Abitur Schleswig-Holstein Deutsch 2021 · LK · Sprachveränderungen infolge des Gebrauchs geschlechtergerechter Sprache
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Sprachveränderungen infolge des Gebrauchs geschlechtergerechter Sprache: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Ulrich Greiner: Droht uns die Sprachzensur? Ja! (2018)
Der Kampf für eine „gendergerechte" Sprache ist ein Kampf gegen die deutsche Sprache. Er ignoriert
den Unterschied zwischen dem grammatischen Geschlecht (dem Genus) und dem biologischen (dem
Sexus). Der Sachverhalt liegt so klar auf der Hand, und er ist schon derart oft unwiderleglich
beschrieben worden, dass alle, die ihn nicht wahrhaben wollen, offenbar in ideologischer Absicht
5 handeln und durch Argumente nicht erreichbar sind.
Wie erfolgreich ist dieser Kampf? An den Universitäten hat er beeindruckende Erfolge erzielt. Es gibt
Professoren, die ihren Studenten (korrekt: Studierenden) die Hausarbeit zurückgeben oder Punkte
abziehen, wenn sie in der bislang gebräuchlichen Sprache abgefasst wurde. Staatliche Institutionen
gehen immer häufiger dazu über, geschlechtsneutrale Partizipien (Auszubildende, Lehrende) oder
10 Doppelnennungen (Schülerinnen und Schüler) vorzuschreiben. Das alltägliche Reden und Schreiben
jedoch ist davon noch weitgehend unberührt. Die Muttersprache ist ein zähes Gebilde. Sie gleicht einem
vegetativen Nervensystem, das sich gegen externe Anweisungen sträubt.
Jede Sprache hat ihre spezielle grammatische Logik. Der israelische Sprachwissenschaftler Guy
Deutscher zeigt in seinem erhellenden Buch Im Spiegel der Sprache, welch unterschiedliche
15 Ausprägungen des Genus-Prinzips es gibt. Manche Sprachen haben viele Genera (sie klassifizieren die
Eigenschaften von Lebewesen und von Dingen), andere Sprachen wie das Türkische oder das
Ungarische haben überhaupt kein Genus. Im Englischen ist es nur rudimentär vorhanden, im
Deutschen gibt es gleich drei: das Messer, die Gabel, der Löffel.
Mark Twain 1, der sich redlich bemüht hat, Deutsch zu lernen, war darüber verzweifelt: „Jedes Substantiv
20 hat ein Geschlecht, und in dessen Verteilung liegt kein Sinn und kein System; deshalb muss das
Geschlecht jedes einzelnen Hauptwortes für sich auswendig gelernt werden. Es gibt keinen anderen
Weg. Zu diesem Zweck muss man das Gedächtnis eines Notizbuchs haben. Im Deutschen hat das
Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübe eines hat. Ein Baum ist männlich, seine Blüten
sind weiblich, seine Blätter sind sächlich."
25 Muss man uns Deutsche deshalb bedauern? Hätten wir Mark Twains berühmte Vorschläge 2 für eine
Verbesserung unserer Sprache beherzigen sollen? Oder ist es nicht so, dass die für Mark Twain
verwirrenden Genera einen besonderen Reichtum des Deutschen ausmachen? Einen Reichtum, der
möglicherweise in der Lyrik schönere Ergebnisse zeitigt als in Studienordnungen. [...]
Bei uns richtet sich der Kampf gegen das sogenannte generische Maskulinum, gegen „männliche"
30 Wortbildungen, die dem Sinn nach alle Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtlichkeit
einschließen. Wörter mit der Endung „-er" sind von Verben abgeleitet. Bäcker kommt von backen. Läufer
kommt von laufen. Solche Wortbildungen bezeichnen keineswegs nur Personen, „sondern auch", wie
der Sprachwissenschaftler Helmut Glück in der FAZ 3 ausgeführt hat, „Instrumente (Entsafter,
Mähdrescher), Kleidungsstücke (Büstenhalter, Hosenträger), Fahrzeuge (Laster, Frachter) und
35 allerhand anderes, zum Beispiel Paarhufer, Walzer, Patzer – all diese Wörter kann man nicht gendern".
Die Linksfraktion im Flensburger Stadtrat hat vor einiger Zeit den humoristischen Antrag eingebracht,
im Sinne der Gleichstellung zukünftig von „der/die StaubsaugerIn" und „der/die BleistiftspitzerIn" zu
reden.
