Abitur Schleswig-Holstein Deutsch 2022 · LK · zukünftige digital bzw. durch intelligente Maschinen bedingte Ursachen und Formen des Sprachwandels

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, LK · zukünftige digital bzw. durch intelligente Maschinen bedingte Ursachen und Formen des Sprachwandels: 2…

Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Henning Lobin: Sprachwandel durch intelligente Maschinen? (2017)

In dieser Woche ist der neue Rechtschreibduden erschienen. 1 Einen Tag zuvor war der Verkaufsstart von Google Home 2, dem „intelligenten Lautsprecher“ mit Sprachfunktion. Zwei Ereignisse ohne Zusammenhang? Nein. Beide haben etwas mit Sprachwandel zu tun – dem realen, heutigen, und dem virtuellen, zukünftigen.

Sprachwandel kann viele Ursachen haben: kulturelle Einflüsse, Migration, Sprachkontakt,

Medien, Bildungsprozesse oder sprachsystembedingte Faktoren etwa. Der Duden

dokumentiert diesen Wandel für den Wortbestand des Deutschen. Die gerade erschienene 27.

Auflage dieses Wörterbuchs, dessen Verlag „Bibliografisches Institut“ inzwischen zur

5 Cornelsen-Gruppe gehört, hat eine große Welle in den Medien nach sich gezogen mit den

5.000 Wörtern, die neu aufgenommen wurden. Gleichzeitig sind auch viele Wörter gegenüber

der 26. Auflage verschwunden, „Jahr-2000-fähig“ etwa. Bei manchen Wörtern ändern sich

auch die Angaben zur Deklination oder Konjugation, zum Kasus, den ein Wort von einem

anderen fordert, oder zur Bedeutung. All das lässt den kontinuierlichen Wandel, dem jede

10 Sprache unterliegt, erkennbar werden, zumindest den Teil des Sprachwandels, der sich im

Wortgebrauch manifestiert. Wandel im Bereich der Grammatik und der Sprachverwendung ist

schwerer und vor allem nur langfristiger beizukommen. Aber auch diesen gibt es heute – die

Diskussion um das „Kiezdeutsch“, das die Potsdamer Germanistin Heike Wiese in ihrem

gleichnamigen Buch beschrieben hat („Machst du rote Ampel!“), hat sich um diese Ebenen

15 des Sprachsystems gedreht.

Bislang war der Sprachwandel immer von Menschen herbeigeführt worden, manchmal

bewusst durch Sprachkritiker oder Grammatiker, zumeist jedoch unbewusst infolge unzähliger

Kommunikationsereignisse in einer Sprachgemeinschaft und im Kontakt mit anderen

Sprachgemeinschaften. Erstmals jedoch wird seit einigen Jahren die menschliche Sprache

20 auch von Maschinen genutzt, Google Home ist dafür ebenso ein Beispiel wie das Gerät Echo

von Amazon, Microsofts Cortana oder die vielen anderen mündlichen und schriftlichen

Sprachautomaten, die es inzwischen gibt. Der Informationsphilosoph Luciano Floridi ist der

Meinung, dass mit der Digitalisierung eine vierte kulturelle Revolution einhergeht, die das

Selbstverständnis des Menschen so grundlegend wandeln wird wie schon die drei

25 Revolutionen zuvor: die Kopernikanische Revolution, nach der sich der Mensch auf seiner

Erde nicht mehr im Zentrum des Universums sehen kann; die Darwin-Revolution, die dem

Menschen auch seine Sonderstellung in der Natur genommen hat; und die Revolution, die sich

mit Freud, der Verhaltenspsychologie und den Neurowissenschaften verbindet. Mit dieser

Revolution ist dem Menschen auch die Hoffnung genommen worden, zumindest die Herrschaft

30 im eigenen Oberstübchen innezuhaben, seine Psyche und seine Handlungen also vollständig

durch Introspektion verstehen zu können. Nach der vierten Revolution schließlich, der der

intelligenten Maschinen, wird dem Menschen nun auch noch das letzte Bisschen seines

humanen Selbstverständnisses genommen, seine Intelligenz, und mit ihr die verschiedenen

Ausprägungen intelligenten Verhaltens, etwa das Kommunizieren in natürlicher Sprache.

