Aufgabe 4 · Abitur NRW Philosophie LK · Haupttermin 2022
Thema: Erkenntnistheorie und Geltung der Wissenschaften · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung:
1.
Stellen Sie dar, welche Frage der Text aufwirft und welche zentrale These der Autor vertritt, und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Autors.
(26 Punkte)
2.
Vergleichen Sie die Position Roths mit derjenigen von Hans-Georg Gadamer. Stellen Sie dafür zuerst Gadamers Position in ihren Grundzügen dar.
(30 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob die Geisteswissenschaften zu gültigen Erkenntnissen gelangen können.
(24 Punkte)
Hinweis zur Bewertung: Zu den 80 Inhaltspunkten kommen höchstens 20 Punkte für die Darstellungsleistung hinzu (Gesamt: 100 Punkte).
Materialgrundlage:
Gerhard Roth: Wissenschaft und Wahrheit (2003)
1 Die traditionelle Aufteilung der Wissenschaften in die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften (bzw. in die Natur- und Biowissenschaften einerseits und die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften andererseits) wird durch die Unterschiede in den Gegenständen und in den Verfahrensweisen legitimiert. Nach dieser Anschauung handelt es sich in den Natur-
5 und Biowissenschaften um das Aufdecken von Gesetzmäßigkeiten, insbesondere in Form von Naturgesetzen. Alles Geschichtliche, alles von menschlichem Denken, Wünschen und Glauben Abhängige muss hierbei ausgeschlossen werden. Die naturwissenschaftlichen Verfahren sind auf der beobachtenden Analyse und dem Erklären gegründet, d. h. auf der Angabe von Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen, die das Auftreten und den Verlauf von Phänomenen
10 begreifbar und damit voraussagbar machen. Die Geisteswissenschaften befassen sich hingegen mit den »Erscheinungsformen der geistigen Welt« (wie es einer ihrer Begründer, Wilhelm Dilthey, ausdrückte), mit dem Erfassen solcher Resultate menschlichen Denkens und Empfindens, die immer historisch einmalig sind. Das traditionelle Instrument der Geisteswissenschaften ist das Verstehen, das hermeneutische Prinzip des rekursiven 1 Erfassens von Bedeu-
15 tung, das sich Hineindenken und Hineinfühlen. Die Ziele und Methoden der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften stehen sich in dieser Auffassung unvereinbar gegenüber. Die Forderung nach empirischer Überprüfung erscheint in vielen Geistes- und Kulturwissenschaften absurd und wird deshalb von ihren Vertretern vehement abgelehnt. Entsprechend geht man auch von zwei unterschiedlichen Begriffen der Wahrheit aus, nämlich einer
20 analytisch-erklärenden Wahrheit und einer hermeneutisch-verstehenden Wahrheit. [...] Eine solche Zweiteilung des Wahrheitsbegriffs ist heutzutage aber nicht mehr akzeptabel. Dies bedeutet, dass auch die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften den oben genannten Forderungen nach begrifflicher Eindeutigkeit und Anschlussfähigkeit und ebenso nach Überprüfbarkeit nachkommen müssen, um als Wissenschaften angesehen zu werden. [...]
25 Von großer Wichtigkeit wird hier eine noch zu entwickelnde Theorie der Entstehung von Bedeutung und des Erfassens von Bedeutungen, d. h. von Verstehen sein. Begriffe wie »Bedeutung« und »Verstehen« waren bisher den Naturwissenschaften völlig fremd, während sie in den Geisteswissenschaften zentral sind, wie wir gehört haben. Aber gerade für diejenige Disziplin, um die es in diesem Buch ging, nämlich die Hirnforschung, ist ein Brückenschlag
30 zwischen bedeutungsfreien und bedeutungshaften, erklärenden und verstehenden Prozessen unverzichtbar. Wir können zwar neuronale Vorgänge, die im Gehirn eines Tieres oder Menschen ablaufen, in rein naturwissenschaftlichen Termini beschreiben, in denen »Bedeutung« und »Verstehen« überhaupt nicht vorkommen. Irgendwann einmal werden wir aber zu der Feststellung gelangen, dass diese neuronalen Prozesse auf der Ebene kognitiver und emotio-
35 naler Funktionen und auf der Verhaltensebene Phänomene erzeugen, die man unausweichlich als »bedeutungshaft« ansehen muss.
Ebenso eindeutig beruht das Gefühl, etwas verstanden zu haben – sei dies ein bestimmter Mechanismus, die Bedeutung einer Aussage oder das Verhalten eines Menschen (z. B. eines Patienten) – auf Prozessen, die aufgrund bestimmter Vorgänge im Gehirn des Verstehenden
40 ablaufen und als solche im Prinzip erklärbar sind. Erklären und Verstehen kann also gar kein Gegensatz sein. Meine Vermutung geht dahin, dass Verstehen eine besonders kontext- und erfahrungsabhängige Form von Erklärung ist. In jedem Fall aber sind wir aufgefordert, eine Theorie des Verstehens zu entwickeln, welche geeignet ist, Vorgänge des Verstehens, wie sie in den Geisteswissenschaften dominieren, erklärbar zu machen. [...]
