Aufgabe 1 - 2: Quellen des Islam · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2023
Thema: Quellen des Islam, Auslegung und religiöse Praxis · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Asma Barlas
Der Koran neu gelesen
Ich möchte […] einige Gründe nennen, warum ich glaube, dass der Koran weder die traditionelle noch die moderne Form des Patriarchats unterstützt. Mein erster Punkt ist, dass der Koran Gott nicht als Vater darstellt. Er verbietet vielmehr eine Sakralisierung 1 Gottes und sogar jede Art von Abbild für Gott. Im Koran steht, dass Gott nicht geschaffen wurde und daher über jeglicher Geschlechtszugehörigkeit steht und somit nicht abbildbar ist, auch wenn die Sprache des Menschen Gott immer mit einem männlichen Pronomen versieht.
Der Koran erhebt Väter und Vaterschaft nicht zu etwas Heiligem, sondern besagt, im Gegenteil, dass „den Fußspuren der Väter zu folgen“ vom Weg Gottes abführt. Ich sehe darin eine klare Widerlegung des traditionellen Patriarchats. Denn was bedeutet Patriarchat anderes, als „den Fußspuren der Väter zu folgen“?
Natürlich erkennt der Koran durchaus, dass Patriarchate existieren und dass in diesen Patriarchaten die Macht in den Händen der Männer liegt. Daher wendet er sich oft an Männer. Aber das Anerkennen des Patriarchats oder die Ansprache der Männer sind etwas anderes als das Verfechten der Vorherrschaft der Männer!
Darüber hinaus benutzt der Koran nicht das biologische Geschlecht, um Männern Privilegien einzuräumen oder Frauen auszugrenzen, wie es die modernen und die weltlichen Formen des Patriarchats tun. Der Koran verbindet noch nicht einmal das Geschlecht mit einer sozialen oder kulturellen Geschlechtszugehörigkeit. Ich meine damit, dass der Koran durchaus die biologischen (sexuellen) Unterschiede anerkennt, aber ihnen keine spezifische Geschlechtssymbolik zuordnet. Einfach ausgedrückt: Im Koran existiert das Konzept eines geschlechtsspezifischen Mannes oder einer geschlechtsspezifischen Frau nicht. Kein einziger Vers weist Männern und Frauen spezifische Arbeitsbereiche zu oder definiert ihre Rollen als biologische Funktion oder besagt, dass die biologischen Unterschiede Männer und Frauen ungleich, inkompatibel, unvergleichbar oder zu Gegensätzen machen.
Sicherlich behandelt der Koran Männer und Frauen nicht in jeder Angelegenheit identisch, aber das bedeutet nicht, dass er sie ungleich macht. Wie wir wissen, impliziert Unterschied nicht immer Ungleichheit. Außerdem knüpft der Koran seine unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen nicht an irgendwelche Ansprüche über Biologie oder Ungleichheit.
Das ist eine sehr kurze und vereinfachte Zusammenfassung einer sehr langen und komplexen Interpretation und ich habe sie nur vorgetragen, um zu zeigen, dass man den Koran auf gute und schlechte Weise interpretieren kann. Bezeichnenderweise fordert der Koran selbst jeden Einzelnen von uns auf, ihn für uns selbst zu lesen und ihn in seiner „besten Bedeutung“ zu interpretieren.
Wenn uns das nicht gelungen ist und wir Ungleichheit der Geschlechter und Unterdrückung und sogar Vielweiberei hineinlesen, ist es unredlich, den Koran dafür verantwortlich zu machen. Die Texte können sich nicht selbst interpretieren. Das können nur wir und daher müssen wir die Last unserer eigenen Fehlinterpretationen tragen.
Ich möchte […] wieder auf die Koranstudien der Frauen und Feministinnen zurückkommen 2. Ich sehe diese Studien als einen Versuch, den Hintergrund des Textes zu beleuchten und den historischen Zusammenhang sichtbar zu machen, in dem der Koran offenbart und interpretiert wurde. Auf diese Weise möchten wir erklären, warum Muslime ihn als patriarchalischen Text (miss)interpretiert haben. Gleichzeitig ist die Forschung der Frauen und Feministinnen auch ein Versuch, den Vordergrund des Textes zu verdeutlichen, um den Lehren einen neuen Kontext zu geben, damit sie im Leben der Gläubigen, die heute nach dem Koran leben möchten, Relevanz haben.
Es ist genau dieser Prozess der ständig neuen Kontextualisierung des Korans, der ihn wahrhaft universell macht. Aber leider bleibt dieser emanzipatorische Versuch auf den Rand des muslimischen Diskurses beschränkt, da die Strukturen der religiösen Autorität nur Männern, und auch nur einigen Männern, erlauben, im Namen Gottes zu sprechen.
Eine viel weiter reichende Reform als nur die Reform der muslimischen Staaten und Gesellschaften wäre nötig, um das zu ändern. Auch das Bewusstsein der Glaubensgemeinschaft müsste sich ändern, da man den Koran in repressiven und antidemokratischen Verhältnissen nicht in seiner besten Bedeutung lesen kann. Und auch nicht, wenn man an einer geistigen Haltung festhält, die im Schlamm von Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Unsicherheiten feststeckt.
