Aufgabe Vorschlag C - Teil I · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2022

Thema: Übersetzung: Platon, Symposion (Prosa) · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material 1

Vorbemerkung

In seiner Rede, die sich mehr durch eine rhetorisch-sophistische Argumentation als durch einen inhaltlich schlüssigen Gedankengang auszeichnet, preist Agathon (ΑΓ.) Eros unter verschiedenen Gesichtspunkten: Schönheit, Tugendhaftigkeit, Wohltaten. Im folgenden Auszug geht er zu seiner zweiten These über, die die Tugendhaftigkeit des Eros beweisen soll:

(ΑΓ.) „Περὶ […] ἀρετῆς Ἔρωτος […] λεκτέον, […] ὅτι Ἔρως οὔτ᾽ ἀδικεῖ οὔτ᾽

2 ἀδικεῖται οὔτε ὑπὸ θεοῦ οὔτε θεόν, οὔτε ὑπ᾽ ἀνθρώπου οὔτε ἄνθρωπον. […]

πρὸς δὲ τῇ δικαιοσύνῃ σωφροσύνης πλείστης μετέχει. εἶναι γὰρ ὁμολογεῖται

4 σωφροσύνη τὸ κρατεῖν ἡδονῶν καὶ ἐπιθυμιῶν, Ἔρωτος δὲ μηδεμίαν ἡδονὴν

κρείττω εἶναι· […] κρατῶν δὲ ἡδονῶν καὶ ἐπιθυμιῶν ὁ Ἔρως διαφερόντως ἂν

6 σωφρονοῖ. καὶ μὴν εἰς γε ἀνδρείαν Ἔρωτι οὐδ᾽ Ἄρης ἀνθίσταται. οὐ γὰρ ἔχει

Ἔρωτα Ἄρης, ἀλλ᾽ Ἔρως Ἄρη – Ἀφροδίτης, ὡς λόγος. κρείττων δὲ ὁ ἔχων τοῦ

8 ἐχομένου· τοῦ δ᾽ ἀνδρειοτάτου τῶν ἄλλων κρατῶν πάντων ἂν ἀνδρειότατος εἴη.

περὶ μὲν οὖν δικαιοσύνης καὶ σωφροσύνης καὶ ἀνδρείας τοῦ θεοῦ εἴρηται, περὶ δὲ

10 σοφίας λείπεται. […]

τίς ἐναντιώσεται μὴ οὐχὶ Ἔρωτος εἶναι σοφίαν, ᾗ γίγνεταί τε καὶ φύεται πάντα

12 τὰ ζῷα; ἀλλὰ τὴν τῶν τεχνῶν δημιουργίαν οὐκ ἴσμεν, ὅτι, οὗ […] ἂν ὁ θεὸς οὗτος

