Aufgabe MU GK HT 2 · Abitur NRW Musik GK · Haupttermin 2021

Thema: Musik und gesellschaftlich-politische Realität · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Musik, Grundkurs

Aufgabenstellung (MU GK HT 2)

Zu seinen Lebzeiten wurde das Liedschaffen Franz Schuberts (1797 – 1828) nicht einhellig akzeptiert.

Als Material erhalten Sie einen Auszug aus einer Rezension des Komponisten und Musiktheoretikers Gottfried Wilhelm Fink (1783 – 1846) aus der Allgemeinen musikalischen Zeitung vom Juni 1824, Schuberts Lied Der Schiffer op. 21 Nr. 2 (1817) und das Gedicht von Johann Mayrhofer (1787 – 1836) aus dem Jahr 1816, das dem Lied als Vorlage diente.

Textgrundlage: Gottfried Wilhelm Fink

Rezension zu Schuberts Liedern op. 21 – 24 in der Allgemeinen musikalischen Zeitung vom 24. Juni 1824 (Auszug)

Der Componist dieser Gesänge beurkundet durch sie ein achtungswerthes Talent, das sich, im frischen Jugendmuth verachtend die alten ausgetretenen Wege, eine neue Bahn bricht und diese consequent verfolgt. Wer wollte das wohl tadeln?

Hr. Fr. S. schreibt keine eigentlichen Lieder und will keine schreiben, sondern freye Gesänge, manche so frey, dass man sie allenfalls Capricen oder Phantasien nennen kann. Dieser Absicht gemäss sind die meist neuen Gedichte, deren Werth jedoch sehr verschieden ist, günstig gewählt und die Uebertragung derselben in Töne im Allgemeinen zu loben, da dem Vf. fast durchaus die Anlage im Ganzen und Einzelnen, aber bey weitem nicht so glücklich die Ausführung gelingt, die durch wenig oder gar nicht motivirtes excentrisches, oft recht wildes, Wesen und Treiben den Mangel innerer Einheit, Ordnung und Regelmässigkeit zu ersetzen versucht. Der Gesang ist zuweilen wenig sangbar, nicht selten unnöthigerweise schwierig und hat die Eigenheit, dass er oft mit dem Spielbasse in Oktaven geht. Die Harmonie ist meist rein, die Modulation frey, sehr frey und oft noch etwas mehr. Dem Ref[erenten] wenigstens ist keine Composition in dieser Gattung, ja vielleicht überhaupt kaum irgend eine Composition bekannt, welche es so weit triebe.

[Die] Verkürzung der vier Takte in zwey bey der Wiederholung der letzten Zeile in No. 2 Op. 21 und einiges Andere sind Einzelheiten, über die viel Worte zu machen nicht lohnt. [So] erinnert [der Referent daran], dass alle [Kompositionsschüler] im Anfange gar wild und thöricht, später aber immer weniger und weniger moduliren, woraus zu folgen scheint, dass solch plan- und zweckloses Herumschweifen nur Folge der Unbeholfenheit sey, sich glücklich auf dem Platze halten zu können, auf dem man eben ist; und dass man endlich in den herrlichsten Werken der grössten Meister aller Zeiten die Einfachheit, Ruhe, Ordnung und Klarheit als die nicht geringsten Eigenschaften betrachtet.

Gedichtvorlage: Johann Mayrhofer – Der Schiffer (1816)

1 Im Winde, im Sturme befahr ich den Fluß,

Die Kleider durchweichet der Regen im Guß,

Ich peitsche die Wellen mit mächtigem Schlag,

Erhoffend, erhoffend mir heiteren Tag.

5 Die Wellen, sie jagen das ächzende Schiff,

Es drohet der Strudel, es drohet das Riff,

Gesteine entkollern den felsigen Höhn,

Und Tannen erseufzen wie Geistergestöhn.

So mußte es kommen, ich hab es gewollt.

10 Ich hasse ein Leben behaglich entrollt,

Und schlängen die Wellen den ächzenden Kahn,

Ich priese doch immer die eigene Bahn.

Drum tose des Wassers ohnmächtiger Zorn,

Dem Herzen entquillet ein seliger Born,

15 Die Nerven erfrischend, o himmlische Lust!

Dem Sturm zu trotzen mit männlicher Brust!

