Aufgabe 1 · Abitur NRW Geographie LK · Nachtermin 2021

Thema: Wirtschaftsfaktor Tourismus · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Thema: Zukunftsfähige Entwicklung durch Tourismus? – Das Beispiel Rügen

Materialgrundlage: M 1 Atlaskarten nach Wahl, M 2–M 9 (siehe unten).

M 2: Tourismus auf Rügen

M 3: Rügen – Fakten

Deutschlands größte Insel. Küstenlänge: 574 km. Strandlänge: 80 km, davon Sandstrand: 56 km. Durchschnittliches Alter der Touristen: 48 Jahre. Herkunft der Touristen: 94 % Deutschland, 6 % Ausland. Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 4,8 Tage. Gästebetten: 60.000. Häfen: 53, davon Yachthäfen: 22. Radwege: 1.000 km.

Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren (%) · I · II · III

2000 · 3,3 · 21,6 · 75,1

2005 · 3,3 · 15,6 · 81,2

2010 · 3,3 · 14,9 · 81,8

2015 · 3,2 · 14,6 · 82,1

2018 · 3,2 · 14,3 · 82,5

Anteil der Tourismusbranche am tertiären Sektor (%) 2000 · 2005 · 2010 · 2015 · 2018

37,5 · 45,4 · 44,9 · 46,2 · 47,3

Bevölkerung (Altersstruktur, in Tausend Einwohnern):

Prognose: Bevölkerungsentwicklung 2013–2030 (regionale Verteilung):

M 4: Rügen – touristische Entwicklung

Ankünfte und Übernachtungen (2003–2019):

Übernachtungsintensität (Übernachtungen pro 1.000 Einwohner) 2010 · 2020

90.000 · 98.000

Die Übernachtungsintensität liegt in Deutschland bei 5.500, in Mecklenburg-Vorpommern bei 18.400 und auf Mallorca bei 52.000 je 1.000 Einwohner.

M 5: Rügen – Verteilung der Touristen 2017

Räumliche Verteilung der Übernachtungen:

Verteilung der Gästeankünfte (Monate):

M 6: Neubau der Bundesstraße 96n – Daten und Fakten

Straßenzubringer zur A 20 (wichtige Anbindung des Ostseeküstenraums an das westdeutsche und europäische Verkehrsnetz). Flächenbedarf: 421 ha. Verkehrsbelastung, Prognose 2025: ca. 26.000 Kfz pro Tag. Fläche der landschaftspflegerischen Ausgleichsmaßnahmen: 288 ha. Bau von zahlreichen Amphibien- und Kleintierdurchlässen sowie einer Wildtierbrücke.

M 7: Biosphärenreservat Südost-Rügen

Biosphärenreservate sind Kulturlandschaften mit herausragender Naturausstattung, in denen ein harmonisches Verhältnis zwischen dem wirtschaftenden Menschen und dem Schutz der natürlichen Ressourcen modellhaft entwickelt wird. Das Biosphärenreservat Südost-Rügen wurde 1990 gegründet. Biosphärenreservate sind räumlich in drei Zonen gegliedert: Kernzonen: in der Regel von jeglicher Nutzung ausgeschlossen und dürfen nur für Forschung oder zu Kontrollzwecken betreten werden. Pflegezonen: Aktivitäten schonender, naturnaher Landnutzung erlaubt, z. B. schonender Tourismus oder ökologischer Landbau. Entwicklungszonen: besiedelte Bereiche, in denen Projekte für eine nachhaltige Bewirtschaftung gefördert werden.

M 8: Ausgewählte Wohlstandsindikatoren

M 9: Pressemeldung

MDR aktuell, 18. Juli 2020 – Binz ist wieder voller Urlauber

[…] Die Seebrücke im Ostseebad Binz ist auch bereits wieder voller Urlauber. Das war vor wenigen Wochen noch undenkbar. Erst zu Pfingsten lief der Tourismus wieder an – eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landkreises Vorpommern-Rügen. Zuerst waren die Plätze auf 60 Prozent Auslastung gedeckelt, seit Mitte Juni sind 100 Prozent der Betten freigegeben – unter Auflagen. Die Betten waren schnell ausgebucht. Einige Touristen aus Nordrhein-Westfalen (NRW) mussten deshalb umdisponieren. „Wir wollten ja etwas früher, aber da war schon ausgebucht“, sagt ein Paar aus Gütersloh, das gerade Urlaub an der Ostsee macht. […]

1.

Kennzeichnen Sie die geographische Lage der Insel Rügen sowie ihre touristischen Potenziale. (24 Punkte)

2.

Erläutern Sie, wie der Tourismus auf Rügen aufgebaut ist, wie er sich entwickelt hat und welche Bedeutung er hat. (28 Punkte)

3.