45 In meinen Augen gibt es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, und damit keine Definition dieser Wissenschaften über einen spezifischen Gegenstandsbereich. Die Trennung der Wissenschaft in »zwei Welten« erschien so lange sinnvoll, wie man annehmen konnte, die Welt der nichtmenschlichen Natur sei fundamental von derjenigen des Menschen unterschieden, insbesondere was dessen geistige Aktivitäten betrifft.
50 Das Naturhafte war im Ganzen gesehen unwandelbar, gesetzmäßig und daher voraussagbar, und deshalb unhistorisch und überindividuell; das Menschliche war wandelbar, nicht voraussagbar, historisch und individuell.
Diese Anschauung, die das wissenschaftliche Lager-Denken auch heute noch weitgehend beherrscht, wird aber durch die neuen Erkenntnisse der Biologie, der Hirnforschung und der
55 Psychologie hinfällig. Zum einen hat der Mensch gegenüber den Tieren seine Einzigartigkeit verloren; er ist sowohl körperlich als auch geistig-psychisch ein Teil der belebten Natur. Geist und Bewusstsein stellen sich als naturhafte Ereignisse dar, die in manchen Formen nicht einmal auf den Menschen beschränkt sind. Zugleich beginnen wir neurobiologisch und psychologisch zu verstehen, wie sich Persönlichkeit und Ich und damit die historisch-individuelle
60 Natur des Menschen in engstem Zusammenhang mit der Entwicklung seines Gehirns entwickeln. Schließlich wird klar, dass sich auch die gesellschaftliche Natur des Menschen aus seiner biologischen – wenngleich jeweils höchst individuellen – Natur ergibt. All dies macht eine scharfe Trennung zwischen Natur auf der einen Seite und Geist, Kultur und Gesellschaft auf der anderen Seite im Hinblick auf den Menschen völlig unsinnig.
65 Wissenschaftliches Vorgehen besteht in dem Aufstellen von klar definierten und empirisch überprüfbaren Aussagen von Sachverhalten und der Prüfung auf logische Konsistenz und Kohärenz. Wissenschaft ist demnach durch eine Vorgehensweise, ein Verfahren, und nicht durch einen spezifischen Gegenstand bestimmt. Es müssen Begriffe verwendet werden, die möglichst anschlussfähig sind. Das Postulat 2 der empirischen Überprüfbarkeit bedeutet, dass
70 es eine Menge von Phänomenen (physikalische, chemische, physiologische Vorgänge, Verhaltensweisen, Funde, Texte usw.) gibt, an deren Gegebenheit und Beschaffenheit unter Einsatz akzeptierter Methoden kein vernünftiger Zweifel bestehen kann.
Diese Feststellung bedeutet nicht, dass alles in diesem Sinne Unwissenschaftliche irrelevant oder unwahr ist. Eine Aussage kann unwissenschaftlich und doch von höchster Bedeu-
75 tung für Menschen sein. Die Aussage »ich weiß, dass mein Erlöser lebt« kann von größter Wichtigkeit für einen gläubigen Menschen sein, wie es der Satz »ich liebe dich« für einen verliebten Menschen ist. Sie haben mit Wissenschaft nichts zu tun, denn es gibt bisher keinerlei Verfahren, mit denen man die Wahrheit oder Falschheit dieser Aussagen verlässlich überprüfen könnte. Ob dies beim Verliebtsein irgendwann einmal möglich sein wird, sei dahin-
80 gestellt (immerhin ist Verliebtsein mit charakteristischen physiologischen Zuständen verbunden). Wahrscheinlich aber wird dies gar nicht gewünscht.
Materialgrundlage: Gerhard Roth: Wissenschaft und Wahrheit. In: Ders.: Aus der Sicht des Gehirns. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, S. 202–207.
1 rekursiv: zurückgehend
2 das Postulat, hier: die Forderung
Zum Autor: Gerhard Roth (geb. 1942) ist ein deutscher Biologe, Hirnforscher und Philosoph.
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Frage der Text aufwirft und welche zentrale These der Autor vertritt, und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Autors. (26 Punkte)
Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.
2. Vergleichen Sie die Position Roths mit derjenigen von Hans-Georg Gadamer. Stellen Sie dafür zuerst Gadamers Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)
Lösung: Individuelle vergleichende Darstellung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob die Geisteswissenschaften zu gültigen Erkenntnissen gelangen können. (24 Punkte)
Lösung: Individuelle Urteilsbildung und begründete Stellungnahme gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.
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