Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2021

Thema: Religionskritik: Feuerbach, Nietzsche und aktueller Atheismus · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Tomáš Halík: Die Pharisäerbrille abnehmen (2012)

Einer alten Legende nach soll Kaiser Konstantin im Traum ein Kreuz gesehen und eine Stimme gehört

haben, die zu ihm sagte: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Er ließ also an die Fahnen seiner Heere

Kreuze anhängen und hat die Schlacht gewonnen. Wie würde die Kirche, wie Europa aussehen, hätte

Kaiser Konstantin seinen Traum und die wahre Sendung des Kreuzes auf eine etwas intelligentere Art

5 und Weise verstanden? Vielleicht ist die späte Modernität für uns „Kairos“¹, geeignete Zeit, eine uns

von Gott gegebene weitere Chance, jenes Paradox tiefer zu verstehen, auf dem der christliche Glaube

gründet. Der heilige Paulus brachte es mit seinen bekannten Worten zum Ausdruck: „Denn wenn ich

schwach bin, dann bin ich stark.“ Für Paulus ist das Kreuz ein Zeichen der Kenosis ², der

Selbstentäußerung – das Gegenteil von Triumphalismus, Hochmut, Macht und Gewalt.

10 Geboren wurde die Modernität als ein „ungewolltes“ Kind der Kirche. Sie ist des traditionellen

kirchlichen Christentums jüngerer Bruder, der sich auf den Weg der Freiheit und der Emanzipation

gemacht hat. Den Weg zum Mündigsein, Erwachsensein und zur Reife geht man nur selten krisenlos.

Betrachtet man den säkularen Humanismus vom Fenster des väterlichen Hauses aus als den

„getrennten Bruder“, als den ungehorsamen, verlorenen Sohn (und erscheint er immer noch nicht

15 genügend reumütig und gebessert), so sollte man sich selbst fragen, ob man sich in diesem Falle nicht

in die Rolle des „gehorsamen“ Sohnes versetzt. In dem bekannten Gleichnis Jesu symbolisiert

er die Pharisäer. Es mag die Zeit gekommen sein, [...] die Pharisäerbrille abzunehmen und zu

versuchen, beide Söhne mit den Augen des Vaters zu betrachten. [...]

[Die Konstituierung der säkularen Welt] ist eines der Geschenke der Modernität und eine der großen

20 Chancen für den Glauben – die bisher wohl noch nicht voll genutzt wurde. Das Christentum könnte

noch mehr Nutzen aus der Tatsache ziehen, dass es im Unterschied zu allen anderen Religionen durch

das Läuterungsfeuer³ rationaler Kritik gegangen ist. Eine bestimmte Art atheistischer Kritik kann ein

großer Verbündeter des Glaubens sein, sie kann den Glauben von den ihn diskreditierenden infantilen

religiösen Vorstellungen säubern. Die meisten Atheisten negieren nämlich nur ihre eigene sehr

25 problematische Vorstellung von Gott, die sie sich selbst geschaffen oder übernommen haben. [...] Ein

reifer Glaube wagt trotz der eigenen Zweifel und der offenstehenden Fragen einen freien,

vertrauensvollen Sprung ins Herz des Geheimnisses. Theologischer Rationalismus kann dem

Gläubigen versichern, dass sein Mut, ins Geheimnis hineinzutreten und mit dem Geheimnis zu leben,

intellektuell nicht verantwortungslos ist [...]. Der Atheismus hat seinen guten Sinn als kritischer

30 Partner des Glaubens, wenn er ihn beunruhigt und ihm nicht erlaubt, zu einer bestimmten

Ideologieform zu erstarren. Außerhalb des Kontextes eines ehrlichen Dialogs mit dem Glauben wird

der Atheismus selbst zu einer dogmatischen und intoleranten Ideologie. [...]

