Aufgabe Vorschlag C - Globalisierung und außenwirtschaftl… · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften GK 2022

Thema: Globalisierung und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Stephan Kaufmann: Ohne Rücksicht auf Verlust (2021)

1 Die deutsche Wirtschaft leidet unter der Corona-Pandemie. Die ganze Wirtschaft? Nein, die Industrie

hält sich überraschend gut. Wesentliche Ursache hierfür ist der Export, vor allem das florierende

Geschäft mit China. Das Land ist derzeit der Star der Weltwirtschaft [...].

Ohne Rücksicht auf Verluste fördert Peking vor allem Staatsunternehmen und pumpt damit die

5 nationale Wirtschaftsleistung auf. Damit allerdings schafft China immer mehr

Produktionskapazitäten – und zunehmend auch -überkapazitäten, die für Unternehmen aus Europa und

den USA den Wettbewerb verschärfen. [...]

„China ist derzeit die Lokomotive der Weltwirtschaft“, meldet die Commerzbank. „Diese tolle

Performance hat es sich zum Teil mit neuen Schulden erkauft.“ Um fünf Billionen Dollar wuchs die

10 Kreditaufnahme in den vergangenen Monaten, errechnet das internationale Bankeninstitut IIF. Der

Zentralstaat habe zwar mit 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eine relativ geringe

Schuldenquote – die Industriestaaten kommen im Durchschnitt auf 130 Prozent.

Zählt man dazu aber die Außenstände der chinesischen Regionalregierungen, kommt das IIF auf über

90 Prozent. Ein großer Teil der Schulden liege auch bei staatlichen und quasistaatlichen Unternehmen.

15 Für Gesamtchina – Staat, Regionen und nichtfinanzielle Unternehmen – habe die Schuldenquote im

vergangenen Jahr daher einen Rekordwert von 335 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. [...]

Solange Pekings Kredit fließt, geht alles gut. Doch er hat einen Preis. Denn die staatlichen Milliarden

gehen vielfach an Unternehmen, die kaum oder keine Gewinne machen und nur schwach wachsen.

Das bekommt das Land zu spüren als sinkendes Wachstum der Produktivität. Das bedeutet, dass China

20 aus einem steigenden Einsatz von Arbeit und Kapital immer weniger Wachstum herauswirtschaftet.

Folge: Die Schulden wachsen viel schneller als die Wirtschaftsleistung.

Was die Regierung in Peking betreibt, ist also ein Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste. Ihre

kreditfinanzierten Investitionen „flossen in wenig produktive Projekte und zielten vielmehr auf eine

Ankurbelung der immer wieder schwächelnden Konjunktur ab“, erklärt die Commerzbank. Den

25 Ausschlag gab „häufig weniger die Notwendigkeit dieser Projekte als der Wille, mit Überkapazitäten

und Verlusten kämpfende Branchen wie Zement, Infrastruktur oder Metallverarbeitung zu stützen“.

Damit wurde der Abbau der Überkapazitäten gebremst, teilweise umgekehrt.

Peking zielt also auf eine unbedingte Steigerung des BIP und auf den Aufbau von Produktionsanlagen

und Infrastruktur – auch zum Zweck der Autarkie, um so vom Ausland unabhängig zu werden.

30 Instrument der Regierung sind dabei die staatseigenen Betriebe, die inzwischen fast ein Drittel der

chinesischen Wirtschaftsleistung erbringen. Während in der EU, den USA und Japan die Staaten sich

verschulden, ihre Zentralbanken die Schulden aufkaufen lassen und mit dem Geld Unternehmen und

Infrastruktur stützen, geht China etwas anders vor: Staatseigene Banken überschütten

Staatsunternehmen mit Geld. So werden laut Commerzbank „Ressourcen zu Staatsbetrieben

35 umgelenkt“. Auf sie entfallen nach Berechnung des IIF 85 Prozent aller Unternehmensschulden des

Landes.

