Aufgabe HT 1 - Aufgabe II · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · neu einsetzend 2022

Thema: Stoische Philosophie (Seneca, Epistulae morales) · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · neu einsetzend (2022)

Aufgabenstellung

Text:

In dem folgenden Auszug aus einem Brief hebt Seneca hervor, dass Menschen die Ursache ihrer Fehler oft bei anderen oder in den äußeren Umständen suchen und deshalb beispielsweise zu diesen Ausreden greifen:

1 „Non ego ambitiosus sum, sed nemo aliter Romae potest vivere.“ „Non ego

2 sumptuosus sum, sed urbs ipsa magnas impensas exigit.“ „Non est meum vitium,

3 quod iracundus sum, quod nondum constitui certum genus vitae: Adulescentia

4 haec facit.“ Quid nos decipimus? Non est extrinsecus malum nostrum. Intra nos

5 est! In visceribus ipsis sedet! Et ideo difficulter ad sanitatem pervenimus, quia

6 nos aegrotare nescimus. Si curari coeperimus, quando tot morborum tantas vires

7 discutiemus? Nunc vero ne quaerimus quidem medicum. Qui minus negotii

8 haberet, si adhiberetur ad recens vitium. Sequerentur teneri et rudes animi recta

9 monstrantem. Nemo difficulter ad naturam reducitur, nisi qui ab illa defecit.

10 Erubescimus discere bonam mentem. At mehercules! Si turpe est magistrum

11 huius rei quaerere, illud desperandum est posse nobis casu tantum bonum

12 influere. Laborandum est! Et, ut verum dicam, ne labor quidem magnus est, si

13 modo – ut dixi – ante animum nostrum formare incipimus et recorrigere, quam

14 indurescat pravitas eius.

Übersetzungshilfen:

Z. 1 · ambitiosus, -a, -um esse

esse, sum, fui · hier: berechnend sein

· Romae · in Rom (lokativ)

Z. 2 · sumptuosus, -a, -um · verschwenderisch

· impensas exigere

exigere, exigo, exegi, exactum · Aufwand fordern

Z. 3 · quod …, quod … · hier jeweils: dass (faktisch)

Z. 4 · Quid …? · = Cur …?

· extrinsecus (Adv.) · außerhalb

Z. 5 · viscera, -um n. (Plural) · hier: das Innerste

Z. 6 · curari coepisse

incipere, incipio, coepi, inceptum · begonnen haben, sich behandeln zu lassen

Z. 6/7 · …, quando tot morborum tantas vires discutiemus? · Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende veränderte Textfassung zugrunde:

…, quando tantas vires tot morborum discutiemus?

Z. 7 · discutere, discutio, discussi, discussum · hier: abschütteln

Z. 7 – 9 · Qui minus negotii haberet, si adhiberetur ad recens vitium. Sequerentur teneri et rudes animi recta monstrantem. · Fügen Sie in Ihre Übersetzung folgende Textpassage ein:

Dieser hätte weniger Mühe, wenn er zu einer plötzlich auftretenden Krankheit hinzugezogen würde. Zarte und noch unerfahrene Gemüter würden dem Arzt, der ihnen das Richtige zeigt, folgen.

Z. 9 · …, nisi qui ab illa defecit. · = …, nisi is, qui ab illa natura defecit.

· deficere, deficio, defeci, defectum a/ab (mit Abl.) · sich lossagen von etwas

Z. 10 · At mehercules! · Anruf des Herkules als Ausruf des Unverständnisses

Z. 11 · illud desperandum est (mit AcI) · (Es) besteht auch keine Hoffnung darauf, dass …

Z. 12 · influere, influo, influxi, – · hier: zufließen

Z. 13 · ante …, quam … · = …, antequam …

Z. 14 · indurescere, induresco, indurui, – · sich verfestigen

· pravitas eius

pravitas, pravitatis f. · verzerrte Selbstwahrnehmung

3.

Arbeiten Sie anhand des vorliegenden Textes heraus, welche Voraussetzungen Seneca für erforderlich hält, damit man Selbsttäuschung und eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Person hinter sich lassen kann. [10 Punkte]

4.

Erläutern Sie auf der Grundlage des vorliegenden Textes, welchen Stellenwert die bona mens in der stoischen Philosophie hat. Berücksichtigen Sie dabei auch Ihr im Unterricht erworbenes Wissen. [10 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Aufgabe II · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · neu einsetzend 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Arbeiten Sie anhand des vorliegenden Textes heraus, welche Voraussetzungen Seneca für erforderlich hält, damit man Selbsttäuschung und eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Person hinter sich lassen kann.

Lösung: Der Prüfling arbeitet aus dem Text heraus, was Seneca für notwendig ansieht, z. B.: • Ehrlichkeit mit sich selbst und Anerkennung der eigenen Verantwortung für begangene Fehler (Selbsteinsicht als unumgängliche Voraussetzung der Heilung, vgl. Z. 5/6). • Keine Scheu, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen (Lehrer / Arzt) und falsche Scham abzulegen (Z. 10–12). • Nicht darauf vertrauen, dass Heilung bzw. die bona mens einem durch Zufall zufalle (casu, Z. 11). • Eigene ständige Anstrengung und Weiterarbeit am Selbst (Laborandum est, Z. 12). • Frühzeitiger Beginn des Bildungsprozesses und der Korrektur, bevor sich falsche Wahrnehmung verfestigt (Z. 12–14).

4. Erläutern Sie auf der Grundlage des vorliegenden Textes, welchen Stellenwert die bona mens in der stoischen Philosophie hat. Berücksichtigen Sie dabei auch Ihr im Unterricht erworbenes Wissen.

Lösung: Der Prüfling erläutert die Bedeutung der bona mens in der stoischen Philosophie z. B. folgendermaßen: • Das Erlernen der guten Gesinnung (discere bonam mentem, Z. 10) ist von zentraler Bedeutung; in der Stoa kommt es entscheidend auf die innere Haltung an. • Die eigene ratio lässt den Menschen an der Weltvernunft teilhaben, ermöglicht die Erkenntnis der Natur und verpflichtet zur Orientierung an virtus und summum bonum. • Die ratio ist die entscheidende Instanz, um Selbsttäuschungen zu durchschauen, die den Weg zur Eudaimonia versperren. • Das Streben nach Eudaimonia und dem summum bonum korrespondiert unmittelbar mit der bona mens als verlässlicher innerer Richtschnur.

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Aufgabe HT 1 - II. Interpretationsaufgabe 3 · GK · Haupttermin · neu einsetzend · Weit 2022 ›

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