Abitur Schleswig-Holstein Deutsch 2021 · LK · Sprachkritik und Sprachpflege im aktuellen und historischen Kontext
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Sprachkritik und Sprachpflege im aktuellen und historischen Kontext: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Teilaufgabe 1
Aufgabenstellung
Material
Matthias Heine: German linguistic angst (2016)
Vor falscher Sprache haben die Deutschen mehr Angst als vor falschen finanziellen Anlagen, falschen
modischen Entscheidungen und falschen Beziehungen.
Sie lassen ihr Geld schmerzfrei auf Konten liegen, wo es einfach immer weniger wird. Sie pfeifen auf
die Wahrheit des Spiegelbilds, der Krampfaderdiagnose und der Waage und zwängen sich in kontra-
5 faktische Kleidung. Und sie hoffen jedes Mal wieder – gegen alle Lottogewinnunwahrscheinlichkeit –,
der neue Partner würde diesmal aber ganz bestimmt zu jenen Goldherzchen gehören, die man selten
im Schlamm des hormongesteuerten Wahnsinns findet.
Aber wenn sie sprechen und andere sprechen hören, dann sind sie wachsam wie Rottweiler auf
Kokain. Allenfalls das Essen ist bei uns ähnlich angstbehaftet und von der quasireligiösen Vorstellung
10 geprägt, falsche Entscheidungen müssten zu unweigerlicher Verdammnis föhren.
In der Furcht vor falscher Sprache gleichen sich Puristen, die jeden neuen Anglizismus betrachten wie
einen Sonderzug voller Flüchtlinge, und Gender-Beckmessx*innen 1, die die Sprache nach der Matrix
des Patriarchats und der Heteronormativität durchkämmen. Und die Kulturkritiker, die mit jedem
Genitiv-Apostroph und jedem Deppen-Leerzeichen 2 den Untergang des Abendlandes etwas näher
15 rücken sehen, sind sich zumindest in einem einig mit den ideologischen Sprachseismografen
und -gräfinnen, die mit dem „Wörterbuch des Unmenschen“ und Victor Klemperers „ LTI “ 3 unter dem
Kopfkissen schlafen und sofort hochschrecken, wenn jemand in zehn Kilometern Entfernung ein
Naziwort flüstert: Unser Deutsch muss bewacht werden.
Mögen die Amerikaner im Zeichen politischer Korrektheit auch so stark aufgeholt haben, dass Philip
20 Roth 4 einen Roman 5 über einen Professor schrieb, dessen Leben zerstört wurde, weil er einmal das
Wort spooks 6 benutzte, ohne dessen rassistische Nebenbedeutung zu kennen – wir haben die
Sprachparanoia erfunden. Angst vor sprachlicher Überfremdung wäre in einer germanisch-lateinisch
französischen Mischsprache wie dem Englischen idiotisch.
Einen wie Karl Kraus 7, der in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ 1899 bis 1936 vier Jahrzehnte lang
25 politischen Gegnern aus sprachlichen Entgleisungen Stricke drehte (ja, dieses schiefe Bild müssen
seine Nachfolger jetzt bitte ertragen), hat es in der angelsächsischen Welt nicht gegeben. Und die
sprachkritische Philosophie, von der das Denken vor allem in der ersten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts geprägt wurde, ist von deutschsprechenden Meistern bestimmt.
Andere Nationen haben noch nicht einmal ein Wort, das so etabliert und allgemein verständlich wie
30 unser Sprachkritik ist. Im Englischen behilft man sich wechselweise mit language criticism, linguistic criticism
oder – in den beiden maßgeblichen Übersetzungen von Wittgensteins 8 „ Tractatus “ mit
critique of language. Es gibt zu Sprachkritik auch, genau wie zu Sprachpflege, keinen Wikipedia-
Eintrag in irgendeiner anderen Weltsprache.
