Aufgabe 4 - Europäischer Binnenmarkt · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Wirtschaft 2022

Thema: Binnenmarkt, Währungsunion und europäische Krisenbewältigung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Wirtschaft (2022)

Aufgabenstellung

Lisandra Flach und Martin T. Braml

Bedeutet Corona das Ende der Globalisierung?

[...]

Die Corona-Pandemie ist in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. Sie zeigte die Anfälligkeiten und

Schwächen unserer Gesellschaften und Volkswirtschaften auf dramatische Weise auf. Auch

der globale Warenaustausch erwies sich als krisenanfällig. Das wirft die Frage auf, wie sich

die Globalisierung unter dem anhaltenden Eindruck von Covid-19 verändern wird.

5 In Normalzeiten organisieren freie Märkte komplexe Produktionsschritte, verteilen diese hoch-

effizient auf die entsprechenden Akteure in verschiedenen Ländern, nutzen dabei Speziali-

sierungsvorteile durch internationale Arbeitsteilung aus und schaffen somit eine optimale

Güterversorgung zu niedrigen Preisen – und das just in time 1. Doch die Corona-Pandemie

unterbrach viele Lieferketten durch Grenzkontrollen, Exportverbote und Lockdowns, der

10 Ausfall einiger Zulieferer legte ganze Wertschöpfungsketten lahm. Viele Branchen waren

betroffen: vom Autobauer bis zum Netzwerkausrüster.

Aber: Hätte es bessere Alternativszenarien als unsere offenen und verflochtenen Volkswirt-

schaften gegeben? Eine Studie des ifo Instituts 2 zeigt, dass die wirtschaftlichen Folgen der

Pandemie nur marginal kleiner gewesen wären, wenn die globalen Produktionsnetzwerke

15 reduziert und die Produktion nach Hause zurückverlagert worden wäre. Gleichzeitig würde

dies in Deutschland zu enormen Wohlstandsverlusten führen, da das Land stark vom Export

abhängig ist. 17 Prozent der hiesigen Wertschöpfung finden über globale Wertschöpfungs-

ketten statt, weltweit sind es zwölf Prozent.

[...] Dass eine Pandemie mit erheblichen ökonomischen Störungen einhergeht, ist offenkun-

20 dig. Das ist aber nicht in erster Linie ein Problem des internationalen Handels. Beispielsweise

setzten die Lockdowns global zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein, weshalb Produktions-

ausfälle teilweise durch Importe ersetzt werden mussten. Außerdem wurden die Grenzen für

Waren auch schnell wieder geöffnet, eine umfassende Güterversorgung war zu keinem Zeit-

punkt ernsthaft gefährdet. Engpässe wie etwa bei Atemschutzmasken oder Desinfektionsmit-

25 teln entstanden hauptsächlich nachfrageseitig aufgrund des pandemiebedingt gestiegenen

Bedarfs. Angebotsseitig wurde die Produktion ausgeweitet, nach kurzer Zeit waren Spezial-

güter nicht mehr knapp.

Trotzdem muss man fragen, wie Wertschöpfungsketten widerstandsfähiger gegenüber solchen

Schocks werden können. Störungen des Welthandels haben derzeit ihren Ursprung nicht nur

30 in der Pandemie, sondern auch in Naturkatastrophen und politischen Entscheidungen, bei-

spielsweise im Handelsstreit zwischen den USA und China. Lieferrisiken und Versorgungs-

unsicherheiten müssen somit gerade ohnehin laufend neu bewertet werden.