Ein Problem besteht in der Tat bei Personenbezeichnungen. Im Fall eines sportlichen Wettkampfs
40 müsste man schon genauer sagen, ob jetzt Läufer oder Läuferinnen am Start sind. Das
Bürgermeisterzimmer hingegen lässt offen, ob ein Mann oder eine Frau darin sitzt. Niemand würde
„Bürgermeisterinzimmer" sagen und erst recht nicht „Bürgerinnen- und Bürgermeisterzimmer". Wenn
ich sage: „Ich gehe zum Bäcker", dann ist der Satz auch dann korrekt, wenn die Bäckerei von einer
Bäckerin geleitet wird. Ich gehe „zum Friseur", obwohl dort fast nur Friseurinnen arbeiten.
45 In all diesen Fällen sind Frauen selbstverständlich mitgemeint. Das bloße Mitmeinen jedoch ist den
Verfechtern einer „gendergerechten" Sprache zu wenig. Sie vermuten, dass die maskuline Form im
Sprecher oder Hörer (in der Sprecherin oder Hörerin) die Vorstellung nahelegt, alle Ärzte seien Männer.
So gesehen, müsste der Deutsche Ärztetag, der kürzlich stattgefunden hat, „Deutscher Ärztinnen- und
Ärztetag" heißen, und die bekannte Warnung im Fernsehen müsste man so verändern: „Zu Risiken und
50 Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker."
Abgesehen davon, dass dies zu unschönen Umständlichkeiten führt, untergräbt es unser
Sprachsystem. Der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer" verliert seinen Sinn, wenn er lautet
„Frauen sind die besseren Autofahrerinnen". Die spiegelbildliche Formulierung „Männer sind die
schlechteren Autofahrerinnen" geht schon gar nicht. Die Überschrift „Einbrecher immer dreister" ist
55 sexusneutral, legt aber die Assoziation nahe, es gehe um Männer, was insofern nicht abwegig zu sein
scheint, als das Einbrechen ein vornehmlich männlicher Beruf ist.
Selbstverständlich ist es geraten, im konkreten Fall von einer Einbrecherin, Anwältin, Ärztin,
Apothekerin oder Professorin zu sprechen. Die Sprachfeministin Luise F. Pusch allerdings sieht in dem
Suffix „-in" eine abgeleitete und somit herabsetzende Form. Sie fordert deshalb, Berufsbezeichnungen
60 generell ins Neutrum zu setzen: das Professor, das Anwalt, das Arzt.
Nun das bemitleidenswerte generische Maskulinum unter Sexismusverdacht geraten ist, gibt es
keine Unschuldsvermutung mehr, und das „Gendern" nimmt seinen Lauf. Doris Wastl-Walter, die
„Vizerektorin Qualität, Nachhaltigkeit und Gleichstellung" der Universität Bern, schreibt in ihrer Anleitung
für eine „geschlechtergerechte Sprache": „Mit der Argumentation, geschlechtergerechte Sprache sei
65 umständlich und unlesbar, wird nach wie vor das so genannte ‚generische Maskulinum' verteidigt. Es
wird mit dem Argument zu stützen versucht, dass Frauen bei männlichen Personenbezeichnungen
immer mitgemeint seien, weil männliche Wortformen eine allgemeine (‚generische'), geschlechtsübergreifende
Bedeutung hätten. Diese Sicht ist unzutreffend. Beim Lesen und Hören
männlicher Personenbezeichnungen werden Frauen nicht gleichberechtigt gedanklich einbezogen."
70 Die Vizerektorin bezieht sich auf Artikel 22 des Reglements für Gleichstellung der Universität Bern, wo
es heißt: „Im allgemeinen Schriftverkehr, in Urkunden sowie in Rechts- und Verwaltungsvorschriften der
Universität Bern werden entweder geschlechtsneutrale Bezeichnungen oder die weibliche und die
männliche Sprachform verwendet." Um dem zu entsprechen, legt Wastl-Walter einen Katalog von
Sprachregelungen vor. Sie folgen dem Prinzip der Abstraktion (die Lehrkräfte – nicht Lehrer, die
75 Spielerinnen des Nationalteams – nicht der Nationalmannschaft) und der Neutralisierung (die
Dozierenden, die Studierenden).