Das Gleiche gilt für Unwort. Es ist noch nicht einmal wirklich übersetzbar: non word, so wird es meist
35 ins Englische übertragen, hat nicht annähernd die moralische Komponente, die die Vorsilbe Un- dem
deutschen Ausdruck aufgrund der Analogie zu Unmensch, Unhold, Ungerechtigkeit, Unrechtsstaat
etc. verleiht. Erst recht gibt es in England oder Amerika keine Instanz wie die „Unwort des Jahres“-
Jury, die einmal im Jahr unter höchster Anteilnahme ein Wort dazu verurteilt, wegen Volksgefährdung
aus der Gemeinschaft der deutschen Sprache ausgeschlossen zu werden.
40 Diese quasireligiöse Observanz, mit der hierzulande die Sprache gepflegt wird, hat damit zu tun, dass
unser Deutsch aus der Religion entstanden ist. Die Lutherbibel 9 wird auch von Nichtgläubigen immer
noch als eine Offenbarung angesehen, an der sterbliche Menschen möglichst wenig herumdoktern
sollten. Der berÿhmteste Atheist, der an Luther glaubte, war Bertolt Brecht, der auf die Frage nach
seinem wichtigsten Buch antwortete: „Wecken Sie mich nachts: die Bibel.“ Zwar hat man sich mittlerweile
45 von der im 19. Jahrhundert gehegten Vorstellung verabschiedet, Luther habe die deutsche Sprache
„erfunden“. Aber das Charisma und Prestige des Reformators halfen, die Luthersprache als
Nationalsprache zu etablieren.
Als die Religion ins Wanken geriet, traten an ihre Stelle die Anbetung der Literatur und der Nation.
Deutschland hatte eine Nationalsprache und eine Nationalliteratur, lange bevor es eine Nation wurde.
50 Vermeintliche Gefährdungen der Sprache wurden deshalb immer schon als Angriff auf die Nation
gewertet. Das fing schon im Barock an, als die Mitglieder von Sprachgesellschaften wie der
„Fruchtbringenden Gesellschaft“ die französischen und italienischen Fremdwörter aus dem Deutschen
verbannen wollten – wenn sie schon nicht all die Schweden, Kroaten, Spanier und Franzosen aus
dem Land treiben konnten.
55 Die nächste groÑe Verdeutschungswelle begann dann in der Franzosenzeit nach der Revolution von
1789. Als Napoleon Deutschland erniedrigte, nahmen der Wörterbuchautor Johann Heinrich Campe
und der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn wieder den Kampf gegen eingedrungene Wörter auf.
Die Reichseinigung nach drei siegreichen Kriegen gegen Deutschlands Nachbarn hätte die
Sprachpuristen eigentlich chillen lassen müssen. Aber „das ruhelose Reich“ wurde stattdessen sogar
60 noch unruhiger, wenn es ein Fremdwort witterte. Die Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs war
eine groÑe Epoche puristischer Paranoia. Ihre Protagonisten waren Leute wie Otto Sarrazin 10, der
Vorsitzende des „Allgemeinen Deutschen Sprachvereins“, einer Art linguistischer Bürgerwehr, und der
wunderbare Wüterich Eduard Engel 11 mit seiner „Deutschen Stilkunst“.
Zu diesem Zeitpunkt war die Sprachkritik von größeren Denkern längst auf ein Niveau gehoben
65 worden, das weit über die bloÑe Fremdworthatz hinausging. Philosophen und Dichter zweifelten jetzt
sogar grundsätzlich, ob die Sprache überhaupt in der Lage sei, die Welt abzubilden. Das
Gründungsdokument dieser Denkrichtung, die die ganze Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts
geprägt hat, ist der „Brief des Lord Chandos an Francis Bacon“, ein Prosastück von Hugo von
Hofmannsthal 12 aus dem Jahre 1902.
