Aufgabe Vorschlag B - II.1 · Abitur Hessen Latein GK 2022
Thema: Inhalt und Gedankengang mit lateinischen Textbelegen · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Vorbemerkung
In der Erzählung des Vergil gelangt Aeneas auf seinen Irrfahrten nach dem Trojanischen Krieg an den Hof der Königin Dido in Karthago. Die beiden werden ein Liebespaar und schlafen miteinander. Damit gehen sie faktisch den Bund der Ehe ein, wodurch Aeneas zum König Karthagos aufsteigt. Doch Merkur erinnert Aeneas an den Auftrag Jupiters, in Italien eine neue Heimat für die Trojaner zu finden. Pflichtbewusst verlässt Aeneas Dido, welche sich daraufhin das Leben nimmt.
Ovid greift diese Erzählung auf, indem er einen fiktiven Brief der verzweifelten Dido verfasst, die angesichts des drohenden Verrats und des treulosen Ehebruchs folgende Worte an Aeneas richtet:
Certus es ire tamen miseramque relinquere Didon?
2 Atque idem venti vela fidemque ferent?
Certus es, Aenea, cum foedere solvere naves
4 quaeque ubi sint nescis, Itala regna sequi?
Nec nova Carthago nec te crescentia tangunt
6 moenia nec sceptro tradita summa tuo?
Facta fugis, facienda petis; quaerenda per orbem
8 altera, quaesita est altera terra tibi.
Ut terram invenias, quis eam tibi tradet habendam?
10 Quis sua non notis arva tenenda dabit?
Scilicet alter amor tibi restat et altera Dido
12 quamque iterum fallas, altera danda fides.
Quando erit, ut condas instar Carthaginis urbem
14 et videas populos altus ab arce tuos?
Omnia ut eveniant nec te tua vota morentur,
16 unde tibi, quae te sic amet, uxor erit?
Uror ut inducto ceratae sulpure taedae,
18 ut pia fumosis addita tura focis.
Aeneas oculis semper vigilantis inhaeret;
20 Aenean animo noxque quiesque refert.
Übersetzungshilfen
V. 1 · certus (+ Inf.): entschlossen (etw. zu tun)
Didon: Akk. zu Dido ( Dido spricht von sich selbst in der 3. Person)
V. 2 · idem = iidem
velum, -i, n.: hier Schiff
ferre, fero: hier wegtragen, davontragen
V. 3 · certus (+ Inf.): entschlossen (etw. zu tun)
Aenea: Vokativ zu Aeneas
cum foedere naves solvere: zusammen mit dem Bund die Schiffe lösen
V. 4 · quaeque [...] sequi: Ordnen Sie et sequi Itala regna, quae nescis, ubi sint.
quae nescis: Übersetzen Sie von denen du nicht weißt.
sequi: hier aufsuchen
V. 5 · Dido soll Karthago gegründet haben, das noch im Bau ist.
V. 6 · sceptro tradita summa tuo: der deiner Herrschaft übertragene Oberbefehl
summa, -ae, f.: Oberbefehl
V. 7 · fugere: hier fluchtartig verlassen
V. 7 f. · quaerere: hier erwerben. Ergänzen Sie est zu quaerenda und verbinden Sie mit altera (terra).
V. 8 · tibi: hier von dir
V. 9 · ut (+ Konj.): hier auch wenn
habendum, -am tradere (+ Akk.): (etw.) als Besitz überlassen
V. 10 · non notis = ignotis. Ergänzen Sie hominibus.
arvum, -i, n.: Ackerland, Feld
tenenda: hier zum Besitzen, als Besitz
V. 11 f. · alter [...] altera [...] altera: Übersetzen Sie jeweils mit ein(e) andere(r).
restare: bleiben, bevorstehen
V. 12 · quamque [...] fides: Ordnen Sie et altera fides danda (est), quam iterum fallas.
fides, fidei, f.: hier Versprechen, Treueschwur
V. 13 · instar (+ Gen.): nach Art von, gleichwie, so bedeutend wie
V. 15 · ut (+ Konj.): hier auch wenn
morari, moror: aufhalten
V. 17 · uror: ich verzehre mich
ut: hier wie
inducto [...] sulpure: Übersetzen Sie mit Schwefel überzogen/versehen. Beziehen Sie auf taedae ceratae.
