Abitur Schleswig-Holstein Deutsch 2022 · LK · Funktion von Sprache für Integration und Identifikation
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, LK · Funktion von Sprache für Integration und Identifikation: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Material
Irene Götz: Sprache und Diskriminierung. Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen! (2017)
Die Startrainer des FC Bayern aus Spanien oder Italien sind berühmt für ihre
Pressekonferenzen: komplett unverständlich Pep Guardiola, zum Kult geworden,
kabarettreif, der Wutausbruch eines seiner Vorgänger, Giovanni Trappatoni: „Was erlaube
Strunz. Ich habe fertig.“
5 Was man den erfolgreichen Prominenten nachsieht, was etwa an den Universitäten gang
und gäbe ist, dass das Deutsche den internationalen Gastwissenschaftlern nach ein oder
zwei Jahren kaum zum Brötchen kaufen reicht, weil sich Englisch als Lingua franca bewährt
hat, das wird für weniger privilegierte Gruppen von Einwanderern zum „Integrationshindernis“
erklärt. Wenn sich diese nicht sofort um den Erwerb der deutschen Sprache kümmern
10 (können), kann das nach dem aktuell auf den Weg gebrachten Integrationsgesetz das
Aufenthaltsrecht gefährden, beziehungsweise sie können erst gar nicht einreisen, wie etwa
Heiratsmigranten aus den meisten sogenannten Drittstaaten, die nicht zuvor in ihrem
Heimatland einen Sprachnachweis erbringen.
Dies gilt aber laut Zuwanderungsgesetz nur für solche, die nicht aus den USA, Japan,
15 England und anderen Ländern kommen, denen freiwilliger Spracherwerb unterstellt wird.
Die Rolle von Sprache wird in unserer Gesellschaft diskriminiert. Dies gilt nicht nur für die
unterschiedliche Kompetenz im Deutschen, die bereits in den Grundschulen für diejenigen
Einwandererkinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammen, den weiteren
Bildungsweg vorsortiert. Sprache ist hier bereits im Vorschulalter ein soziales
20 Distinktionsmerkmal, das angesichts der zu geringen Plätze für Kleinkinderbetreuung die
Chancenungleichheit in Deutschland und die soziale Spaltung für die Zukunft von
Generationen fortschreibt, und dies nicht erst, seitdem eine große Anzahl von geflüchteten
Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter Lehrer und Schulen vor neue
Herausforderungen stellt.
25 Es ist und bleibt ein Problem angesichts von Facharbeitermangel und
Überalterungsszenarien, wenn eine frühkindliche sprachliche und dann bildungsmäßige
Schlechterstellung in die entsprechend prekäre Berufsentwicklung weiter mitgeschleppt wird.
Fehlende Deutschkenntnisse führen auch zu fehlender Teilhabe.
Die Kosten für intensive Sprachförderung im Kindergarten- und Schulalter amortisieren sich
30 langfristig, oder aber, im Gegenteil, sie führen zu Folgekosten der Daueralimentierung eines
neuen Sprachprekariats, das ohne ausreichende Beherrschung des Deutschen nicht nur,
aber insbesondere Einwanderer in manchen Stadtteilen schon lange abhängt. Diese
Situation wird mittelfristig keinesfalls besser, wenn hier nicht von Seiten der Kommunen und
Länder Geld in die Hand genommen wird: für den Ausbau der Kitas und Schulen sowie vor
35 allem für die Nachrüstung derselben durch Lehrkräfte, die in kleinen Klassen mit Zeit und
Geduld Deutsch als Fremdsprache unterrichten können.
Die Rolle von Sprache in unserer Gesellschaft diskriminiert jedoch nicht nur entlang dieser
bildungs- und familienpolitisch mit Geld und gutem Willen (von beiden Seiten, Politik und
Zuwandererfamilien sind gefragt!) verringerbaren sozialen Gräben, wo Sprachkompetenz die
40 Kompetenz meint, sich im Bildungssystem und damit mit den Standards von Wissen
gleichberechtigt, mit gleichen Chancen in unserer Gesellschaft bewegen zu können.
