Aufgabe HT 2 - 2 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage:

Härle, Wilfried *: Warum Gott? Für Menschen, die mehr wissen wollen. Leipzig 2 2014, S. 251–254

Der Glaube an Gott steht in den allermeisten Religionen auch für die ethische Orientierung an

solchen für das Leben und Zusammenleben der Menschen grundlegenden Normen, genauer

gesagt: Er steht für die Lebensdienlichkeit und Geltung solcher Normen. Denn die Einsicht,

dass die in der Welt existierenden Wesen nicht Produkte eines blinden Zufalls sind, sondern

5 Geschöpfe Gottes, gibt ihnen einen Wert oder sogar eine Würde, das heißt ein Anrecht auf

Achtung, durch die sie ausgezeichnet und vor menschlicher Willkür in Schutz genommen

werden.

Insbesondere dort, wo Menschen sich in ihrem Verhalten ausschließlich an den Erkenntnis-

sen orientieren wollen, die wir aus den Naturwissenschaften über die Regeln der evolutionär

10 verlaufenden Naturprozesse gewinnen, droht die Gefahr, dass diese Regeln dann auch für

ethisch verbindlich gehalten werden. Das aber führt leicht zu einer Einstellung und zu einem

Verhalten, die man (abwertend) als „sozialdarwinistisch“ bezeichnet, um damit zum Ausdruck

zu bringen, dass die Selektionsmechanismen der Evolution in ihrer Gnadenlosigkeit keine

guten ethischen Lehrmeister oder Vorbilder sind. Will man sich aber in ethischer Hinsicht

15 nicht allein an ihnen orientieren, stellt sich die Frage, woher man dann eine humane ethische

Ausrichtung gewinnen kann.

Die ethische Ausrichtung wäre jedoch unzureichend und irreführend verstanden, wenn man

dabei nur oder primär an Verbote und Gebote dächte, die im Namen Gottes vorschreiben, was

zu lassen und was zu tun ist. Richtet man sich an der in Jesus Christus Mensch gewordenen

20 Liebe Gottes aus, so ergibt sich gegenüber dieser Vorstellung eine gravierende Veränderung:

Diese Veränderung besteht darin, dass die ethische Orientierung ihre tiefste Begründung

nicht aus dem Sollen gewinnt, sondern aus dem Sein. Das heißt, dass sie den Charakter einer

Lebensbewegung hat, in der ein Mensch zunächst Empfangender ist. Wenn Menschen das

Gefühl haben, dass sie in ihrem Handeln etwas weitergeben, was ihnen zuvor selbst zuteil-

25 geworden ist, dann gibt das dem Ethos eine unverkrampfte Gestalt. Sie resultiert nicht aus

dem Druck, der durch das erzeugt wird, was erst noch erreicht und geschaffen werden muss,

sondern aus der Dankbarkeit für das Empfangene. Und dabei kann man oft die Erfahrung

machen, dass man durch das Weitergeben eher reicher als ärmer wird.

Mit alledem macht die ethische Orientierung, die im Glauben an Gott gründet, das Kriterium

30 der Lebensdienlichkeit stark. Dieser Aspekt verdient als Interpretation des Sinnes ethischer

Normen besondere Erwähnung. Denn wenn das Nachdenken über ethische Normen die Aus-

richtung an dem aus dem Blick verliert, was dem Leben dient, kann an ihrer Stelle die Vor-

stellung von Gott als einem strengen, kleinlichen Gesetzgeber und Richter einziehen, die

schon bei vielen Menschen das Leben belastet und den Zugang zum Gottesglauben erschwert

35 hat. Diese Gefahr nimmt jedoch in dem Maße ab, in dem der Glaube an Gott einerseits in Ver-

bindung gebracht wird mit dem Gedanken des rechten Maßes für den Menschen und anderer-

seits mit der Erkenntnis der Bedeutung von Vergebung.

Der Gedanke des rechten Maßes besagt, dass das Ethos sich an dem ausrichten soll, was für

den Menschen – gesellschaftlich und individuell – bekömmlich ist, was ihm guttut, was sei-

40 nem Leben dient. Damit werden der Blick über den Augenblick hinaus und der Blick über

das Eigeninteresse hinaus zu einer wichtigen Hilfe, um das zu entdecken, was dauerhaft und

umfassend ein gutes Leben ermöglicht, und dieser Blick muss nicht bei den Menschen enden,

sondern darf und sollte auch die anderen Geschöpfe Gottes umfassen.

