Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2023
Thema: Kirche und interreligiöser Dialog: Nostra aetate · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Georg Schwikart: Requiem für meinen Glauben. Was ich getrost begraben darf und dadurch an Leben gewinne (Auszug)
Im Wohnzimmer meines Pfarrhauses sind auf einem halbhohen Regal religiöse Mitbringsel
meiner Reisen ausgestellt. Manche Betrachter nennen das einen „interreligiösen Altar“, doch
dient dieses Sammelsurium ja nicht der Anbetung Gottes, sondern dem Erkenntnisgewinn.
Da steht zum Beispiel ein arabischer Koran, den ich im türkischen Konya kaufte, der heiligen
5 Stadt des Mystikers Rumi 1. Aus Varanasi in Indien habe ich den tanzenden Shiva aus Messing
mitgebracht, aus Jerusalem die Menora, den siebenarmigen Leuchter. Die Nachbildung des alt-
ägyptischen Gottes Anubis (für die Totenriten zuständig) erstand ich in Kairo. Der wunderbare
Buddha ist ein Geschenk des thailändischen Mönchsklosters, in dem ich zu Gast sein durfte.
[...] Das Christentum ist mit einem Kreuz und einer Bibel vertreten. [...] In der Mitte der
10 Sammlung thront ein medizinischer Torso; man kann die Organe entnehmen, auch den Kopf
öffnen. Das soll nicht bedeuten, am wichtigsten sei der Mensch und ihm gebühre die Anbe-
tung, keineswegs. Ich wollte damit ausdrücken: Alle religiösen Bilder und Vorstellungen, all
die heiligen Bücher, Rituale und Traditionen, Feiertage und ehrwürdige Amtsträger aus den
Religionen – all das ist Menschenwerk. [...]
15 Wir Menschen sind es, die wir Gott nach unseren Vorstellungen mit Eigenschaften versehen
und Gott Worte in den Mund legen. Das stelle ich nicht in einem religionskritischen Sinne fest
nach dem Motto: „Es ist ja alles nur frei erfunden!“, sondern im Bewusstsein, dass Menschen
nicht anders als eben menschlich von Gott denken und von Gott reden können. Bereits im
5. Jahrhundert vor Christus stellte der griechische Philosoph Xenophanes nüchtern fest: „Wenn
20 die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus.“ Kein Wunder also, dass wir Menschen Gott
mit menschlichen Attributen ausstatten: Gott kann sehen, hören, riechen, fühlen und sprechen,
Gott hat Hände, Gott liebt uns, kann aber auch eifersüchtig und zornig sein.
Solche Aussagen einfach als naiv abzutun wäre zu oberflächlich. Menschen haben das Göttliche
erfahren und begegneten dem Heiligen. Das Erlebte kann dann allerdings kaum angemessen in
25 unseren Menschenworten wiedergegeben oder in menschlich plausiblen Zeichen dargestellt
werden. Wir spüren gleich, unsere Versuche bleiben irgendwie schief – Gott muss noch einmal
ganz anders sein. [...]
Seit alter Zeit bis auf den heutigen Tag, überall, wo Menschen leben, in allen Kulturen haben
Menschen auf vielfältige Art und Weise ihrem Verlangen nach dem Göttlichen Ausdruck ver-
30 liehen. Was sollte daran verwerflich sein? Problematisch wird die Buntheit der religiösen Viel-
falt erst, wenn das Kriterium von „wahr und falsch“ angelegt wird. Ein hinkender Vergleich:
Gibt es wahre oder falsche Tiere? Haben nicht Ameisen und Zebras, Nachtigallen und Pottwale
ihre Daseinsberechtigung?
Religion ist ein menschliches Phänomen, und wo Menschen aktiv sind, wird es schnell kompli-
35 ziert. Weil sie bewerten und beurteilen. Zum Beispiel bei der Frage, welches die richtige Reli-
gion sei. Verwundert es, wenn die Muslime sagen: der Islam? Und die Hindus: der Hinduismus?
So halten die Christen das Christentum für die einzig wahre Religion. [...]
Wir müssen lernen, die Wahrheit ist in dieser Frage nur im Plural denkbar. Wir können die
Wahrheitsfrage nicht allgemeingültig beantworten, wohl aber persönlich: Meine Religion ist
40 das Christentum! Mein Glaube bezieht sich auf Gott, der sich den Menschen dreifaltig gezeigt
hat als Vater/Mutter, in seinem Sohn Jesus Christus und im Heiligen Geist. Um dieses Bekennt-
nis ablegen zu können, muss ich schon tief in das christliche Selbstverständnis eingedrungen
sein. Es ist ja keine Erkenntnis, die speziell mir zuteilwurde, sondern ich bin in die Kultur des
Christentums hineingewachsen und habe sie verinnerlicht. Ich erfahre Gottes Gegenwart im
45 christlichen Glauben. [...]
Ich kann auch gut aushalten, dass andere Menschen anders glauben als ich. [...] In meiner
Tradition gibt es allerdings starke Aussagen, die einem solch liberalen Ansatz, wie er mir an-
genehm ist, zuwiderlaufen. So heißt es von Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das
Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14,6). In seiner Unbedingt-
50 heit ist dieser Anspruch kaum zu überbieten. Ähnlich drückt es ein Vers aus dem 1. Johannes-
brief (5,12) aus: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das
Leben nicht.“
Geht dieser Absolutheitsanspruch wirklich auf Jesus Christus zurück? Oder ist es nicht viel-
mehr Ausdruck christlicher Verehrung, die dachte, sie würde den Ruhm Gottes vermehren,
55 wenn allein Christus zu retten vermag und alle anderen, die nicht mit ihm verbunden sind, „das
Leben nicht“ haben?
