Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin 2023
Thema: Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Matthias Drobinski
Die Heilige Familie ist immer noch auf der Flucht
Das bürgerliche Weihnachtsfest steht in eigentümlich schroffem Gegensatz zu jenen bibli-
schen Geschichten, ohne die es dieses Fest gar nicht gäbe. Weihnachten: Das ist die Hoffnung
auf Frieden und Harmonie, sind Lichterglanz und strahlende Kinderaugen, Wärme, Geborgen-
heit, ein holder Knabe in lockigem Haar. Die biblischen Geschichten rund um die Geburt Jesu
5 aber irritieren und verstören, wenn man sich ihnen nähert. Da ist die ungeklärt entstandene
Schwangerschaft, die Geburt im Provisorium, bezeugt von nach Schaf stinkenden Außensei-
tern. Das Gotteskind ist ausgeliefert den Verhältnissen, ein verletzliches Kind.
Und so geht es weiter. Die Männer aus dem Morgenland, die dem neugeborenen König hul-
digen (noch so eine irritierende Geschichte), sind wieder weg, nicht ohne Herodes, dem König
10 von Judäa, zu erzählen, dass sie einen künftigen König suchen. Herodes plant nun, diesen
König zu töten. Dann, so heißt es im Matthäusevangelium, „erschien dem Josef im Traum ein
Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten;
dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu
töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.
15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den
Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“
Jesus, der Flüchtling. Der Engel Gottes rettet Gottes Sohn vor der unfassbar grausamen Tat
des Herodes, von der Matthäus im nächsten Abschnitt berichtet: Der König vermutet die Kon-
kurrenz irgendwo in Bethlehem und Umgebung, so lässt er alle neugeborenen Knaben bis zum
20 Alter von zwei Jahren töten, überall sind die Schmerzensschreie der verzweifelten Mütter zu
hören.
Die Bibelwissenschaftler sind sich heute einig, dass die Flucht von Josef, Maria und Jesus
nach Ägypten und sehr wahrscheinlich auch der Kindermord zu Bethlehem eine Legende ist.
Sie ist auf die Weise der Legenden wahr: Sie erzählt, wie die ersten Jüngerinnen und Jünger
25 diesen Jesus wahrnahmen beziehungsweise in Erinnerung hatten, was sie von ihm berichte-
ten, was Matthäus aufschrieb. Es ist die Geschichte von Gott, der sich verletzlich macht, der
sich den Ohnmachtserfahrungen der Menschen aussetzt, der existenziellen Gefährdung, dem
Heimatverlust und dem Flüchtlingsleben. Sie erzählt vom gefährdeten und geretteten Gottes-
kind, das den Weg des wandernden Gottesvolkes Israel wiederholt: Aus Ägypten ins Gelobte
30 Land, von der Peripherie ins Zentrum, was die realen Verhältnisse auf den Kopf stellt: In Wirk-
lichkeit ist in dieser Zeit Ägypten das reiche und kulturell hochstehende Zentrum der Region
und Israel tiefste Provinz.
Was für ein eigentümlicher Gott, der fliehen muss, um nicht abgeschlachtet zu werden. Er
teilt das Schicksal jener Abermillionen Menschen, die zu allen Zeiten ihre Heimat verließen
35 und ins Ungewisse zogen, weil sie um ihr Leben fürchteten, die Not groß war, sie Gewalt und
Krieg vertrieben oder die Hoffnung auf ein besseres Leben sie aufbrechen ließ. Ein solcher
Gott ist ein Ärgernis. Im dritten Jahrhundert nach Christus schreibt der Theologe Origenes 1
eine Verteidigungsschrift gegen den Philosophen Celsus 2, der eine jüdische Stimme zitiert:
Gerade die Flucht Jesu beweise doch, dass er nicht göttlicher Natur sei. Hätte er sonst den
40 Tod fürchten müssen? Hätte Gott nicht sonst verhindert, dass die Familie sich in der Fremde
durchschlagen muss, Jesus gar mit Zaubertricks, die er dann wieder in Galiläa vorführt? Die
Antwort des Origenes: Jesus musste auf menschliche Weise gerettet werden, weil er ganz
Mensch geworden ist. Und wenn die Letzten im Himmelreich die Ersten sein würden – dann
liegt es nahe, dass Gott selber einer dieser Letzten wird, ein armer Flüchtling, der darauf hofft
45 und wartet, dass in der Heimat die Tyrannei des Herodes ein Ende hat.
