Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin 2023

Thema: Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Kolja Haaf

Um die Erde zu retten, brauchen wir Angst vor der ewigen Verdammnis

Glosse 1

Man kann den großen Weltreligionen einiges vorwerfen: massive Spaßverderberei, Fanatis-

mus, Ausgrenzung, Ausbeutung, Unterdrückung, Mord, Folter, Genozid. Aber in einer Sache

waren und sind sie, zum Teil bis heute, unschlagbar: Sie können Menschen dazu bringen,

etwas zu tun, worauf diese eigentlich keine Lust haben. Über Standes- und Ländergrenzen

5 hinweg. Und das mittels völlig unbeweisbarer Behauptungen! Tip top Marketing.

Wie wäre es deshalb, diese jahrtausendealte Erfolgsstrategie einfach mal statt auf so schwam-

mige Dinge wie Sünde, Vergebung, Verdammnis und Auferstehung auf etwas zu übertragen,

das gründlich belegt ist? Den Klimawandel zum Beispiel. „Klimareligion“ ist ja eh schon

lange ein rechter Kampfbegriff. Wieso nicht einfach ein bisschen aneignen?

10 Denn man schaue sich doch bitte mal die Beispiele für die unvergleichbare Überzeugungs-

kraft an, die Religion im Portfolio hat. Gemeint ist die Überzeugungskraft zur Selbstbeschrän-

kung. Das ganze bunte Sortiment an Enthaltsamkeit, Buße und Karma-Pflege: Wochenlange

Wanderungen zu Pilgerstätten! Endlose Umrundungen diverser Heiligtümer (am besten auf

Knien)! Verzicht auf Schimpfwörter! Verzicht auf Rauschmittel! Fasten wo’s geht! Und so-

15 wieso: die wildesten Essensregeln! Dann Spenden ohne Ende! Bei der Beichte alten Männern

intimste Geheimnisse erzählen! Leben ohne Sex in jeder Form! Schweigegelübde! Tagelange

Meditation! Endloses Beten! Selbstgeißelung! Selbstverstümmelung! Selbstverleugnung! Und

nicht zu vergessen: Das nie endende Büffeln furztrockener, uralter Texte. Das muss man erst-

mal hinkriegen.

20 Und genau das ist die Art von Selbstüberwindung, die es für den Klimaschutz braucht: eine

Hingabe, die stärker ist als die Verheißungen jedes 9,99 Euro-Lanzarote-Trips. Eine Inbrunst,

die jeden Manager aus der Ölindustrie voller Reue seine Bonus-Millionen spenden und sich

nur noch von regionaler Rauke ernähren lässt. Und einen Eifer, der uns zwingt, täglich unge-

duldig unseren Briefkasten nach der Wahlbenachrichtigung zu checken, um endlich das Pro-

25 gramm wählen zu können, das die meisten Entbehrungen und den größten Verzicht verspricht.

Denn: Welches „Jetzt gemeinsam gegen den Klimawandel!“-U-Bahn-Plakat irgendeiner NGO 2

hätte bislang so eine Begeisterung hervorgerufen? Eben.

Was können wir also von den Weltreligionen lernen? Angst ist ganz wichtig. Angst vor der

realen Hölle: die, in der wir und die, die nach uns kommen, leben werden. Der Nachteil einer

30 realen Hölle ist zwar, dass man sie nicht nach Belieben ausfüllen kann mit Horrorszenarien

à la Dantes Inferno 3. Der Vorteil einer realen Hölle ist aber: Sie ist real. Sie ist eine wissen-

schaftlich belegte Prognose. Damit dürfte sie eigentlich deutlich glaubwürdiger zu verkaufen

sein als vages Gefasel von behörnten Dämonen.

Die andere unerlässliche Zutat für echte Frömmigkeit ist die Hoffnung auf ein Paradies. Oder

35 zumindest auf ein Nirvana. Oder die Liebe Gottes. The good shit eben. Dieser Punkt ist im

Fall Klimawandel ein bisschen tricky. Denn im Idealfall wird ja nur Schlimmeres vermieden.

Zumindest, wenn es nur um die Erderwärmung geht. Aber da ja hier alles mit allem verbun-

den ist, kann man das Heilsversprechen auch einfach auf Umweltschutz ganz allgemein aus-

weiten: Eine heile, ausbalancierte Zukunft wartet da! Ein Garten Eden wird das, in dem keine

40 Schornsteine und Autobahnen mehr die Landschaft verschandeln, sondern glückliche Kinder

im Herzen der Großstädte Äpfel von den Bäumen pflücken! Ozeane ohne Plastik, in denen

die Korallenriffe nur so wuchern! Ausgestorben geglaubte Arten kehren zurück! Die Erde:

eine Arche Noah im All. Man stelle sich nur die Liebe und Dankbarkeit unserer Nachkommen

vor. Und die der Erde überhaupt (eignet sich auch hervorragend als Ersatz für eine göttliche

45 Personifikation).

Eigentlich doch ideale Voraussetzungen, um mit ein bisschen Kommunikations-Know-how

die Bewohner dieser Erde zu motivieren, sich und ihre Heimat zu retten!? Stattdessen wird

bieder vor sich hingewarnt und gemahnt und selbst der glühendste Aktivismus setzt eher auf

das Happy-Go-Lucky-Image 4 engagierter Jugendlicher, gut gemeinte Anpack-Rhetorik und

50 bunten Baumbesetzer-Widerstand als auf die volle, gnadenlose Bildgewalt von Himmel und

Hölle. Greta Thunbergs „I want you to panic!“ ging zwar in die richtige Richtung – aber sich zu

wünschen, dass Menschen Angst haben, ist einfach nicht das gleiche, wie sie dazu zu bringen.