35 Wenn nun also nicht mehr nur Menschen in natürlicher Sprache kommunizieren, sondern auch

Maschinen mit dem Menschen und womöglich sogar Maschinen untereinander, stellt sich die

Frage, wie sich dies langfristig auf den Sprachwandel auswirken mag. Ich meine, dass es vier

verschiedene Konstellationen zu beachten gilt:

1. Unterstützte menschliche Kommunikation:

40 Dies ist schon heute beim Schreiben auf Smartphones weit verbreitet. Der Rechner macht

Wortvorschläge, entweder zur Vervollständigung einer Zeichensequenz oder für das

nächste Wort im Text. Damit wird ein Bias 3 zur Verwendung bestimmter Wörter erzeugt

und zur Nicht-Verwendung anderer. Wörter, die nicht im Smartphone-Wörterbuch

enthalten sind, werden möglicherweise tendenziell vermieden, genauso wie

45 grammatische Konstruktionen, die von einem System nicht durch Wortvorschläge

unterstützt werden.

Was wir bislang beim Tippen auf Smartphones erleben, dürfte beim unterstützten

Schreiben erst der Anfang sein. Microsoft etwa arbeitet an Systemen, die das Schreiben

in einer Fremdsprache unterstützen oder Umformulierungen vorschlagen. Ist so etwas

50 erst einmal in Word & Co. integriert, dürfte eine Auswirkung auf die Schriftsprache

offensichtlich werden. Schon heute sind gewisse Folgen der computervermittelten

Kommunikation festzustellen, wie etwa Christa Dürscheid 4 und Karina Frick 5 in ihrem

Buch „Schreiben digital“ zeigen.

2. Kommunikation mit virtuellen Systemen:

55 Damit sind Systeme wie das neue Google Home, Amazon Echo oder Microsoft Cortana

gemeint. Derartige Systeme verfügen bislang über eine Sprachkompetenz, die nicht

situationsbezogen ist. Dies betrifft sowohl die wahrnehmbare Situation, in der

kommuniziert wird (was einen gerade umgibt), als auch die diskursive Situation (was

bereits vorher gesagt worden ist). Trotzdem prägen auch diese Systeme die

60 Kommunikation mit dem Menschen, und zwar im umgekehrten Sinne: Bauen wir nämlich

Erfahrung darin auf, was solche Systeme verstehen (im lexikalischen und grammatischen

Sinne), dann stellen wir uns nach und nach darauf ein – so sind wir Menschen nun einmal

gestrickt. Bestimmte Wörter und Konstruktionen meiden wir, andere benutzen wir

bevorzugt. Dadurch wird beim Menschen eine kognitive Verstärkung bewirkt, die man

65 Entrenchment 6 nennt. Und diese wiederum bewirkt längerfristig einen sprachlichen

Wandel. Zwar dürfte all das noch keine Rolle spielen mit den paar sprachfähigen Geräten,

die uns demnächst umgeben werden. Wenn man aber bedenkt, dass vor gerade einmal

zehn Jahren das iPhone als erstes Smartphone im heutigen Sinne auf den Markt

gekommen ist, vermag ich mir nicht vorzustellen, was mit virtuellen sprachlichen

70 Systemen in zehn Jahren alles möglich sein wird.

3. Kommunikation mit intelligenten Robotern:

Auch wenn dies immer noch besonders futuristisch erscheint, so handelt es sich dabei

doch um eine Computerlinguistik-Anwendung, an der seit mehr als 40 Jahren gearbeitet

wird. Schon bei den ersten halbwegs intelligenten Robotern, ob real oder simuliert (etwa

75 Shakey oder SHRDLU 7), war eine natürlichsprachliche Schnittstelle integraler Bestandteil.

Ganz anders als bei virtuellen Systemen sind Roboter in eine reale Situation eingebettet,

müssen sehen und agieren können, was sich auch in der Sprachnutzung niederschlägt.

