Aufgabe 1 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2021

Thema: Kirche und interreligiöser Dialog: Nostra aetate · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage:

Halík, Tomáš *: Theater für Engel. Das Leben als religiöses Experiment. Freiburg i. Br. 2019, S. 12 – 17 (Auszug)

Meine älteste Erinnerung ist die Folgende: Einmal ist mir als kleinem Jungen bewusst gewor-

den, dass die Perspektive, von der aus ich die Welt um mich herum anschaue, einzigartig und

nicht austauschbar ist; dass das, was ich gerade in diesem Augenblick von jenem Ort aus sehe,

an dem ich stehe, und das, was ich dabei erlebe und was ich denke, dass dies kein anderer

5 sieht, spürt oder denkt – jeder von uns hat eine eigene Welt, wie auch immer wir uns phy-

sisch, gefühlsmäßig oder gedanklich nahe sind. Bis heute fühle ich in mir den Blitz jener Ein-

sicht, jene Mischung aus Erstaunen, Erregung, aber auch des Einsamseins.

Vielmals habe ich mich danach gesehnt, den Kreis der eigenen Bestimmung zu überschreiten

und die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen, an ihren Erfahrungen auf irgendeine

10 Weise teilzuhaben. Gerade diese Leidenschaft hat mich dazu angeregt, zu lesen […], durch

die Welt zu pilgern, sowohl nach rechts als auch nach links zu diskutieren. Ich habe danach

gestrebt und ich strebe danach, diejenigen zu verstehen, die ganz anders als ich denken; jene

Wurzeln zu entdecken, die Bedingungen und Zusammenhänge, in denen sich ihre Gedanken,

Ansichten und Haltungen formten, sich wenigstens ein wenig dem Sinn und der Wahrheit

15 auch dessen anzunähern, was mich spontan reizt und abstößt, was für mich auf den ersten

Blick keinen Sinn ergibt. Die Wahrheit verbirgt sich gerne; warum sollte man also auf der

Suche nach ihr an den Grenzen des eigenen Zuhauses anhalten, warum sollte man sich auf

dem Weg zu ihr nicht auch auf jene Gebiete vorwagen, die fremd und feindselig erscheinen?

Die Wahrheit ist ein Buch, das noch niemand von uns zu Ende gelesen hat; es ist daher viel-

20 leicht nicht unhöflich, in ihm auch über die Schulter der anderen blickend zu lesen.

Sollte es mir einmal vergönnt sein, das Panorama des Lebens in seiner Ganzheit zu über-

blicken, in seiner ganzen Wahrheit, von jenem einen Standort über allen Horizonten aus, die

ich bisher kenne und die ich mir vorstellen kann? Werde ich einmal den „Horizont der Hori-

zonte“ erblicken? Werde ich das Glück haben, jenen Kontext zu erblicken, der es ermög-

25 licht, den Sinn auch dessen zu begreifen, was mir hier und jetzt notwendigerweise absurd

erscheint? […]

Der christliche Glaube mahnt die Sehnsucht nach der Erkenntnis des Absoluten zur eschatolo-

gischen Geduld, zur Demut der Pilger: Der Apostel 1 lehrt, dass alles, was wir auf dieser Erde

über Gott wissen können, über den Horizont der Horizonte, über den gesamten sinnstiften-

30 den Kontext, nur ein Rätsel ist, nur eine Widerspiegelung in einem blinden Spiegel, nur ein

Gleichnis. Glauben, dem Glauben eine Chance zu geben, bedeutet nicht, sich von der Ver-

nunft zu befreien, sondern lediglich vom Hochmut der Vernunft. Dem Glauben Raum zu

geben, setzt voraus, dass wir uns von der Illusion befreien, dass wir die Tiefe der Wahrheit

mit unserem Wissen voll ergreifen und sie in unseren Besitz und in unsere Regie überführen

35 können. Wer auch immer für sich oder seine Gruppe das Monopol auf die Wahrheit bean-

sprucht, verrät schon mit diesem Anspruch, dass er außerhalb der Wahrheit steht. Weder mit

der Vernunft noch mit dem Glauben können wir die Wahrheit in ihrer Fülle erobern und be-

herrschen. Der Glaube offenbart die Wahrheit des Lebens: Das Leben ist ein unerschöpfliches

Geheimnis, das Hoheitsgebiet Gottes, das wir nicht „privatisieren“ können. Der Glaube lehrt

40 uns, mit diesem Geheimnis zu leben, und die Last der Fragen zu ertragen, deren vollständige

Beantwortung unsere Kompetenz übersteigt.

[…] Das Geheimnis zu respektieren, bedeutet nicht, zu resignieren. Es bedeutet nicht, in der

Anstrengung, mehr wissen zu wollen, nachzulassen; es bedeutet nicht, verantwortungslos,

faul und undankbar das große Geschenk der Vernunft brachliegen zu lassen und die Offenheit

45 unseres Geistes nicht zu nutzen.

Nichtsdestotrotz behält das Pascal’sche Diktum 2 stets seine Gültigkeit: Die größte Leistung der

Vernunft ist es, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Die Vernunft wird unvernünftig, wenn

sie nicht in der Lage ist, vernünftig zu unterscheiden und demütig die Grenzen ihrer Kompe-

tenz anzuerkennen. Dort, wo die Vernunft auf eigenen Flügeln bis zur Sonne des Geheimnis-

50 ses gelangen will, welches nur dem Glauben und der Hoffnung gegeben wird, endet sie wie

Ikarus mit verbrannten Flügeln 3 – sie stürzt ab […].