Diese Diskriminierung von Sprache und Sprechern meint nicht nur, dass man den auf Zeit
zugewanderten Kosmopoliten und gemeinhin bestimmten Landsleuten wie den Franzosen,
Spaniern, Engländern und US-Amerikanern hierzulande keine Sprachnachweise abverlangt,
45 sondern Diskriminierung meint eben auch, dass nicht alle Einwanderergruppen die gleichen
Startbedingungen im Erlernen der deutschen Sprache durch eine entsprechende
Beschulung erhalten.
Diese Rolle von Sprache als Verständigungswerkzeug und Bildungsinstrument betrifft ein
modernes, aufgeklärtes Verständnis von Integration in einer Öffentlichkeit, die trotz EU und
50 globalisierter Medien in vielen Teilen noch im nationalstaatlichen Rahmen stattfindet.
Teilhabe aller Bürger an gesellschaftlicher Gestaltung und öffentlichen Debatten setzt eine
gemeinsame Verkehrssprache voraus, die zugleich auch die Sprache der Institutionen und
Schulen, Ämter und Medien ist, ohne die eine kritische Öffentlichkeit und demokratische
Debattenkultur nicht möglich wäre.
55 Sprache diskriminiert darüber hinaus auch in einer subtileren, weniger offensichtlichen
Dimension. Insofern, als ihr in einer nationalromantischen Tradition eine „wesenhafte“ Rolle
für die „nationale Identität“ im Sinne einer Homogenisierung der Gesellschaft und Kultur
zugeschrieben wird. Nur wer akzentfrei Deutsch spreche, so gab ein großer Prozentsatz von
Befragten in der Berliner Migrationsstudie von 2015 an, könne wirklich Deutscher sein.
60 Dies verkennt die Gegebenheiten von Einwanderungsgesellschaften, in denen die
Landessprache zunächst Verkehrssprache ist. Ein funktionales Instrument der
Verständigung, ein Mittel, um sich in einer (neuen) Gesellschaft mit deren Institutionen und
Menschen zu orientieren, sich auszutauschen, dann aber auch sich deren kulturelles Erbe
anzueignen: Bücher, Bildung, Geschichten und Geschichte. Also ist Sprache doch weit mehr
65 als ein solches Werkzeug, Schlüssel zu der oft beschworenen „nationalen Identität“?
Ja und Nein. Schriftsteller im Exil leiden bekanntlich darunter, sich in einem Umfeld bewegen
zu müssen, das ihre Muttersprache nicht versteht – Thomas Mann ist ein berühmtes Beispiel
dafür. Als Schriftsteller sind sie besonders auf deren differenzierte, nur einem
Muttersprachler zur Verfügung stehende Feinheiten, sich ausdrücken zu können,
70 angewiesen. Dies gilt auch für all jene, die weniger mit der Sprache arbeiten, aber sich in
einer neuen Umwelt ihrer vertrauten Sprechgemeinschaft beraubt sehen und all die Dinge
vermissen, die durch ihre Muttersprache oft unübersetzbar eine besondere Bedeutung für sie
haben.
Hier zeigt sich: Sprache hat viel mit der persönlichen Identität zu tun, mit den Sprachbildern
75 der Kindheit, auch mit der Differenziertheit des Denkens, das stets durch die jeweilige
Semantik und Grammatik der Sprache mit konstruiert wird. Die Spezifik einer eigenen Kultur
lebt und entsteht im sprachlichen Ausdruck. Die Muttersprache ist ein besonders feines
Werkzeug des Aneignens der Welt. Dies steht außer Frage.
Daraus wurde und wird gegenwärtig jedoch im Sinne eines aus dem späten 18. und dem 19.
80 Jahrhundert stammenden Nationalismus Weitreichendes abgeleitet: Sprache wird hier, wie
es der Historiker Thomas Nipperdey einmal ausdrückte, als unmittelbarer „Schlüssel zum
Geist des Volkes“ verstanden, als vordringlichstes Merkmal und Kern einer angeblich
unveränderbaren „ethno-nationalen Identität“.
