Aufgabe 2 · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Haupttermin 2021
Thema: Reformpädagogik und NS-Erziehung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs
Aufgabenstellung (Aufgabe 2)
Materialgrundlage:
M 1: Maria Montessori: Kinder sind anders. München: dtv 2006, S. 38 ff.
M 2: Maria Montessori: Kinder sind anders. München: dtv 2006, S. 220 f.
(Um die Lesbarkeit zu verbessern, wurden Zwischenüberschriften und Quellenangaben entfernt. Die Rechtschreibung folgt dem Original.)
M 1 – Maria Montessori: Die Fleischwerdung
Wenn wir das Wort Fleischwerdung gebrauchen, so drücken wir damit die Vorstellung aus, in dem Körper eines Neugeborenen sei ein Geist Fleisch geworden, um auf dieser Erde zu leben. Diese Vorstellung ist im Christentum als eines der verehrungswürdigsten Mysterien der Religion lebendig, als die Inkarnation des göttlichen Geistes nach dem Wort: „et incarnatus est de Spiritu Sancto: et homo factus est.“
Hingegen betrachtet die Wissenschaft das Neugeborene als ein Wesen, das aus dem Nichts gekommen ist. Demnach ist es lediglich Fleisch, kein fleischgewordener Geist, ein Organismus aus Geweben und Organen, die zusammen ein lebendiges Wesen bilden. […]
Das menschliche Neugeborene als Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung ist zunächst ein Wesen, das sich lange Zeit nicht fortzubewegen vermag, das außerstande ist, sich aufzurichten, dessen Stimme nur im Weinen und Schreien ertönt und gleichsam ständig um Hilfe ruft.
Erst nach langer Zeit, nach Monaten, einem ganzen Jahr oder mehr, wird dieser Körper sich aufrichten und gehen, wird nicht mehr etwas völlig Hilfloses sein, sondern der Körper eines kleinen Menschen; und nach Monaten und Jahren erst wird aus seiner Stimme die Stimme eines Menschen werden, der spricht. […]
Es muss auffallen, dass das Kind so lange Zeit unfähig bleibt, sich von der Stelle zu bewegen, während die kleinen Säugetiere unmittelbar nach der Geburt oder doch schon nach kürzester Zeit auf ihren Beinen stehen, laufen, die Mutter suchen und, wenngleich schwach, unvollkommen und beinahe jämmerlich, die Sprache ihrer Art sprechen. […]
Es gibt eine wissenschaftliche Lehre, die besagt, die instinktiven Bewegungen der Tiere seien die Folge von Erfahrungen, die in früheren Epochen von den Vorfahren gemacht und weitervererbt worden seien. Warum erbt dann gerade der Mensch so wenig von seinen Vorfahren? Die Gattung Mensch ist doch immer aufrecht gegangen und hat immer eine artikulierte Sprache gesprochen, so dass sich dies auf die Nachfahren hätte vererben können. Es wäre absurd anzunehmen, dass gerade der Mensch, der sich vor allen anderen Geschöpfen durch die Großartigkeit seines Seelenlebens auszeichnet, als einziges Lebewesen keinen seelischen Entwicklungsplan in sich tragen sollte. Hier besteht ein Widerspruch, hinter dem sich eine Wahrheit verbergen muss. Offenbar schlummert der Geist des Menschen in solcher Tiefe, dass er sich nicht auf dieselbe Weise kundgeben kann wie der Instinkt des Tieres, der von Anfang an bereit ist, sich in bestimmten, im Voraus festgelegten Handlungen zu äußern.
Die Tatsache, dass der Mensch nicht von festen und vorherbestimmten Leittrieben beherrscht wird, wie dies beim Tier der Fall ist, deutet auf das Vorhandensein einer gewissen Handlungsfreiheit, die erst langsam heranreifen kann. […]
Man könnte den psychischen Unterschied zwischen Tier und Mensch so kennzeichnen: Das Tier gleicht dem in Serie hergestellten Gegenstand, und jedes Individuum reproduziert sofort die gleichförmigen, für die ganze Art gemeinsamen Charakteristiken. Der Mensch hingegen entspricht dem in Handarbeit hergestellten Gegenstand: Jeder ist von allen anderen verschieden, in jedem wohnt ein ihm eigener schöpferischer Geist, der aus ihm ein Kunstwerk der Natur macht. Aber die Arbeit ist langsam und langwierig. […]
Diese Aufbauarbeit, in der sich die menschliche Persönlichkeit formt, stellt das verborgene Werk der Fleischwerdung dar. Der Säugling, der sich nicht zu bewegen vermag, ist ein Rätsel. Sein Körper birgt den kompliziertesten Mechanismus unter allen lebenden Wesen, aber dieser Mechanismus gehört ihm; der Mensch gehört sich selbst. Sein eigener Wille und seine Handlungsfreiheit sind es, die ihm zur Fleischwerdung verhelfen.