Ebenso wichtig für ein lebensdienliches Ethos ist der Gedanke der Vergebung. Ohne Verge-

45 bung bleiben Menschen dauerhaft an ihr Fehlverhalten gebunden und müssen versuchen, es

durch außerordentliche gute Taten auszugleichen, damit schließlich die Waagschale der guten

Taten die der bösen überwiegt. Aber kein Mensch kennt die „Verrechnungseinheiten“, die für

eine solche moralische Bilanz maßgeblich wären. So bleibt das menschliche Leben ohne die

Möglichkeit und Wirklichkeit von Vergebung stets unter der Drohung eines endgültigen ethi-

50 schen Scheiterns. Eine bedingungslose Bejahung und Annahme als Mensch und Geschöpf

Gottes ist da nicht vorgesehen.

Das ist ganz anders, wenn die Erkenntnis Raum gewinnt, dass jedem Menschen mit seinem

Dasein von Gott eine unantastbare Würde gegeben ist, das heißt „das Anrecht auf Achtung als

Mensch“ […]. Das kann zwar ignoriert und missachtet werden, aber es kann – als Anrecht! –

55 niemandem genommen werden. Die Menschenwürde ist eine Auszeichnung und Erhöhung,

die zum aufrechten Gang und zum offenen Wort befähigt und ermutigt. Dieses ethische und

rechtliche Fundament des Lebens und Zusammenlebens ist dort bedroht, wo der Glaube an

Gott aus einem Menschenleben oder aus einer ganzen Gesellschaft verschwindet. Denn dann

erscheint die Menschenwürde als etwas, das entweder durch Menschen verliehen ist und

60 darum durch Menschen auch wieder entzogen werden kann, oder als etwas, das man sich

erst durch seine Lebensleistung verdienen muss und das darum von vielen gar nicht erreicht

wird oder unter der ständigen Gefahr steht (zum Beispiel durch Versagen oder Demenz) ab-

handen zu kommen.

* Wilfried Härle, geb. 1941, ist evangelischer Theologe und war Professor für Systematische Theologie/Ethik an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Heidelberg; er war Mitglied der Enquetekommission des Deutschen Bundestags „Ethik und Recht der modernen Medizin“ und bis 2010 Vorsitzender der Kammer für Öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

2. Entfalten Sie unter Heranziehung einer Textstelle aus dem Neuen Testament Zuspruch und Anspruch der Reich-Gottes-Botschaft Jesu und bringen Sie danach wesentliche Gedanken des vorliegenden Textes mit Ihren Ausführungen in Verbindung. (22 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - 2 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie unter Heranziehung einer Textstelle aus dem Neuen Testament Zuspruch und Anspruch der Reich-Gottes-Botschaft Jesu und bringen Sie danach wesentliche Gedanken des vorliegenden Textes mit Ihren Ausführungen in Verbindung. (22 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den offiziellen Kriterien: 1. Entfaltung von Zuspruch und Anspruch (z. B. Lk 15,11–32): - *Zuspruch:* Bedingungslose Liebe und Vergebungsbereitschaft des Vaters; das Erbe als unverdiente Gabe; Annahme des verlorenen Sohnes ohne Vorbedingungen; Bestätigung der Liebe auch gegenüber dem murrenden älteren Sohn. - *Anspruch:* Einsicht und Umkehr des jüngeren Sohnes; Überwindung von Neid, Hartherzigkeit und Missgunst beim älteren Sohn, um an der Gemeinschaft der Freude teilzuhaben. 2. Bezug zu zentralen Gedanken von Härles Text: - *Zum Zuspruch:* Der Mensch ist zuerst „Empfangender“ (Z. 23); die Liebe Gottes ist unverdiente Gabe. Die „Bedeutung von Vergebung“ (Z. 37) verhindert endgültiges ethisches Scheitern (Z. 49 f.). Die Würde bleibt unverlierbar („aufrechter Gang“, Z. 56), selbst bei tiefstem Scheitern. - *Zum Anspruch:* Aus der Dankbarkeit erwächst die Bereitschaft zum Teilen und Weitergeben (Z. 27). Überwindung bloßen „Eigeninteresses“ (Z. 41), das Leben zerstört. Ethik verwirklicht die von Gott gewollte „Lebensdienlichkeit“ (Z. 30), die dem Menschen wahrhaft guttut (Z. 39).

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