Idealerweise sollten intelligente Roboter auf kurze Hinweise und Anweisungen reagieren

können, was die Sprachnutzung im Handlungszusammenhang beeinflusst. Sind wir erst

80 einmal von Servicerobotern im Alltag umgeben, dürfte daraus ein spezifischer

sprachlicher Anweisungsstil, womöglich ein moderner „Sklavenhalterstil“ hervorgehen,

wie ihn Menschen untereinander (hoffentlich) nicht verwenden würden. Auch dies dürfte

einen Impuls für einen zumindest partiellen Sprachwandel darstellen.

4. Kommunikation intelligenter Systeme untereinander:

85 Auch für diesen Fall gibt es bereits Erkenntnisse: Vor kurzem ging ein Forschungsbericht

durch die Wissenschaftsmedien, in dem es um zwei Software-Agenten der Facebook-

Forschung ging, die in natürlicher Sprache miteinander verhandeln können. Eigentlich

sollten diese Agenten mit Menschen in Chats interagieren, sie wurden aber testweise

auch auf ihresgleichen losgelassen. Da es von den Programmierern versäumt worden

90 war, die Verwendung von wohlgeformtem Englisch bei den sprachlichen Äußerungen zu

fixieren, bildeten diese Verhandlungschatbots 8 nach und nach ihre eigene Sprache aus,

ohne sich weiter um Grammatik und Lexik der englischen Sprache zu scheren. Aussagen

wie „i i can i i i everything else“ erhielten dabei eine klare Funktion und Bedeutung, die

sich aufgrund des inzwischen erfolgten Abstimmungs- und Lernprozesses der Systeme

95 selbst kaum von ihren Programmierern entschlüsseln ließ.

Ähnliches hatte bereits vor einigen Jahren der belgische KI-Forscher Luc Steels erreicht.

In seinem „Talking Heads“-Experiment entwickelten Roboter durch verschiedene

Sprachspiele ihr eigenes Vokabular und ihre eigene Grammatik. Steels wollte damit auch

einen Beitrag leisten zum Verständnis der Sprachentwicklung überhaupt, insbesondere

100 zu der klassischen Frage, wie sprachliche Symbole ihre intersubjektive Bedeutung

erhalten haben. Dass die Kommunikation intelligenter Systeme untereinander einmal

einen Einfluss auf den Sprachwandel menschlicher Sprachen haben wird, bezweifle ich.

Die Betrachtung dieser Art des Sprachwandels aber bildet eine wichtige Quelle zum

Verständnis des Sprachwandels in menschlichen Gemeinschaften.

105 Sprachwandel ist nach einem halben Jahrhundert Abstinenz wieder zu einem großen Thema

der Sprachwissenschaft geworden. Anders als früher wird dieser heute anhand großer digitaler

Korpora untersucht. Für viele Bereiche der computervermittelten oder computerbeeinflussten

Sprachverwendung existieren allerdings noch keine Referenzkorpora. Es steht zu erwarten,

dass wir das Signal der Digitalisierung in den Daten bald deutlicher werden erkennen können.

Lobin, Henning (10.08.2017): Sprachwandel durch intelligente Maschinen? spektrum.de; <https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/sprachwandel-durch-intelligente-maschinen/> 15.05.2020

Nutzung genehmigt, Spektrum der Wissenschaft Verlags GmbH

Henning Lobin (*1964) ist Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim.

Anmerkungen

1 Im Jahr 2020 erschien „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“ in der 28., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage. Der Artikel bezieht sich auf die 27. Auflage, die im August 2017 erschien.

2 Im Jahr 2019 wurde das Produkt „Google Home“ umbenannt in „Google Nest“.

3 Bias: etwa: verfälschende Beeinflussung.

4 Christa Dürscheid ist Professorin für Deutsche Sprache mit Schwerpunkt Gegenwartssprache an der Universität Zürich.

5 Karina Frick lehrt und forscht als Sprachwissenschaftlerin in Zürich.

6 Entrenchment: etwa: Verankerung.

7 Shakey: ein 1969 entwickelter Roboter, der Sprachbefehle analysieren und Handlungen daraus ableiten konnte. SHRDLU: ein 1970 entwickeltes Computerprogramm, das Sprachverständnis und die Simulation planvoller Tätigkeiten miteinander verband.

8 Chatbots: elektronische Dialogsysteme, die natürliche Chatteilnehmer imitieren.

1.