Genau dieser direkte Zusammenhang von hermeneutischen und existentiellen Fragen gibt Muslimen einen Grund, gegen die sozialen Ungleichheiten und das Ungleichgewicht der Geschlechter zu kämpfen. Nur durch einen solchen Kampf kann ein Empowerment 3 der muslimischen Frauen gelingen.
Indes betrachten viele Muslime den Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter mit Argwohn, denn sie haben genau diese Gleichberechtigung der Geschlechter als westliches und feministisches Konstrukt kennen gelernt. Aber der Kampf um Gleichberechtigung liegt im Kern derselben islamischen Tradition verankert, die oft benutzt wird, um den Frauen genau die Rechte zu verwehren, die ihnen der Koran gewährt hat.
Ich meine damit die Tradition, die uns berichtet, dass Umm Salama, eine der Frauen des Propheten, ihn gefragt hat, als der Koran ihm offenbart wurde, warum der Koran sich nicht an die Frauen wendet. Und es wird berichtet, dass ab jenem Zeitpunkt der Koran sich direkt an die Frauen zu wenden begann.
In dieser Tradition, ob sie nun gänzlich wahr ist oder nicht, finde ich unendliche Lehren.
Zum einen zeigt sie uns, dass wir die richtigen Fragen stellen müssen, wenn wir möchten, dass der Koran zu uns spricht. Zum Beispiel können wir seine Position zu Gleichberechtigung und Patriarchat nur dann erkennen, wenn wir hinterfragen, ob es sich tatsächlich um einen patriarchalischen Text handelt und nicht davon ausgehen, dass es so ist.
Zum anderen zeigt sie auch, dass Frauen die Schrift hinterfragen können, ja sogar müssen. Und das ohne die Intervention einer selbsternannten Klasse von männlichen Geistlichen oder Mittlern. Das Entgegenkommen Gottes auf die Frage von Umm Salama zeigt, dass das Infragestellen des heiligen Textes ein von Gott verbrieftes Recht der Frau ist.
Ich erwähne das hier ausdrücklich, da die Gemeinschaft, die Umm Salama verehrt und für den Islam als befreiende Religion wirbt, in der Praxis die Auslegungen des Korans durch Frauen verunglimpft und Frauen unterdrückt. Und schließlich zeigt Umm Salamas Frage, dass eine Frau keine Feministin sein muss und sogar als Analphabetin dem Koran als befreiendem Werk begegnen kann. Aus alledem schließe ich, dass sich der Koran den Frauen für alle Zeiten geöffnet hat.
Und nur Frauen werden für ihr Verständnis des Korans an dem Tag die Verantwortung übernehmen können, an dem jede Seele, so wie es im Koran steht, für sich selbst Rede und Antwort stehen muss.
Asma Barlas ist pakistanische Politik- und Islamwissenschaftlerin.
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
1 Sakralisierung (lat.): Heiligung
2 Die Autorin bezieht sich auf einen Aspekt, der hier nicht weiter ausgeführt wird, für das Gesamtverständnis aber keine Rolle spielt.
3 Empowerment (engl.: Ermächtigung): bezeichnet Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen sollen.
Textgrundlage: Barlas, Asma: Der Koran neu gelesen, in: Asma Barlas; Nahide Bozkurt; Rabeya Müller, Der Koran neu gelesen. Feministische Interpretationen. Islam und Gesellschaft Nr. 6. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung 2008, S. 5 – 10 (gekürzt).
2. Entfalten Sie einen Ansatz zur Deutung des Islam, der beispielhafte Offenbarungsanlässe berücksichtigt, und bringen Sie diesen in Beziehung zu der Auffassung vom Zusammenleben von Mann und Frau aus koranischer Perspektive, die in Asma Barlas' Text deutlich wird. (30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie einen Ansatz zur Deutung des Islam, der beispielhafte Offenbarungsanlässe berücksichtigt, und bringen Sie diesen in Beziehung zu der Auffassung vom Zusammenleben von Mann und Frau aus koranischer Perspektive, die in Asma Barlas' Text deutlich wird.
Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der amtlichen Kriterien: - Erläuterung der Entstehung eines gewählten Interpretationsansatzes unter Berücksichtigung exemplarischer Offenbarungsgründe (Asbāb an-Nuzūl). - Überprüfung der Tragfähigkeit für die Gegenwart (Auslegungstraditionen, Stellenwert der Quellen, Wechselwirkung Haupt- und Sekundärquellen). - Belege mit Verweisen auf Koran bzw. Sunna. - In-Beziehung-Setzen mit Barlas' Position: * Gemeinsamkeiten (z. B. Gleichwertigkeit der Geschlechter, Verständnis von Gleichberechtigung als Grundrecht, zugrundeliegendes Frauenbild). * Unterschiede (z. B. konkrete Haltung zur Gleichberechtigung, Berücksichtigung weiterer Traditionen/Quellen, Frauenbild). - Zusammenfassendes Fazit: Beide Ansätze betonen die geschlechtliche Gleichwertigkeit; Barlas fordert darüber hinaus eine genuin islamische Frauenrechtsbewegung.
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