Nun ist schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht worden, dass Partizipien eine andere Bedeutung
haben als die parallelen Substantive. Ein Dozierender ist jemand, der in einer bestimmten Situation
doziert, obwohl er vielleicht gar nicht den Beruf des Dozenten ausübt. Man wird mit dieser Ungenauigkeit
80 offenbar leben müssen – es sei denn, man verfahre wie die Universität Leipzig, deren Sprachregelungen
vorschreiben, nur noch die weiblichen Bezeichnungen zu verwenden. Mit „Professorinnen" sind alle
gemeint, auch die männlichen Professorinnen.
Mit solchen Absurditäten jedoch ist der Weg des „Genderns" noch nicht an sein bitteres Ende gelangt.
Das Geschlecht eines Menschen nämlich, so die herrschende Theorie, ist kein biologisches Faktum,
85 sondern eine soziale Konstruktion. Folglich gibt es viele „Gender". Die Abkürzung LSBTTIQ zum
Beispiel steht laut Wikipedia „für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender,
intersexuelle und queere Menschen." Wo sollen diese Menschen genusmäßig hin?
In der an vielen Stellen eingeübten Schreibweise „die Professoren und Professorinnen" oder „die
ProfessorInnen" kommen sie ja nicht vor. Dafür nun soll entweder das Sternchen („die Professor*innen")
90 oder der Unterstrich („die Professor_innen") verwendet werden. [...]
Man (frau) kann „gendergerechte" Texte schreiben, aber sie sind nicht lesbar und erst recht nicht
sprechbar. Im rechtlichen Raum wird das zum Problem. Gesetzestexte müssen laut vorgelesen
werden können. Die Universitäten allerdings bilden eine Szene für sich, wo Eleganz und Verständlichkeit noch
selten beheimatet waren. Die Verhässlichung, die mit der „gendergerechten" Sprache einhergeht, richtet
95 in der akademischen Welt kein allzu großes Unheil an, weil dort die Schönheit eines Textes seit längerer
Zeit kein Kriterium mehr ist. Doch wenn der Furor des korrigierenden Verdachts die staatlichen Stellen
und die Medien erst einmal richtig erfasst hat, dann ist es gut möglich, dass die Verhässlichung zum
neuen Vorbild wird.
Im deutschen Sprachraum gibt es etwa 200 Gender-Professoren. Was dort geforscht und gelehrt wird,
100 will ans Licht der Öffentlichkeit, will wirken und die sexistische Welt korrigieren. Die deutsche Sprache
ist in der Sicht des „Gender-Mainstreaming" eine Herrschaftssprache, mit der die Männer täglich ihren
Machtanspruch geltend machen. Das generische Maskulinum gilt als der sichtbarste Beweis dafür. Und
je länger man misstrauisch und verdachtsgeladen in dieser ungerechten Sprachwelt herumstochert,
umso mehr Ungerechtes findet man darin.
105 Sprache ist nicht gerecht. Wenn jemand glaubt, dass Tiere ähnliche Rechte haben wie Menschen, dann
wird er um Reformen nicht herumkommen. Hat das Schwein es verdient, dass es bloß ein Neutrum ist?
Sicherlich beeinflusst die Sprache das Denken und selbstverständlich das Denken auch die Sprache.
Der Grad der jeweiligen Abhängigkeit jedoch ist schwer zu ermitteln. In der Frühzeit der ethnologischen
Forschung gab es seltsame Theorien. Man entdeckte zum Beispiel scheinbar primitive Sprachen, die
110 kein Futur kennen. Was lag näher, als ihre Sprecher glücklich zu nennen und in ihnen Menschen zu
sehen, die entspannt im Hier und Jetzt leben? Wahr ist, dass auch das unglückliche Deutsche recht gut
ohne Futur auskommt, wenn er sagt: „Morgen muss ich zum Zahnarzt."
Würden die Frauen in diesem Land höher geachtet, besser bezahlt und seltener misshandelt, wenn wir
eine „gendergerechte" Sprache hätten? Der Kinderbuchstreit hat gezeigt, wie leicht es ist, Astrid
115 Lindgrens 4 „Negerprinzessin" ( Pippi Langstrumpf) oder Michael Endes 5 „kleinen Neger" ( Jim Knopf) zu
entfernen 6. Davon ist der Rassismus mit Sicherheit nicht weniger geworden. Im Gegenteil lässt sich
vermuten, dass Sprachregelungen wie alle Verbote den Wunsch befördern, dagegen zu verstoßen und
das Unerlaubte gerade deshalb zu denken, weil es nicht erlaubt ist.
