Aufgabe Vorschlag C - Reaktionsgeschwindigkeit und chemis… · Abitur Hessen Chemie LK 2021

Thema: Reaktionsgeschwindigkeit und chemisches Gleichgewicht · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Styrol und Polystyrol

Styrol (Phenylethen) wurde im Jahr 1835 zum ersten Mal aus dem Destillat des orientalischen Amberbaums gewonnen. Styrol dient heute zur Herstellung von Kunststoffen und wird im großtechnischen Maßstab hergestellt (Material 1).

Der wichtigste aus Styrol hergestellte Kunststoff ist Polystyrol, wobei die Synthese nicht nur radikalisch (Material 2), sondern auch anionisch erfolgen kann (Material 5).

Werden während des Polymerisationsprozesses von Styrol zu Polystyrol geeignete andere Verbindungen, wie zum Beispiel 1,4-Divinylbenzol (Material 6), zugegeben, entstehen andere Kunststoffe.

Die Verbindung 1,2,5,6,9,10-Hexabromcyclododecan befindet sich zum Beispiel in Polystyrol-Hartschaum, der in Gebäuden verbaut ist. Dieser Stoff dient als Flammschutzmittel und soll zur Gebäudesicherheit beitragen.

Material 1 – Herstellung von Styrol

Styrol lässt sich ohne weiteren Reaktionspartner in einer Gleichgewichtsreaktion mithilfe eines Katalysators aus Ethylbenzol herstellen. Als zusätzliches Reaktionsprodukt entsteht Wasserstoff. Bei dieser Reaktion wird die Temperatur so gewählt, dass alle Reaktionspartner gasförmig vorliegen.

Die folgenden Nebenreaktionen lassen sich durch die entsprechende Wahl der Reaktionsbedingungen zwar zurückdrängen, sind jedoch bei der Herstellung von Styrol grundsätzlich bedeutsam:

Spaltung von Ethylbenzol in Benzol (Benzen) und Ethen

Vollständiger Zerfall von Ethylbenzol zu Kohlenstoff und Wasserstoff

Reaktion von Styrol mit Wasserstoff zu Toluol (Methylbenzol) und Methan

Um die Ausbeute an Styrol zu erhöhen, ist es von Bedeutung, dass der Druck im Reaktionsgefäß, das räumlich von der Umgebung abgeschlossen ist, möglichst niedrig gehalten wird.

Darüber hinaus befindet sich ständig Wasserdampf in der Apparatur, der nicht an der Reaktion teilnimmt, aber zu einer Verdünnung der Gase führt. Diese Verdünnung der Gase mit Wasserdampf wirkt sich zusätzlich günstig auf die Ausbeute an Styrol aus. Dies ist der Fall, da Wasserstoff-Moleküle und Wasser-Moleküle nun um Zusammenstöße mit Styrol-Molekülen konkurrieren. Ein Zusammenstoß von Molekülen ist eine Voraussetzung für eine chemische Reaktion.

Material 2 – Dibenzoylperoxid

Dibenzoylperoxid gilt in der Chemie als ein „Radikalstarter“, da es leicht in einer homolytischen Spaltung in zwei Radikale zerfällt.

Material 3 – Molare Standard-Polymerisationsenthalpie und molare Standard-Polymerisationsentropie zur Bildung von Polystyrol

ΔRHm∘=−71 kJmol\Delta_R H_m^\circ = -71\ \frac{\text{kJ}}{\text{mol}}ΔRSm∘=−105 JK⋅mol\Delta_R S_m^\circ = -105\ \frac{\text{J}}{\text{K}\cdot\text{mol}}

Material 4 – Verfahren zur Beurteilung, ob eine chemische Reaktion freiwillig abläuft

Mithilfe folgender Gleichung („Gibbs-Helmholtz-Gleichung“) lässt sich ermitteln, ob bei einer bestimmten Temperatur eine chemische Reaktion freiwillig abläuft:

ΔRGm∘=ΔRHm∘−T⋅ΔRSm∘\Delta_R G_m^\circ = \Delta_R H_m^\circ - T \cdot \Delta_R S_m^\circ

ΔRGm∘\Delta_R G_m^\circ bezeichnet man als die molare freie Standardreaktionsenthalpie. Sie wird in kJ/mol angegeben. Für die Berechnung von ΔRGm∘\Delta_R G_m^\circ muss der für ΔRSm∘\Delta_R S_m^\circ berechnete Wert vor dem Einsetzen in die Gleichung zunächst von Joule (J) in Kilojoule (kJ) umgerechnet werden.

Der Wert für die Temperatur TT wird in der Einheit Kelvin (K) angegeben. Es gilt: 0 ∘C0\ ^\circ\text{C} entspricht 273 K273\ \text{K}; der absolute Nullpunkt der Temperatur liegt bei 0 K0\ \text{K}.

Ergibt sich für ΔRGm∘\Delta_R G_m^\circ ein negativer Wert, so läuft die Reaktion freiwillig ab, ergibt sich ein positiver Wert, so ist dies nicht der Fall.

Material 5 – Anionische Polymerisation von Styrol

Die Polymerisation von Styrol zu Polystyrol kann in einer Argon-Schutzatmosphäre auch über einen anionischen Reaktionsmechanismus erfolgen. Diese Schutzatmosphäre ist erforderlich, um auch Spuren von Luftfeuchtigkeit auszuschließen, da andernfalls die Kettenreaktion durch eine Protolysereaktion abgebrochen würde.

Im ersten Reaktionsschritt reagiert jeweils ein Butyl-Anion mit einem Styrol-Molekül zu einem größeren Anion, das in einem zweiten Reaktionsschritt seinerseits in die Kettenreaktion eintritt. Im vorliegenden Fall gilt, dass der erste Reaktionsschritt schneller verläuft als der zweite.

Material 6 – Strukturformel von 1,4-Divinylbenzol

Aufgabe 3.1 [12 BE]

Formulieren Sie mit Hilfe von Material 1 in Strukturformeln für die organischen Moleküle jeweils die Reaktionsgleichung für die Herstellung von Styrol sowie für jede der drei angegebenen Nebenreaktionen.

Erklären Sie die Bedeutung eines niedrigen Drucks sowie die Bedeutung der Verdünnung der Gase mit Wasserdampf für eine hohe Ausbeute an Styrol.

1.

2.

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Reaktionsgeschwindigkeit und chemis… · Abitur Hessen Chemie LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Formulieren Sie mit Hilfe von Material 1 in Strukturformeln für die organischen Moleküle jeweils die Reaktionsgleichung für die Herstellung von Styrol sowie für jede der drei angegebenen Nebenreaktionen.

Lösung:

Erklären Sie die Bedeutung eines niedrigen Drucks sowie die Bedeutung der Verdünnung der Gase mit Wasserdampf für eine hohe Ausbeute an Styrol.

Lösung: Reagiert Ethylbenzol zu Styrol und Wasserstoff, so verdoppelt sich die Anzahl der Teilchen gasförmiger Stoffe. Nach dem Prinzip vom kleinsten Zwang muss der Druck im Reaktionsgefäß somit möglichst niedrig gehalten werden, um die Styrolausbeute zu erhöhen. Dies ist der Fall, weil das System dem niedrigeren Druck ausweicht, indem sich die Lage des Gleichgewichts auf die Seite mit der höheren Anzahl von Gasteilchen verschiebt. In der Rückreaktion der Styrolsynthese reagieren Wasserstoff und Styrol zu Ethylbenzol. Durch die Verdünnung mit Wasserdampf treffen weniger Wasserstoff- und Styrol-Moleküle zusammen und daher findet die Rückreaktion in geringerem Ausmaß statt, was die Styrol-Ausbeute erhöht.

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