Diese Volksgeist-Vorstellungen, wie sie Johann Gottfried Herder oder die Brüder Grimm
85 verbreiteten, waren Teil der in ganz Europa sich vollziehenden Nationalbewegungen: Von
Lettland bis Serbien, Schottland bis Katalonien entwickelten die Dichter und Denker im 19.
Jahrhundert ihre emanzipatorischen Vorstellungen von einer aus den Großreichen
herausgelösten eigenen Nation, die sie an der sogenannten Volkssprache und Volksdichtung
festmachten.
Eine solche eigene Nationalsprache, die zunächst vor allem eine Sprache des „einfachen
90 Volkes“ war, sollte gepflegt und durch entsprechende Nationaldichtung als Grundlage und
Legitimationsbasis nationaler Einigung aufgewertet und verbreitet werden. Aus dieser Zeit
stammt die Vorstellung der Exklusivität eines Volkes, das sich als vordringlichstes Merkmal
durch eine gemeinsame Sprache auszeichne, eines Volkes, das nun auch eine eigene
Staatlichkeit erhalten müsse.
95 Diese herausragende Bedeutung, die Sprache zur Bestimmung von „Ethnizität“ auch heute
noch zugeschrieben wird, entstammt jedenfalls einem in dieser Form irrationalen,
antiaufklärerischen Denken, das dem modernen Nationsverständnis zuwiderläuft, das den
Nationalstaat als Gemeinschaft freier und gleicher Bürger mit entsprechenden Rechten und
Pflichten konzipiert.
100 In der Überhöhung der Bedeutung von Sprache als direkter Zugang zum „Volksgeist“ ist
jedenfalls kein Platz für die eher nüchterne Vorstellung einer gelebten Zwei- oder
Mehrsprachigkeit, einem Nebeneinander von kontextspezifischer Nutzung von Sprache als
Kommunikationsmittel in einem multikulturellen Alltag, der gerade in den Großreichen vor der
Zeit der Nationalstaatsgründungen gar nicht so schlecht funktioniert hat. Unter Verkennung
105 dieser gelebten Mehrsprachigkeit hat insbesondere dann in der Zeit des Nationalsozialismus
die irrige Vorstellung, dass Sprachgrenzen immer auch eindeutige Kultur- und vor allem
Territorialgrenzen markieren (sollten), als Vorwand für die Eroberungsfeldzüge und
ethnischen Säuberungen gedient.
In gewisser Weise hat sich die große Bedeutung, nach der primär die Muttersprache die
110 Volkszugehörigkeit ausmacht, bis heute im Alltagswissen erhalten. Die in den aktuellen
Debatten verwendeten Argumentationsfiguren, die das Erlernen der deutschen Sprache
durchaus vernünftig und pragmatisch als Eintrittsbillett in die deutsche Gesellschaft und als
Integrationsvoraussetzung begreifen, sind nicht zuletzt häufig auch von solchen emotionalen,
romantischen Vorstellungen unterlegt.
115 Dies ist jedenfalls immer dort der Fall, wo die Bedeutung der Sprache als Primärmerkmal
einer kulturellen Zugehörigkeit oder „ethno-nationalen Identität“ überschätzt und
essenzialisiert 1 wird. Gilt dies in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen für das
Verständnis über das Deutschsein, so trifft diese Beobachtung für die alltägliche
Wahrnehmung der „Fremden“ allemal zu: Wer (neben dem Deutschen) eine von der
120 Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ wahrgenommene Sprache, wie vor allem das Türkische
oder Arabische, spricht, kann dem Alltagsbewusstsein nach nicht „wirklich“ dazugehören, wie
Cem Özdemir 2 einmal anmerkte.
Integration ist jedenfalls dort, wo die hochemotionalen Vorstellungsmuster dieses die
Sprache überbewertenden romantischen Konzepts wirken, nicht wirklich möglich: Ein Volk
125 bleibt ein Volk, bleibt ein Volk...; durch die Muttersprache ist es exklusiv, ein wirklicher Beitritt
nur mit Einschränkungen möglich – der Akzent als nicht ablegbares Stigma des
Fremdbleibens.
