Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie LK · Haupttermin 2021

Thema: Das Leib-Seele-Problem · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Leistungskurs

Aufgabe 3

Materialgrundlage

Paul Thiry d'Holbach: System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Übers. v. Fritz-Georg Voigt. Suhrkamp 1978, S. 83 – 85. S. 138.

(Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um einen gekürzten Textausschnitt, der einen zusammenhängenden Gedankengang ergibt. Die Schreibweise folgt der Vorlage.)

Paul Thiry d'Holbach: Von der Seele [...] (1770)

Nachdem man dem Menschen willkürlich zwei verschiedene Substanzen angedichtet hatte, behauptete man, wie wir gesehen haben, daß diejenige, die unsichtbar in ihm selbst wirken sollte, wesentlich von derjenigen verschieden sei, die außen wirkte; die erste bezeichnete man, wie wir gesagt haben, mit dem Wort Geist oder Seele. Aber wenn wir fragen: was ist Geist ? dann antworten uns die modernen Philosophen, das Ergebnis aller ihrer metaphysischen Untersuchungen beschränke sich auf die Erkenntnis, daß das, was den Menschen wirken lasse, eine Substanz unbekannter Natur sei, in einem solchen Sinne einfach, unteilbar, ohne Ausdehnung, unsichtbar und sinnlich unerfaßbar, daß ihre Teile nicht einmal durch die Abstraktion oder in Gedanken getrennt werden können. Aber wie soll man sich eine solche Substanz vorstellen, die nur eine Negation alles dessen ist, was wir kennen? Wie soll man sich eine Idee machen von einer Substanz, die ohne Ausdehnung ist und dennoch auf unsere Sinne wirkt, das heißt, auf materielle Organe, die Ausdehnung haben? Wie kann ein Ding ohne Ausdehnung beweglich sein und Materie in Bewegung setzen? Wie kann eine Substanz ohne Teile fortwährend zu verschiedenen Teilen des Raumes in Beziehung stehen?

In der Tat ist die Bewegung, wie jeder zugeben muß, die fortlaufende Veränderung der Beziehungen eines Körpers zu verschiedenen Punkten eines Ortes oder des Raumes oder zu anderen Körpern. Wenn das, was man Geist nennt, imstande ist, Bewegungen zu empfangen oder mitzuteilen; wenn es wirkt; wenn es die Organe des Körpers spielen läßt: dann muß dieses Ding, um diese Wirkungen hervorzurufen, fortlaufend seine Beziehungen, sein Streben, seine wechselseitigen Verhältnisse und die Stellung seiner Teile zu verschiedenen Punkten des Raumes oder zu verschiedenen Organen des Körpers, den es in Bewegung setzt, ändern: aber um seine Beziehungen zu dem Raum oder zu den Organen, die er bewegt, zu verändern, muß dieser Geist Ausdehnung, Festigkeit und folglich unterschiedliche Teile haben: hat eine Substanz diese Eigenschaften, dann ist sie das, was wir Materie nennen [...]

Was man als Seele bezeichnet, bewegt sich mit uns; die Bewegung aber ist eine Eigentümlichkeit der Materie. [...] Diese Seele erweist sich auch bei den unüberwindlichen Hindernissen, die ihr seitens der Körper entgegengestellt werden, als materiell. Sie setzt meinen Arm in Bewegung, wenn sich dem nichts widersetzt; sie wird den Arm dann nicht in Bewegung setzen, wenn man ihn mit einem zu großen Gewicht belastet. Hier haben wir also eine materielle Masse, die den Anstoß aufhebt, der durch eine spirituelle Ursache gegeben wurde; diese müßte, da sie keine Verwandtschaft mit der Materie hat, mit derselben Leichtigkeit ebenso die ganze Welt wie ein Atom in Bewegung setzen und ein Atom ebenso wie die ganze Welt. Daraus kann man schließen, daß ein solches Ding ein Hirngespinst ist, eine Gedankenbildung. Dennoch hat man gerade ein solches einfaches Ding oder einen solchen Geist zur bewegenden Kraft der gesamten Natur gemacht. Sobald ich Bewegung wahrnehme oder erfahre, muß ich in der Substanz, die ich in Bewegung sehe oder von der ich Bewegung erhalte, Ausdehnung, Festigkeit, Dichte und Undurchdringlichkeit annehmen; wenn ich also irgendeiner Ursache Wirksamkeit zuschreibe, bin ich gezwungen, sie für materiell zu halten. Es ist möglich, daß ich ihre besondere Natur und Wirkungsart nicht kenne, aber ich kann mich nicht täuschen über die allgemeinen und aller Materie gemeinsamen Eigentümlichkeiten [...]. So ist eine spirituelle Substanz, die sich bewegt und wirkt, ein Widerspruch in sich selbst, woraus ich schließe, daß sie gänzlich unmöglich ist. [...]

[F]olglich hat meine Seele eine völlig mit meinem Körper übereinstimmende, der Materie eigentümliche Eigenschaft, weil sie sich zusammen mit ihm fortbewegt. [...]

Wir glauben, daß die Seele sich von selbst bewegt, weil wir die Triebfedern nicht sehen, die sie in Bewegung setzen, oder weil wir diese Triebkräfte für unfähig halten, die von uns bewunderten Wirkungen hervorzurufen. [...] Die Quelle unserer Irrtümer liegt darin, daß wir unseren Körper als rohen und trägen Stoff betrachten, während doch dieser Körper eine empfindungsfähige Maschine ist, die sich notwendig des Eindruckes in dem Augenblick, da sie ihn erhält, bewußt ist und die durch die Erinnerung der nach und nach erhaltenen Eindrücke das Bewußtsein des Ich hat. Die Erinnerung, die einen früher empfangenen Eindruck wieder lebendig macht oder ihn festhält oder einen empfangenen Eindruck fortdauern läßt, während man ihm einen anderen, dann einen dritten usw. hinzufügt, wird im Ganzen als Mechanismus der Vernunftbetätigung bezeichnet.

Zum Autor: Paul Thiry d'Holbach (1723 – 1789) war ein französischer Philosoph der Aufklärung.

1.

Stellen Sie das zugrunde liegende Problem und die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie, wie er argumentativ vorgeht. [26 Punkte]

2.

Vergleichen Sie die Position d'Holbachs mit derjenigen von Thomas Nagel. Stellen Sie hierfür zunächst Nagels Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern der Mensch Erfahrungen oder Erkenntnisse über die Seele bzw. das Bewusstsein erlangen kann. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie das zugrunde liegende Problem und die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie, wie er argumentativ vorgeht. [26 Punkte]

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft zur Fragestellung, zentralen These und dem Argumentationsgang d'Holbachs.

2. Vergleichen Sie die Position d'Holbachs mit derjenigen von Thomas Nagel. Stellen Sie hierfür zunächst Nagels Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft zur Darstellung von Thomas Nagels Position sowie dem Vergleich mit d'Holbach.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern der Mensch Erfahrungen oder Erkenntnisse über die Seele bzw. das Bewusstsein erlangen kann. [24 Punkte]

Lösung: Kritische Beurteilung der Überzeugungskraft beider Konzeptionen und begründete Stellungnahme zu den Erkenntnismöglichkeiten bezüglich Seele und Bewusstsein.

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