Erörtern Sie, ob der Tourismus auf Rügen einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Entwicklung leisten kann. (28 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geographie LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Kennzeichnen Sie die geographische Lage der Insel Rügen sowie ihre touristischen Potenziale. (24 Punkte)

Lösung: Rügen ist Deutschlands größte Insel, liegt an der Ostseeküste vor Mecklenburg-Vorpommern (M 1). Natürliche Gunstfaktoren: lange Küste (574 km) mit vielfältigen Küstenformen (Kliffs/Steilküsten, Strände mit 56 km Sandstrand), abwechslungsreiches Relief, maritimes Klima, naturnahe Vegetation (Wald, Boddenlandschaft). Touristische Attraktionen: Kliffs/Steilküste (Jasmund), Schlösser (Ralswiek, Granitz), Weltkulturerbe, Wallanlagen, Großsteingräber. Landschaftsschutz als Gunstfaktor: Nationalpark Jasmund und Biosphärenreservat Südost-Rügen (M 2, M 7). Touristische Infrastruktur: hohes Gästebettenangebot (60.000), zahlreiche Campingplätze, Freizeitangebote, dichtes Verkehrsnetz (Häfen, Radwege, Straßen). Insgesamt vielfältiges Potenzial für Natur-, Kultur-, Strand- und Erholungstourismus.

2. Erläutern Sie, wie der Tourismus auf Rügen aufgebaut ist, wie er sich entwickelt hat und welche Bedeutung er hat. (28 Punkte)

Lösung: Entwicklung: deutlicher Anstieg von Ankünften und Übernachtungen seit den 2000er Jahren (M 4), bei weitgehend stabilem bzw. leicht schwankendem Gästebettenangebot. Struktur: räumliche Konzentration des Tourismus im Norden (Wittow, Jasmund) und Osten (Granitz, Mönchgut) der Insel – über 60 % der Übernachtungen entfallen allein auf Granitz und Mönchgut (M 5); starke Saisonalität mit Höhepunkten in den Sommermonaten Juli/August (M 5); Touristen überwiegend älter (Ø 48 Jahre) und überwiegend aus Deutschland (94 %), mit kurzer Aufenthaltsdauer (4,8 Tage). Demographischer Wandel: rückläufige Einwohnerzahl und zunehmende Alterung der Bevölkerung (M 3) stehen im Kontrast zur touristischen Dynamik. Bedeutung: der tertiäre Sektor dominiert die Erwerbstätigenstruktur (über 82 % im Jahr 2018) und der Tourismusanteil daran steigt kontinuierlich (von 37,5 % auf 47,3 %); die Übernachtungsintensität von 98.000 je 1.000 Einwohner (2020) liegt weit über dem deutschen (5.500) und sogar über dem mecklenburg-vorpommerschen Durchschnitt (18.400), was die überragende wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für Rügen unterstreicht. Zugleich werden Natur- und Kulturlandschaft (Nationalpark, Biosphärenreservat) bewusst bewahrt und als Wettbewerbsvorteil bzw. Alleinstellungsmerkmal genutzt.

3. Erörtern Sie, ob der Tourismus auf Rügen einen Beitrag zu einer zukunftsfähigen Entwicklung leisten kann. (28 Punkte)

Lösung: Für eine zukunftsfähige Entwicklung spricht: wirtschaftlicher Erfolg durch Arbeitsplätze, Einnahmen und gestiegene Kaufkraft (M2–M4); der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur (B 96n, M6) verbessert die Anbindung, schafft aber auch ökologische Ausgleichsmaßnahmen (288 ha, Amphibien-/Kleintierdurchlässe, Wildtierbrücke), was auf ein Bemühen um ökologische Verträglichkeit hindeutet; Schutzkategorien wie Nationalpark und Biosphärenreservat (M2, M7) sichern Natur- und Kulturlandschaft und werden touristisch als Standortvorteil genutzt. Dagegen sprechen: starker Zusammenhang zwischen touristischer und demographischer Entwicklung – Abwanderung und Verdrängung der einheimischen Bevölkerung, Veränderung der Altersstruktur (M2–M6); sozioökonomische Schieflage – überdurchschnittlicher Anstieg der Immobilienpreise bei unterdurchschnittlicher Einkommensentwicklung im Vergleich zu Mecklenburg-Vorpommern und Deutschland (M8); räumliche Unterschiede der touristischen Entwicklung (Konzentration auf wenige Regionen, M2, M5); weitere Problemfelder wie enorme Verkehrsbelastung (ca. 26.000 Kfz/Tag prognostiziert), sehr hohe Übernachtungsintensität und Belastung des Ökosystems durch Masse an Touristen, verschärft z. B. durch Nachholeffekte nach Corona (M9). Abschließendes, begründetes Urteil: Der Tourismus trägt wirtschaftlich erheblich bei und die Schutzbemühungen sind ökologisch positiv zu bewerten, doch die sozialen und ökologischen Belastungen (Verdrängung, hohe Immobilienpreise, Verkehrsbelastung, Saisonspitzen) zeigen, dass die touristische Entwicklung in ihrer jetzigen Form nur bedingt zukunftsfähig ist, solange sozioökonomische Ungleichgewichte für die einheimische Bevölkerung nicht abgebaut werden.

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