Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Philosophie GK 2021

Thema: Die Frage nach dem Ich: Freud, La Mettrie und das Bewusstsein · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens (2018)

Der Mensch ist ein wesentlich geschichtliches Lebewesen. Als das Tier, das keines sein will, erfindet

der Mensch Geschichten davon, wie die Episoden, die er erlebt, zusammenhängen. Diese Geschichten

haben über Tausende von Generationen des Erzählens zu den hochkulturellen Blüten geführt, die uns

ab dem Zeitpunkt der Erfindung der Schrift aus der tiefen Vergangenheit des Menschen

5 entgegentreten. […]

Was die großen Epen dokumentieren, ist die menschliche Art und Weise, sich ein Bild davon zu

machen, wer oder was wir eigentlich sind. Der Mensch tritt uns hier als ein Wesen entgegen, das in

dichte Netze des Erzählens verwoben ist, die dazu dienen, Mensch und Nichtmensch zu unterscheiden.

Der Mensch wird dadurch zu sich selber, dass er Geschichten darüber erzählt, warum er nicht nur ein

10 Tier, kein Stein, und kein Gott ist. Er wird zu einem Geschichtenerzähler.

Wir können unseren Geschichten niemals ganz entkommen. Dennoch haben wir es in der Moderne

geschafft, uns dem Unendlichen zu nähern, das durch keine Geschichte, sondern durch

wissenschaftliche Theoriekonstruktionen erfasst werden kann. Dieser Vorgang beginnt selber im

Zeitalter der großen Mythen, in Griechenland, durch die Unterscheidung von Mythos und Logos, von

15 Geschichte und reinem Denken.

Indem der Mensch diese Unterscheidung zieht, erfindet er eine neue Form der Intelligenz, die es

vorher nicht gab. Durch Erziehung und Unterricht programmieren wir unsere Nachfahren und

übermitteln ihnen diejenigen Algorithmen, die wir erfunden haben, um unsere Mustererkennung zu

optimieren. Die Mathematik, die man heute in der Schule lernt, ist weit über alles hinaus, was unsere

20 intelligentesten Vorfahren wissen konnten, weil wir unsere künstliche erworbene Intelligenz durch

Bildungssysteme tradieren.

Der wissenschaftliche Fortschritt der Menschheit beruht darauf, dass wir selber eine künstliche

Intelligenz haben. Unsere Intelligenz ist nämlich zu großen Teilen ein Artefakt 1 unserer kulturellen,

das heißt sozialen Umgebung. Natürlich gibt es biologische Voraussetzungen unseres jeweiligen

25 Zugangs zur künstlichen Intelligenz des Menschen. Aber das heißt nicht, dass Intelligenz angeboren

ist. Angeboren sind biologische Voraussetzungen, die es erleichtern oder erschweren können, die

logischen Strukturen zu erfassen, die einem menschlichen Denk- und Erzählbereich zugrunde liegen.

[…]

Die von uns Menschen auf nicht biologischer Grundlage installierten Programme sind Modelle des

30 Verhältnisses von biologischer und künstlicher Intelligenz des Menschen. Sie simulieren diese. Wir

sollten deswegen hierbei nicht mehr von künstlicher Intelligenz sprechen, sondern von künstlicher

künstlicher Intelligenz. Dasjenige, was heute K.I. heißt, ist demnach in Wirklichkeit eine K.I. zweiter

Stufe. Nennen wir dies die K.K.I.-These. Eine K.K.I. ist demnach ein Denkmodell und keine

Denkkopie. Wir haben diese Modelle entwickelt. Sie sind Artefakte des Menschen, dessen eigene

35 Intelligenz ein Artefakt ist.

Der Mensch hat zwei Komponenten, die sich allerdings gegenseitig beeinflussen und deswegen nicht

etwa, wie der Dualismus meint, auf zwei abgetrennte Wirklichkeitsbereiche verteilt werden können.

Die eine Komponente können wir das Menschentier nennen. Das Menschentier ist eine biologische

Art, die durch die Evolution entstanden ist. Es hat sich seit Langem nicht verändert. Wir sind immer

40 noch dieselbe Art wie viele unserer Vorfahren. Wenn wir die Barden, die vor Jahrtausenden die

Vorformen der erst später verschriftlichten Epen gesungen haben, mit einer Zeitmaschine ins heutige

Tokio versetzen könnten, könnten wir diesen beibringen, wie man die U-Bahn nimmt. Sie wären nicht

biologisch von uns verschieden. […]

Die zweite Komponente des Menschen ist das Bild, das er sich jeweils davon macht, wer oder was er

45 ist, und woraus jeder Mensch Anweisungen darüber ableitet, wer oder was er sein soll. Das soll hier

als das Menschenbild bezeichnet werden. Menschen sind Tiere, die keine sein wollen, weil es nicht

möglich ist, dass wir uns mit dem Menschentier identifizieren. Wir sind als Menschen nicht nur eine

Spezies, die sich im Laufe der Evolution auf einem ihrer Zweige ausdifferenziert hat. Denn wir

kommen nicht umhin, uns mit unserem Denksinn zu befassen, der sich nicht vollständig evolutionär

50 beschreiben lässt, da er ein historisches, soziokulturelles Artefakt ist. […] Die Veränderungen im

Menschenbild unterstehen nicht den Prinzipien der langsamen, biologischen Auslese, sie unterliegen

nicht dem Prinzip, dass Lebewesen auf ihre Selbsterhaltung zugeschnitten sind, was man daran sieht,

dass (leider) die meisten Menschenbilder zur Selbstzerstörung des Menschen führen.

Die derzeitige Entwicklung der K.K.I. ist hierbei keine Ausnahme von dieser Regel.

1 Artefakt, hier: „künstliches Erzeugnis“

Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens, Berlin 1. Aufl. 2018, S. 310ff.

Hinweis

Markus Gabriel (*1980) ist Professor für Philosophie an der Universität Bonn.

2

Stellen Sie die Ausführungen Gabriels (Material) dem Menschenbild La Mettries gegenüber. (40 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Philosophie GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Stellen Sie die Ausführungen Gabriels (Material) dem Menschenbild La Mettries gegenüber.

Lösung: Vergleichende Gegenüberstellung von La Mettries materialistischem Menschenbild („L'Homme Machine“) und Gabriels Position.

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