Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2021

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger (2001)

Der Roman „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel erzählt die atemberaubende Geschichte des Schiffbrüchigen Piscine Patel. Noch bevor der gläubige Hindu zu seiner lebensverändernden Schiffsreise aufbricht, trifft er im indischen Munnar auf den katholischen Pater Martin, der ihm Jesus Christus näherbringt:

Katholiken gelten als streng, sie urteilen unerbittlich. Aber was ich bei Pater Martin kennen lernte, war

ganz anders. Er war die Freundlichkeit in Person. Er bot mir Tee und Kekse an, in einem Teegeschirr,

das bei jeder Berührung klapperte; er behandelte mich wie einen Erwachsenen, und er erzählte mir

eine Geschichte.

5 Und was für eine. Das Erste, was mich fesselte, war, dass sie so unglaublich war. Was? Die Menschen

sündigen, und Gottes Sohn zahlt die Zeche dafür? [...]

Was für eine verrückte Geschichte. Was für eine verquere Psychologie.

Ich bat ihn, mir noch eine andere zu erzählen, eine, die ein wenig einleuchtender war. Mit Sicherheit

gab es da doch noch mehr – jede Religion hat massenhaft Geschichten. Aber Pater Martin erklärte mir,

10 dass die Geschichten, die vorher kämen – und davon gebe es tatsächlich noch viele –, für die Christen

nur Vorgeschichte seien. Im Grunde gebe es in ihrer Religion nur diese eine, und die reiche ihnen für

alle Zeit.

An jenem Abend im Hotel war ich sehr still.

Dass ein Gott sich Anfeindungen gefallen ließ, konnte ich verstehen. Auch die Hindugötter haben mit

15 Dieben, Aufsässigen, Erpressern und Thronräubern zu tun. Was ist denn das Ramayana 1 anderes als

der Bericht über einen einzigen grässlichen Tag im Leben Ramas 2 ? Anfeindungen, gewiss. Pech,

sicher. Verrat, jederzeit. Aber Erniedrigung? Tod? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Krishna 3

zugelassen hätte, dass man ihn nackt auszog, ihn geißelte, verspottete, durch die Straßen zerrte und

zum Schluss auch noch kreuzigte – und wohlgemerkt Menschen, nichts weiter. Nie hatte ich gehört,

20 dass ein Hindugott gestorben wäre. Das offenbarte Brahman 4 starb nicht. Teufel und Ungeheuer, die

schon, genau wie wir Menschen, zu Tausenden und Millionen sogar – dazu waren sie schließlich da.

Auch die Materie war vergänglich. Aber das Göttliche sollte vom Makel des Todes frei sein. Alles

andere war unmöglich. Die Weltseele kann nicht sterben, nicht einmal ein einzelner Teil von ihr. Das

war nicht richtig von diesem christlichen Gott gewesen, dass Er Seinen Avatar 5 sterben ließ. Und der

25 Tod des Gottessohns muss ja wohl echt gewesen sein. Wenn uns Gott am Kreuz das Leiden nur

vorspielt, dann wird aus der Passion Christi eine Christusfarce. Der Sohn muss wirklich gestorben

sein. Und Pater Martin versicherte mir, so sei es gewesen. Aber wenn ein Gott einmal tot war, dann

haftet der Tod an ihm, selbst wenn er aufersteht. Der Sohn wird den Geschmack des Todes nicht mehr

los. Die ganze Dreieinigkeit – man konnte sich vorstellen, wie grässlich es roch zur Rechten Gottes.

30 Nicht nur in der Phantasie. Warum tat Gott Sich so etwas an? Warum überließ Er den Tod nicht den

Sterblichen? Warum machte Er das Schöne schmutzig, die Vollkommenheit unvollkommen?

Aus Liebe. Das war Pater Martins Antwort.

Und was sollte man von dem Sohn halten? Es gibt die Erzählung von dem kleinen Krishna, den seine

Freunde zu Unrecht anschuldigen, er habe Schmutz gegessen. Seine Pflegemutter Yashoda stellt sich

35 vor ihn hin und droht mit dem Finger. „Du sollst keinen Schmutz essen, du böser Junge!“, tadelt sie

ihn. „Aber das habe ich nicht“, antwortet der Herrscher des Himmels und der Erde, der sich zum Spaß

als armseliges Menschenkind verkleidet hat. „So, so! Dann mach den Mund auf“, kommandiert

Yashoda. Krishna tut wie ihm geheißen. Er öffnet den Mund. Yashoda bleibt die Luft weg. In

Krishnas Mundhöhle sieht sie die gesamte unendliche Weite des Universums, alle Sterne und Planeten

40 des Weltalls und den Raum zwischen ihnen, alle Länder und Meere der Erde und das Leben, das dort

herrscht; sie sieht alle Tage der Vergangenheit und alle Tage der Zukunft, alle Gedanken und alle

Gefühle, alles Mitleid und alle Hoffnung [...] „Du kannst den Mund wieder schließen, Herr“, sagt sie

ehrfürchtig. [...]