Ein Beispiel: Bei den Protesten gegen die IAA 5 Anfang September in München zogen meh-

rere Tausend Menschen durch die Stadt. Viele davon jung, gut drauf – Sprechchöre, originelle

55 Pappschilder, bunte Haare, Bierchen. Und, bitte, daran ist ja nichts verkehrt, besser als nichts.

Aber Panik? Panik bekommt man davon nicht. Man stelle sich stattdessen vor, die Demo hätte

nachts stattgefunden: Donnergrollen am Horizont, während durch die Straßen schweigende

Büßerprozessionen ziehen, die nur gelegentlich dissonante gregorianische Gesänge vom Ende

der Zeit anstimmen.

60 Zu dramatisch, unzeitgemäß, unsachlich? Wieso nicht einfach eine nette kleine Unterschrif-

tenaktion in der Fußgängerzone? Pah! Wir haben es lange genug mit sachlicher Aufklärung

und Selbstverantwortung versucht, und sie scheinen nicht zu funktionieren. Für eine Panik,

die die ganze Menschheit erfasst, müssen wir die reale, zukünftige Hölle bis zum Letzten aus-

reizen. Wir brauchen gnadenlos reißerische Geschichten! Geschichten, die man sich ängstlich

65 zuflüstert. Von Naturkatastrophen, die mit satanischem Lachen aus den Wolken, den Ozeanen

und den Erdspalten über uns und die unseren hereinbrechen, während wir uns im Café über

die zu kalte Hafermilch im Latte beschweren. Geschichten von Völkerwanderungen biblischen

Ausmaßes, die, gejagt von Sandstürmen, gen Norden ziehen und dickliche Wohlstandssün-

der:innen aus ihren Schrebergartenstühlen vertreiben und von den folgenden grausamen Krie-

70 gen ums Überleben in den letzten erträgliche Klimazonen. Geschichten von einer weißglühen-

den Sonne, die sich in heiligem Zorn über den verbrannten Alpen erhebt, und von schwitzen-

den, zitternden Menschlein, die in den letzten schlammigen Pfützen des Bodensees kauern.

Dann auf der anderen Seite: Die Vision eines kitschigen Paradieses, in dem es wieder weiße

Weihnachten gibt, satte Mischwälder, Einklang mit Mutter Natur und eine Artenvielfalt, dass

75 einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Good Cop und Bad Cop halt.

Und das Gute: Anders als mit einem Ave Maria oder einer Umrundung des Kailash 6 lässt sich

mit Maßnahmen gegen den Klimawandel eine tatsächliche, kollektive Wirksamkeit erleben,

mit der wir diese große Prüfung des Himmels bestanden und uns als würdig erwiesen haben.

80 Was für eine verbindende Erfahrung für die Menschheit!

Deshalb: Schriftsteller:innen, Filmemacher:innen, Werbemacher:innen, Künstler:innen,

Designer:innen, Politiker:innen und alle, die sich mit Illusion und Show befassen: Wir brau-

chen die ganz großen Epen 7 über Rettung und Verdammnis.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Kolja Haaf ist Journalist.

1 Glosse: satirischer oder polemischer Meinungsbeitrag, z. B. in einer Zeitung

2 NGO: „Non-Governmental Organization“ – eine Organisation, die gesellschaftliche Interessen vertritt, aber nicht dem Staat oder der Regierung unterstellt ist

3 Dantes Inferno: Im ersten Teil „Inferno“ des epischen Gedichts „Göttliche Komödie“ beschreibt der italienische Dichter Dante Alighieri (14. Jh.) die Hölle und die Höllenqualen.

4 happy-go-lucky: hier: Sorglosigkeit, Unbekümmertheit

5 IAA: Internationale Automobilausstellung

6 Kailash: heiliger Berg in Tibet

7 Epen: umfangreiche Heldenerzählungen

3. Überprüfen Sie kritisch, wie Kolja Haaf religiös motiviertes Handeln darstellt, und nehmen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse Stellung dazu, inwiefern der christliche Glaube dazu beitragen kann, „die Erde zu retten“. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Überprüfen Sie kritisch, wie Kolja Haaf religiös motiviertes Handeln darstellt, und nehmen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse Stellung dazu, inwiefern der christliche Glaube dazu beitragen kann, „die Erde zu retten“.

Lösung: Kritische Prüfung der Darstellungsform und theologische Stellungnahme zum Beitrag des christlichen Glaubens zur Bewahrung der Erde.

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