Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Philosophie GK 2021

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Karl R. Popper: Die Konsequenzen des Irrationalismus (1945)

Die rationale und phantasievolle Analyse der Folgen einer ethischen Theorie zeigt eine gewisse

Analogie zu der Methode der Wissenschaft. Denn auch in der Wissenschaft nehmen wir eine abstrakte

Theorie nicht deshalb an, weil sie an und für sich überzeugend ist. Wir entschließen uns vielmehr, sie

anzunehmen oder abzulehnen, nachdem wir jene konkreten und praktischen Folgen untersucht haben,

5 die durch ein Experiment direkt geprüft werden können. Aber es besteht ein grundlegender

Unterschied. Im Fall einer wissenschaftlichen Theorie hängt unsere Entscheidung von den

Ergebnissen der Experimente ab. Wenn diese Experimente die Theorie bestätigen, so nehmen wir sie

an, bis wir eine bessere gefunden haben. Wenn die Experimente der Theorie widersprechen, dann

verwerfen wir sie. Aber im Fall einer ethischen Theorie können wir ihre Folgen nur mit unserem

10 Gewissen konfrontieren. Und während die Entscheidung der Experimente nicht von uns abhängt,

hängt die Entscheidung des Gewissens von uns selbst ab.

Ich hoffe, ich habe verständlich gemacht, in welchem Sinn eine Analyse von Konsequenzen unsere

Entscheidung zu beeinflussen vermag, ohne sie zu bestimmen. Und wenn ich nun die Konsequenzen

der beiden Alternativen darlege, zwischen denen wir uns entscheiden müssen, die Konsequenzen des

15 Rationalismus und des Irrationalismus, so muß ich den Leser warnen, daß ich parteiisch sein werde.

Bei der Darlegung der beiden Alternativen der moralischen Entscheidung, die vor uns liegt – sie ist in

vieler Hinsicht die grundlegendste Entscheidung auf ethischem Gebiet –, habe ich bisher versucht,

jede Parteinahme zu vermeiden, wenn ich meine Sympathien auch nicht verborgen habe. Aber jetzt

gehe ich daran, solche Überlegungen der Konsequenzen der beiden Alternativen darzustellen, die mir

20 am wichtigsten zu sein scheinen und die mich selbst bewogen haben, den Irrationalismus zu verwerfen

und den Glauben an die Vernunft anzunehmen.

Untersuchen wir zuerst die Konsequenzen des Irrationalismus. Der Irrationalist behauptet, daß

Gefühle und Leidenschaften, aber nicht die Vernunft, die wichtigsten Triebkräfte der menschlichen

Handlungen sind. Der Antwort des Rationalisten, daß wir dennoch mit aller Kraft versuchen sollten,

25 diese Situation zu verbessern, und daß wir versuchen sollten, dem Verstand eine möglichst große

Rolle zuzuteilen, wird der Irrationalist (wenn er sich zu einer Diskussion herabläßt) entgegenhalten,

daß eine solche Einstellung hoffnungslos unrealistisch ist. Denn sie berücksichtigt nicht die

Schwachheit der „menschlichen Natur“, die schwache intellektuelle Ausrüstung der meisten

Menschen und die Tatsache, daß die meisten Menschen ganz offenkundig von Gefühlen und

30 Leidenschaften abhängen.

Es ist meine feste Überzeugung, daß dieses irrationale Hervorheben von Gefühlen und Leidenschaften

schließlich zu etwas führen muß, das man nur als ein Verbrechen bezeichnen kann. Diese

Überzeugung läßt sich begründen durch den Hinweis, daß eine solche Einstellung (die bestenfalls

bedeutet, daß man angesichts der irrationalen Natur menschlicher Wesen resigniert, im schlechtesten

35 Fall aber, daß man die menschliche Vernunft verachtet) zu einem Appell an Gewalt und an gemeine

Kraftanwendung als den letzten Richter in jeder Auseinandersetzung führen muß. Denn die Tatsache,

daß ein Disput entstanden ist, bedeutet, daß positive Gefühle und Leidenschaften, wie die Verehrung,

die Liebe, die Ergebenheit einer gemeinsamen Sache gegenüber, die im Prinzip zu seiner

Überwindung beitragen könnten, sich unfähig gezeigt haben, das Problem zu lösen. Aber wenn das der

40 Fall ist – was bleibt da dem Irrationalisten anderes übrig, als an andere und weniger konstruktive

Gefühle und Leidenschaften zu appellieren; an die Furcht, den Haß, den Neid und schließlich an die

Gewalt? Diese Tendenz wird durch eine andere und vielleicht noch wichtigere Einstellung verstärkt,

die gleichfalls mit dem Irrationalismus verbunden ist, nämlich durch den Nachdruck, den er auf die

Ungleichheit der Menschen legt. […]

45 […] [I]ch lege Wert auf die Feststellung, daß die irrationale Einstellung es kaum vermeiden kann, in

eine Haltung verstrickt zu werden, die der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen

zuwiderläuft. Dies hängt damit zusammen, daß sie den Gefühlen und Leidenschaften eine so große

Rolle zuschreibt; denn wir können nicht jedem Menschen gegenüber dieselben Gefühle empfinden.

[…]

50 Es ist diese Einstellung – die Ablehnung der Idee der Gleichberechtigung im politischen Leben, das

heißt im Gebiet jener Probleme, die die Gewalt von Menschen über andere Menschen betreffen –, die

ich verbrecherisch nenne. Denn eine solche Einstellung liefert eine Rechtfertigung für die Haltung,

daß Menschen verschiedener Kategorie verschiedene Rechte besitzen; daß der Herr das Recht hat, den

Sklaven in Ketten zu legen; daß einige Menschen das Recht haben, andere als ihr Werkzeug zu

55 verwenden. […]

Ich übersehe nicht, daß es Irrationalisten gibt, die die Menschheit lieben, und daß der Irrationalismus

nicht in allen seinen Formen eine verbrecherische Einstellung erzeugt. Aber ich behaupte, daß die

Lehre, daß nicht die Vernunft, sondern die Liebe herrschen solle, denen Tür und Tor öffnet, die durch

Haß regieren.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 2: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. Tübingen, 8. Aufl. 2003 (Originalausgabe London 1945), S. 273ff.

Aufgaben

1

Geben Sie den vorliegenden Text in eigenen Worten wieder. (Material) (30 BE)

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Geben Sie den vorliegenden Text in eigenen Worten wieder. (Material)

Lösung: Einleitung mit Basissätzen und strukturierte Textwiedergabe: Popper vergleicht die Prüfung ethischer Theorien mit der wissenschaftlichen Methode (Folgenprüfung), betont jedoch den Unterschied der subjektiven Gewissensentscheidung. Anschließend stellt er die Konsequenzen von Rationalismus und Irrationalismus dar und begründet seine Parteinahme für den Rationalismus: Der Irrationalismus privilegiere Gefühle und Leidenschaften über die Vernunft, resigniere vor Auseinandersetzungen, appelliere bei Scheitern positiver Gefühle letztlich an Furcht, Neid, Hass und Gewalt und untergrabe die Gleichberechtigung der Menschen, was zu Unterdrückung führe.

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