in einer Krise

wirklich antizyklisch zu handeln. [...]

Umgekehrt – und das ist kein Widerspruch – ist eine angemessene Haushaltsdisziplin der Schlüssel

25 zur Bewältigung wirtschaftlicher Rückschläge. Deutschland etwa hat das Dach repariert, als die Sonne

schien. Während der Pandemie nutzt es angemessen seinen finanziellen Spielraum. [...] Natürlich

brauchen wir immer noch Regeln; auch wenn sie überarbeitet würden. Ich bin für ein System, das auf

einem längerfristigen Schuldenpfad und einem einzigen operativen Ziel basiert: einer Obergrenze für

das Wachstum der öffentlichen Ausgaben. Wir sollten den langfristigen staatlichen Schuldenanker von

30 60 Prozent zwar grundsätzlich beibehalten, ihn aber länderspezifisch gestalten. Sich bei der

Staatsverschuldung, wie von einigen Experten vorgeschlagen, nur an der aktuellen Zinslast zu

orientieren, wäre allerdings zu kurzfristig gedacht.

Zinszahlungen könnten aber in das Nettoausgabenziel einbezogen werden, um den Regierungen mehr

fiskalischen Spielraum zu geben, solange die Zinsen niedrig bleiben. Würden die Zinssätze jedoch

35 steigen, müssten die Regierungen sich bei den Primärausgaben mehr anstrengen. Unterm Strich sollte

die langfristige Tragfähigkeit der Staatsverschuldung durch glaubwürdige, aber flexible

finanzpolitische Regeln sichergestellt werden.

Wenn also die Erklärung für Europas Rückstand weder sozial noch makroökonomisch ist, was könnte

es dann sein? Meiner Meinung nach liegt die Antwort in der Mikroökonomie. Die Wachstumslücke ist

40 in Wirklichkeit eine Innovationslücke. 2019 waren 38 der 100 innovativsten Unternehmen der Welt in

den USA ansässig, 21 in China und nur 15 in Europa. Eine solche Verteilung ist nicht naturgegeben.

[...]

Wir können dieses Defizit in erster Linie durch eine Verbesserung des Bildungs- und

Ausbildungsniveaus beheben. Obwohl wir einige der besten Bildungs- und Berufsbildungssysteme der

45 Welt haben, gibt es ein großes Humankapitalgefälle zwischen Nord und Süd. Südeuropäische Länder,

darunter in mancher Hinsicht Frankreich, haben einen größeren Anteil an gering qualifizierten

Arbeitskräften. Spanien und Italien haben im Verhältnis zur Bevölkerung doppelt so viele gering

qualifizierte Kräfte wie Schweden. Dies macht Investitionen in die Bildung zu einer hohen Priorität.

Um mit der amerikanischen oder chinesischen Wirtschaft und ihren Unternehmen konkurrieren zu

50 können, ist darüber hinaus Größe offensichtlich von entscheidender Bedeutung. Wir sind nicht so

schlecht bei Start-ups, aber die Zahl der Scale-up-Unternehmen in Europa muss drastisch erhöht

werden. Die Finanzierung eines solchen Wachstums ist sicher möglich, da unser Kontinent über den

größten Pool an privaten Ersparnissen der Welt verfügt.

Die Tatsache, dass die Investitionen in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen sind, ist

55 inakzeptabel und sollte mit dem Eintritt in eine echte Kapitalmarktunion angegangen werden. Wir

können auch den Binnenmarkt wiederbeleben, indem wir seine Kraft optimieren und seine

Komponenten viel besser kombinieren: den freien Warenverkehr, aber auch die Regelungsbefugnisse.

In der Industriepolitik sollten wir uns nicht scheuen, öffentlich-private Partnerschaften zu entwickeln,

wie im Fall von Künstlicher Intelligenz und Batterien.

60 Schließlich müssen wir in Europa nach Überwindung der Covid-Krise darauf achten, dass wir uns

nicht an die Vergangenheit klammern. Sozialer Schutz bedeutet, die Bürger zu schützen, nicht die

aussterbenden Industrien. Wir müssen Raum für kreative Zerstörung und Erneuerung lassen und

gleichzeitig die Schwächsten schützen. Kurz gesagt, wir müssen einen Weg finden, die Ideen von zwei

der bedeutendsten europäischen Ökonomen in Einklang zu bringen: Joseph Schumpeter und John

65 Maynard Keynes.

Francois Villeroy de Galhau: Mit Schumpeter und Keynes Europas Wachstumslücke bekämpfen, Handelsblatt online, 27.04.2021, URL: https://archiv.handelsblatt.com/document/HBON__HB%2027129910 (abgerufen am 25.08.2021).

Hinweise

Francois Villeroy de Galhau ist seit 2015 Gouverneur der französischen Nationalbank und Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank.

Bei einem Scale-up-Unternehmen handelt es sich um ein Start-up, welches die Anfangsphase verlassen hat. Es hat bewiesen, dass seine Produkte am Markt ankommen und agiert bereits nachhaltig wirtschaftlich.

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

(20 BE)

3

„Deutschland etwa hat das Dach repariert, als die Sonne schien.“ (Material)

Erklären Sie diese Aussage und die damit verbundene Politik.

(20 BE)

4

„Kurz gesagt, wir müssen einen Weg finden, die Ideen von zwei der bedeutendsten europäischen Ökonomen in Einklang zu bringen: Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes.“ (Material)

Diskutieren Sie ausgehend vom Material Chancen und Risiken einer solchen Wirtschaftspolitik.

(35 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1, 3 und 4 · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

Lösung: Einleitung mit formalen Basisdaten und strukturierte Zusammenfassung der Argumentationslinie des Autors.

3. „Deutschland etwa hat das Dach repariert, als die Sonne schien.“ (Material) Erklären Sie diese Aussage und die damit verbundene Politik.

Lösung: Erklärung der Metapher bezüglich der Haushaltskonsolidierung in wirtschaftlich guten Zeiten sowie Darstellung der Schuldenbremse und der Politik der „schwarzen Null“.

4. „Kurz gesagt, wir müssen einen Weg finden, die Ideen von zwei der bedeutendsten europäischen Ökonomen in Einklang zu bringen: Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes.“ (Material) Diskutieren Sie ausgehend vom Material Chancen und Risiken einer solchen Wirtschaftspolitik.

Lösung: Differenzierte Diskussion von Chancen und Risiken einer Verknüpfung von Schumpeterscher Innovationsdynamik und keynesianischer Nachfrage- und Stabilisierungspolitik mit begründeter Stellungnahme.

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