In diesem Zusammenhang fällt oftmals der Begriff des „Near-Shorings“, also der stärkeren

Regionalisierung von Produktionsnetzwerken. Dies mag auch zum Teil mit verstärkter Auto-

35 matisierung einhergehen. Wenn neue Produktionstechnologien wie etwa die additive Ferti-

gung („3D-Druck“) Lohnkostenunterschiede irrelevant machen, gibt es aufgrund der Trans-

portkosten einen Anreiz, Wertschöpfungsketten zu verkürzen und die Produktion näher an

den Ort des Konsums heranzuführen. Aber auch räumliche Nähe ist kein Allheilmittel: So

war der Güterimport aus Vietnam im März 2020 stabiler als der aus der Lombardei. 3

40 Außerdem sollte beim Thema Near-Shoring nicht vergessen werden, dass das Produktions-

netzwerk Europa schon heute für Deutschland viel wichtiger ist als die Zulieferung von und

nach Asien und Nordamerika, deren Anteil an der deutschen Wertschöpfung sich jeweils nur

im einstelligen Prozentbereich bewegt. Außerdem wurde die globale Wertschöpfungskette

Deutschlands über die Zeit bereits regionaler. Abgesehen davon sind die Arbeitsmärkte Mittel-

45 und Osteuropas weitestgehend leergefegt, was stark mit deren Einbindung in die „Factory

Europe“ (Fabrik Europa) zusammenhängt. Somit bliebe aus deutscher Sicht eine Verlagerung

von Wertschöpfung allenfalls in strukturschwache Hochlohnländer wie Italien, also Stand-

orte, die weltweit nur unzureichend wettbewerbsfähig sind.

[...] Als Alternative sollten Firmen künftig verstärkt Überlegungen unternehmen, ob unter

50 Umständen eine verstärkte Lagerhaltung von kritischen Vorprodukten der Just-in-Time-Pro-

duktion vorzuziehen ist. Bei niedrigen Kapitalkosten und hohem Automatisierungsgrad mag

dabei der Nutzen den möglichen Schaden durch Lieferausfälle überkompensieren. Darüber

hinaus wird das erfolgreiche Risikomanagement entlang der Lieferkette eine verstärkte Diver-

sifizierung der Lieferketten oder auch mehrere potentielle Zulieferer für ein Produkt verlangen.

55 Die damit gewonnene Widerstandsfähigkeit gegen Störungen verspricht mehr als die wirt-

schaftliche Abschottung. Zur globalen Arbeitsteilung gibt es nach unserem Dafürhalten keine

wirkliche Alternative. Die gewaltigen Globalisierungsgewinne sowohl in den Industrieländern

als auch in vielen Schwellenländern sollten nicht aufgegeben werden. Davon abgesehen hat

Deutschland bei einer global einsetzenden Protektionismusspirale 4 durch seinen hohen Han-

60 delsüberschuss viel zu verlieren. Alle politischen Anstrengungen sollten daher darauf gerich-

tet sein, die Märkte offen zu halten. [...]

Die Globalisierung nach Corona wird folglich nicht rückabgewickelt, sondern zum einen um

den Gesichtspunkt der Resilienz 5 der Lieferketten ergänzt. Zum anderen wird sie im Bereich

des internationalen Dienstleistungshandels gewaltig voranschreiten.

65 [...] Die Europäische Union (EU) ist stolz darauf, den größten Binnenmarkt der Welt errich-

tet zu haben, der mit vielen Volkswirtschaften durch Freihandelsabkommen eng verflochten

ist. Die Corona-Pandemie wirft allerdings einen Schatten auf diese erfolgreiche Bilanz: Die

Krisenbewältigung war zunächst vor allem vom Handeln der Nationalstaaten geprägt. Zeit-

weilige innereuropäische Exportverbote und Grenzschließungen zogen sogar die Integrität 6

70 des Binnenmarktes in Zweifel. Damit wurde die Handlungsfähigkeit der Union einmal mehr

als unzureichend entlarvt.

Dabei steht der Kontinent vor großen Herausforderungen. Unabhängig von der US-amerika-

nischen Präsidentschaftswahl im November und der Corona-Krise bleibt die geopolitische

Rivalität zwischen den USA und China die größte strategische Herausforderung für die EU.

75 [...]

In Brüssel spricht man mittlerweile gerne von der strategischen Autonomie, die neben tech-

nologischen Aspekten auch das Militärische umfasst. Stand jetzt ist Europa auf vielen Feldern

verwundbar. Am wenigsten allerdings auf dem Feld der Industriegüterproduktion. Auch des-

halb sollten politische Anstrengungen nicht darauf gerichtet sein, die Globalisierung in ihrer

80 jetzigen Form rückabzuwickeln und Near-Shoring oder Ähnliches aktiv voranzutreiben.