So soll ein Gott sein. Er soll Macht haben, er soll etwas vorstellen. Er soll die Bedrohten beschützen

45 können und dem Bösen die Stirn bieten.

Dieser Sohn hingegen, der Hunger und Durst leidet, der müde und traurig wird, der kleinlaut ist, sich

hänseln und herumschubsen lässt, der sich mit Anhängern umgibt, die von nichts eine Ahnung haben,

unter Gegnern, die keine Achtung vor Ihm kennen – was ist denn das für ein Gott? Das ist ein Gott,

der zu menschlich geworden ist. Sicher, es gibt Wunder, meist im medizinischen Bereich, ein paar für

50 das hungernde Volk; wenn es hochkommt, beschwichtigt Er einen Sturm oder geht ein paar Schritte

übers Wasser. Das ist Magie in jämmerlichem Maßstab, kaum besser als ein Kartentrick. Jeder

Hindugott kann das hundertmal besser. Dieser Sohn, der ein Gott ist, hat die meiste Zeit Seine

Gleichnisse erzählt. Er redet. Und er geht zu Fuß. Dieser Sohn, der ein Gott ist, ist ein Fußgängergott,

und das in einem heißen Land – Er geht wie ein gewöhnlicher Mensch, so weit die Sandalen ihn

55 tragen, und wenn er sich einmal ein Transportmittel gönnte, dann war es ein einfacher Esel. Dieser

Sohn ist ein Gott, der drei Stunden lang starb, der stöhnte, seufzte, klagte. Und das soll ein Gott sein?

Was hat er denn, woran man sich ein Beispiel nehmen kann?

Liebe, sagte Pater Martin. [...]

Da bleibe ich doch lieber bei meinem Krishna, danke schön. Krishna, das ist der Inbegriff eines Gottes

60 für mich. Deinen zerlumpten und geschwätzigen Sohn kannst du behalten.

So bin ich diesem aufrührerischen Rabbi aus längst vergangenen Zeiten zum ersten Mal begegnet: mit

Unverstand und Wut.

Drei Tage hintereinander kam ich zu Pater Martin zum Tee. Jedes Mal stellte ich zum Rasseln von

Tasse und Teller, zum Klimpern des Löffels meine Fragen.

65 Die Antwort war immer dieselbe.

Er machte mir zu schaffen, dieser Sohn. Von Tag zu Tag fand ich Ihn empörender, entdeckte ständig

neue Schwächen an Ihm. [...]

Er beschäftigte mich. Tut es bis heute. Drei Tage lang habe ich nur an Ihn gedacht. Und je mehr ich

über Ihn erfuhr, desto sicherer war ich, dass ich bei Ihm bleiben wollte.

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger, Frankfurt am Main 5. Aufl. 2004, S. 75–79.

1 Ramayana: indische Kunstdichtung

2 Rama: Inkarnation/siebter Avatar des hinduistischen Gottes Vishnu

3 Krishna: Inkarnation/achter Avatar des hinduistischen Gottes Vishnu

4 Brahman: der ewige Urgrund von allem, was ist (Weltseele)

5 Avatar: aus dem Altindischen ( avatāra ‚Herabkunft‘), steht für die körperliche Manifestation/Inkarnation eines Gottes im Hinduismus

Hinweise

Yann Martel (geb. 1963): kanadischer Schriftsteller

Die formale Gestaltung entspricht der Textvorlage.

Aufgaben

1.1

Skizzieren Sie die Vorstellung, die Piscine, der vom Hinduismus geprägte Protagonist des Romans „Schiffbruch mit Tiger“, von einem Gott hat. (Material) [20 BE]

1.2

Stellen Sie das, was Piscine über Jesus erfährt, seinem hinduistischen Gottesbild gegenüber, und erklären Sie, warum er schließlich trotzdem bei Jesus bleiben will. [25 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1.1 Skizzieren Sie die Vorstellung, die Piscine, der vom Hinduismus geprägte Protagonist des Romans „Schiffbruch mit Tiger“, von einem Gott hat. (Material)

Lösung: Piscine versteht Gott als vollkommenes, unsterbliches und machtvolles Wesen, das über irdischen und biologischen Beschränkungen steht.

1.2 Stellen Sie das, was Piscine über Jesus erfährt, seinem hinduistischen Gottesbild gegenüber, und erklären Sie, warum er schließlich trotzdem bei Jesus bleiben will.

Lösung: Gegenüberstellung von Jesu Menschlichkeit, Ohnmacht und Kreuzestod mit der hinduistischen Machtvorstellung; Erklärung von Piscines Faszination durch das Motiv der göttlichen Liebe.

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