Greiner, Ulrich: Droht uns die Sprachzensur? Ja! In: DIE ZEIT Nr. 23 (30. Mai 2018), S. 39-40.
Ulrich Greiner (*1945) ist ein deutscher Journalist und Literaturkritiker. Der Text ist ein Beitrag im Feuilleton der ZEIT zur dort thematisierten Frage „Droht uns eine Sprachzensur?", die der Autor mit „Ja!" beantwortet.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle. Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 Mark Twain (1835-1910): amerikanischer Schriftsteller, der zunächst mit humoristischen Erzählungen und als Reiseschriftsteller Erfolg hatte, dann auch als Romancier. Twain unternahm jahrelange Europareisen.
2 Mark Twain schlug in seinem satirischen Essay „Die schreckliche deutsche Sprache" u. a. vor, die Zuweisung des Geschlechts „gemäß dem Willen des Schöpfers" vorzunehmen.
3 FAZ: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist eine deutsche überregionale Tageszeitung.
4 Astrid Lindgren (1907-2002) war eine schwedische Schriftstellerin und zählt zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren. Pippi Langstrumpf ist die zentrale Figur einer Kinderbuch-Reihe.
5 Michael Ende (1929-1995) war ein deutscher Schriftsteller, der zu den erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren zählt. Von ihm erschienen 1960 „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" und 1962 „Jim Knopf und die Wilde 13".
6 Im Jahr 2009 begannen Kinder- und Jugendbuchverlage, solche Bezeichnungen zu tilgen oder zu ersetzen. „Pippi Langstrumpf" wurde diesbezüglich 2009 vom Verlag Oetinger überarbeitet. Die Bezeichnung „Neger" in Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" blieb auf Entscheidung des Thienemann-Verlages im gedruckten Kinderbuch zunächst erhalten, wurde jedoch in der Verfilmung 2018 umgangen.
Aufgabenstellung
1.
Analysieren Sie Ulrich Greiners Artikel „Droht uns die Sprachzensur?“ im Hinblick auf den Argumentationsgang und die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes. ca. 70 %
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Ulrich Greiner: Droht uns die Sprachzensur? Ja! (2018)
Der Kampf für eine „gendergerechte" Sprache ist ein Kampf gegen die deutsche Sprache. Er ignoriert
den Unterschied zwischen dem grammatischen Geschlecht (dem Genus) und dem biologischen (dem
Sexus). Der Sachverhalt liegt so klar auf der Hand, und er ist schon derart oft unwiderleglich
beschrieben worden, dass alle, die ihn nicht wahrhaben wollen, offenbar in ideologischer Absicht
5 handeln und durch Argumente nicht erreichbar sind.
Wie erfolgreich ist dieser Kampf? An den Universitäten hat er beeindruckende Erfolge erzielt. Es gibt
Professoren, die ihren Studenten (korrekt: Studierenden) die Hausarbeit zurückgeben oder Punkte
abziehen, wenn sie in der bislang gebräuchlichen Sprache abgefasst wurde. Staatliche Institutionen
gehen immer häufiger dazu über, geschlechtsneutrale Partizipien (Auszubildende, Lehrende) oder
10 Doppelnennungen (Schülerinnen und Schüler) vorzuschreiben. Das alltägliche Reden und Schreiben
jedoch ist davon noch weitgehend unberührt. Die Muttersprache ist ein zähes Gebilde. Sie gleicht einem
vegetativen Nervensystem, das sich gegen externe Anweisungen sträubt.
Jede Sprache hat ihre spezielle grammatische Logik. Der israelische Sprachwissenschaftler Guy
Deutscher zeigt in seinem erhellenden Buch Im Spiegel der Sprache, welch unterschiedliche
15 Ausprägungen des Genus-Prinzips es gibt. Manche Sprachen haben viele Genera (sie klassifizieren die
Eigenschaften von Lebewesen und von Dingen), andere Sprachen wie das Türkische oder das
Ungarische haben überhaupt kein Genus. Im Englischen ist es nur rudimentär vorhanden, im
Deutschen gibt es gleich drei: das Messer, die Gabel, der Löffel.
