Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1 und 2.1: Expressionismus · Abitur Hessen Musik GK 2022

Thema: Der Weg in die Moderne: Impressionismus und Expressionismus · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material 1: Anton Webern: Bagatelle I aus „Sechs Bagatellen für Streichquartett“ op. 9 (1919)

Erläuterungen zum Notenbeispiel:

Bagatelle: · in der Musik kleines Werk der Instrumentalmusik

mit Dämpfer (mit Dpfr): · reduziert bei Streichinstrumenten die Obertöne, der Klang wird leiser und weicher

am Steg: · der Ton klingt rauchig

Tremolo: · schneller Wechsel zwischen zwei Tönen (T. 5)

schnelle Wiederholung des Zweiklangs (T. 8)

pizz.: · pizzicato = gezupft

arco: · mit dem Bogen gestrichen

kleiner Kreis über normalem Notenkopf (z.B. Vc T. 1), kleinem, leerem Notenkopf (z.B. Vl 1, T. 4) oder rautenförmigem Notenkopf (z.B. Vc T. 5): Flageolett, eine besondere Spielweise, bei der ein leiser, hoher, flötenähnlicher (Ober-)Ton erklingt

rit.: · ritardando = Tempo verlangsamen

accel.: · accelerando = Tempo beschleunigen

d-Saite: · der Ton soll ausdrücklich auf der d-Saite (nicht auf einer anderen) gespielt werden, dies hat Auswirkungen auf den Klang

· Bratschen-Schlüssel (c¹ liegt auf der dritten Linie)

· Tenor-Schlüssel (c¹ liegt auf der vierten Linie)

Material 2

1

Nennen Sie typische stilistische Merkmale des musikalischen Expressionismus, ausgehend von musikalischen Parametern und bezogen auf die Form. [20 BE]

2.1

Arbeiten Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus Aufgabe 1 expressionistische Gestaltungsmerkmale in Anton Weberns Bagatelle I für Streichquartett heraus. Beschreiben Sie dabei auch die Wirkung des Stücks. (Material 1, Hörbeispiel: 0'34'') [35 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1 und 2.1: Expressionismus · Abitur Hessen Musik GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Nennen Sie typische stilistische Merkmale des musikalischen Expressionismus, ausgehend von musikalischen Parametern und bezogen auf die Form.

Lösung: Nennung typischer Merkmale des musikalischen Expressionismus: - Harmonik/Tonalität: Emanzipation der Dissonanz, Aufhebung der Dur/Moll-Tonalität (freie Tonalität, Polytonalität), Überwindung traditioneller Tonleitersysteme. - Melodik: Zersplitterung des Materials in Melodiefragmente/isolierte Einzelmotive bis hin zu singulären Klangereignissen; extremer Ambitus bzw. extreme Lagen. - Rhythmik/Metrik: komplizierte Rhythmik, Taktwechsel, metrische Gliederung oft nicht mehr fassbar; starke rhythmische Prägung. - Dynamik: stark gegensätzliche, übersteigerte Dynamik auf engstem Raum. - Artikulation/Klangfarbe: äußerste Differenzierung der Spielanweisungen und Artikulation, neue Spieltechniken und Ausdrucksformen, harte Kontraste (Akzente), expressive bzw. schrille Klangfarben. - Form: oft aphoristische Kürze, Auflösung herkömmlicher Formmodelle zugunsten neuer Prinzipien (oder Beibehaltung traditioneller Großformen als ordnendes Element).

2.1 Arbeiten Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus Aufgabe 1 expressionistische Gestaltungsmerkmale in Anton Weberns Bagatelle I für Streichquartett heraus. Beschreiben Sie dabei auch die Wirkung des Stücks. (Material 1, Hörbeispiel: 0'34'')

Lösung: Nachweis der Gestaltungsmerkmale in Weberns Bagatelle I: - Form: Umfang nur 10 Takte, Dauer lediglich 34 Sekunden, kein übergeordnetes Formmodell erkennbar, jedoch teils Einschnitte (z. B. T. 4/5). - Melodik: keine melodischen Zusammenhänge im traditionellen Sinne, sondern kurze Fragmente bzw. Einzelmotive. - Harmonik/Tonalität: freie Tonalität mit zahlreichen unterschiedlichen Vorzeichen (in den ersten drei Takten erklingen bereits alle Töne der chromatischen Tonleiter). Nahezu ausschließlich Dissonanzen ohne Auflösung (z. B. Sekundreibung in T. 2 zwischen 2. Geige as und Bratsche a-h; Clusterbildung in T. 4,3 durch Vc a/f, Va c-b, Vl 2 gis/e). - Metrik/Rhythmik: Taktwechsel (3/4-Takt, ab T. 5 dann 2/4-Takt, nach zwei Takten wieder 3/4-Takt), Überbindungen über Taktgrenzen (z. B. 1. Violine T. 1/2, Vc T. 3/4), Pausen auf Taktschwerpunkten (T. 1, T. 4). - Tempo: differenzierte Tempoangaben (mäßig Viertel ca. 60, T. 4 rit., T. 5 in tempo, T. 6 accel., T. 7 heftig Viertel ca. 96, rit.). - Dynamik: extreme dynamische Gegensätze auf engstem Raum (z. B. T. 5–7 von pp bis ff und decrescendo, ppp in T. 10, sff in T. 8). - Klangfarbe/Artikulation: Dämpfer, am Steg, Flageolett, Wechsel pizzicato/arco (z. B. Vc T. 6/7), extreme Lagen (1. Violine a³), Saitenvorschriften (d-Saite), Schlüsselwechsel. Wirkung des Stücks: Wirkt wie ein zufällig improvisiertes, flüchtiges Fragment; das überwiegend ruhige Grundtempo und die plötzlichen dynamischen Eruptionen sowie extremen Lagen erzeugen eine schwer fassbare, subtile Unruhe und innere Spannung.

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