Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie LK · Haupttermin 2023
Thema: Erkenntnistheorie und Geltung der Wissenschaften · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2023 · Philosophie, Leistungskurs
Aufgabenstellung 1
Materialgrundlage
Gottfried Wilhelm Leibniz: Metaphysische Abhandlung (1686)
1 Um recht zu verstehen, was die Idee ist, muß man einer Äquivokation 1 vorbeugen, denn einige nehmen die Idee als die Form [...] unserer Gedanken, und auf diese Weise haben wir die Idee im Geiste nur insoweit wir an sie denken, und jedesmal wenn wir von neuem an sie denken, haben wir andere Ideen von der gleichen Sache, wenngleich sie den vorangegangenen ähnlich
5 sind. Es scheint aber, daß andere die Idee als einen unmittelbaren Gegenstand des Denkens oder als eine dauernde Form nehmen, die bestehen bleibt, auch wenn wir sie nicht betrachten. Und in der Tat hat unsere Seele immer die Fähigkeit in sich, irgendeine beliebige Natur oder Form sich darzustellen, wenn die Gelegenheit sich bietet, daran zu denken. Und ich glaube, daß diese Fähigkeit unserer Seele, insofern sie irgendeine Natur, Form oder Wesenheit aus-
10 drückt, im eigentlichen Sinne die Idee der Sache ist, die in uns ist und die immer in uns ist, ob wir nun daran denken oder nicht. Denn unsere Seele drückt Gott und das Weltall und alle Wesenheiten ebensowohl wie alle Existenzen aus. Das stimmt mit meinen Prinzipien zusammen, denn auf natürliche Weise kommt von außen nichts in unseren Geist, und es ist eine schlechte Angewohnheit, die wir angenommen haben, zu denken, daß unsere Seele irgendwie
15 geartete Boten empfängt und Türen und Fenster hat 2. Wir haben alle diese Formen und haben sie sogar zu gleicher Zeit im Geiste, weil der Geist immer alle seine zukünftigen Gedanken ausdrückt und schon verworren an alles denkt, was er einmal deutlich denken wird. Und wir können nichts lernen, von dem wir nicht schon im Geiste die Idee hätten, die gleichsam die Materie ist, aus der der Gedanke sich bildet. [...]
20 Aristoteles hat unsere Seele lieber mit noch leeren Tafeln verglichen, auf denen Platz zum Schreiben ist, und er hat behauptet, daß es nichts in unserem Verstande gibt, was nicht aus den Sinnen stammt. Das stimmt mit den volkstümlichen Begriffen mehr überein, wie es die Art des Aristoteles ist, während Platon mehr in die Tiefe geht. Diese Arten theoretischer oder praktischer Reden können indessen im gewöhnlichen Gebrauch durchgehen, so etwa, wie wir
25 sehen, daß diejenigen, die dem Kopernikus 3 folgen, dennoch nicht aufhören zu sagen, daß die Sonne aufgeht und untergeht. Ich finde sogar oft, daß man ihnen einen guten Sinn geben kann, demzufolge sie gar nichts Falsches zum Inhalt haben, [...] und in diesem selben Sinne kann man auch sagen, daß wir unsere Erkenntnisse von außen unter dem Beistand der Sinne empfangen, weil manche äußeren Dinge die Gründe, die unsere Seele zu gewissen Gedanken be-
30 stimmen, auf eine ganz besondere Weise enthalten oder ausdrücken. Wenn es sich aber um die Genauigkeit metaphysischer Wahrheiten handelt, so ist es wichtig, die Erstreckung und Unabhängigkeit unserer Seele anzuerkennen, die unendlich viel weiter geht, als man gewöhnlich denkt, obschon man im Sprachgebrauch des alltäglichen Lebens ihr nur das zuschreibt, was man ganz offenbar wahrnimmt [...]. Es wäre indessen gut, für den einen wie für den anderen
35 Sinn eigene Ausdrücke zu wählen, um Äquivokationen zu vermeiden. So können diese Ausdrucksinhalte, die in unserer Seele sind, sei es, daß man sie begreift oder nicht, Ideen genannt werden, diejenigen aber, die man begreift oder bildet, können Begriffe, conceptus, heißen. Auf welche Weise man sie aber auch nimmt, es ist immer falsch zu sagen, daß alle unsere Begriffe aus den Sinnen stammen, die man äußere nennt, denn die Begriffe, die ich von mir und meinen
40 Gedanken und folglich vom Sein, von der Substanz, von der Handlung, von der Identität und von vielen anderen Dingen habe, stammen aus einer inneren Erfahrung.