M 2 – Maria Montessori: Ecce homo!
Das Kind wird den Leidensweg Christi zu gehen haben. Der Beginn aber von alledem liegt in jenem „Ecce homo“. Hier steht ein Mensch, er trägt nicht Gott in sich, er ist wie entleert und ist bereits gedemütigt und gezeichnet worden von solchen Gewalten, die ihn hätten verteidigen können. Dann wurde er vor die Menge, vor die Autorität der Gesellschaft geschleppt.
Die Schule war für das Kind die Stätte größter Trostlosigkeit. Jene ungeheuren Gebäude scheinen für eine Menge von Erwachsenen errichtet. Alles ist hier auf den Erwachsenen zugeschnitten: die Fenster, die Türen, die langen Gänge, die kahlen einförmigen Klassenzimmer. Und drinnen trug der Schüler seit vielen Generationen stets die schwarze Uniform, das Trauerkleid, eine ganze Kindheit hindurch. Die Familie ließ das Kind allein, verließ es an der Schwelle jenes Gebäudes: jenes Tor war wirklich eine Sperre, eine klare Trennungslinie zwischen zwei Lagern und zwei Verantwortlichkeiten. Und das Kind schien, weinend, hoffnungslos und von Furcht bedrückt, über jenem Tor Dantes Inschrift zu lesen: „Durch mich gelangt man in die Stadt der Schmerzen“, in die Stadt, wo das verlorene Volk wohnt, das Volk, von dem die Gnade sich abgewandt hat.
Eine strenge, drohende Stimme forderte das Kind samt vielen unbekannten Gefährten auf hereinzukommen, wobei man alle zusammen als böse Geschöpfe betrachtete, die Strafe verdient hatten: „Weh euch, ihr bösen Seelen …“.
Und wohin wird das Kind gehen?
Es geht dahin, wo es der haben will, der befiehlt und gebietet. Es geht in eine ihm bestimmte Klasse, und irgendeiner macht den Minos, der […] der verdammten Seele zu verstehen gab, für welche Abteilung der Hölle sie bestimmt war: für die erste, die zweite, die dritte oder gar die vierte, in denen alle ewige Strafen verbüßen und aus denen es kein Entkommen gibt.
Ist man einmal drinnen im zugewiesenen Raum, so schließt eine Lehrerin die Tür. Von diesem Augenblick an ist sie Herrin und befehligt das Häuflein Seelen ohne Zeugen und ohne Einspruchsmöglichkeit.
Elternhaus und Gesellschaft haben das Kind ihrer Autorität übergeben. Die Menschen haben jene der Barmherzigkeit würdige Saat in den Wind gestreut, und der Wind hat sie hier abgesetzt. Die zarten, zitternden Glieder sind für drei und mehr Stunden der Agonie in eine Bank gefesselt, für drei und für abermals drei Stunden und lange Tage, Monate, Jahre.
Da sitzt nun das Kind in seiner Bank, ständig gestrengen Blicken ausgesetzt, die zwei Füßchen und zwei Händchen dazu nötigen, ganz unbewegt zu bleiben, so, wie die Nägel den Leib Christi an die Starrheit des Kreuzes zwangen. […]
1.
Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) von M 1 und M 2 und stellen Sie den Inhalt dar, indem Sie pädagogisch bedeutsame Aspekte des Kindbildes (M 1) sowie des Leidenswegs des Kindes in der Schule (M 2) herausarbeiten. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die Darlegungen Maria Montessoris zur Menschwerdung (M 1) und zur Schule (M 2) unter Heranziehung ihres reformpädagogischen Konzepts. [30 Punkte]
3.
Skizzieren Sie, wie Sie Bildsamkeit selbst verstehen, und setzen Sie sich auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse mit Maria Montessoris reformpädagogischen Erziehungsvorstellungen und ihrer Schulkritik auseinander. Beziehen Sie dabei eine weitere Referenz Ihrer Wahl ein. [28 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) von M 1 und M 2 und stellen Sie den Inhalt dar, indem Sie pädagogisch bedeutsame Aspekte des Kindbildes (M 1) sowie des Leidenswegs des Kindes in der Schule (M 2) herausarbeiten.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Vorgaben der Bewertungsrichtlinien.
2. Erläutern Sie die Darlegungen Maria Montessoris zur Menschwerdung (M 1) und zur Schule (M 2) unter Heranziehung ihres reformpädagogischen Konzepts.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Vorgaben der Bewertungsrichtlinien.
3. Skizzieren Sie, wie Sie Bildsamkeit selbst verstehen, und setzen Sie sich auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse mit Maria Montessoris reformpädagogischen Erziehungsvorstellungen und ihrer Schulkritik auseinander. Beziehen Sie dabei eine weitere Referenz Ihrer Wahl ein.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Vorgaben der Bewertungsrichtlinien.
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