Dabei werden auch hier Unterschiede gemacht: Die Sprachen der europäischen
Nachbarländer haben einen hohen Distinktionswert – Englisch, Spanisch, Französisch sind
130 in den Schulen vermittelte Zweitsprachen, kulturelles Kapital der gebildeten
kosmopolitischen Eliten. Doch wie sieht es mit Türkisch oder Polnisch aus? Auch hier
spiegeln sich althergebrachte Hierarchisierungen und Diskriminierungen.
Wechselseitige Anerkennung einer Sprachenvielfalt im Privatraum bei einer gleichzeitigen
kompetenten Nutzung einer gemeinsamen Verkehrssprache – hierzulande des Deutschen –
135 bedeutet eine zu erbringende Leistung aller. „Fordern und Fördern“ – auch die Einwanderer
sollten in diesem Sinne fordern dürfen, dass sie respektvoll und differenziert in ihrer
persönlichen Kultur und Sprache wahrgenommen werden. Und es gilt auch die
Voraussetzungen zu schaffen, dass wirklich alle Deutschkurse, an denen es schließlich
immer noch fehlt, besuchen können. Hängt man überdies die überkommene Vorstellung der
140 Muttersprache als „Identitätskern“ tiefer, ist dies ein weiterer Schritt eines unaufgeregten,
aufgeklärten Umgangs mit gelebter Mehrsprachigkeit im Alltag einer
Einwanderungsgesellschaft.
Götz, Irene (02.07.2016): Sprache und Diskriminierung. Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen! Ein Gastbeitrag. <http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sprache-und-diskriminierung-gastbeitrag-von-irene-goetz-a-1098835.html>. 11.04.2021
Irene Götz ist Professorin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 essenzialisiert: Damit ist die Reduktion auf die Sprache und damit eine Überbetonung dieses Merkmals gemeint.
2 Cem Özdemir: deutscher Politiker; von November 2008 bis Januar 2018 Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen. 1994 waren Cem Özdemir und Leyla Onur die ersten Bundestagsabgeordneten mit türkischen Eltern.
Aufgabenstellung
1. Stellen Sie den Argumentationsgang und die Intention des Textes von Irene Götz dar. ca. 40 %
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Material
Irene Götz: Sprache und Diskriminierung. Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen! (2017)
Die Startrainer des FC Bayern aus Spanien oder Italien sind berühmt für ihre
Pressekonferenzen: komplett unverständlich Pep Guardiola, zum Kult geworden,
kabarettreif, der Wutausbruch eines seiner Vorgänger, Giovanni Trappatoni: „Was erlaube
Strunz. Ich habe fertig.“
5 Was man den erfolgreichen Prominenten nachsieht, was etwa an den Universitäten gang
und gäbe ist, dass das Deutsche den internationalen Gastwissenschaftlern nach ein oder
zwei Jahren kaum zum Brötchen kaufen reicht, weil sich Englisch als Lingua franca bewährt
hat, das wird für weniger privilegierte Gruppen von Einwanderern zum „Integrationshindernis“
erklärt. Wenn sich diese nicht sofort um den Erwerb der deutschen Sprache kümmern
10 (können), kann das nach dem aktuell auf den Weg gebrachten Integrationsgesetz das
Aufenthaltsrecht gefährden, beziehungsweise sie können erst gar nicht einreisen, wie etwa
Heiratsmigranten aus den meisten sogenannten Drittstaaten, die nicht zuvor in ihrem
Heimatland einen Sprachnachweis erbringen.
Dies gilt aber laut Zuwanderungsgesetz nur für solche, die nicht aus den USA, Japan,
15 England und anderen Ländern kommen, denen freiwilliger Spracherwerb unterstellt wird.
Die Rolle von Sprache wird in unserer Gesellschaft diskriminiert. Dies gilt nicht nur für die
unterschiedliche Kompetenz im Deutschen, die bereits in den Grundschulen für diejenigen
Einwandererkinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammen, den weiteren
Bildungsweg vorsortiert. Sprache ist hier bereits im Vorschulalter ein soziales
20 Distinktionsmerkmal, das angesichts der zu geringen Plätze für Kleinkinderbetreuung die
Chancenungleichheit in Deutschland und die soziale Spaltung für die Zukunft von
Generationen fortschreibt, und dies nicht erst, seitdem eine große Anzahl von geflüchteten
Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter Lehrer und Schulen vor neue
Herausforderungen stellt.