Analysieren Sie den Text „Sprachwandel durch intelligente Maschinen?“ von Henning Lobin. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention. ca. 70 %

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Henning Lobin: Sprachwandel durch intelligente Maschinen? (2017)

In dieser Woche ist der neue Rechtschreibduden erschienen. 1 Einen Tag zuvor war der Verkaufsstart von Google Home 2, dem „intelligenten Lautsprecher“ mit Sprachfunktion. Zwei Ereignisse ohne Zusammenhang? Nein. Beide haben etwas mit Sprachwandel zu tun – dem realen, heutigen, und dem virtuellen, zukünftigen.

Sprachwandel kann viele Ursachen haben: kulturelle Einflüsse, Migration, Sprachkontakt,

Medien, Bildungsprozesse oder sprachsystembedingte Faktoren etwa. Der Duden

dokumentiert diesen Wandel für den Wortbestand des Deutschen. Die gerade erschienene 27.

Auflage dieses Wörterbuchs, dessen Verlag „Bibliografisches Institut“ inzwischen zur

5 Cornelsen-Gruppe gehört, hat eine große Welle in den Medien nach sich gezogen mit den

5.000 Wörtern, die neu aufgenommen wurden. Gleichzeitig sind auch viele Wörter gegenüber

der 26. Auflage verschwunden, „Jahr-2000-fähig“ etwa. Bei manchen Wörtern ändern sich

auch die Angaben zur Deklination oder Konjugation, zum Kasus, den ein Wort von einem

anderen fordert, oder zur Bedeutung. All das lässt den kontinuierlichen Wandel, dem jede

10 Sprache unterliegt, erkennbar werden, zumindest den Teil des Sprachwandels, der sich im

Wortgebrauch manifestiert. Wandel im Bereich der Grammatik und der Sprachverwendung ist

schwerer und vor allem nur langfristiger beizukommen. Aber auch diesen gibt es heute – die

Diskussion um das „Kiezdeutsch“, das die Potsdamer Germanistin Heike Wiese in ihrem

gleichnamigen Buch beschrieben hat („Machst du rote Ampel!“), hat sich um diese Ebenen

15 des Sprachsystems gedreht.

Bislang war der Sprachwandel immer von Menschen herbeigeführt worden, manchmal

bewusst durch Sprachkritiker oder Grammatiker, zumeist jedoch unbewusst infolge unzähliger

Kommunikationsereignisse in einer Sprachgemeinschaft und im Kontakt mit anderen

Sprachgemeinschaften. Erstmals jedoch wird seit einigen Jahren die menschliche Sprache

20 auch von Maschinen genutzt, Google Home ist dafür ebenso ein Beispiel wie das Gerät Echo

von Amazon, Microsofts Cortana oder die vielen anderen mündlichen und schriftlichen

Sprachautomaten, die es inzwischen gibt. Der Informationsphilosoph Luciano Floridi ist der

Meinung, dass mit der Digitalisierung eine vierte kulturelle Revolution einhergeht, die das

Selbstverständnis des Menschen so grundlegend wandeln wird wie schon die drei

25 Revolutionen zuvor: die Kopernikanische Revolution, nach der sich der Mensch auf seiner

Erde nicht mehr im Zentrum des Universums sehen kann; die Darwin-Revolution, die dem

Menschen auch seine Sonderstellung in der Natur genommen hat; und die Revolution, die sich

mit Freud, der Verhaltenspsychologie und den Neurowissenschaften verbindet. Mit dieser

Revolution ist dem Menschen auch die Hoffnung genommen worden, zumindest die Herrschaft

30 im eigenen Oberstübchen innezuhaben, seine Psyche und seine Handlungen also vollständig

durch Introspektion verstehen zu können. Nach der vierten Revolution schließlich, der der

intelligenten Maschinen, wird dem Menschen nun auch noch das letzte Bisschen seines

humanen Selbstverständnisses genommen, seine Intelligenz, und mit ihr die verschiedenen

Ausprägungen intelligenten Verhaltens, etwa das Kommunizieren in natürlicher Sprache.

