Aufgabe HT 1 - 3 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Greshake, Gisbert*: Warum lässt uns Gottes Liebe leiden? Erweiterte und überarbeitete Neuauflage. Freiburg i. Br. 2017, S. 32; 34–39; 63–64; 75–76 (Auszug)

* Gisbert Greshake, geb. 1933, ist römisch-katholischer Priester und Theologe.

Warum hat Gott die Welt so miserabel gemacht, warum lässt er das entsetzliche Leid und

Elend zu? […] Wie ist also die Welt mit ihren vorfindbaren desintegrierten 1, Leid erzeugen-

den Strukturen zu vereinbaren mit der Güte und Allmacht Gottes? […]

Schon im traditionellen Begriff der göttlichen Allmacht liegt die Möglichkeit eines Missver-

5 ständnisses bzw. eines logischen Fehlschlusses begründet. Bestimmt man nämlich Allmacht

als jene Eigenschaft Gottes, kraft derer er alles tun kann, was er will, so könnte man fälsch-

licherweise daraus folgern: Gott könne mithin auch einen dreieckigen Kreis, ein hölzernes

Eisen oder dgl. 2 schaffen. Falsch ist diese Folgerung deshalb, weil es zum Wesen Gottes ge-

hört, dass er nichts Wesenswidersprüchliches schafft. […]

10 Entgegen falschen Konsequenzen aus dem Begriff der göttlichen Allmacht ist zu betonen,

dass der Begriff einer Schöpfung, die absolut leidfrei ist, im Grunde ebenso widersprüchlich

[ist] wie der Begriff eines dreieckigen Kreises, so dass nur als sinnloses Postulat gefordert

werden kann: Gott könne doch kraft seiner Allmacht eine Welt schaffen und zugleich Leid

grundsätzlich ausschließen. Nein: Wenn Gott eine Schöpfung will, dann ist damit die Mög-

15 lichkeit von Leid notwendig mitgegeben. Diese These ist näher zu erläutern.

Fragt man nach Grund und Sinn der Schöpfung, so geben Schrift und Tradition hierauf die

Antwort: Die Welt ist von Gott aus Liebe zur Liebe erschaffen. Gott, der als drei-einer Gott

selbst die Liebe ist, will sich Geschöpfen mitteilen, auf dass diese am herrlichen göttlichen

Leben der Liebe Anteil gewinnen. Darum kann die Sinnspitze der Schöpfung nichts anderes

20 sein als Freiheit. Denn Liebe kann nur im Wechselspiel von Freiheiten sein: Kraft seiner Frei-

heit kann der Mensch die Liebe Gottes annehmen oder ablehnen, er kann Gott die Antwort

der Liebe geben oder verweigern. Diese seine Freiheit gründet darin, dass er Bild Gottes ist:

nicht festgelegt wie ein Ding, kann er sich – in bestimmten Grenzen – selbst seinen Ort in der

Wirklichkeit bestimmen und in der befristeten Zeit seines Lebens zu dem machen, der er sein

25 will. Von da aus kann er auch der Welt sein Antlitz, das er sich selbst erwirkt, aufprägen. […]

Aber trotz und in seiner Freiheit bleibt der Mensch Geschöpf, und dies bedeutet, dass er „vor“

dem Gebrauch seiner Freiheit immer bereits der von Gott Vorausgesetzte und auf Gott Bezo-

gene ist. Darum kann der Mensch sich selbst nie voll einholen, er kann nie aus sich allein

heraus Identität finden und sich autonom Lebenserfüllung herstellen. Den Sinn seines Lebens

30 findet er nur, wenn er in jenem vorgegebenen Sinnzusammenhang, aus Liebe zur Liebe ge-

schaffen zu sein, bleibt, der ihm vom Schöpfer her eröffnet ist. Daraus folgt aber: Wenn der

