Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Psychologie GK 2022
Thema: Entwicklung: Begriff, Anlage und Umwelt, Erklärungsmodelle · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Grundbegriffe von Entwicklung und der Einfluss sozialer Gruppen
Aufgaben – 1 Grundbegriffe von Entwicklung
Material 1
Werner Stangl: Anlage und Umwelt in der kindlichen Entwicklung – Versuch über die Veränderung der psychologischen Perspektive (2021)
Bei der Beantwortung der Frage, worauf ein bestimmtes Verhalten oder Merkmal eines Kindes zurückgeführt werden kann, wird häufig die Erklärung „Das hat es von seinen Eltern“ bemüht, wobei damit zweierlei gemeint sein kann:
Das Merkmal wurde von den Eltern „geerbt“, ist also angeboren und in jenen Genen festgelegt, die das Kind bei der Verschmelzung von Ei und Samenzelle mitbekommen hat, wobei mit dieser Vorstellung mehr oder minder auch spätere Unveränderlichkeit und Unbeeinflussbarkeit durch äußere Einflüsse betont wird, oder das Kind hat dieses Verhalten von bzw. bei seinen Eltern gelernt, wobei implizit die Annahme zu Grunde liegt, dass zwar auch die Eltern in bestimmter Weise dafür verantwortlich sind, dass jedoch durch geeignete Einflüsse (Kindergarten, Schule, andere Personen, die physische und soziale Umwelt usw.) zumindest potenziell eine Veränderung möglich wäre, nicht zuletzt durch das Verhalten der Kinder selber.
Diese zwei Positionen haben lange Zeit auch die wissenschaftliche Diskussion und Forschung beschäftigt, gelten heute aber in dieser Form als überholt, wenngleich eine Auseinandersetzung mit diesen Erklärungsmustern eine notwendige Voraussetzung dafür bietet, neue Sichtweisen auf diese auch mit anderen Begriffspaaren gekennzeichnete Dichotomie von „Anlage - Umwelt“, […] „endogen – exogen“ oder „nature – nurture“ zu gewinnen.
[…] Menschen teilen ein Leben lang einen wesentlichen Anteil der Gene mit ihren Eltern, so dass Gene die Entwicklung der Persönlichkeit in bedeutsamer Weise beeinflussen, wobei es sich dabei eher um breite Verhaltenstendenzen handelt, die weitergegeben werden. Jedoch erklären Gene nur etwa vierzig bis fünfzig Prozent des Verhaltens, denn auch die Umwelt spielt bei der Entwicklung eine wichtige Rolle. Zum einen gibt es die geteilte Umwelt, die man etwa mit den Geschwistern gemeinsam hat, mit denen man in seiner Familie aufwächst, dazu zählen aber auch die Werte und der Erziehungsstil der Eltern oder die sozioökonomischen Faktoren wie Bildung und Geld. Dann gibt es die nicht-geteilte Umwelt, also Freunde, die man alleine hat, eine Lehrerin, die bestimmte Sichtweisen eröffnet hat, vielleicht einen Unfall, den man hatte und der ängstlich gemacht hat. Es gibt darüber hinaus auch das unterschiedliche Verhalten von Eltern, wenn etwa ein Kind bevorzugt wird oder eines weniger gefördert wird. Die Forschung zeigt, dass vor allem dieser zweite Umwelteinfluss wichtig ist für die Entwicklung der Persönlichkeit, aber auch die Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens macht.
Menschen werden dann in bestimmten Phasen ihrer Entwicklung den Eltern unähnlicher, etwa in Phasen der Abgrenzung oder der Rebellion wie in der Pubertät. Dann versuchen manche mehr oder weniger aktiv gegen die Ähnlichkeiten mit Mutter und Vater anzukämpfen, sich abzugrenzen von dem, was besonders nah ist. Später im Leben aber kommen mit zunehmendem Alter Phasen, in denen man Ähnlichkeiten zu den Eltern wieder zulässt, d.h., wenn der elterliche Einfluss und deren Anforderungen schwächer werden und die eigene Persönlichkeit mehr Raum bekommt. Vor allem wenn man selber Kinder bekommt, treten Ähnlichkeiten zu den Eltern wieder stärker hervor, indem man ähnliche Rollen wie diese einnimmt. Wer einmal die starke Erfahrung gemacht hat, dass er vom genetischen Vorbild erfolgreich abgewichen ist, traut sich häufig auch in anderen Bereichen zu, einen Schlussstrich zu ziehen und neue Verhaltensmuster zu entwickeln, diese dann zu erproben und dann zu verfestigen, sodass man später von einem internalisierten Verhalten sprechen kann.
Zeitzuleben Newsletter (2021), URL: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Anlage-Umwelt.shtml/ (abgerufen am 10.02.2021).
Material 2
Werner Stangl: Theoretisches Modell der Perspektive einer aktiven Auseinandersetzung des Kindes mit Anlage- und Umweltfaktoren (2021)
Zeitzuleben Newsletter (2021), URL: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Anlage-Umwelt.shtml/ (abgerufen am 10.02.2021).
1.1
Skizzieren Sie den Begriff „Entwicklung“. (3 BE)
Hinweis: Hier ist eine Definition gefordert.
1.2
Fassen Sie Material 1 zusammen. (10 BE)
1.3
Erklären Sie ausgehend von Material 1 die Anlage-Umwelt-Debatte sowie das Zusammenwirken beider Faktoren. (7 BE)
1.4
Begründen Sie einen der beiden Standpunkte (Anlage oder Umwelt). (14 BE)
1.5
Erläutern Sie die empirische Vorgehensweise zur Erforschung der Entwicklungsfaktoren Anlage und Umwelt. (11 BE)
1.6
Erläutern Sie anhand von Material 2 die dargestellte Entwicklungstheorie. (10 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1.1 Skizzieren Sie den Begriff „Entwicklung“. Hinweis: Hier ist eine Definition gefordert.
Lösung: Definition von Entwicklung als dynamischer Prozess und Ergebnis der Interaktion zwischen Individuum und Umwelt über die Lebensspanne auf Basis von Reifung und Lernen.
1.2 Fassen Sie Material 1 zusammen.
Lösung: Zusammenfassung des Artikels von Werner Stangl bezüglich Genetik und Umweltfaktoren, geteilter und nicht-geteilter Umwelt sowie altersabhängiger Ähnlichkeitsphasen zu den Eltern.
1.3 Erklären Sie ausgehend von Material 1 die Anlage-Umwelt-Debatte sowie das Zusammenwirken beider Faktoren.
Lösung: Gegenüberstellung der endogenistischen und exogenistischen Entwicklungstheorie sowie deren heutige Synthese im Zusammenwirken beider Faktoren.
1.4 Begründen Sie einen der beiden Standpunkte (Anlage oder Umwelt).
Lösung: Ausführliche Begründung entweder der Position „Anlage“ (endogenistisch) oder der Position „Umwelt“ (exogenistisch) anhand psychologischer Argumente und Theorien.
1.5 Erläutern Sie die empirische Vorgehensweise zur Erforschung der Entwicklungsfaktoren Anlage und Umwelt.
Lösung: Erläuterung von Zwillingsstudien (insbesondere eineiige vs. zweieiige Zwillinge) sowie der Methodik von Längsschnitt- und Querschnittstudien.
1.6 Erläutern Sie anhand von Material 2 die dargestellte Entwicklungstheorie.
Lösung: Erläuterung der interaktionistischen Entwicklungstheorie: Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt sowie die aktive Rolle des Individuums bei der Erkundung und Mitgestaltung seiner Umwelt.
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