διδάσκαλος γένηται, ἐλλόγιμος καὶ φανὸς ἀπέβη […]; τοξικήν γε μὴν καὶ

14 ἰατρικὴν καὶ μαντικὴν Ἀπόλλων ἀνηῦρεν […] ἔρωτος ἡγεμονεύσαντος, ὥστε καὶ

οὗτος Ἔρωτος ἂν εἴη μαθητής. […] ἐπειδὴ δ᾽ ὁ θεὸς οὗτος ἔφυ, ἐκ τοῦ ἐρᾶν τῶν

16 καλῶν πάντ᾽ ἀγαθὰ γέγονεν καὶ θεοῖς καὶ ἀνθρώποις. οὕτως ἐμοὶ δοκεῖ, ὦ

Φαῖδρε, Ἔρως πρῶτος αὐτὸς ὢν κάλλιστος καὶ ἄριστος μετὰ τοῦτο τοῖς ἄλλοις

18 ἄλλων τοιούτων αἴτιος εἶναι.“

Übersetzungshilfen

Z. 1 · λεκτέον [ἐστίν] – es muss gesagt werden

Z. 1/2 · Ἔρως […] ἄνθρωπον – chiastische Wortstellung, ordne:

Ἔρως οὔτ᾽ ἀδικεῖ οὔτε θεόν οὔτε ἄνθρωπον

οὔτ᾽ ἀδικεῖται οὔτε ὑπὸ θεοῦ οὔτε ὑπ᾽ ἀνθρώπου

Z. 3 · πρός m. Dat. – zusätzlich zu etw.

ὁμολογεῖται m. NcI – man ist sich einig darüber, dass

Z. 4 · κρατέω m. Gen. – über etw. herrschen, etw. beherrschen

Ἔρωτος – Genitivus comparationis

Z. 5 · κρείττω = κρείττονα

διαφερόντως Adv. – ganz besonders

Z. 6 · σωφρονέω – besonnen sein

μήν – gewiss, sicherlich

εἰς m. Akk. – im Hinblick auf etw.

ἀνθίσταμαι m. Dat. – sich jmdm. entgegenstellen

ἔχω – hier: beherrschen

Z. 7 · [ἔρωτα] Ἀφροδίτης, ὡς λόγος – und zwar in seiner Liebe zu Aphrodite, wie man sich erzählt (Aphrodite war eigentlich mit Hephaistos verheiratet, hatte aber eine Liebesaffäre mit Ares)

κρείττων – ergänze: ἐστίν

[τὸν] Ἄρη – Akk. von ὁ Ἄρης

Z. 7/8 · ἔχων, ἐχόμενος – siehe oben Z. 6

Z. 8 · τοῦ δ᾽ ἀνδρειοτάτου […] εἴη – ordne und ergänze:

ἀνδρειότατος πάντων ἂν εἴη

[ὁ] τοῦ ἀνδρειοτάτου τῶν ἄλλων κρατῶν

πάντων – Gen. partitivus zu ἀνδρειότατος

τῶν ἄλλων – Gen. partitivus zu τοῦ ἀνδρειοτάτου

κρατέω m. Gen. – jmdn. beherrschen

Z. 9 · εἴρηται – 3. Sg. Ind. Perf. Pass. von λέγω (sagen)

Z. 9/10 · περὶ δὲ σοφίας λείπεται – lies: περὶ δὲ σοφίας [λέγειν] λείπεται

Z. 10 · λείπεται – es bleibt übrig

Z. 11–13 · Agathon zählt hier als weitere Leistungen des Eros auf, dass er sowohl beim Entstehen und Wachsen der Lebewesen als auch bei der Handwerkskunst hilft.

Z. 11 · τίς ἐναντιώσεται μὴ οὐχὶ m. AcI – wer wüsste nicht, dass […]

ᾗ – Relativsatz: durch die […]

φύομαι – wachsen, gedeihen, entstehen

Z. 12 · τὴν τῶν τεχνῶν δημιουργίαν – Akk. Graec.

ἡ δημιουργία, -ας – die Ausübung

ἴσμεν – 1. Pl. Ind. Perf. Akt. von οἶδα (wissen)

Z. 12/13 · lies: ὅτι [οὗτος], οὗ […] ἂν οὗτος ὁ θεὸς διδάσκαλος γένηται, ἐλλόγιμος καὶ φανὸς ἀπέβη

Z. 12 · [οὗτος], οὗ – derjenige, dessen […]

Z. 13 · ἐλλόγιμος, -ον – berühmt

φανός, -ή,-όν – glanzvoll

ἀπέβη – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von ἀποβαίνω ( hier: sich zeigen, werden)

Z. 13–15 · Agathon stellt Eros als Helfer und Lehrer in allen Künsten dar, hier auch im Bereich der Bogen-, Heil- und der Weissagekunst.