35 Wenn nun also nicht mehr nur Menschen in natürlicher Sprache kommunizieren, sondern auch

Maschinen mit dem Menschen und womöglich sogar Maschinen untereinander, stellt sich die

Frage, wie sich dies langfristig auf den Sprachwandel auswirken mag. Ich meine, dass es vier

verschiedene Konstellationen zu beachten gilt:

1. Unterstützte menschliche Kommunikation:

40 Dies ist schon heute beim Schreiben auf Smartphones weit verbreitet. Der Rechner macht

Wortvorschläge, entweder zur Vervollständigung einer Zeichensequenz oder für das

nächste Wort im Text. Damit wird ein Bias 3 zur Verwendung bestimmter Wörter erzeugt

und zur Nicht-Verwendung anderer. Wörter, die nicht im Smartphone-Wörterbuch

enthalten sind, werden möglicherweise tendenziell vermieden, genauso wie

45 grammatische Konstruktionen, die von einem System nicht durch Wortvorschläge

unterstützt werden.

Was wir bislang beim Tippen auf Smartphones erleben, dürfte beim unterstützten

Schreiben erst der Anfang sein. Microsoft etwa arbeitet an Systemen, die das Schreiben

in einer Fremdsprache unterstützen oder Umformulierungen vorschlagen. Ist so etwas

50 erst einmal in Word & Co. integriert, dürfte eine Auswirkung auf die Schriftsprache

offensichtlich werden. Schon heute sind gewisse Folgen der computervermittelten

Kommunikation festzustellen, wie etwa Christa Dürscheid 4 und Karina Frick 5 in ihrem

Buch „Schreiben digital“ zeigen.

2. Kommunikation mit virtuellen Systemen:

55 Damit sind Systeme wie das neue Google Home, Amazon Echo oder Microsoft Cortana

gemeint. Derartige Systeme verfügen bislang über eine Sprachkompetenz, die nicht

situationsbezogen ist. Dies betrifft sowohl die wahrnehmbare Situation, in der

kommuniziert wird (was einen gerade umgibt), als auch die diskursive Situation (was

bereits vorher gesagt worden ist). Trotzdem prägen auch diese Systeme die

60 Kommunikation mit dem Menschen, und zwar im umgekehrten Sinne: Bauen wir nämlich

Erfahrung darin auf, was solche Systeme verstehen (im lexikalischen und grammatischen

Sinne), dann stellen wir uns nach und nach darauf ein – so sind wir Menschen nun einmal

gestrickt. Bestimmte Wörter und Konstruktionen meiden wir, andere benutzen wir

bevorzugt. Dadurch wird beim Menschen eine kognitive Verstärkung bewirkt, die man

65 Entrenchment 6 nennt. Und diese wiederum bewirkt längerfristig einen sprachlichen

Wandel. Zwar dürfte all das noch keine Rolle spielen mit den paar sprachfähigen Geräten,

die uns demnächst umgeben werden. Wenn man aber bedenkt, dass vor gerade einmal

zehn Jahren das iPhone als erstes Smartphone im heutigen Sinne auf den Markt

gekommen ist, vermag ich mir nicht vorzustellen, was mit virtuellen sprachlichen

70 Systemen in zehn Jahren alles möglich sein wird.

3. Kommunikation mit intelligenten Robotern:

Auch wenn dies immer noch besonders futuristisch erscheint, so handelt es sich dabei

doch um eine Computerlinguistik-Anwendung, an der seit mehr als 40 Jahren gearbeitet

wird. Schon bei den ersten halbwegs intelligenten Robotern, ob real oder simuliert (etwa

75 Shakey oder SHRDLU 7), war eine natürlichsprachliche Schnittstelle integraler Bestandteil.

Ganz anders als bei virtuellen Systemen sind Roboter in eine reale Situation eingebettet,

müssen sehen und agieren können, was sich auch in der Sprachnutzung niederschlägt.

Idealerweise sollten intelligente Roboter auf kurze Hinweise und Anweisungen reagieren

können, was die Sprachnutzung im Handlungszusammenhang beeinflusst. Sind wir erst

80 einmal von Servicerobotern im Alltag umgeben, dürfte daraus ein spezifischer

sprachlicher Anweisungsstil, womöglich ein moderner „Sklavenhalterstil“ hervorgehen,

wie ihn Menschen untereinander (hoffentlich) nicht verwenden würden. Auch dies dürfte

einen Impuls für einen zumindest partiellen Sprachwandel darstellen.