Mark Twain 1, der sich redlich bemüht hat, Deutsch zu lernen, war darüber verzweifelt: „Jedes Substantiv
20 hat ein Geschlecht, und in dessen Verteilung liegt kein Sinn und kein System; deshalb muss das
Geschlecht jedes einzelnen Hauptwortes für sich auswendig gelernt werden. Es gibt keinen anderen
Weg. Zu diesem Zweck muss man das Gedächtnis eines Notizbuchs haben. Im Deutschen hat das
Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübe eines hat. Ein Baum ist männlich, seine Blüten
sind weiblich, seine Blätter sind sächlich."
25 Muss man uns Deutsche deshalb bedauern? Hätten wir Mark Twains berühmte Vorschläge 2 für eine
Verbesserung unserer Sprache beherzigen sollen? Oder ist es nicht so, dass die für Mark Twain
verwirrenden Genera einen besonderen Reichtum des Deutschen ausmachen? Einen Reichtum, der
möglicherweise in der Lyrik schönere Ergebnisse zeitigt als in Studienordnungen. [...]
Bei uns richtet sich der Kampf gegen das sogenannte generische Maskulinum, gegen „männliche"
30 Wortbildungen, die dem Sinn nach alle Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtlichkeit
einschließen. Wörter mit der Endung „-er" sind von Verben abgeleitet. Bäcker kommt von backen. Läufer
kommt von laufen. Solche Wortbildungen bezeichnen keineswegs nur Personen, „sondern auch", wie
der Sprachwissenschaftler Helmut Glück in der FAZ 3 ausgeführt hat, „Instrumente (Entsafter,
Mähdrescher), Kleidungsstücke (Büstenhalter, Hosenträger), Fahrzeuge (Laster, Frachter) und
35 allerhand anderes, zum Beispiel Paarhufer, Walzer, Patzer – all diese Wörter kann man nicht gendern".
Die Linksfraktion im Flensburger Stadtrat hat vor einiger Zeit den humoristischen Antrag eingebracht,
im Sinne der Gleichstellung zukünftig von „der/die StaubsaugerIn" und „der/die BleistiftspitzerIn" zu
reden.
Ein Problem besteht in der Tat bei Personenbezeichnungen. Im Fall eines sportlichen Wettkampfs
40 müsste man schon genauer sagen, ob jetzt Läufer oder Läuferinnen am Start sind. Das
Bürgermeisterzimmer hingegen lässt offen, ob ein Mann oder eine Frau darin sitzt. Niemand würde
„Bürgermeisterinzimmer" sagen und erst recht nicht „Bürgerinnen- und Bürgermeisterzimmer". Wenn
ich sage: „Ich gehe zum Bäcker", dann ist der Satz auch dann korrekt, wenn die Bäckerei von einer
Bäckerin geleitet wird. Ich gehe „zum Friseur", obwohl dort fast nur Friseurinnen arbeiten.
45 In all diesen Fällen sind Frauen selbstverständlich mitgemeint. Das bloße Mitmeinen jedoch ist den
Verfechtern einer „gendergerechten" Sprache zu wenig. Sie vermuten, dass die maskuline Form im
Sprecher oder Hörer (in der Sprecherin oder Hörerin) die Vorstellung nahelegt, alle Ärzte seien Männer.
So gesehen, müsste der Deutsche Ärztetag, der kürzlich stattgefunden hat, „Deutscher Ärztinnen- und
Ärztetag" heißen, und die bekannte Warnung im Fernsehen müsste man so verändern: „Zu Risiken und
50 Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker."
Abgesehen davon, dass dies zu unschönen Umständlichkeiten führt, untergräbt es unser
Sprachsystem. Der Satz „Frauen sind die besseren Autofahrer" verliert seinen Sinn, wenn er lautet
„Frauen sind die besseren Autofahrerinnen". Die spiegelbildliche Formulierung „Männer sind die
schlechteren Autofahrerinnen" geht schon gar nicht. Die Überschrift „Einbrecher immer dreister" ist
55 sexusneutral, legt aber die Assoziation nahe, es gehe um Männer, was insofern nicht abwegig zu sein
scheint, als das Einbrechen ein vornehmlich männlicher Beruf ist.