70 Darin beklagt der Lord, dass die Einheit zwischen Sprache und Empfindung dauerhaft zerrissen sei.
Und der Dichter Hofmannsthal prägt für den Sprachekel paradoxerweise ein überaus treffendes
sprachliches Bild: „Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte ‚Geist‘, ‚Seele‘ oder ‚Körper‘
nur auszusprechen, die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um
irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“
75 Man achte darauf, dass Hofmannsthal hier zuvorderst Wörter wie Geist und Seele nennt (Körper wirkt
fast ein bisschen alibihaft). Die philosophische Sprachkritik wollte vor allem die Metaphysik aus der
Sprache treiben. Fritz Mauthner 13, die andere Gründergestalt der sprachkritischen Denkrichtung,
dessen „Kritik der Sprache“ schon ein Jahr vor Hofmannsthals Chandos-Brief erschien, hat
bezeichnenderweise auch eine vierbändige „Geschichte des Atheismus im Abendland“ veröffentlicht.
80 Den Generalangriff auf die religiöse Grundierung der Sprache förderte 1922 Ludwig Wittgenstein mit
seinem „ Tractatus logico-philosophicus “, in dem er die Möglichkeit eines rein logischen Sprechens
erkundete, das metaphysische Aussagen von vornherein ausschloss. Durch ihn wird der noch recht
neue Begriff „Sprachkritik“ zum Schlüsselwort. Im Abschnitt 4.0031 des „ Tractatus “ schreibt er: „Alle
Philosophie ist ‚Sprachkritik‘. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners.)“ Wittgenstein kommt zur
85 Überzeugung, dass die antimetaphysische Methode für viele „unbefriedigend“ wäre: „Aber sie wäre
die einzig richtige.“
Während Wittgenstein in den eisigen Höhen des Geistes Luftkämpfe gegen die Metaphysik ausfocht,
zerschliss sich zehntausend Meter weiter unten Karl Kraus in journalistischen Saalschlachten gegen
die Verrohung des Zeitungs-, Propaganda- und Alltagsjargons. Für ihn war Sprachkritik Ideologiekritik
90 und falsches Deutsch schon die Vorstufe des politischen Verbrechens.
Der bis heute anhaltende Kraus-Nimbus hat damit zu tun, dass er recht hatte und zugleich alles, was
er schrieb, umsonst war: Es förderte tatsächlich ein geistiger Krüppelpfad von jenem durch Kraus
karikierten Kinobesucher, der Wochenschaubilder von Granateneinschlägen mit dem fidelen Ausruf
„°Bumsti!“ kommentiert, nach Auschwitz. Und die Zerstörung der Vernunft und der Republiken in
95 Deutschland und Österreich wurde mit Wörtern wie „Dolchstoß“, „Verjudung“ und „völkisch“
vorbereitet.
Diese historische Erfahrung steckt hinter der oft übertriebenen Aufregung, mit der in Deutschland auf
Entgleisungen wie den „Umvolkung“-Tweet einer unbedeutenden ostdeutschen CDU-Politikerin 14
reagiert wird. In meinen journalistischen Anfangszeiten durften wir gar das Wort „betreuen“ nicht
100 benutzen, weil es – wie im „Wörterbuch des Unmenschen“ von Sternberger, Storz und Süskind 15
dokumentiert – im Nazi-Reich als Hüllwort für die Ermordung Behinderter diente. Es herrscht die fast
sprachmagische Vorstellung, man könne sich durch die Benutzung böser Wörter infizieren wie mit
einem Zombie-Virus und das Hirn würde sich braun färben, wenn man sie nur einmal ausspricht.
Das ist eine maßlose Überschätzung der Sprache. Aber diese Überschätzung ist durch historische
105 Erfahrungen begründet. Die german linguistic angst ist die Angst vor Gespenstern, die schon einmal
da waren, ihre weißen Tücher fallen ließen und anfingen, auf am Boden Liegende einzutreten, bis
diese schmerzlich begreifen mussten, dass es gar keine Gespenster sind.
Anmerkungen
1 Beckmesser: kleinlicher, pedantischer Kritiker. Die Schreibweisen -*innen und -x sind verschiedene Varianten geschlechtergerechter Sprache.