Für die strategische Souveränität Europas benötigt es zuallererst Investitionen in Bildung,

Forschung, Infrastruktur und Verteidigung sowie verstärkte Zusammenarbeit auf Feldern, auf

denen hohen Synergieeffekte 7 und somit Kosteneinsparungen auf europäischer Ebene mög-

lich sind (vor allem im Verteidigungsbereich). Staatsausgaben für diese Zwecke müssen ge-

85 genüber stets steigenden Sozialausgaben abgewogen werden. Ferner muss es die EU schaf-

fen, den Binnenmarkt zu einem vollintegrierten Dienstleistungsmarkt weiterzuentwickeln.

Kleinteilige Regulierung behindert noch vielerorts Innovationen.

Europas Stärke ist seine Vielfalt. Um diese Stärke allerdings ausspielen zu können, muss

man (innereuropäischen) Wettbewerb zulassen. Die von Bundeswirtschaftsminister Peter

90 Altmaier ins Spiel gebrachten „European Champions“, also das Zulassen von Monopolen auf

dem Heimatmarkt zum Zweck der Dominanz auf dem Weltmarkt, sind gegen die Prinzipien

der Marktwirtschaft und gehen allein deshalb zu Lasten der Verbraucherinnen und Verbrau-

cher.

Zuletzt benötigt Europa mehr Bereitschaft – regulatorisch wie steuerrechtlich – Innovation

95 zu fördern, im Feld zu testen und schnell zu adaptieren. Die Corona-Krise hat nämlich auch

gezeigt, dass die Politik in der Lage ist, weitreichende und zukunftsweisende Entscheidun-

gen unverzüglich zu treffen, wenn es notwendig ist. Von diesem Momentum 8 sollte sich die

Wirtschaftspolitik inspirieren lassen.

Zur Autorin und zum Autor:

Lisandra Flach, geboren 1983, ist Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere für Ökonomik der Globalisierung, an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Bereichsleiterin für Außenwirtschaft beim ifo Institut in München.

Martin T. Braml, geboren 1993, war bis 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ifo Institut in München. Er forscht schwerpunktmäßig zu internationalem Handel.

1 just in time: Bezeichnung in der Logistik, bei dem die Lieferung genau im Moment des Bedarfs beim Kunden eintrifft

2 ifo Institut: Das ifo Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.) ist eine Forschungseinrichtung, die sich mit der Analyse wirtschaftspolitischer Entwicklungen beschäftigt.

3 Lombardei: Region in Norditalien, die im Frühjahr 2020 zu den am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Regionen Europas zählte

4 Protektionismusspirale: sich gegenseitig bedingende Reaktion von Staaten auf protektionistische Maßnahmen mit weiteren protektionistischen Maßnahmen

5 Resilienz: Widerstandsfähigkeit

6 Integrität: Unverletzlichkeit, Unversehrtheit

7 Synergieeffekte: positive Effekte, die sich aus dem Zusammenschluss oder der Zusammenarbeit von zwei Akteuren ergeben

8 Momentum: geeigneter Zeitpunkt

Teilaufgabe 1 b) – Europäischer Binnenmarkt

Erläutern Sie, auf welche unterschiedlichen Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes sich zwei Belege aus dem Text beziehen. (16 Punkte)

Erster Beleg

Zweiter Beleg

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Europäischer Binnenmarkt · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Wirtschaft 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erläuterung eines ersten Belegs aus dem Text im Hinblick auf eine Grundfreiheit des europäischen Binnenmarktes.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung anhand eines geeigneten Textbelegs.

Erläuterung eines zweiten Belegs aus dem Text im Hinblick auf eine andere Grundfreiheit des europäischen Binnenmarktes.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung anhand eines zweiten geeigneten Textbelegs.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 4 - Binnenmarkt · LK · Haupttermin 2022 · Aufgabe 1 (SW LK NT 1) · LK · Nachtermin 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Binnenmarkt, Währungsunion und europäische Krisenbewältigung