Mensch sich kraft seiner Freiheit gegen Gott und das Angebot seiner Liebe entscheidet, wenn

er sich weigert, Geschöpf zu sein und anzuerkennen, dass er nur von Gott her Vollendung

seines Daseins findet, dann zerstört der Mensch kraft dieser seiner Freiheitsentscheidung sich

35 selbst. Im Widerspruch gegen Gott verfehlt er sich, findet er nicht zur Identität und Sinn-

erfüllung seines Lebens. Das bedeutet aber, dass seine negative Freiheitsentscheidung unwei-

gerlich Leid konstituiert. Die Entfremdung von sich selbst, das Nicht-sich-einholen-Können

und damit die Sinnlosigkeit des Daseins schafft Leiden und wird erfahren als Leiden.

[…] Das Leiden, von dem hier die Rede ist, betrifft im ersten Ansatz zunächst nur das Subjekt

40 der verfehlten Entscheidung selbst. Aber der Mensch ist keine „Insel“. Als Bild des liebenden

drei-einen Gottes und bestimmt für die Liebe, ist er mittels seines Leibes und seines „In-die-

Welt-gestellt-Seins“ von vornherein vernetzt mit allem und allen anderen. Deshalb vergegen-

ständlicht sich die (zunächst) innere, subjektive menschliche Freiheit notwendig in der Welt,

sie verleiblicht sich am bestimmten Material und auf konkrete Weise, so dass Entscheidungen

45 der Freiheit […] sich zwangsläufig auf die Welt hin ausweiten und diese zutiefst prägen. Des-

halb verunstalten persönliche Fehlentscheidungen das Gesicht der Welt, sie rufen Unordnung

und Desintegration hervor, die als leidvoll erfahren werden. Mehr noch: Auf Grund dessen,

dass der Mensch von seiner Urbestimmung her auf Kommunikation mit Gott und anderen

Menschen angelegt ist, hat jede verfehlte, Leid erzeugende Freiheitsentscheidung nicht nur

50 ihre Wirkung im einzelnen Subjekt und in der Welt, sondern sie greift aggressiv auf die an-

dern und das Ganze über. So wird jemand, der seine Freiheit gegen Gott gebraucht und sich

selbst in unendlichen Variationen vergötzt 3, zur Ursache des Leidens für die andern, ob dieses

Leiden nun entsteht durch unheilvolle physische Gewalt, durch Krieg, Ausbeutung, Ungerech-

tigkeiten, Verbrechen aller Art oder durch psychische Gewalt, Hass, Lieblosigkeit, Neid und

55 Eifersucht.

[…] Gott will das Leiden absolut nicht […]. Er will auch nicht, dass der Mensch durch die

Sünde, das heißt durch das Herausfallen aus dem sinngebenden Gottesbezug, den einzigen

Bezugspunkt verliert, von dem her das Bedrohliche und Desintegrierende der Schöpfung in

der Erfahrung der Geborgenheit in der Liebe Gottes überwunden wird und ohne den das Leid

60 erst eigentlich zum Leid wird. […] Gott ist nicht […] der „Herrengott“, dessen Allmacht den

Menschen erdrückt, sondern personale Macht und Liebe, die dem Menschen Raum neben sich

gibt, Freiheit schenkt und zur Freiheit befreit. Darum verwirklicht sich das absolute Nicht-

Wollen des Leidens von Seiten Gottes nicht durch einen Akt der Übermacht, welche die ge-

schöpfliche Freigabe zurücknimmt und damit Liebe verunmöglicht, sondern dadurch, dass

65 Gott selbst in das Leiden eingeht und es zum eigenen macht. […]

Angesichts des Leidens sind wir herausgefordert, […] alles daranzusetzen, Leiden zu besei-

tigen: die ungerechten, leidvollen gesellschaftlichen Strukturen, Hunger und Armut, schmerz-

liche Krankheit, zerrüttete menschliche Verhältnisse durch persönliches Engagement, durch

gesellschaftliche Reformen und nicht zuletzt durch Mit-Leiden. Wer Leiden zu beheben sucht,