Z. 13–14 · τοξικήν, ἰατρικήν, μαντικήν – ergänze: τέχνην

Z. 14 · ἀνευρίσκω – erfinden

ἡγεμονεύω – anführen, anleiten

Z. 15 · ὁ θεὸς οὗτος – gemeint ist Eros

ἔφυ – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von φύομαι – siehe oben Z. 11

τοῦ ἐρᾶν = τοῦ ἐράειν

Arbeitsübersetzung

(Agathon): „Von […] der Tugend des Eros […] ist zu sagen, dass Eros weder Unrecht begeht noch erleidet, weder von einem Gott noch gegen einen Gott, weder von einem Menschen noch gegen einen Menschen. […] Zusätzlich aber zur Gerechtigkeit hat er auch an höchster Besonnenheit Anteil. Denn man ist sich einig, dass die Besonnenheit das Herrschen über Lüste und Begierden sei, keine Lust aber stärker sei als Eros. […] Herrscht aber Eros über die Lüste und Begierden, so dürfte er wohl ganz besonders besonnen sein. Und gewiss auch, was die Tapferkeit betrifft, stellt sich nicht einmal Ares dem Eros entgegen. Denn nicht Ares hat Macht über Eros, sondern Eros über Ares, und zwar in seiner Liebe zu Aphrodite, wie man sich erzählt. Derjenige aber, der herrscht, ist stärker als der, der beherrscht wird: Derjenige wiederum, der den Tapfersten unter den übrigen beherrscht, dürfte wohl der Tapferste von allen sein. Von der Gerechtigkeit also und Besonnenheit und Tapferkeit des Gottes ist geredet worden; über die Weisheit aber zu sprechen, ist noch übrig. […]

Wer wird bestreiten, dass es die Weisheit des Eros sei, durch welche alle Lebewesen entstehen und gedeihen? Aber wissen wir nicht, im Hinblick auf die Ausübung der Künste, dass jeder, dessen […] Lehrer dieser Gott geworden ist, berühmt und glanzvoll wurde […]? Gewiss nun die Kunst des Bogenschießens, der Heilkunde und der Weissagung hat Apollon erfunden […] unter Anführung der Liebe, sodass auch dieser ein Schüler des Eros sein dürfte […]. Sobald aber dieser Gott (d.h. Eros) entsprossen war, entstand aus der Liebe zum Schönen alles Gute sowohl für die Götter als auch für die Menschen. So, Phaidros, scheint mir Eros zuerst selbst der Schönste und Beste zu sein und danach bei den anderen Urheber derartiger anderer Dinge zu sein.“

I Übersetzung

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

I Übersetzung: Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Lösung: (AG.) „Über die Tugend des Eros muss gesagt werden, dass Eros weder Unrecht tut noch Unrecht erleidet, weder durch einen Gott noch einem Gott, weder durch einen Menschen noch einem Menschen. [...] Zusätzlich zur Gerechtigkeit hat er an größter Besonnenheit Anteil. Denn es wird allgemein zugestanden, dass die Besonnenheit das Beherrschen von Lüsten und Begierden ist, dem Eros aber keine Lust überlegen ist; da er aber über Lüste und Begierden herrscht, dürfte Eros ganz besonders besonnen sein. Und gewiss im Hinblick auf die Tapferkeit stellt sich dem Eros nicht einmal Ares entgegen. Denn nicht beherrscht Ares den Eros, sondern Eros den Ares – und zwar in seiner Liebe zu Aphrodite, wie man sich erzählt. Stärker aber ist der, welcher beherrscht, als der, welcher beherrscht wird; und da er den Tapfersten der übrigen beherrscht, dürfte er wohl der Tapferste von allen sein. Über die Gerechtigkeit also und die Besonnenheit und die Tapferkeit des Gottes ist gesprochen worden; über seine Weisheit bleibt es noch übrig. [...] Wer wüsste nicht, dass es die Weisheit des Eros ist, durch die alle Lebewesen sowohl entstehen als auch wachsen; aber die Ausübung der Handwerkskünste: Wissen wir nicht, dass derjenige, dessen Lehrer dieser Gott wird, berühmt und glanzvoll geworden ist? Die Bogen-, die Heil- und die Weissagekunst erfand Apollon jedenfalls unter Anleitung des Eros, sodass auch dieser ein Schüler des Eros sein dürfte. [...] Seitdem aber dieser Gott entstand, ist aus der Liebe zum Schönen alles Gute sowohl für Götter als auch für Menschen entstanden. So scheint es mir, Phaidros: Da Eros selbst zuerst der Schönste und Beste ist, ist er danach für die anderen Ursache für andere derartige Güter.“

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