Selbstverständlich ist es geraten, im konkreten Fall von einer Einbrecherin, Anwältin, Ärztin,
Apothekerin oder Professorin zu sprechen. Die Sprachfeministin Luise F. Pusch allerdings sieht in dem
Suffix „-in" eine abgeleitete und somit herabsetzende Form. Sie fordert deshalb, Berufsbezeichnungen
60 generell ins Neutrum zu setzen: das Professor, das Anwalt, das Arzt.
Nun das bemitleidenswerte generische Maskulinum unter Sexismusverdacht geraten ist, gibt es
keine Unschuldsvermutung mehr, und das „Gendern" nimmt seinen Lauf. Doris Wastl-Walter, die
„Vizerektorin Qualität, Nachhaltigkeit und Gleichstellung" der Universität Bern, schreibt in ihrer Anleitung
für eine „geschlechtergerechte Sprache": „Mit der Argumentation, geschlechtergerechte Sprache sei
65 umständlich und unlesbar, wird nach wie vor das so genannte ‚generische Maskulinum' verteidigt. Es
wird mit dem Argument zu stützen versucht, dass Frauen bei männlichen Personenbezeichnungen
immer mitgemeint seien, weil männliche Wortformen eine allgemeine (‚generische'), geschlechtsübergreifende
Bedeutung hätten. Diese Sicht ist unzutreffend. Beim Lesen und Hören
männlicher Personenbezeichnungen werden Frauen nicht gleichberechtigt gedanklich einbezogen."
70 Die Vizerektorin bezieht sich auf Artikel 22 des Reglements für Gleichstellung der Universität Bern, wo
es heißt: „Im allgemeinen Schriftverkehr, in Urkunden sowie in Rechts- und Verwaltungsvorschriften der
Universität Bern werden entweder geschlechtsneutrale Bezeichnungen oder die weibliche und die
männliche Sprachform verwendet." Um dem zu entsprechen, legt Wastl-Walter einen Katalog von
Sprachregelungen vor. Sie folgen dem Prinzip der Abstraktion (die Lehrkräfte – nicht Lehrer, die
75 Spielerinnen des Nationalteams – nicht der Nationalmannschaft) und der Neutralisierung (die
Dozierenden, die Studierenden).
Nun ist schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht worden, dass Partizipien eine andere Bedeutung
haben als die parallelen Substantive. Ein Dozierender ist jemand, der in einer bestimmten Situation
doziert, obwohl er vielleicht gar nicht den Beruf des Dozenten ausübt. Man wird mit dieser Ungenauigkeit
80 offenbar leben müssen – es sei denn, man verfahre wie die Universität Leipzig, deren Sprachregelungen
vorschreiben, nur noch die weiblichen Bezeichnungen zu verwenden. Mit „Professorinnen" sind alle
gemeint, auch die männlichen Professorinnen.
Mit solchen Absurditäten jedoch ist der Weg des „Genderns" noch nicht an sein bitteres Ende gelangt.
Das Geschlecht eines Menschen nämlich, so die herrschende Theorie, ist kein biologisches Faktum,
85 sondern eine soziale Konstruktion. Folglich gibt es viele „Gender". Die Abkürzung LSBTTIQ zum
Beispiel steht laut Wikipedia „für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender,
intersexuelle und queere Menschen." Wo sollen diese Menschen genusmäßig hin?
In der an vielen Stellen eingeübten Schreibweise „die Professoren und Professorinnen" oder „die
ProfessorInnen" kommen sie ja nicht vor. Dafür nun soll entweder das Sternchen („die Professor*innen")
90 oder der Unterstrich („die Professor_innen") verwendet werden. [...]
Man (frau) kann „gendergerechte" Texte schreiben, aber sie sind nicht lesbar und erst recht nicht
sprechbar. Im rechtlichen Raum wird das zum Problem. Gesetzestexte müssen laut vorgelesen
werden können. Die Universitäten allerdings bilden eine Szene für sich, wo Eleganz und Verständlichkeit noch
selten beheimatet waren. Die Verhässlichung, die mit der „gendergerechten" Sprache einhergeht, richtet
95 in der akademischen Welt kein allzu großes Unheil an, weil dort die Schönheit eines Textes seit längerer
Zeit kein Kriterium mehr ist. Doch wenn der Furor des korrigierenden Verdachts die staatlichen Stellen
und die Medien erst einmal richtig erfasst hat, dann ist es gut möglich, dass die Verhässlichung zum
neuen Vorbild wird.
