Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften LK 2022
Thema: Globalisierung und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Wettbewerbspolitik
Material
Nicole Bastian et al.: Die asiatische Herausforderung (2020)
Hartmut Schick freut sich auf die neue asiatische Freihandelszone RCEP. „Wir rechnen mit positiven Auswirkungen auf unsere Geschäfte und unsere Wettbewerbsfähigkeit“, sagt der CEO von Daimlers japanischer Tochter Mitsubishi Fuso Truck and Bus Corporation. Zum einen würden die existierenden grenzüberschreitenden Geschäfte in der Region, etwa dem wichtigen indonesischen Markt, einfacher. Außerdem hofft Schick, dass sich eine Belebung von Handel und Verkehr in den RCEP-Staaten positiv auf den Absatz des Nutzfahrzeugherstellers auswirken wird.
2,2 Milliarden Menschen, 30 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, die wirtschaftlich dynamischste Region der Welt – die Zahlen an sich sind schon beeindruckend. Doch es geht um mehr als Größe, es geht auch um Geopolitik. Denn China ist ohne Zweifel das Zentrum dieses neuen Wirtschaftsraums, und die USA und Europa stehen außen vor. Das ist einer der Gründe, warum manch europäischer oder amerikanischer Politiker, anders als Hartmut Schick, mit Skepsis auf RCEP schaut.
Selbst Kanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht von erhöhtem Wettbewerbsdruck aus Asien infolge des neuen Abkommens. Jetzt, so die Rufe aus den Wirtschaftsverbänden, müsse die EU aktiv werden – und mit den südostasiatischen Asean-Staaten, mit Indien und vor allem mit der neuen US-Regierung Abkommen schließen.
Dabei sind viele der 15 RCEP-Staaten schon bisher über andere Freihandelsabkommen miteinander verbunden, und viele Handelserleichterungen durch das acht Jahre lang verhandelte RCEP bleiben hinter diesen Abkommen zurück, erst recht hinter denen des Europäischen Binnenmarkts. Doch erstmals werden so die nordostasiatischen Wirtschaftsmächte China, Japan und Südkorea über ein Freihandelsabkommen verbunden. Zusammen machen die drei Länder mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der RCEP-Unterzeichner aus. Den größten Einfluss könnten die Herkunftslandregeln haben. Denn plötzlich benötigen die Unternehmen für Geschäfte in allen Teilnehmerstaaten nur noch ein Dokument anstatt viele.
Außerdem ist es von hoher Symbolkraft, dass ausgerechnet an China, das zahlreiche Konflikte mit seinen Nachbarn hat, in diesem neuen Wirtschaftsraum kein Weg vorbeiführt. Die Bedeutung des Abkommens liege darin, dass die asiatischen Länder die Möglichkeit eines verbesserten, wenn auch noch begrenzten Marktzugangs nach China nicht ablehnen könnten, sagt Alicia García-Herrero, Chefökonomin für die Region Asien-Pazifik bei der französischen Investmentbank Natixis. Und just diese Symbolik erzeugt in Europa Furcht, dass über RCEP und damit steigende chinesische Exporte in die Region chinesische Standards in Asien und vielleicht so auch weltweit gesetzt werden könnten.
Martin Schulz, Chefvolkswirt beim japanischen IT- und Technikkonzern Fujitsu, wiegelt allerdings ab: „RCEP spielt bei der Normensetzung keine große Rolle, da wäre TPP relevanter“, sagt er. Die stärkere Expansion von chinesischen IT- und Internetriesen nach Südostasien könne eher durch ihre schiere Größe faktisch neue Standards schaffen. Aber das sei unabhängig vom neuen Handelsbund.
Auch Dan Wang, Chefökonomin bei der Hang Seng Bank, glaubt nicht an die Gefahr der Standardsetzung: Die RCEP-Länder seien die größten Produzenten für weltweit hergestellte Waren, die in die USA und nach Europa gingen. „China kann nicht einen einzigen technologischen Standard in der Region durchsetzen, selbst wenn es dies wünscht“, so Wang. Andere Ökonomen führen an, dass Japan eine Standardsetzung durch China ebenfalls nicht akzeptieren werde. [...]