70 ist ergriffen vom Geist der Liebe und der Hoffnung, der uns im Angeld 4 gegeben ist, damit

wir uns in den Dienst seines endgültigen Kommens stellen. Deshalb dürfen die Christen – wie

das Zweite Vatikanische Konzil sagt – ihre Hoffnung nicht „im Innern des Herzens verber-

gen“, sondern sollen sie „in den Strukturen des profanen 5 Lebens nach außen hin verwirkli-

chen“ (LG 6 35). Jetzt schon soll eine „umrisshafte Vorstellung der künftigen Welt“ (GS 7 39)

75 entstehen und damit die Erneuerung der Wirklichkeit zu einer Welt ohne Leiden und Tränen,

„in dieser Weltzeit in gewisser, aber realer Weise vorweggenommen werden“ (LG 48). Das

kann in einer von Sünde und Leiden geprägten Welt nicht geschehen, ohne dass die, die sich

für die Überwindung des Leidens einsetzen, selbst in Leiden geraten, wie es ebenso bei Gott

geschah. Aber [– so Leonardo Boff –] „dieses Leiden hat Sinn; verursacht Freude und Gelas-

80 senheit, … ist nicht unseliges Geschick 8, sondern wird im Rahmen eines befreienden Planes

übernommen. Es ist daher die Frucht einer mutigen Freiheit und des Entschlusses eines muti-

gen Menschen.“

Anmerkungen:

1 desintegrierte Strukturen: hier: Strukturen, die die Welt als Ganzes auflösen.

2 dgl.: dergleichen.

3 sich selbst vergötzen: hier im Sinn von „sich selbst vergöttlichen oder absolut setzen“.

4 Angeld: eine Art Vorschuss; hier: bezogen auf den Geist der Liebe Gottes, die dem Menschen im Sinne eines „Vorschusses“ zukommt.

5 profan: weltlich, nicht religiös.

6 LG: Lumen gentium, lat. „Licht der Völker“, Anfangsworte der dogmatischen Konstitution, eines Textes des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche aus dem Jahr 1964.

7 GS: Gaudium et spes, lat. „Freude und Hoffnung“, Anfangsworte der Pastoralkonstitution, eines Textes des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute aus dem Jahr 1965.

8 unseliges Geschick: eine schlimme, üble Fügung oder Bestimmung.

3. a) Entfalten Sie vor dem Hintergrund der Theodizeeproblematik die theologische Position „der im Leid solidarische Gott“ und setzen Sie anschließend das Gottes- und Menschenbild des vorliegenden Textes mit dem Gottes- und Menschenbild der von Ihnen dargelegten Position in Beziehung. [24 Punkte]

3. b) Setzen Sie sich zum Abschluss kritisch und würdigend mit der Frage auseinander, ob Greshakes Überlegungen Menschen heute eine Hilfe im Umgang mit Leid sein können. [14 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - 3 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. a) Entfalten Sie vor dem Hintergrund der Theodizeeproblematik die theologische Position „der im Leid solidarische Gott“ und setzen Sie anschließend das Gottes- und Menschenbild des vorliegenden Textes mit dem Gottes- und Menschenbild der von Ihnen dargelegten Position in Beziehung.