taeda cerata, taedae ceratae, f.: Fackel aus Wachs
V. 18 · ut: hier wie
tus, turis, n.: Weihrauch(korn)
V. 19 · oculis vigilantis inhaerere: der Wachliegenden vor Augen stehen
V. 20 · Aenean referre, refero: die Gedanken an Aeneas zurückbringen
Material 2
Certus es ire tamen miseramque relinquere Didon?
Atque idem venti vela fidemque ferent?
Arbeitsübersetzung
Bist du dennoch entschlossen zu gehen und die unglückliche Dido zu verlassen?
Und werden dieselben Winde Schiff und Treue hinwegtragen?
Bist du entschlossen, Aeneas, mit unserem Bund die Schiffe zu lösen
und Italische Reiche aufzusuchen, von denen du nicht weißt, wo sie liegen?
Berühren dich weder das neue Karthago noch die wachsenden Mauern
noch der deiner Herrschaft übertragene Oberbefehl?
Das Fertige verlässt du, zu Fertigendes suchst du; erwerben musst du auf dem Erdkreis
ein anderes Land, das eine ist von dir schon erworben worden.
Selbst wenn du ein Land findest, wer wird es dir als Besitz überlassen?
Wer wird Unbekannten seine Felder zum Eigentum geben?
Freilich steht dir eine andere Liebe bevor und eine andere Dido,
und ein anderes Treueversprechen musst du geben, das du wiederum brichst.
Wann wird es (soweit) sein, dass du eine Stadt so bedeutend wie Karthago gründest
und hoch oben von der Burg (auf) deine Völker siehst?
Selbst wenn alles geschieht und dich deine Gelübde nicht aufhalten,
woher wird dir eine Ehefrau kommen, die dich so liebt?
Ich brenne wie mit Schwefel überzogene Fackeln aus Wachs,
wie fromme Weihrauchkörner, die man rauchenden Feuern beigegeben hat.
Aeneas steht immer vor meinen Augen, wenn ich wach bin;
die Nacht und die Ruhe bringen mir die Gedanken an Aeneas ins Herz zurück.
II Interpretation
1
Nennen Sie unter Verwendung lateinischer Textbelege Didos Argumente, mit denen sie im vorliegenden Ausschnitt Aeneas von seinem Vorhaben abbringen will. (Material 1) [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Nennen Sie unter Verwendung lateinischer Textbelege Didos Argumente, mit denen sie im vorliegenden Ausschnitt Aeneas von seinem Vorhaben abbringen will. (Material 1)
Lösung: Dido wirft Aeneas zunächst Treuebruch vor (V. 2f.), nicht ohne ihr eigenes Leid anzudeuten (*miseram Didon*). Sie zeigt sich verwundert, dass er ohne genaues Ziel nach einem neuen Reich strebe (V. 4) und alles, was sie ihm biete, ausschlage (V. 5f.). Sie kritisiert, dass er sich nicht mit dem Erreichten zufriedengebe, sondern von einem neuen Land Besitz ergreifen müsse (V. 7f.). Zudem stellt sie infrage, dass ihm als Unbekanntem ein Gebiet überlassen werde (V. 9f.). Im Anschluss argumentiert sie, Aeneas müsse sich eine neue Geliebte, die ihr gleichkomme, suchen, die er vermutlich ebenfalls enttäuschen werde (V. 11f.). Sie verweist auf die Ungewissheit, ob er jemals eine Stadt vom Rang Karthagos gründen werde (V. 13f.), um danach erneut daran zu erinnern, wie schwer es werden dürfte, eine ihr ebenbürtige Gattin zu finden (V. 15f.). In den abschließenden Versen (V. 17ff.) betont Dido ihre inneren Qualen durch einen Vergleich mit brennenden Fackeln und Weihrauch und beteuert, dass sie nicht mehr schlafen könne und ständig nur an Aeneas denke.
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