Als Ausdruck hingebender Poesie kann ich das nachvollziehen. So mag ein Mann seine Frau
für die schönste auf Erden oder eine Hamburgerin ihre Stadt für die beste der Welt halten. Beide
werden jedoch nicht alle anderen Vergleichsmöglichkeiten herangezogen haben, sondern ihre
60 Bewertung als Ausdruck der Liebe und Zuneigung verstehen.
In diesem Sinne kann ich mitsprechen: Jesus ist mein Weg, meine Wahrheit und mein Leben,
durch ihn komme ich zum Vater. Verabsolutiere ich das allerdings, ergibt sich ja die Frage, was
mit all den anderen geschieht. Die meisten Menschen auf der Erde sind ja keine Christinnen
und Christen. Gehen sie alle einen falschen Weg? Sind sie alle verloren? [...]
65 Der Gott, dem ich vertraue, ist der Gott aller Menschen. Deswegen will ich den Absolutheits-
anspruch des Christentums überwinden. Gott zeigt sich in Jesus, das ist mein Glaube. Aber
warum soll er sich nicht auch in anderen Persönlichkeiten zu erkennen geben, in anderen heili-
gen Schriften zu Wort kommen und in anderen Ritualen erfahrbar sein?
Das Christentum verfügt nicht allein über die Deutungshoheit Gottes. Zumal das Christentum
70 selbst ja eine synkretistische Angelegenheit ist, also ein Konglomerat aus jüdischen, griechi-
schen, römischen, ägyptischen, persischen und anderen Anteilen. In seiner langen Geschichte
sind Einflüsse aller Kulturen eingedrungen, in die es sich einpflanzen konnte.
Bitte beachten, ich sage nicht: Es ist egal, woran du glaubst. Die Religionen sind nicht gleich,
ganz im Gegenteil, sie geben zum Teil weit voneinander abweichende Antworten auf die Fra-
75 gen des Menschen nach Gott, dem Jenseits oder dem „richtigen“ Leben hier auf der Erde. Mir
erscheint durchaus in einigen Religionen einiges inakzeptabel, weil es mir fremd ist, abstrus
erscheint oder mit meinem Glauben gar nicht zu vereinbaren ist. [...]
Daraus lässt sich aber keineswegs folgern, das Christentum habe immer Recht. Daher lasse ich
diesen Gedanken, ich gehöre ganz zufällig der besten aller Religionen an, hinter mir... ins Grab
80 damit.
1 Rumi: 1207 – 1273, persischer Sufi-Mystiker, Gelehrter, Dichter.
3. Erläutern Sie, welche zentralen Aussagen und Anliegen die katholische Kirche im Dialog mit anderen Religionen im Anschluss an die Konzilserklärung Nostra aetate vertritt. Prüfen Sie, inwiefern die Darlegungen des Autors diesen entsprechen.
Beurteilen Sie abschließend sowohl würdigend als auch kritisch, inwiefern Schwikarts Einstellung zu anderen Religionen einen Dialog der Religionen fördern kann. (38 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erläutern Sie, welche zentralen Aussagen und Anliegen die katholische Kirche im Dialog mit anderen Religionen im Anschluss an die Konzilserklärung Nostra aetate vertritt. Prüfen Sie, inwiefern die Darlegungen des Autors diesen entsprechen. Beurteilen Sie abschließend sowohl würdigend als auch kritisch, inwiefern Schwikarts Einstellung zu anderen Religionen einen Dialog der Religionen fördern kann.
Lösung: Ausarbeitung gemäß den offiziellen Prüfungskriterien: 1. Aussagen und Anliegen von Nostra aetate (12 Punkte): - Paradigmenwechsel vom Exklusivismus zum Inklusivismus. - Anerkennung und Würdigung dessen, was in nichtchristlichen Religionen 'wahr und heilig' ist (NA 2); Besinnung auf gemeinsame Grundlagen. - Festhalten am katholischen Wahrheitsanspruch: Christus als 'der Weg, die Wahrheit und das Leben', in dem die Fülle des religiösen Lebens zu finden ist. - Universeller Heilswille Gottes, Mahnung zu Dialog, Frieden, Zusammenarbeit und Verurteilung jeglicher Diskriminierung sowie besonderes Verhältnis zum Judentum. 2. Prüfung der Ausführungen Schwikarts im Vergleich zu Nostra aetate (12 Punkte): - *Gemeinsamkeiten:* Abkehr vom Exklusivismus; Betonung der Begrenztheit menschlicher Gotteserkenntnis; Wertschätzung von Wahrheit in anderen Religionen. - *Unterschiede:* Schwikart vertritt ein pluralistisches Religionsmodell und verwirft den allgemeinen Wahrheitsanspruch ('Wahrheit nur im Plural'; 'Wahrheit für mich' statt 'Wahrheit an sich'); Relativierung der Christologie (Joh 14,6 als bloße Verehrungspoesie), während NA an Christus als Fülle der Offenbarung festhält; fehlende Thematisierung des besonderen Erbes mit dem Judentum bei Schwikart. 3. Abschließende Beurteilung (14 Punkte: 6 würdigend, 8 kritisch): - *Würdigung (6 P.):* Ernstnahme der eigenen Verwurzelung ('konfessorische Gebundenheit'); Haltung der Demut und Offenheit; Abbau von Bekehrungs- und Missionsängsten bei den Dialogpartnern. - *Kritik (8 P.):* Relativierung des christologischen Bekenntnisses schwächt die theologische Substanz im Dialog; Ausweichen vor dem Wahrheitsanspruch verhindert vertiefte Auseinandersetzung; Gefahr eines synkretistischen 'Sammelsuriums' ohne theologische Tiefenschärfe; emotionale Ablehnung des Fremden ('abstrus') anstelle argumentativer Auseinandersetzung.
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