Mit seiner Wachstumspolitik trägt Peking zum Anwachsen der globalen Verschuldung bei, die Ende

2020 mit 277 Billionen Dollar laut IIF 365 Prozent des weltweiten BIP erreicht hat und dieses Jahr um

weitere 85 Billionen steigen dürfte – schließlich legen parallel auch die USA und die EU immer neue

40 Wachstumsprogramme auf.

Der drastische Anstieg der globalen Schulden in den vergangenen Jahren hat laut IIF allerdings kaum

das Wachstum angeschoben. „Die Fähigkeit der Schulden, zusätzliche Wirtschaftsleistung zu

bewirken, schwindet dahin angesichts schwacher Investitionen, zombifizierter Unternehmen¹ und

magerer Produktivitätszuwächse.“

45 Das zeigt: [...] Es ist ein Kampf darum, welche Standorte Überkapazitäten abbauen, also Entwertung

ihres Kapitals erleiden müssen.

In diesem Kampf zielen die EU und die USA nun auf das Herz der chinesischen Wirtschaftslenkung:

auf die Subventionierung der staatseigenen Betriebe. Bereits 2019 berichtete die EU-Handelskammer,

70 Prozent ihrer Mitglieder klagten über Staatsunternehmen in China und deren Einfluss auf ihre

50 Geschäfte. Diese Firmen profitierten von exklusivem Zugang zu Märkten, oder ihre Marktdominanz

blockiere gleich ganz den Wettbewerb für ausländische Konkurrenz. [...]

Die US-Regierung fordert daher schon lange eine deutliche Einschränkung der Subventionierung von

Chinas Staatsunternehmen, wobei angesichts von deren geringer Wirtschaftlichkeit fraglich wäre, wie

sie anders überleben sollten. Die EU hat ihrerseits in ihrem Investitionsabkommen mit China von Ende

55 2020 die „State Owned Enterprises“ (SOE) zum „primären Ziel“ erklärt. Unter dem Titel

„Investitionen fairer machen“ soll das Abkommen dazu dienen, das „Verhalten“ der SOE zu

„disziplinieren“ und ihre Beschaffungspolitik nach „kommerziellen Gesichtspunkten“ – also nicht

nach politischen Vorgaben – auszurichten. Zudem soll Peking die EU besser über seine

Subventionspraxis unterrichten, sollte sie „eine negative Wirkung auf die Investitionsinteressen der

60 EU“ haben. [...]

Die USA und die EU gehen daher gegenüber China in die Offensive, wobei gleichzeitig klar ist, dass

ihre Industrie am anhaltenden Aufschwung Chinas hängt.

Stephan Kaufmann: Ohne Rücksicht auf Verlust, in: Frankfurter Rundschau, 13.02.2021, URL: https://epaper.fr.de/webreader-v3/index.html#/467826/14-15 (abgerufen am 25.02.2021).

Hinweis

SOE = Staatsunternehmen

¹ zombifizierte Unternehmen – durch staatliche Unterstützungen am Leben gehaltene Unternehmen

1

Fassen Sie den Text zusammen. (Material) [25 BE]

4

Nehmen Sie Stellung, inwieweit und ggf. mit welchen Mitteln der Staat die im Wettbewerb mit China stehenden deutschen Unternehmen unterstützen sollte. [25 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Globalisierung und außenwirtschaftl… · Abitur Hessen Wirtschaftswissenschaften GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie den Text zusammen. (Material)

Lösung: Einleitung (Autor Stephan Kaufmann, Titel „Ohne Rücksicht auf Verlust“, Frankfurter Rundschau vom 13.02.2021, Thema: Subventionierungspolitik Chinas und globale Auswirkungen auf Wettbewerb und Wachstum) sowie strukturierte Darstellung der Kernaussagen.

4 Nehmen Sie Stellung, inwieweit und ggf. mit welchen Mitteln der Staat die im Wettbewerb mit China stehenden deutschen Unternehmen unterstützen sollte.

Lösung: Differenzierte Stellungnahme unter Abwägung protektionistischer/staatlicher Maßnahmen (tarifäre/nichttarifäre Instrumente, Erziehungszölle, Prüfung chinesischer Direktinvestitionen) versus ordnungspolitische Prinzipien der Marktwirtschaft (Freihandelsprinzip der WTO, Verbot von Wettbewerbsverzerrungen, Genehmigungsvorbehalt der EU für Beihilfen, Spezialisierung nach komparativen Kostenvorteilen).

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