Aufgabe Vorschlag D · Abitur Hessen Erdkunde GK 2022
Thema: Regionale Disparitäten in Europa und Raumordnung · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Thema und Aufgabenstellung – Vorschlag D
Bioökonomische Innovationen – Finnlands Chance für eine nachhaltige Entwicklung?
1
Benennen Sie wesentliche Ziele und Schwerpunkte der Raumordnung für eine nachhaltige Entwicklung in der Europäischen Union.
(10 BE)
2.1
Beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen sowie die Wirtschaftsstruktur von Finnland. (Material 1–2, Atlas)
(25 BE)
2.2
Analysieren Sie die Bedeutung der aktuellen Veränderungen der holzverarbeitenden und Papierindustrie für die Wirtschaft Finnlands und arbeiten Sie wesentliche Merkmale der Bioökonomie heraus. (Material 1, 3–6)
(35 BE)
3
Beurteilen Sie, inwieweit Innovationen aus der Bioökonomie einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung Finnlands leisten können. Gehen Sie hierbei insbesondere auf die UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung 7, 12 und 13 sowie die Schwerpunkte der Raumordnung ein. (Material 1–8)
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Benennen Sie wesentliche Ziele und Schwerpunkte der Raumordnung für eine nachhaltige Entwicklung in der Europäischen Union.
Lösung: Wesentliche Ziele nach dem Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK): - Ausgewogene und nachhaltige Raumentwicklung in den Bereichen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse - Wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt (Kohäsion) - Erhaltung und Management der natürlichen Lebensgrundlagen und des kulturellen Erbes - Ausgeglichenere Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Raumes - Entwicklung eines ausgewogenen und polyzentrischen Städtesystems sowie eine neue Beziehung zwischen Stadt und Land - Sicherung eines gleichwertigen Zugangs zu Infrastruktur und Wissen - Umwelt- und ressourcenschonende Wirtschaftsentwicklung
2.1 Beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen sowie die Wirtschaftsstruktur von Finnland. (Material 1–2, Atlas)
Lösung: Naturräumliche Voraussetzungen: - Lage: Nordeuropa (ca. 60°–69° n. Br., 21°–32° ö. L.), weite Teile nördlich des Polarkreises; Zugang zur Ostsee. - Relief: Im Nordwesten/Lappland Höhen bis 1.000–1.500 m ü. NN; der Südwesten ist seenreich; durchzogen von Flüssen. - Klima: Kaltgemäßigte bis subarktische Klimazone (Norden/Osten kontinental geprägt, maritime Einflüsse an Küsten/Südwesten). Sehr niedrige Jahresdurchschnittstemperaturen (z. B. Oulu 2,1 °C, Juli ca. 15 °C, Wintermonate unter dem Gefrierpunkt) bei ganzjährig moderaten Niederschlägen (309 mm in Oulu). - Böden & Vegetation: Podsole (teilweise Frostböden) sowie Moor-/Gleypodsole; großflächige Nadelwaldbedeckung (borealer Nadelwald/Taiga, über 73 % Waldanteil), im Norden Waldtundra/Fjellvegetation und Moore. - Bodenschätze: Eher gering (punktuell Gold, Chrom, Nickel, Blei/Zink). Wirtschaftsstruktur: - Hoch entwickelter Dienstleistungs- und Industriestaat (sehr hoher HDI von 0,94, Rang 11; BIP pro Kopf ca. 49.000 USD). - Hohe regionale Disparitäten: Wirtschaftliche Zentren im Süden (Helsinki: Elektronik, Maschinenbau, Finanz- und Wissensdienstleistungen; Turku: Biotechnologie, Pharmazie; Küstenstandorte mit Metall, Chemie, Holzverarbeitung). Im Norden/peripheren Raum dünne Besiedlung, geringere wirtschaftliche Vielfalt (Tourismus, Forstwirtschaft, zellstoffverarbeitende Betriebe, Dienstleistungen in Oulu). - Hohe Bedeutung forstbasierter Erzeugnisse im Außenhandel (Papier/Pappe 12 % der Warenausfuhr).