2 Deppen-Leerzeichen: umgangssprachliche Bezeichnung für die fehlerhafte Trennung zusammengesetzter Wörter durch Leerzeichen.
3 LTI: Lingua Tertii Imperii (lat. „Sprache des Dritten Reiches“), Titel einer einflussreichen Abhandlung des deutschen Philologen Viktor Klemperer (1881-1960).
4 Philip Roth (1933-2018): amerikanischer Schriftsteller.
5 Der deutschsprachige Titel des Romans lautet: „Der menschliche Makel“ (dt. 2002).
6 spooks: engl. „Geister“, „dunkle Gestalten“; wird im Amerikanischen auch als abwertende Bezeichnung für Afro-Amerikaner verwendet.
7 Karl Kraus (1874-1936): österreichischer Publizist und Schriftsteller.
8 Ludwig Wittgenstein (1889-1951): österreichischer Philosoph.
9 Lutherbibel: Übersetzung des Alten und Neuen Testaments in die fröhneuhochdeutsche Sprache durch den Theologen Martin Luther (1483-1546).
10 Otto Sarrazin (1842-1921): preußischer Beamter.
11 Eduard Engel (1851-1938): deutscher Sprach- und Literaturwissenschaftler.
12 Hugo von Hofmannsthal (1874-1929): österreichischer Schriftsteller.
13 Fritz Mauthner (1849-1923): deutscher Schriftsteller und Philosoph.
14 Bettina Kudla am 24.09.2016 zur Flüchtlingspolitik Angela Merkels.
15 Dolf Sternberger (1907-1989), Gerhard Storz (1898-1983) und Wilhelm E. Süskind (1901-1970): Verfasser der Kolumnen „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ über die Sprache des Nationalsozialismus, die 1957 auch in Buchform veröffentlicht wurden.
1.
Stellen Sie den Argumentationsgang des Textes von Matthias Heine dar und erläutern Sie die Intention des Textes. (ca. 40 %)
Teilaufgabe 2
Aufgabenstellung
Material
Matthias Heine: German linguistic angst (2016)
Vor falscher Sprache haben die Deutschen mehr Angst als vor falschen finanziellen Anlagen, falschen
modischen Entscheidungen und falschen Beziehungen.
Sie lassen ihr Geld schmerzfrei auf Konten liegen, wo es einfach immer weniger wird. Sie pfeifen auf
die Wahrheit des Spiegelbilds, der Krampfaderdiagnose und der Waage und zwängen sich in kontra-
5 faktische Kleidung. Und sie hoffen jedes Mal wieder – gegen alle Lottogewinnunwahrscheinlichkeit –,
der neue Partner würde diesmal aber ganz bestimmt zu jenen Goldherzchen gehören, die man selten
im Schlamm des hormongesteuerten Wahnsinns findet.
Aber wenn sie sprechen und andere sprechen hören, dann sind sie wachsam wie Rottweiler auf
Kokain. Allenfalls das Essen ist bei uns ähnlich angstbehaftet und von der quasireligiösen Vorstellung
10 geprägt, falsche Entscheidungen müssten zu unweigerlicher Verdammnis föhren.
In der Furcht vor falscher Sprache gleichen sich Puristen, die jeden neuen Anglizismus betrachten wie
einen Sonderzug voller Flüchtlinge, und Gender-Beckmessx*innen 1, die die Sprache nach der Matrix
des Patriarchats und der Heteronormativität durchkämmen. Und die Kulturkritiker, die mit jedem
Genitiv-Apostroph und jedem Deppen-Leerzeichen 2 den Untergang des Abendlandes etwas näher
15 rücken sehen, sind sich zumindest in einem einig mit den ideologischen Sprachseismografen
und -gräfinnen, die mit dem „Wörterbuch des Unmenschen“ und Victor Klemperers „ LTI “ 3 unter dem
Kopfkissen schlafen und sofort hochschrecken, wenn jemand in zehn Kilometern Entfernung ein
Naziwort flüstert: Unser Deutsch muss bewacht werden.