25 Es ist und bleibt ein Problem angesichts von Facharbeitermangel und
Überalterungsszenarien, wenn eine frühkindliche sprachliche und dann bildungsmäßige
Schlechterstellung in die entsprechend prekäre Berufsentwicklung weiter mitgeschleppt wird.
Fehlende Deutschkenntnisse führen auch zu fehlender Teilhabe.
Die Kosten für intensive Sprachförderung im Kindergarten- und Schulalter amortisieren sich
30 langfristig, oder aber, im Gegenteil, sie führen zu Folgekosten der Daueralimentierung eines
neuen Sprachprekariats, das ohne ausreichende Beherrschung des Deutschen nicht nur,
aber insbesondere Einwanderer in manchen Stadtteilen schon lange abhängt. Diese
Situation wird mittelfristig keinesfalls besser, wenn hier nicht von Seiten der Kommunen und
Länder Geld in die Hand genommen wird: für den Ausbau der Kitas und Schulen sowie vor
35 allem für die Nachrüstung derselben durch Lehrkräfte, die in kleinen Klassen mit Zeit und
Geduld Deutsch als Fremdsprache unterrichten können.
Die Rolle von Sprache in unserer Gesellschaft diskriminiert jedoch nicht nur entlang dieser
bildungs- und familienpolitisch mit Geld und gutem Willen (von beiden Seiten, Politik und
Zuwandererfamilien sind gefragt!) verringerbaren sozialen Gräben, wo Sprachkompetenz die
40 Kompetenz meint, sich im Bildungssystem und damit mit den Standards von Wissen
gleichberechtigt, mit gleichen Chancen in unserer Gesellschaft bewegen zu können.
Diese Diskriminierung von Sprache und Sprechern meint nicht nur, dass man den auf Zeit
zugewanderten Kosmopoliten und gemeinhin bestimmten Landsleuten wie den Franzosen,
Spaniern, Engländern und US-Amerikanern hierzulande keine Sprachnachweise abverlangt,
45 sondern Diskriminierung meint eben auch, dass nicht alle Einwanderergruppen die gleichen
Startbedingungen im Erlernen der deutschen Sprache durch eine entsprechende
Beschulung erhalten.
Diese Rolle von Sprache als Verständigungswerkzeug und Bildungsinstrument betrifft ein
modernes, aufgeklärtes Verständnis von Integration in einer Öffentlichkeit, die trotz EU und
50 globalisierter Medien in vielen Teilen noch im nationalstaatlichen Rahmen stattfindet.
Teilhabe aller Bürger an gesellschaftlicher Gestaltung und öffentlichen Debatten setzt eine
gemeinsame Verkehrssprache voraus, die zugleich auch die Sprache der Institutionen und
Schulen, Ämter und Medien ist, ohne die eine kritische Öffentlichkeit und demokratische
Debattenkultur nicht möglich wäre.
55 Sprache diskriminiert darüber hinaus auch in einer subtileren, weniger offensichtlichen
Dimension. Insofern, als ihr in einer nationalromantischen Tradition eine „wesenhafte“ Rolle
für die „nationale Identität“ im Sinne einer Homogenisierung der Gesellschaft und Kultur
zugeschrieben wird. Nur wer akzentfrei Deutsch spreche, so gab ein großer Prozentsatz von
Befragten in der Berliner Migrationsstudie von 2015 an, könne wirklich Deutscher sein.
60 Dies verkennt die Gegebenheiten von Einwanderungsgesellschaften, in denen die
Landessprache zunächst Verkehrssprache ist. Ein funktionales Instrument der
Verständigung, ein Mittel, um sich in einer (neuen) Gesellschaft mit deren Institutionen und
Menschen zu orientieren, sich auszutauschen, dann aber auch sich deren kulturelles Erbe
anzueignen: Bücher, Bildung, Geschichten und Geschichte. Also ist Sprache doch weit mehr
65 als ein solches Werkzeug, Schlüssel zu der oft beschworenen „nationalen Identität“?