Origenes „geht aus der Defensive in die Offensive, wenn er zeigt, dass es nur diese Umkeh-
rung aller Verhältnisse ist, die Hoffnung auf Erlösung machen kann“, schreibt Thomas Söding,
Professor für neutestamentliche Exegese an der katholischen Fakultät der Uni Bochum. „Auf
diese Weise verbindet sich die matthäische 3 Weihnachtsgeschichte bei Origenes mit einer
50 Christologie des wahren Menschseins Jesu. Ohne die Betonung, dass Gottes Sohn Mensch
geworden und gewesen ist, könnte das Evangelium nicht die gute Nachricht aller Menschen
sein, die auf der Flucht sind.“ [...]
Viele der frühen Christinnen und Christen [...] dürften gewusst haben, dass das Leben auf der
Flucht zu den Nachtseiten der menschlichen Existenz gehört; sie waren oft selber Verfolgte,
55 Exilanten, die um ihres Glaubens willen die Heimat aufgegeben hatten. [...]
Für die Christen [...] bleibt: Der Gottessohn war ein Flüchtling, selbst in Nazareth ein Zuge-
reister, ein Rückkehrer mit unklarer Geschichte. Der Gründer jener Religion, deren Kirchen
zu den staunenswertesten, ehrwürdigsten, prächtigsten Gebäuden der Welt gehören, war ein
Unbehauster, der durch Galiläa zog und dann nach Jerusalem, um zu sterben; einer, der nicht
60 einmal einen Stein hatte, auf den er nachts seinen Kopf legen konnte, ohne Familie und festen
Wohnsitz, getrieben von der Unruhe des Herzens. Seine Heimat war im Himmel, sie materia-
lisierte sich in seiner Beziehung zu Gott und den Menschen, in der Fähigkeit, die Häuser der
anderen durch seine Anwesenheit zu besonderen Heimaten werden zu lassen. Irdische Räume
zu besetzen war ihm fremd, ein Grundstück zu umzäunen, ein Gebiet als Einflussbereich zu
65 markieren. Zentren zu schaffen und damit auch Ränder.
Für die Geflüchteten, Schutzsuchenden, Vertriebenen und Heimatlosen, für alle Unbehausten
ist die Geschichte von der Flucht nach Ägypten eine Verheißung: Gott ist einer der ihren, ist
mit den Herbergs- und Heimatsuchenden, die in der fremden Sprache radebrechen 4, gefangen
in den Fallen der unbekannten Kultur. Er lässt die Grenzen verschwimmen zwischen fremd und
70 einheimisch, Zentrum und Peripherie, dazugehörig und ausgeschlossen, pulverisiert identitäre 5
Konstruktionen, wer immer sie gebaut hat. Er ist ja selber den Menschen nah und fremd zu-
gleich. Er ist eine Herausforderung für die Sesshaften, Beheimateten, für Alteingesessene, wie
sie die meisten Christinnen und Christen heute sind: Du sollst den Fremdling nicht bedrücken,
denn ihr wart selber Fremdlinge im Ägyptenland. Die Sorge für den Fremden, der Mut zur
75 Selbstbefremdung 6, das ist im Christentum mehr als eine soziale oder intellektuelle Übung.
Sie führt zum Kern des Glaubens, zum geflüchteten, schutzlosen Kind, in dem Gott Mensch
wird.
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)
Matthias Drobinski ist Journalist und katholischer Theologe.
1 Origenes (185 – 254 n. Chr.): griechischer Theologe und Autor zahlreicher antiker christlicher Schriften
2 Celsus: Philosoph aus Alexandria, Zeitgenosse des Origenes, verfasste mit „Die wahre Lehre“ die älteste Streitschrift gegen das Christentum
3 matthäisch: aus dem Matthäus-Evangelium
4 radebrechen: eine (Fremd-)Sprache nur in Ansätzen bzw. sehr schlecht sprechen
5 identitär: die eigene Identität (und damit die Ausgrenzung anderer) betreffend
6 Selbstbefremdung: sich selbst infrage stellen, die Perspektive eines Fremden einnehmen
3. Erörtern Sie, wie Matthias Drobinski die Weihnachtsgeschichte versteht, und nehmen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse begründet Stellung dazu, inwiefern der christliche Glaube notwendig dazu führt, sich für den Nächsten einzusetzen. [26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erörtern Sie, wie Matthias Drobinski die Weihnachtsgeschichte versteht, und nehmen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse begründet Stellung dazu, inwiefern der christliche Glaube notwendig dazu führt, sich für den Nächsten einzusetzen.
Lösung: Erörterung und begründete Stellungnahme anhand dialektischer Argumentation nach den Kriterien des Erwartungshorizonts.
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