Lösung: 1. Entfaltung der Position „der im Leid solidarische Gott“ (bspw. nach Dorothee Sölle, Leiden. Annehmen und widerstehen): • Ausgangslage: Wie kann angesichts sinnlosen Leids Hoffnung ausgesprochen werden? • Ausgangspunkt: Elie Wiesels Erzählung in „Die Nacht“ (Erhängung eines Kindes im KZ Auschwitz; Frage „Wo ist Gott?“ und die Antwort, dass Gott dort am Galgen hängt). Gott leidet und stirbt mit dem Menschen, da er mit und durch den Menschen sein Erlösungswerk vollziehen will. • These: Wende von der Vorstellung eines allmächtigen, überirdisch eingreifenden Gottes hin zu einem im Leid anwesenden, mitsterbenden Gott. • Entfaltung der These: Gottes Liebe bewahrt nicht vor Leid, sondern zeigt sich in Solidarität und Mitleid. Gott ist weder Henker noch unbeteiligter Zuschauer, sondern positioniert sich an der Seite der Opfer. In Kreuz und Auferstehung Jesu wird offenbar, dass Leiden und Tod nicht das letzte Wort haben. • Konsequenzen: Appell zur tätigen Nächstenliebe und zum Widerstand gegen Unrecht, um an der Erlösung und Vollendung der Schöpfung mitzuwirken. 2. Vergleich des Gottes- und Menschenbildes mit Greshake: • Gottesbild: - Beide gehen von einem mitleidenden Gott aus, begründen dies aber unterschiedlich: Greshake argumentiert primär schöpfungstheologisch (Gott achtet die Freiheit des Menschen und begibt sich selbst aktiv ins Leid hinein), Sölle explizit christologisch (am Kreuz zeigt sich der mitsterbende Gott). - Begriff der Allmacht: Greshake warnt vor dem Missverständnis von Allmacht als Omnipotenz („Herrengott“) und fasst Allmacht als Macht der Liebe; Sölle lehnt den Allmachtsbegriff zugunsten der Liebe und Ohnmacht Gottes ab. - Beide betonen eine tiefe Gottesbeziehung zum Menschen, der als Partner an der Erlösung mitwirken soll. • Menschenbild: - Nach Greshake ist der Mensch geschöpflich frei; durch Fehlentscheidungen wird er selbst zur Ursache von Leid (Täter und Erleidender). Sölle thematisiert weniger den menschlichen Anteil an der Entstehung von Leid, sondern fokussiert den Menschen in seinem Opferstatus und würdigt die Kraft der Opfer. - Beide fordern zur Solidarität mit Leidenden und zum aktiven Einsatz gegen Leid auf (Mensch als Werkzeug Gottes).

3. b) Setzen Sie sich zum Abschluss kritisch und würdigend mit der Frage auseinander, ob Greshakes Überlegungen Menschen heute eine Hilfe im Umgang mit Leid sein können.

Lösung: Würdigung (z. B.): • Plausibilität beim moralischen Übel (malum morale): Greshake benennt konkrete Adressaten und nimmt den Menschen in die ethische Pflicht und Verantwortung. • Positiver, appellativer Charakter: Menschen werden motiviert, gegen individuelle und gesellschaftliche Leidstrukturen vorzugehen und im Hier und Jetzt am Reich Gottes mitzuwirken. • Trostfunktion: Die Gewissheit, dass Gott das Leid nicht will, sondern selbst annimmt und mitleidet, kann die existenzielle Einsamkeit von Leidenden lindern. • Sinnstiftung für Helfende: Das bewusste Eintreten in Leidsituationen zur Linderung des Leids anderer wird als sinn- und freudestiftend gewürdigt. Kritik (z. B.): • Verengung auf menschliche Schuld: Die Theodizee wird im Bereich moralischer Übel zur reinen Anklage des Menschen; das natürliche Übel (malum physicum wie Naturkatastrophen, unverschuldete Krankheiten) bleibt im Textauszug unerklärt. • Überhöhung der Freiheit: Für persönlich Betroffene stellt sich die Frage, ob die menschliche Willensfreiheit einen so hohen Wert besitzt, dass sie maßloses und sinnloses Leid als Begleiterscheinung rechtfertigt. • Begrenzter Trostwert des Mitleidens: Ein mitleidender Gott beantwortet nicht die Frage, warum Leid überhaupt zugelassen wird. Wie Karl Rahner formuliert: Aus der eigenen Verzweiflung herauszukommen hilft es wenig, wenn es Gott genauso dreckig geht.

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