Im deutschen Sprachraum gibt es etwa 200 Gender-Professoren. Was dort geforscht und gelehrt wird,
100 will ans Licht der Öffentlichkeit, will wirken und die sexistische Welt korrigieren. Die deutsche Sprache
ist in der Sicht des „Gender-Mainstreaming" eine Herrschaftssprache, mit der die Männer täglich ihren
Machtanspruch geltend machen. Das generische Maskulinum gilt als der sichtbarste Beweis dafür. Und
je länger man misstrauisch und verdachtsgeladen in dieser ungerechten Sprachwelt herumstochert,
umso mehr Ungerechtes findet man darin.
105 Sprache ist nicht gerecht. Wenn jemand glaubt, dass Tiere ähnliche Rechte haben wie Menschen, dann
wird er um Reformen nicht herumkommen. Hat das Schwein es verdient, dass es bloß ein Neutrum ist?
Sicherlich beeinflusst die Sprache das Denken und selbstverständlich das Denken auch die Sprache.
Der Grad der jeweiligen Abhängigkeit jedoch ist schwer zu ermitteln. In der Frühzeit der ethnologischen
Forschung gab es seltsame Theorien. Man entdeckte zum Beispiel scheinbar primitive Sprachen, die
110 kein Futur kennen. Was lag näher, als ihre Sprecher glücklich zu nennen und in ihnen Menschen zu
sehen, die entspannt im Hier und Jetzt leben? Wahr ist, dass auch das unglückliche Deutsche recht gut
ohne Futur auskommt, wenn er sagt: „Morgen muss ich zum Zahnarzt."
Würden die Frauen in diesem Land höher geachtet, besser bezahlt und seltener misshandelt, wenn wir
eine „gendergerechte" Sprache hätten? Der Kinderbuchstreit hat gezeigt, wie leicht es ist, Astrid
115 Lindgrens 4 „Negerprinzessin" ( Pippi Langstrumpf) oder Michael Endes 5 „kleinen Neger" ( Jim Knopf) zu
entfernen 6. Davon ist der Rassismus mit Sicherheit nicht weniger geworden. Im Gegenteil lässt sich
vermuten, dass Sprachregelungen wie alle Verbote den Wunsch befördern, dagegen zu verstoßen und
das Unerlaubte gerade deshalb zu denken, weil es nicht erlaubt ist.
Greiner, Ulrich: Droht uns die Sprachzensur? Ja! In: DIE ZEIT Nr. 23 (30. Mai 2018), S. 39-40.
Ulrich Greiner (*1945) ist ein deutscher Journalist und Literaturkritiker. Der Text ist ein Beitrag im Feuilleton der ZEIT zur dort thematisierten Frage „Droht uns eine Sprachzensur?", die der Autor mit „Ja!" beantwortet.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle. Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 Mark Twain (1835-1910): amerikanischer Schriftsteller, der zunächst mit humoristischen Erzählungen und als Reiseschriftsteller Erfolg hatte, dann auch als Romancier. Twain unternahm jahrelange Europareisen.
2 Mark Twain schlug in seinem satirischen Essay „Die schreckliche deutsche Sprache" u. a. vor, die Zuweisung des Geschlechts „gemäß dem Willen des Schöpfers" vorzunehmen.
3 FAZ: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist eine deutsche überregionale Tageszeitung.
4 Astrid Lindgren (1907-2002) war eine schwedische Schriftstellerin und zählt zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren. Pippi Langstrumpf ist die zentrale Figur einer Kinderbuch-Reihe.
5 Michael Ende (1929-1995) war ein deutscher Schriftsteller, der zu den erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren zählt. Von ihm erschienen 1960 „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" und 1962 „Jim Knopf und die Wilde 13".
6 Im Jahr 2009 begannen Kinder- und Jugendbuchverlage, solche Bezeichnungen zu tilgen oder zu ersetzen. „Pippi Langstrumpf" wurde diesbezüglich 2009 vom Verlag Oetinger überarbeitet. Die Bezeichnung „Neger" in Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" blieb auf Entscheidung des Thienemann-Verlages im gedruckten Kinderbuch zunächst erhalten, wurde jedoch in der Verfilmung 2018 umgangen.
Aufgabenstellung
2.
Beurteilen Sie die Überzeugungskraft des Textes. Berücksichtigen Sie dabei Ihr unterrichtliches Wissen über den Zusammenhang von Sprache und Denken. ca. 30 %
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