Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2021
Thema: Gottesrede: angemessen von Gott sprechen · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Hans-Joachim Höhn: Ferne Nähe – Plädoyer für eine „theologia negativa“ (2009)
Die Rede von Gott droht seit geraumer Zeit zu einem Text ohne Kontext zu werden. Weggefallen sind
jene Anknüpfungspunkte, die es früher ermöglicht haben, Gott zur Sprache zu bringen. Man kann über
die Entstehung der Welt, über die Bedingungen der Erkenntnis und über die Gründe der Moral
reflektieren, ohne dass sich dabei der Gedanke an Gott nahelegt. Es gibt offenkundig keinen
5 gemeinsamen Erfahrungsraum mehr, innerhalb dessen zwischen gläubigen und ungläubigen
Zeitgenossen gedolmetscht werden könnte.
Wo sich keine Übersetzungsmöglichkeit für die christliche Gottesrede mehr zeigt, muss sie zu einer
Fremdsprache werden. Wenn sie niemandem mehr etwas sagen kann, zählt sie am Ende zu den „toten“
Sprachen. Es muss darum auch nicht verwundern, dass vielen Menschen Gott abhandenkommt. Nicht
10 nur in ihrer Sprache, sondern auch in ihrem Leben. Sie erleben an sich das Schwinden religiöser
Gewissheiten, den Verlust einer einstmaligen Gottesnähe. Für eine Weile praktizieren sie ihren
Glauben im Kontrast zu einer Gott-los gewordenen Welt. Wie lange aber kann man einen Glauben
aufrechterhalten, wenn sich nicht mehr begründen lässt, warum er den Vorzug verdient gegenüber der
Maxime säkularer Zeitgenossen, die leben, „als ob es Gott nicht gäbe“?
15 Der faktische Lauf der Welt bestätigt die moderne Annahme von Gottes Nicht-Notwendigkeit zur
Erklärung innerweltlicher Abläufe und Sachverhalte. Man kann mit ihm in der Welt nichts mehr
anfangen, weil man alles auch ohne ihn in Gang setzen kann. Die Welt ist erklärbar ohne Gott, und der
Mensch kann menschlich sein ohne Gott. Gott lässt sich negieren, weil man nicht sieht, was einen
Gott, der als moralische, naturwissenschaftliche, politische Arbeitshypothese abdanken musste, von
20 einem Gott unterscheidet, den es gar nicht gibt. Was, wie und wer Gott sei, wird für eine derart
Gott-los gewordene Zeit offenkundig zu einer müßigen 1 Frage.
Hier setzt nun eine „negative“ Theologie ein. Sie geht von den modernen Verneinungen der
innerweltlichen Notwendigkeit Gottes aus. Sie unternimmt den Versuch, Gott mit einer Welt
zusammen zu denken, die für sich beansprucht, „ohne Gott“ verstehbar und gestaltbar zu sein.
25 Negative Theologie sagt ein doppeltes Nein. Sie sagt zum einen Nein zu einer theologischen Tradition,
die überfrachtet ist mit dem Anspruch, über Gott so sehr Bescheid zu wissen, dass sie unablässig in
Behauptungssätzen von Gott redet. Zum anderen sagt sie Nein zu einer Position, für die ein
Gottesverhältnis nur sinnvoll ist, wenn es lebenspraktischen Zwecken dient. Dagegen setzt die
Negative Theologie die Einsicht, dass Nützlichkeit nicht der erste oder alleinige Maßstab für
30 Beziehungen sein kann. Erst jenseits von Mittel/Zweck-Kalkulationen kommt dasjenige in den Blick,
das es wert ist, um seiner selbst willen zu ihm in ein Verhältnis zu treten. Und erst in einem solchen
Verhältnis kann dem Menschen aufgehen, dass er selbst nicht aufgehen muss in einer von funktionalen
Notwendigkeiten beherrschten Welt.
Wer sich auf diesen Weg der Bestreitung und „Verneinung“ macht, muss sich in einem ersten Schritt
35 darauf gefasst machen, dass Gotteserfahrung eine „Enteignung“ voraussetzt. Sie verlangt, all das
loszuwerden, woran bisher der Glaube hing. Negative Theologie setzt also genau dort an, wo die
Erfahrung der Leere, des Fehlens und Vermissens jede Behauptung der Gegenwart Gottes dementiert 2.
Sie macht klar: Nur mit leeren Händen können Menschen nach jener Wirklichkeit greifen, von der sie
hoffen, dass sie ihrerseits von ihr ergriffen werden.
40 In vielen Zeugnissen der Mystik 3 wird davon berichtet, wie ein Mensch (von Gott) „ergriffen“ wird,
nachdem er alles aus der Hand gegeben hat. Derart von Gott erfasst zu werden führt zur Erkenntnis
dessen, was „nicht zu fassen“ ist und auch jedes sprachliche Fassungsvermögen übersteigt. Dem
Moment der Fassungslosigkeit entspricht die Unbegreiflichkeit Gottes – beides gründet in dessen
Unverfügbarkeit. Sie schließt aus, Gott für die Legitimation innerweltlicher Verhältnisse zu
45 instrumentalisieren.
Damit kommt auch das emanzipatorische 4 Motiv einer Negativen Theologie in den Blick: Wenn Gott
sich jeder Instrumentalisierung widersetzt, dann ist die Beziehung des Menschen zu einem Gott, der
nicht als Mittel zum Erreichen eines Zweckes herhalten kann, ein von Verzweckungen freier Vollzug.
Es entsteht eine Beziehung in Freiheit.
50 Eine solche Theologie hat die Bibel als Zeugnis von Gottes Offenbarung keineswegs gegen sich.
Gerade die Bibel beschreibt die Offenbarung Gottes nicht so, dass an die Stelle seiner Verborgenheit
nun „Unverborgenheit“ tritt. Sie widerspricht der Vorstellung einer unvermittelten Gegenwart ebenso
wie der Gleichsetzung seiner Verborgenheit mit seiner Abwesenheit oder Nichtexistenz.
Hans-Joachim Höhn: Ferne Nähe – Plädoyer für eine „theologia negativa“, in: Publik Forum Nr. 16/2009, S. 33–34.
Hinweise und Worterklärungen
1 müßig: überflüssig
2 dementieren: widerrufen, zurückweisen
3 Mystik: Eine Form der Religiosität, bei der der Mensch durch Hingabe und Meditation sucht, eins zu werden mit Gott. Dabei spielt das Loslassen, das sich Fallenlassen eine entscheidende Rolle.
4 emanzipatorisch: befreiend; hier nicht bezogen auf die Beziehung der Geschlechter zueinander.
Hans-Joachim Höhn (geb. 1957): Professor für Systematische Theologie am Institut für katholische Theologie der Universität Köln.
Die formale Gestaltung entspricht der Textvorlage.
Aufgaben
3
Beurteilen Sie, inwiefern „negative Theologie“, wie Höhn sie vorstellt, dazu beitragen kann, in einer „Gott-los gewordenen Welt“ noch glaubwürdig und verständlich von Gott zu sprechen. (30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Beurteilen Sie, inwiefern „negative Theologie“, wie Höhn sie vorstellt, dazu beitragen kann, in einer „Gott-los gewordenen Welt“ noch glaubwürdig und verständlich von Gott zu sprechen.
Lösung: Differenziertes theologische Urteil über die Tragfähigkeit und Grenzen einer negativen Theologie für die heutige Verkündigung und Glaubenspraxis.
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