2.2 Analysieren Sie die Bedeutung der aktuellen Veränderungen der holzverarbeitenden und Papierindustrie für die Wirtschaft Finnlands und arbeiten Sie wesentliche Merkmale der Bioökonomie heraus. (Material 1, 3–6)
Lösung: Bedeutung der Veränderungen in der Holz- und Papierindustrie: - Traditionell herausragende Stellung der Forst- und Holzwirtschaft (über 70 % Waldfläche, Papier/Pappe ca. 12 % des Exports). - Strukturwandel: Durch die Digitalisierung bricht die globale Nachfrage nach Druck- und Zeitungspapier massiv ein (Rückgang der Papierproduktion von 2016 bis 2020, 2020 allein –25 % zum Vorjahr). Beschäftigtenrückgang in der Forst- und Papierindustrie von über 60.000 auf rund 40.000 (2005–2014), was Provinzen und periphere Werksstandorte hart trifft. - Neuausrichtung und Diversifizierung der Konzerne (z. B. UPM): Verlagerung auf Bioraffinerie („Biorefining“), Verpackungskartons/Etiketten (befeuert durch Online-Handel), Hygieneartikel (Wachstumsmarkt Asien) und Bio-Kraftstoffe zweiter Generation (Biodiesel BioVerno aus dem Nebenprodukt Tallöl ohne Nahrungsmittelkonkurrenz). Wesentliche Merkmale der Bioökonomie: - Wirtschaftsform basierend auf nachwachsenden biologischen Ressourcen (Holz, Stroh, Algen) als Ersatz für fossile Rohstoffe (Erdöl). - Multidimensionale Holznutzung und ganzheitliche Verwertung des Baumstammes entlang erweiterter Wertschöpfungsketten (von Pharmazeutika, Kosmetika, Textilfasern über Verbundwerkstoffe bis zu Biokraftstoffen). - Kaskadennutzung: Vorrangige Nutzung als langlebige Werkstoffe (Bau, Möbel) und erst am Ende des Lebenszyklus energetische Verwertung. - Ressourceneffizienz und Schließen von Stoffkreisläufen (Kreislaufwirtschaft).
3 Beurteilen Sie, inwieweit Innovationen aus der Bioökonomie einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung Finnlands leisten können. Gehen Sie hierbei insbesondere auf die UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung 7, 12 und 13 sowie die Schwerpunkte der Raumordnung ein. (Material 1–8)
Lösung: Differenzierte Beurteilung: Ökologische Dimension: + Beitrag zu SDG 7 (saubere Energie) und SDG 13 (Klimaschutz) durch Verringerung fossiler Emissionen mittels Reststoff-Biodiesel und biologisch abbaubaren Plastikersatz (Sulapac). - Gefahr einer Übernutzung der Wälder: Verstärkung der Biodiversitäts- und Klimakrise bei Monokulturen und Missachtung ökologischer Belastungsgrenzen (Gefährdung von Tierhabitaten und CO₂-Senkenfunktion). Ökonomische Dimension: + Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und Erschließung lukrativer Nischen- und Zukunftsmärkte (SDG 12: nachhaltige Produktion); Synergien durch Nutzung bestehender Industriemaschinen. - Bioökonomische Produkte sind derzeit oft noch Nischenmärkte; Rohstoffverfügbarkeit von Reststoffen ist begrenzt. Soziale und raumordnerische Dimension: + Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen in strukturschwachen, forstwirtschaftlich geprägten ländlichen Räumen; Verringerung von Disparitäten. - Ein Großteil der neuen High-Tech- und Start-up-Förderung konzentriert sich auf den Ballungsraum Helsinki/Espoo (Material 7), wodurch regionale Disparitäten zwischen Süd- und Nordfinnland eher noch verstärkt werden können. Fazit: Innovationen der Bioökonomie besitzen hohes Potenzial für eine nachhaltige Transformation Finnlands, sofern verbindliche gesetzliche Leitplanken (Kaskadennutzung, Einhaltung von Belastungsgrenzen des Waldökosystems) greifen und die wirtschaftliche Förderung gezielt auch den ländlichen Raum stärkt.
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