Notenbeispiel: Franz Schubert – Der Schiffer op. 21 Nr. 2 (D 536)

1.

Fassen Sie zusammen, was Gottfried Wilhelm Fink in der Allgemeinen musikalischen Zeitung äußert. Stellen Sie dar, wie Sie Form und Inhalt von Johann Mayrhofers Gedicht verstehen, und beschreiben Sie Ihren Wahrnehmungseindruck von Franz Schuberts Lied Der Schiffer. [25 Punkte]

2.

Analysieren Sie das Lied Der Schiffer anhand ausgewählter Stellen im Licht der folgenden Urteile Gottfried Wilhelm Finks:

die Melodik der Gesangsstimme sei „zuweilen wenig sangbar“, „unnöthigerweise schwierig“ und habe die „Eigenheit“, „oft [...] mit dem Spielbasse in Oktaven“ zu gehen (Z. 11 f.),

es herrsche – etwa in Bezug auf die kompositorische Arbeit mit der Liedmelodie – ein „Mangel innerer Einheit, Ordnung und Regelmässigkeit“ (Z. 10),

die harmonische Gestaltung („Modulation“) wäre „sehr frey“ (Z. 13; am Beispiel der Takte 5 m. A. – 12 und 47 m. A. – 54),

hinsichtlich der formalen Gestaltung komponiere Schubert „keine eigentlichen Lieder“, sondern „freye Gesänge“ (Z. 4 f.).

Arbeiten Sie dabei heraus, wie Schubert den Liedtext möglicherweise deutet, und beziehen Sie das Wort-Ton-Verhältnis ein. [35 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Heranziehung von Finks Kriterien „Einfachheit, Ruhe, Ordnung und Klarheit“ (Z. 22 f.) und auf der Basis Ihrer Analyseergebnisse Finks Ansicht, Schuberts Lied drücke einen „Jugendmuth[es]“, der tradierte künstlerische Gestaltungsweisen verachte (Z. 2). Diskutieren Sie, inwieweit sich Schuberts Lied eventuell auch als Auseinandersetzung mit den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit deuten lässt. Ziehen Sie dafür auch weitere Lieder Schuberts heran. [27 Punkte + 13 Punkte Darstellungsleistung = 40 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe MU GK HT 2 · Abitur NRW Musik GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Fassen Sie zusammen, was Gottfried Wilhelm Fink in der Allgemeinen musikalischen Zeitung äußert. Stellen Sie dar, wie Sie Form und Inhalt von Johann Mayrhofers Gedicht verstehen, und beschreiben Sie Ihren Wahrnehmungseindruck von Franz Schuberts Lied Der Schiffer.

Lösung: Ausarbeitung nach den Vorgaben der amtlichen Bewertungskriterien (Gesamtwert: 25 Punkte)

2. Analysieren Sie das Lied Der Schiffer an ausgewählten Stellen vor dem Hintergrund folgender Bewertungen von Gottfried Wilhelm Fink: Melodik („wenig sangbar“, Oktaven mit Bass), „Mangel innerer Einheit“, harmonische Gestaltung (Modulation T. 5 m. A. – 12 und 47 m. A. – 54), formale Gestaltung („freye Gesänge“). Arbeiten Sie dabei Schuberts Interpretation des Liedtexts heraus.

Lösung: Detaillierte Liedanalyse und Darlegung des Wort-Ton-Verhältnisses nach den Bewertungskriterien (Gesamtwert: 35 Punkte)

3. Erörtern Sie unter Heranziehung von Finks Kriterien „Einfachheit, Ruhe, Ordnung und Klarheit“ und auf der Basis Ihrer Analyseergebnisse Gottfried Wilhelm Finks Ansicht, in Schuberts Lied zeige sich „Jugendmuth“, der tradierte künstlerische Gestaltungsweisen verachte. Diskutieren Sie, inwieweit sich Schuberts Lied eventuell auch als Auseinandersetzung mit den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit deuten lässt. Ziehen Sie dafür auch weitere Lieder Schuberts heran.

Lösung: Ausführliche Erörterung und gesellschaftlich-politischer Kontextbezug (27 Pkt. Inhalt + 13 Pkt. Darstellungsleistung)

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Aufgabe 4 · LK · Haupttermin 2021 ›

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