Mögen die Amerikaner im Zeichen politischer Korrektheit auch so stark aufgeholt haben, dass Philip
20 Roth 4 einen Roman 5 über einen Professor schrieb, dessen Leben zerstört wurde, weil er einmal das
Wort spooks 6 benutzte, ohne dessen rassistische Nebenbedeutung zu kennen – wir haben die
Sprachparanoia erfunden. Angst vor sprachlicher Überfremdung wäre in einer germanisch-lateinisch
französischen Mischsprache wie dem Englischen idiotisch.
Einen wie Karl Kraus 7, der in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ 1899 bis 1936 vier Jahrzehnte lang
25 politischen Gegnern aus sprachlichen Entgleisungen Stricke drehte (ja, dieses schiefe Bild müssen
seine Nachfolger jetzt bitte ertragen), hat es in der angelsächsischen Welt nicht gegeben. Und die
sprachkritische Philosophie, von der das Denken vor allem in der ersten Hälfte des zwanzigsten
Jahrhunderts geprägt wurde, ist von deutschsprechenden Meistern bestimmt.
Andere Nationen haben noch nicht einmal ein Wort, das so etabliert und allgemein verständlich wie
30 unser Sprachkritik ist. Im Englischen behilft man sich wechselweise mit language criticism, linguistic criticism
oder – in den beiden maßgeblichen Übersetzungen von Wittgensteins 8 „ Tractatus “ mit
critique of language. Es gibt zu Sprachkritik auch, genau wie zu Sprachpflege, keinen Wikipedia-
Eintrag in irgendeiner anderen Weltsprache.
Das Gleiche gilt für Unwort. Es ist noch nicht einmal wirklich übersetzbar: non word, so wird es meist
35 ins Englische übertragen, hat nicht annähernd die moralische Komponente, die die Vorsilbe Un- dem
deutschen Ausdruck aufgrund der Analogie zu Unmensch, Unhold, Ungerechtigkeit, Unrechtsstaat
etc. verleiht. Erst recht gibt es in England oder Amerika keine Instanz wie die „Unwort des Jahres“-
Jury, die einmal im Jahr unter höchster Anteilnahme ein Wort dazu verurteilt, wegen Volksgefährdung
aus der Gemeinschaft der deutschen Sprache ausgeschlossen zu werden.
40 Diese quasireligiöse Observanz, mit der hierzulande die Sprache gepflegt wird, hat damit zu tun, dass
unser Deutsch aus der Religion entstanden ist. Die Lutherbibel 9 wird auch von Nichtgläubigen immer
noch als eine Offenbarung angesehen, an der sterbliche Menschen möglichst wenig herumdoktern
sollten. Der berÿhmteste Atheist, der an Luther glaubte, war Bertolt Brecht, der auf die Frage nach
seinem wichtigsten Buch antwortete: „Wecken Sie mich nachts: die Bibel.“ Zwar hat man sich mittlerweile
45 von der im 19. Jahrhundert gehegten Vorstellung verabschiedet, Luther habe die deutsche Sprache
„erfunden“. Aber das Charisma und Prestige des Reformators halfen, die Luthersprache als
Nationalsprache zu etablieren.
Als die Religion ins Wanken geriet, traten an ihre Stelle die Anbetung der Literatur und der Nation.
Deutschland hatte eine Nationalsprache und eine Nationalliteratur, lange bevor es eine Nation wurde.
50 Vermeintliche Gefährdungen der Sprache wurden deshalb immer schon als Angriff auf die Nation
gewertet. Das fing schon im Barock an, als die Mitglieder von Sprachgesellschaften wie der
„Fruchtbringenden Gesellschaft“ die französischen und italienischen Fremdwörter aus dem Deutschen
verbannen wollten – wenn sie schon nicht all die Schweden, Kroaten, Spanier und Franzosen aus
dem Land treiben konnten.