4. Kommunikation intelligenter Systeme untereinander:

85 Auch für diesen Fall gibt es bereits Erkenntnisse: Vor kurzem ging ein Forschungsbericht

durch die Wissenschaftsmedien, in dem es um zwei Software-Agenten der Facebook-

Forschung ging, die in natürlicher Sprache miteinander verhandeln können. Eigentlich

sollten diese Agenten mit Menschen in Chats interagieren, sie wurden aber testweise

auch auf ihresgleichen losgelassen. Da es von den Programmierern versäumt worden

90 war, die Verwendung von wohlgeformtem Englisch bei den sprachlichen Äußerungen zu

fixieren, bildeten diese Verhandlungschatbots 8 nach und nach ihre eigene Sprache aus,

ohne sich weiter um Grammatik und Lexik der englischen Sprache zu scheren. Aussagen

wie „i i can i i i everything else“ erhielten dabei eine klare Funktion und Bedeutung, die

sich aufgrund des inzwischen erfolgten Abstimmungs- und Lernprozesses der Systeme

95 selbst kaum von ihren Programmierern entschlüsseln ließ.

Ähnliches hatte bereits vor einigen Jahren der belgische KI-Forscher Luc Steels erreicht.

In seinem „Talking Heads“-Experiment entwickelten Roboter durch verschiedene

Sprachspiele ihr eigenes Vokabular und ihre eigene Grammatik. Steels wollte damit auch

einen Beitrag leisten zum Verständnis der Sprachentwicklung überhaupt, insbesondere

100 zu der klassischen Frage, wie sprachliche Symbole ihre intersubjektive Bedeutung

erhalten haben. Dass die Kommunikation intelligenter Systeme untereinander einmal

einen Einfluss auf den Sprachwandel menschlicher Sprachen haben wird, bezweifle ich.

Die Betrachtung dieser Art des Sprachwandels aber bildet eine wichtige Quelle zum

Verständnis des Sprachwandels in menschlichen Gemeinschaften.

105 Sprachwandel ist nach einem halben Jahrhundert Abstinenz wieder zu einem großen Thema

der Sprachwissenschaft geworden. Anders als früher wird dieser heute anhand großer digitaler

Korpora untersucht. Für viele Bereiche der computervermittelten oder computerbeeinflussten

Sprachverwendung existieren allerdings noch keine Referenzkorpora. Es steht zu erwarten,

dass wir das Signal der Digitalisierung in den Daten bald deutlicher werden erkennen können.

Lobin, Henning (10.08.2017): Sprachwandel durch intelligente Maschinen? spektrum.de; <https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/sprachwandel-durch-intelligente-maschinen/> 15.05.2020

Nutzung genehmigt, Spektrum der Wissenschaft Verlags GmbH

Henning Lobin (*1964) ist Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim.

Anmerkungen

1 Im Jahr 2020 erschien „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“ in der 28., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage. Der Artikel bezieht sich auf die 27. Auflage, die im August 2017 erschien.

2 Im Jahr 2019 wurde das Produkt „Google Home“ umbenannt in „Google Nest“.

3 Bias: etwa: verfälschende Beeinflussung.

4 Christa Dürscheid ist Professorin für Deutsche Sprache mit Schwerpunkt Gegenwartssprache an der Universität Zürich.

5 Karina Frick lehrt und forscht als Sprachwissenschaftlerin in Zürich.

6 Entrenchment: etwa: Verankerung.

7 Shakey: ein 1969 entwickelter Roboter, der Sprachbefehle analysieren und Handlungen daraus ableiten konnte. SHRDLU: ein 1970 entwickeltes Computerprogramm, das Sprachverständnis und die Simulation planvoller Tätigkeiten miteinander verband.

8 Chatbots: elektronische Dialogsysteme, die natürliche Chatteilnehmer imitieren.

2.

Setzen Sie sich auf der Grundlage Ihres Wissens über Sprachwandel mit der Frage auseinander, inwiefern intelligente Maschinen den Sprachwandel vorantreiben. ca. 30 %

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