Klar ist allerdings: RCEP dürfte die Arbeitsteilung unter den asiatischen Ländern weiter fördern. „Man könnte befürchten, dass die Rhetorik um die Verkürzung von Wertschöpfungsketten, die es in den USA und der EU durchaus gibt, nun an Dynamik gewinnt, wenn Asien eine regionale Strategie verfolgt“, sagt OECD-Handelsexpertin Marion Jansen. Es müssten daher jetzt alle nachdenken, ob man wirklich drei Handelsblöcke dauerhaft etabliert sehen will.
Das Abkommen beschleunige auch die regionale Reorganisation von Lieferketten, meint Fujitsu-Chefvolkswirt Schulz. In der Textilindustrie etwa könnte es aus Sicht von Beobachtern zu einer deutlichen Verschiebung kommen. „Das untere Ende von Chinas Lieferkette hatte bereits vor dem Handelskrieg und weit vor Covid-19 begonnen, sich in andere Asean-Länder zu verlagern“, sagt Hang-Seng-Chefökonomin Wang. Durch RCEP werde sich dieser Trend beschleunigen, um von den niedrigeren Arbeitskosten oder dem günstigen Handelsumfeld anderer Länder mit dem Westen zu profitieren. „Dies wird China zwingen, sich auf die Entwicklung der mittleren bis gehobenen Produktion zu konzentrieren“, so Wang.
„Unternehmen, die mit dem Handelsabkommen arbeiten wollen, können künftig Vormaterialien zu den neu ausgehandelten Bedingungen aus der gesamten Teilnehmerregion beziehen“, sagt Robin Hoenig, Handelsexperte bei der Deutschen Auslandshandelskammer Singapur. Während Unternehmen mit internationalen Lieferketten gewinnen, dürften Hersteller von Lebensmitteln in Schwellenländern das Nachsehen haben, denn der Import von Agrar- und Lebensmitteln bleibt stark reguliert.
An der politischen Situation in der Region ändert das Abkommen zunächst wenig. Chinas Verhältnis zu seinen asiatischen Nachbarn bleibt geopolitisch höchst angespannt, die gesamte Region zerrissen. Doch trotz der Animositäten ist die stärkere wirtschaftliche Verbindung mit dem übrigen Asien für Chinas weitere Entwicklung wichtig. Zwar versucht Peking derzeit, den Binnenkonsum anzukurbeln. Aber noch ist das Land darauf angewiesen, seine Produkte ins Ausland zu verkaufen. Zudem hat der Druck der USA Chinas Regierung gezeigt, dass sie sich nicht mehr auf ihren bisherigen Hauptabnehmer verlassen kann und neue Absatzmärkte braucht.
Gleichzeitig geht es Peking darum, für die Infrastruktur- und Baukonzerne Projekte außerhalb des Landes zu erschließen, da im Land schon viele Autobahnen und Eisenbahnlinien gebaut wurden, erklärt Schulz. Das stärkere wirtschaftliche Engagement chinesischer Unternehmen werde den Einfluss des Landes erhöhen: „Aus kalter ökonomischer Sicht könnte das positiv wirken.“ So würden nun auch die chinesischen Unternehmen darauf drängen, dass nichttarifäre Handelshemmnisse besonders im Dienstleistungssektor zwischen den Asean-Staaten abgebaut werden, obwohl die in RCEP nicht behandelt werden.
Bis zu solchen Erleichterungen wird aber noch einige Zeit vergehen. Selbst nach Ratifizierung sind je nach Produkten und Ländern für die Absenkungen von Zöllen im RCEP zum Teil Übergangsfristen von mehreren Jahren, teilweise sogar 20 Jahren vorgesehen. Das gibt Europa und den USA Zeit, auf den Weckruf aus Asien zu reagieren. Und den Unternehmen ebenfalls.
Nicole Bastian et al.: Die asiatische Herausforderung, in: Handelsblatt vom 20.11.2020, S. 14 f.
Hinweise
RCEP: Regional Comprehensive Economic Partnership bezeichnet das größte Freihandelsabkommen der Welt mit 15 teilnehmenden indopazifischen Nationen wie China, Japan, Südkorea, Australien, Indonesien, Thailand etc.
TPP: Trans-Pacific-Partnership bezeichnet ein Handelsabkommen zwischen Pazifikanrainerstaaten wie Australien, Japan, Chile etc.
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(20 BE)

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