55 Die nächste groÑe Verdeutschungswelle begann dann in der Franzosenzeit nach der Revolution von
1789. Als Napoleon Deutschland erniedrigte, nahmen der Wörterbuchautor Johann Heinrich Campe
und der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn wieder den Kampf gegen eingedrungene Wörter auf.
Die Reichseinigung nach drei siegreichen Kriegen gegen Deutschlands Nachbarn hätte die
Sprachpuristen eigentlich chillen lassen müssen. Aber „das ruhelose Reich“ wurde stattdessen sogar
60 noch unruhiger, wenn es ein Fremdwort witterte. Die Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs war
eine groÑe Epoche puristischer Paranoia. Ihre Protagonisten waren Leute wie Otto Sarrazin 10, der
Vorsitzende des „Allgemeinen Deutschen Sprachvereins“, einer Art linguistischer Bürgerwehr, und der
wunderbare Wüterich Eduard Engel 11 mit seiner „Deutschen Stilkunst“.
Zu diesem Zeitpunkt war die Sprachkritik von größeren Denkern längst auf ein Niveau gehoben
65 worden, das weit über die bloÑe Fremdworthatz hinausging. Philosophen und Dichter zweifelten jetzt
sogar grundsätzlich, ob die Sprache überhaupt in der Lage sei, die Welt abzubilden. Das
Gründungsdokument dieser Denkrichtung, die die ganze Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts
geprägt hat, ist der „Brief des Lord Chandos an Francis Bacon“, ein Prosastück von Hugo von
Hofmannsthal 12 aus dem Jahre 1902.
70 Darin beklagt der Lord, dass die Einheit zwischen Sprache und Empfindung dauerhaft zerrissen sei.
Und der Dichter Hofmannsthal prägt für den Sprachekel paradoxerweise ein überaus treffendes
sprachliches Bild: „Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte ‚Geist‘, ‚Seele‘ oder ‚Körper‘
nur auszusprechen, die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um
irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“
75 Man achte darauf, dass Hofmannsthal hier zuvorderst Wörter wie Geist und Seele nennt (Körper wirkt
fast ein bisschen alibihaft). Die philosophische Sprachkritik wollte vor allem die Metaphysik aus der
Sprache treiben. Fritz Mauthner 13, die andere Gründergestalt der sprachkritischen Denkrichtung,
dessen „Kritik der Sprache“ schon ein Jahr vor Hofmannsthals Chandos-Brief erschien, hat
bezeichnenderweise auch eine vierbändige „Geschichte des Atheismus im Abendland“ veröffentlicht.
80 Den Generalangriff auf die religiöse Grundierung der Sprache förderte 1922 Ludwig Wittgenstein mit
seinem „ Tractatus logico-philosophicus “, in dem er die Möglichkeit eines rein logischen Sprechens
erkundete, das metaphysische Aussagen von vornherein ausschloss. Durch ihn wird der noch recht
neue Begriff „Sprachkritik“ zum Schlüsselwort. Im Abschnitt 4.0031 des „ Tractatus “ schreibt er: „Alle
Philosophie ist ‚Sprachkritik‘. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners.)“ Wittgenstein kommt zur
85 Überzeugung, dass die antimetaphysische Methode für viele „unbefriedigend“ wäre: „Aber sie wäre
die einzig richtige.“
Während Wittgenstein in den eisigen Höhen des Geistes Luftkämpfe gegen die Metaphysik ausfocht,
zerschliss sich zehntausend Meter weiter unten Karl Kraus in journalistischen Saalschlachten gegen
die Verrohung des Zeitungs-, Propaganda- und Alltagsjargons. Für ihn war Sprachkritik Ideologiekritik
90 und falsches Deutsch schon die Vorstufe des politischen Verbrechens.