Für die Laizität⁴ wie auch für die Kirche gilt die Umkehrung des Kreuzparadoxes: Wer gesiegt hat, der

verliert. Wer den öffentlichen Raum gänzlich beherrscht und den anderen aus ihm verdrängt hat, der

35 verliert auch einen Teil seiner selbst. Eine Laizität, die dem Glauben völlig den Rücken kehrt, geht

ihres Wesens verlustig und verändert sich in eine intolerante Pseudoreligion. Falls das Christentum die

säkulare Kritik ignorieren wollte, wird es zu einer triumphalistischen Ideologie, die den Sinn des

Evangeliums verrät, insbesondere die Sendung des Kreuzes.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, die „eschatologische Differenzierung“ zwischen der

40 ecclesia triumphans (der eschatologischen Gestalt der Kirche nach dem Ende der Geschichte) und der

ecclesia militans (der „kämpfenden Kirche“, der irdischen Kirche in dieser Zeit, der Gemeinschaft von

Pilgern, die noch nicht ans Ziel gelangt sind) zu bedenken. Die kämpfende Kirche soll vor allem gegen

die Versuchung des Triumphalismus kämpfen. Falls die Kirche vergisst, dass sie noch unterwegs ist,

und sich für vollkommen ausgibt, falls die Theologie vergisst, dass wir Gottes Wahrheit – wie der

45 Apostel Paulus lehrt – hier „nur in Rätseln und wie im Spiegel“ sehen, führt die Häresie des

Triumphalismus zu einer militanten Religion. Eine große Warnung sollte für uns das Schicksal des

Begriffs „Dschihad“ in einigen Strömungen des gegenwärtigen Islamismus sein.

Damit wir nie in eine pharisäische Versuchung des Hochmuts und der Unreife „des älteren Bruders“

geraten, wird von Gott seit dem Anfang der Neuzeit der „jüngere Bruder“ neben uns gestellt, die

50 Laizität, der säkulare Humanismus.

¹ Kairos: günstiger Zeitpunkt; der für etwas entscheidende, günstige Augenblick

² Kenosis: theologische Auffassung, dass Christus bei der Menschwerdung auf die Ausübung seiner göttlichen Eigenschaften verzichtet habe (Philipper 2,6ff.)

³ Läuterung: Reinigung, Besserung; Läuterungsfeuer in Analogie zum Fegefeuer als reinigendes Durchgangsstadium

⁴ Laizität: Ideal der Neutralität, Merkmal liberaler Regierungssysteme, die eine klare Trennung von Staat und Kirche vorgeben

Tomáš Halík: Die Pharisäerbrille abnehmen. Zur paradoxen Bezogenheit von christlichem Glauben und Atheismus, Kirche und Modernität, in: Die politische Meinung. Zeitschrift für Politik, Gesellschaft, Religion und Kultur 509 (2012), S. 39–43, URL: https://www.kas.de/documents/252038/253252/7_dokument_dok_pdf_30646_1.pdf/0a01ecc3-bf94-1603-06e8-9fb0aaa01a6e?version=1.0&t=1539657366656 (abgerufen am 17.03.2020).

Hinweis

Tomáš Halík (geb. 1948): Professor für Soziologie und Pfarrer der Akademischen Gemeinde in Prag

3 Untersuchen Sie anhand einer Ihnen bekannten religionskritischen Position, inwieweit diese „den Glauben von den ihn diskreditierenden infantilen religiösen Vorstellungen säubern“ und „kritischer Partner des Glaubens“ (Material) sein kann.

(25 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3 Untersuchen Sie anhand einer Ihnen bekannten religionskritischen Position, inwieweit diese „den Glauben von den ihn diskreditierenden infantilen religiösen Vorstellungen säubern“ und „kritischer Partner des Glaubens“ (Material) sein kann.

Lösung: Untersuchung am Beispiel einer religionskritischen Position (z. B. Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Sigmund Freud oder Friedrich Nietzsche) hinsichtlich der reinigenden Funktion für das Gottesbild und der Rolle als konstruktiv-kritischer Partner des Glaubens.

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