Gott handelt sicher nicht gegen die Vernunft, die er selbst dem Menschen gegeben hat. Er ist

jedoch zu groß, als dass er sich mit diesem seinem geschaffenen Geschenk erfassen, umschlie-

ßen und erschöpfen ließe.

55 „Begreifst du, so ist es nicht Gott“, lehrt der heilige Augustinus 4. Und wenn dieses Geheimnis

selbst zu uns spricht und sich im Wort mitteilt, wie die christliche Lehre von der Offenbarung

lehrt, dann vergessen wir nicht, dass dieses Wort jedoch notwendig auf unsere menschliche

Beschränktheit der Fähigkeit zuzuhören, es zu begreifen und auszudrücken stößt. Die Quelle

des Glaubens ist die Selbstmitteilung Gottes in Schrift und Tradition, also Gott selbst als der

60 anredende Logos. Der Akt des Glaubens schließt mit ein, diesem Wort zuzuhören – jenem Wort, das zu uns „im Fleische“ kommt – und schließt auch die Bereitschaft des Gläubigen

ein, es in seine Lebensgeschichte zu inkarnieren 5.

* Tomáš Halík, geb. 1948, ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.

1 Apostel: Hier ist der Apostel Paulus gemeint, auf den der Gedanke zurückgeführt wird, dass alles irdische Erkennen fragmentarisch, gebrochen und gleichnishaft bleibt (vgl. 1 Kor 13,12).

2 Blaise Pascal lebte im 17. Jahrhundert und war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph. Angesichts der Unendlichkeit, der der Mensch sich ausgesetzt sieht, konstatiert Pascal in einem Diktum (= bedeutsamer Ausspruch) die Grenzen menschlichen Denkens.

3 Ikarus ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Daidalos. Um der Gefangenschaft im Labyrinth des Minotaurus zu entkommen, erfindet der Vater für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel; er schärft Ikarus ein, der Sonne nicht zu nahe zu kommen, da dann das Wachs schmelze. Ikarus ignoriert die Mahnung des Vaters, wird übermütig, die Sonne schmelzt das Wachs und er stürzt in das Meer.

4 Augustinus lebte im ausgehenden 4. und beginnenden 5. Jahrhundert und gilt als großer Kirchenlehrer und Kirchenvater.

5 Inkarnation bezeichnet im Christentum die Menschwerdung Gottes. Der Autor nutzt diesen Begriff in umgekehrter Weise: Der Mensch soll Gott in sein Leben aufnehmen und Gottes Liebe im eigenen Leben und Handeln sichtbar werden lassen.

3.

Erläutern Sie, welche Haltung die katholische Kirche in Nostra aetate zum Wahrheitsanspruch gegenüber nichtchristlichen Religionen einnimmt; prüfen Sie danach, inwiefern Halíks Darlegungen mit dieser Haltung übereinstimmen. Setzen Sie sich abschließend – auch unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse – mit der Frage auseinander, ob Halíks Position als Grundlage für den interreligiösen Dialog tragfähig ist. (30 Punkte)

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den Kriterien der offiziellen Musterlösung unten.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Erläuterung der Haltung der katholischen Kirche in Nostra aetate (8 Punkte)

Lösung: Paradigmenwechsel zum Inklusivismus: - Abkehr vom strikten Exklusivismus ('extra ecclesiam nulla salus'). - Würdigung dessen, was in nichtchristlichen Religionen 'wahr und heilig ist' (Art. 2); alle Religionen können Anteil an göttlicher Wahrheit widerspiegeln. - Festhalten am christlichen Wahrheitsanspruch: Christus ist 'der Weg, die Wahrheit und das Leben', in ihm finden Menschen die 'Fülle des religiösen Lebens'. - Dialog- und Kooperationsbereitschaft bei gleichzeitigem Verkündigungsauftrag.

3. Prüfung, inwiefern Halíks Ausführungen dieser Haltung entsprechen (12 Punkte)

Lösung: Gemeinsamkeiten und Differenzen: - Gemeinsamkeit: Beide öffnen Perspektiven für Dialog, Respekt und die Suche nach Einheit und Frieden. - Differenz beim Wahrheitsmonopol: Halík erklärt, wer das Wahrheitsmonopol beanspruche, stehe außerhalb der Wahrheit. Nostra aetate beurteilt andere Religionen letztlich am Maßstab der christlichen Offenbarung. - Radikalisierung bei Halík: Halík geht über den kirchlichen Inklusivismus hinaus, indem er zur Wahrheitssuche ausdrücklich auch außerhalb des 'eigenen Zuhauses' aufruft und die eigene Position als prinzipiell unvollständig ('Buch noch nicht zu Ende gelesen') begreift. - Symmetrie: Während Nostra aetate Abstufungen vornimmt (v. a. Verhältnis zum Judentum), formuliert Halík eine prinzipielle epistemologische Offenheit für alles Fremde.

3. Urteil über die Tragfähigkeit von Halíks Position für den interreligiösen Dialog (10 Punkte)

Lösung: Differenzierte Beurteilung: - Chancen / Tragfähigkeit: Halíks Haltung fördert echte Augenhöhe, Respekt und Dialogbereitschaft im Sinne einer 'komparativen Theologie'. Das Eingeständnis der Begrenztheit verhindert Fundamentalismus und motiviert zum wechselseitigen Lernen. - Grenzen / Herausforderungen: Es besteht die Gefahr eines Relativismus, der das spezifisch christliche Bekenntnis abschwächt. Ein fruchtbarer Dialog setzt oft voraus, dass Partner mit festem eigenem Profil und Bekenntnis zueinander sprechen, anstatt eigene Wahrheitsansprüche völlig offenzulassen.

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