Der bis heute anhaltende Kraus-Nimbus hat damit zu tun, dass er recht hatte und zugleich alles, was
er schrieb, umsonst war: Es förderte tatsächlich ein geistiger Krüppelpfad von jenem durch Kraus
karikierten Kinobesucher, der Wochenschaubilder von Granateneinschlägen mit dem fidelen Ausruf
„°Bumsti!“ kommentiert, nach Auschwitz. Und die Zerstörung der Vernunft und der Republiken in
95 Deutschland und Österreich wurde mit Wörtern wie „Dolchstoß“, „Verjudung“ und „völkisch“
vorbereitet.
Diese historische Erfahrung steckt hinter der oft übertriebenen Aufregung, mit der in Deutschland auf
Entgleisungen wie den „Umvolkung“-Tweet einer unbedeutenden ostdeutschen CDU-Politikerin 14
reagiert wird. In meinen journalistischen Anfangszeiten durften wir gar das Wort „betreuen“ nicht
100 benutzen, weil es – wie im „Wörterbuch des Unmenschen“ von Sternberger, Storz und Süskind 15
dokumentiert – im Nazi-Reich als Hüllwort für die Ermordung Behinderter diente. Es herrscht die fast
sprachmagische Vorstellung, man könne sich durch die Benutzung böser Wörter infizieren wie mit
einem Zombie-Virus und das Hirn würde sich braun färben, wenn man sie nur einmal ausspricht.
Das ist eine maßlose Überschätzung der Sprache. Aber diese Überschätzung ist durch historische
105 Erfahrungen begründet. Die german linguistic angst ist die Angst vor Gespenstern, die schon einmal
da waren, ihre weißen Tücher fallen ließen und anfingen, auf am Boden Liegende einzutreten, bis
diese schmerzlich begreifen mussten, dass es gar keine Gespenster sind.
Anmerkungen
1 Beckmesser: kleinlicher, pedantischer Kritiker. Die Schreibweisen -*innen und -x sind verschiedene Varianten geschlechtergerechter Sprache.
2 Deppen-Leerzeichen: umgangssprachliche Bezeichnung für die fehlerhafte Trennung zusammengesetzter Wörter durch Leerzeichen.
3 LTI: Lingua Tertii Imperii (lat. „Sprache des Dritten Reiches“), Titel einer einflussreichen Abhandlung des deutschen Philologen Viktor Klemperer (1881-1960).
4 Philip Roth (1933-2018): amerikanischer Schriftsteller.
5 Der deutschsprachige Titel des Romans lautet: „Der menschliche Makel“ (dt. 2002).
6 spooks: engl. „Geister“, „dunkle Gestalten“; wird im Amerikanischen auch als abwertende Bezeichnung für Afro-Amerikaner verwendet.
7 Karl Kraus (1874-1936): österreichischer Publizist und Schriftsteller.
8 Ludwig Wittgenstein (1889-1951): österreichischer Philosoph.
9 Lutherbibel: Übersetzung des Alten und Neuen Testaments in die fröhneuhochdeutsche Sprache durch den Theologen Martin Luther (1483-1546).
10 Otto Sarrazin (1842-1921): preußischer Beamter.
11 Eduard Engel (1851-1938): deutscher Sprach- und Literaturwissenschaftler.
12 Hugo von Hofmannsthal (1874-1929): österreichischer Schriftsteller.
13 Fritz Mauthner (1849-1923): deutscher Schriftsteller und Philosoph.
14 Bettina Kudla am 24.09.2016 zur Flüchtlingspolitik Angela Merkels.
15 Dolf Sternberger (1907-1989), Gerhard Storz (1898-1983) und Wilhelm E. Süskind (1901-1970): Verfasser der Kolumnen „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ über die Sprache des Nationalsozialismus, die 1957 auch in Buchform veröffentlicht wurden.
2.
Erörtern Sie, ob die „Furcht vor falscher Sprache“ (Z. 11) berechtigt ist. Beziehen Sie dabei auch im Unterricht erworbenes Wissen ein. (ca. 60 %)
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
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- Erörterung pragmatischer Texte · 30 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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- Interpretation epischer Texte · 16 Teilaufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
- Materialgestütztes Verfassen von Texten · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
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