Im strengen Sinne metaphysischer Wahrheit gibt es nun keinen äußeren Grund, der auf uns wirkt, ausgenommen Gott allein, und er allein teilt sich uns vermöge unserer dauernden Abhängigkeit unmittelbar mit. Daraus folgt, daß es keinen anderen äußeren Gegenstand gibt, der
45 unsere Seele berührt und der unmittelbar unsere Perzeption wachruft. So haben wir in unserer Seele die Ideen aller Dinge nur vermöge der dauernden Einwirkung Gottes auf uns, das heißt, weil jede Wirkung ihre Ursache ausdrückt und weil so das Wesen unserer Seele ein gewisser Ausdruck oder eine gewisse Nachahmung oder ein gewisses Bild des göttlichen Wesens, Denkens und Willens und aller Ideen ist, die darin beschlossen liegen. So kann man sagen, daß
50 Gott unser einziger unmittelbarer Gegenstand außer uns ist, und daß wir alle Dinge durch ihn sehen. Wenn wir zum Beispiel die Sonne und die Sterne sehen, so ist es Gott, der uns ihre Ideen gegeben hat und sie uns bewahrt und der uns durch seine gewöhnliche Mithilfe bestimmt, daran tatsächlich zu jener Zeit zu denken, zu der unsere Sinne in einer gewissen Weise auf Grund von Gesetzen, die er festgesetzt hat, dazu angelegt sind.
Anmerkungen:
1 Äquivokation: Zweideutigkeit; Wortgleichheit bei Sachverschiedenheit.
2 Leibniz stellt sich die Seele als abgeschlossene „Monade“ vor. Die Monade ist für ihn eine in sich geschlossene Einheit, die keinen Kontakt oder Austausch mit anderen Monaden pflegen kann. Was mit der Monade geschieht, ist vollständig determiniert durch den göttlichen Schöpferakt, durch welchen die Monaden aus der einen göttlichen Urmonade hervorgegangen sind.
3 Nach Kopernikus' Weltbild, demzufolge die Erde um die Sonne kreist, ist die Formulierung „die Sonne geht auf“ physikalisch nicht haltbar. Sie wäre daher nur metaphorisch zu verstehen.
Gottfried Wilhelm Leibniz: Metaphysische Abhandlung [1686]. In: Ders.: Kleine Schriften zur Metaphysik. Philosophische Schriften, Band 1, franz. u. dt., hrsg. u. übers. von H. H. Holz, Frankfurt am Main 1996, S. 131–137. (Gekürzter Textausschnitt).
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte des Textes. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen von Leibniz mit der Erkenntnistheorie David Humes. Stellen Sie hierfür zunächst deren wesentliche Grundzüge dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur Frage, ob bzw. inwiefern der Mensch Wahrheit erkennen kann. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte des Textes.
Lösung: Umfassende und strukturierte Darlegung der Fragestellung, der zentralen These sowie des Argumentationsgangs von Leibniz gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.
2. Vergleichen Sie die Aussagen von Leibniz mit der Erkenntnistheorie David Humes. Stellen Sie hierfür zunächst deren wesentliche Grundzüge dar.
Lösung: Systematische Darstellung von Humes Empirismus und strukturierter Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) mit Leibniz' Rationalismus.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur Frage, ob bzw. inwiefern der Mensch Wahrheit erkennen kann.
Lösung: Differenzierte philosophische Beurteilung beider Positionen sowie eine eigenständige, schlüssig begründete Stellungnahme zur menschlichen Wahrheitsfähigkeit.
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