Ja und Nein. Schriftsteller im Exil leiden bekanntlich darunter, sich in einem Umfeld bewegen
zu müssen, das ihre Muttersprache nicht versteht – Thomas Mann ist ein berühmtes Beispiel
dafür. Als Schriftsteller sind sie besonders auf deren differenzierte, nur einem
Muttersprachler zur Verfügung stehende Feinheiten, sich ausdrücken zu können,
70 angewiesen. Dies gilt auch für all jene, die weniger mit der Sprache arbeiten, aber sich in
einer neuen Umwelt ihrer vertrauten Sprechgemeinschaft beraubt sehen und all die Dinge
vermissen, die durch ihre Muttersprache oft unübersetzbar eine besondere Bedeutung für sie
haben.
Hier zeigt sich: Sprache hat viel mit der persönlichen Identität zu tun, mit den Sprachbildern
75 der Kindheit, auch mit der Differenziertheit des Denkens, das stets durch die jeweilige
Semantik und Grammatik der Sprache mit konstruiert wird. Die Spezifik einer eigenen Kultur
lebt und entsteht im sprachlichen Ausdruck. Die Muttersprache ist ein besonders feines
Werkzeug des Aneignens der Welt. Dies steht außer Frage.
Daraus wurde und wird gegenwärtig jedoch im Sinne eines aus dem späten 18. und dem 19.
80 Jahrhundert stammenden Nationalismus Weitreichendes abgeleitet: Sprache wird hier, wie
es der Historiker Thomas Nipperdey einmal ausdrückte, als unmittelbarer „Schlüssel zum
Geist des Volkes“ verstanden, als vordringlichstes Merkmal und Kern einer angeblich
unveränderbaren „ethno-nationalen Identität“.
Diese Volksgeist-Vorstellungen, wie sie Johann Gottfried Herder oder die Brüder Grimm
85 verbreiteten, waren Teil der in ganz Europa sich vollziehenden Nationalbewegungen: Von
Lettland bis Serbien, Schottland bis Katalonien entwickelten die Dichter und Denker im 19.
Jahrhundert ihre emanzipatorischen Vorstellungen von einer aus den Großreichen
herausgelösten eigenen Nation, die sie an der sogenannten Volkssprache und Volksdichtung
festmachten.
Eine solche eigene Nationalsprache, die zunächst vor allem eine Sprache des „einfachen
90 Volkes“ war, sollte gepflegt und durch entsprechende Nationaldichtung als Grundlage und
Legitimationsbasis nationaler Einigung aufgewertet und verbreitet werden. Aus dieser Zeit
stammt die Vorstellung der Exklusivität eines Volkes, das sich als vordringlichstes Merkmal
durch eine gemeinsame Sprache auszeichne, eines Volkes, das nun auch eine eigene
Staatlichkeit erhalten müsse.
95 Diese herausragende Bedeutung, die Sprache zur Bestimmung von „Ethnizität“ auch heute
noch zugeschrieben wird, entstammt jedenfalls einem in dieser Form irrationalen,
antiaufklärerischen Denken, das dem modernen Nationsverständnis zuwiderläuft, das den
Nationalstaat als Gemeinschaft freier und gleicher Bürger mit entsprechenden Rechten und
Pflichten konzipiert.
100 In der Überhöhung der Bedeutung von Sprache als direkter Zugang zum „Volksgeist“ ist
jedenfalls kein Platz für die eher nüchterne Vorstellung einer gelebten Zwei- oder
Mehrsprachigkeit, einem Nebeneinander von kontextspezifischer Nutzung von Sprache als
Kommunikationsmittel in einem multikulturellen Alltag, der gerade in den Großreichen vor der
Zeit der Nationalstaatsgründungen gar nicht so schlecht funktioniert hat. Unter Verkennung
105 dieser gelebten Mehrsprachigkeit hat insbesondere dann in der Zeit des Nationalsozialismus
die irrige Vorstellung, dass Sprachgrenzen immer auch eindeutige Kultur- und vor allem
Territorialgrenzen markieren (sollten), als Vorwand für die Eroberungsfeldzüge und
ethnischen Säuberungen gedient.
In gewisser Weise hat sich die große Bedeutung, nach der primär die Muttersprache die
110 Volkszugehörigkeit ausmacht, bis heute im Alltagswissen erhalten. Die in den aktuellen
Debatten verwendeten Argumentationsfiguren, die das Erlernen der deutschen Sprache
durchaus vernünftig und pragmatisch als Eintrittsbillett in die deutsche Gesellschaft und als
Integrationsvoraussetzung begreifen, sind nicht zuletzt häufig auch von solchen emotionalen,
romantischen Vorstellungen unterlegt.
115 Dies ist jedenfalls immer dort der Fall, wo die Bedeutung der Sprache als Primärmerkmal
einer kulturellen Zugehörigkeit oder „ethno-nationalen Identität“ überschätzt und
essenzialisiert 1 wird. Gilt dies in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen für das
Verständnis über das Deutschsein, so trifft diese Beobachtung für die alltägliche
Wahrnehmung der „Fremden“ allemal zu: Wer (neben dem Deutschen) eine von der
120 Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ wahrgenommene Sprache, wie vor allem das Türkische
oder Arabische, spricht, kann dem Alltagsbewusstsein nach nicht „wirklich“ dazugehören, wie
Cem Özdemir 2 einmal anmerkte.
Integration ist jedenfalls dort, wo die hochemotionalen Vorstellungsmuster dieses die
Sprache überbewertenden romantischen Konzepts wirken, nicht wirklich möglich: Ein Volk
125 bleibt ein Volk, bleibt ein Volk...; durch die Muttersprache ist es exklusiv, ein wirklicher Beitritt
nur mit Einschränkungen möglich – der Akzent als nicht ablegbares Stigma des
Fremdbleibens.
Dabei werden auch hier Unterschiede gemacht: Die Sprachen der europäischen
Nachbarländer haben einen hohen Distinktionswert – Englisch, Spanisch, Französisch sind
130 in den Schulen vermittelte Zweitsprachen, kulturelles Kapital der gebildeten
kosmopolitischen Eliten. Doch wie sieht es mit Türkisch oder Polnisch aus? Auch hier
spiegeln sich althergebrachte Hierarchisierungen und Diskriminierungen.
Wechselseitige Anerkennung einer Sprachenvielfalt im Privatraum bei einer gleichzeitigen
kompetenten Nutzung einer gemeinsamen Verkehrssprache – hierzulande des Deutschen –
135 bedeutet eine zu erbringende Leistung aller. „Fordern und Fördern“ – auch die Einwanderer
sollten in diesem Sinne fordern dürfen, dass sie respektvoll und differenziert in ihrer
persönlichen Kultur und Sprache wahrgenommen werden. Und es gilt auch die
Voraussetzungen zu schaffen, dass wirklich alle Deutschkurse, an denen es schließlich
immer noch fehlt, besuchen können. Hängt man überdies die überkommene Vorstellung der
140 Muttersprache als „Identitätskern“ tiefer, ist dies ein weiterer Schritt eines unaufgeregten,
aufgeklärten Umgangs mit gelebter Mehrsprachigkeit im Alltag einer
Einwanderungsgesellschaft.
Götz, Irene (02.07.2016): Sprache und Diskriminierung. Die sollen erst mal anständig Deutsch lernen! Ein Gastbeitrag. <http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sprache-und-diskriminierung-gastbeitrag-von-irene-goetz-a-1098835.html>. 11.04.2021
Irene Götz ist Professorin am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 essenzialisiert: Damit ist die Reduktion auf die Sprache und damit eine Überbetonung dieses Merkmals gemeint.
2 Cem Özdemir: deutscher Politiker; von November 2008 bis Januar 2018 Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen. 1994 waren Cem Özdemir und Leyla Onur die ersten Bundestagsabgeordneten mit türkischen Eltern.
Aufgabenstellung
2. Erörtern Sie, ob die Beherrschung der deutschen Sprache das entscheidende Kriterium für die Teilhabe an der heutigen deutschen Gesellschaft und Kultur ist. Beziehen Sie in Ihre Erörterung auch im Unterricht erworbenes Wissen zu Sprachvarietäten und Sprachwandel ein. ca. 60 %
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