Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Loerke: Die gespiegelte Stadt 2024

Thema: Interpretation lyrischer Texte · Aus der Prüfung LK · Loerke: Die gespiegelte Stadt (2024)

Aufgabenstellung

1 Aufgabe

Interpretieren Sie das Gedicht „Die gespiegelte Stadt“ von Oskar Loerke unter Berücksichtigung des literaturgeschichtlichen Hintergrundes.

Material

Oskar Loerke (1884–1941): Die gespiegelte Stadt (1916)

Der Regen fällt. Berlin durchhallt die kalte

Sintflutmusik der Nacht. Der Regen fällt.

Noch ein Berlin, steil auf den Kopf gestellt,

Versinkt umgraut, verschwommen im Asphalte.

5 In steifen Prozessionen stehn Laternen

Und glühn tief unter sich, und schwarzer Stein

Scheint alle Leere, aller Raum zu sein

Bis in des Himmels stumpf geballte Fernen.

Im Stein stehn Bilder, gleich vergessem Truge 1

10 Magnetisch an die obre Welt geklebt.

Sinds Häuser? Straßen? Leben kommt und schwebt

Verkehrt, verwünscht, gleich einem Faschingszuge.

Die Menschen wollen in den Himmel schwinden,

Hinab, gleich Blättern, vom Asphalt geweht,

15 Hinab in sinkend schönem Kreis gedreht,

Sich selig in die Wettertiefe winden.

Doch ihre Sohlen haften an den Steinen,

Ganz oben hält sie traurige Gewalt.

Die leichtre Welt im Spiegel aus Asphalt

20 Und die darüber bleiben in der einen.

Und immer schwerer stürzt und stürzt der Regen.

Des Abgrunds Himmel brüllen wie ein Meer.

Im Nichts den Fuß, hoch geh ich drüber her.

Schwermütig kommt das leere Nichts entgegen.

25 Die Wagen stehn vermummt in Lederkutten 2,

Wer unterm nassen Leder sitzt, vermummt;

Turmtief von einem Hause sehn verstummt

Zwei nackte tote Knaben, Sandsteinputten 3:

Halb graues Chaos schon und nur zu ahnen,

30 Sie horchen in die wüste Nacht aus Stein

Und schreiten Hand in Hand matt aus dem Sein,

Der dumpfen Ungewißheit Untertanen.

Und ich auch schreite, Knecht des Ungewissen,

Die Bilder deutend, jenseits aller Zeit.

35 Voll ungeheurer Traumestraurigkeit

Umschweben sie im Schlaf noch meine Kissen:

Nichts war mehr, außer unter meinem Fuße

Die große Stadt; die hing von Türmen schwer,

Wie Stalaktiten 4 überm Himmelsmeer,

40 Ganz schwarz, ganz still, im Krampf der Todesmuße.

Die sternentief entfernten Weiten schollen 5,

Die Düsternisse wetterleuchteten,

Daß Ängste meine Schläfen feuchteten,

Vulkanisch murrend wuchs und wuchs ein Rollen – –

Loerke, Oskar: Die Gedichte. Hg. von Peter Suhrkamp. Frankfurt/M.: Suhrkamp-Verlag 1984, S. 133 f.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

1 Trug: Kurzform für Trugbild.

2 Kutte: urspr.: Mönchsgewand, hier: Regenschutz.

3 Sandsteinputte: engelsartige Figur aus Sandstein in Gestalt eines kleinen, nackten Knaben.

4 Stalaktiten: von der Decke (einer Höhle) nach unten wachsendes, hängendes Tropfsteingebilde.

5 schollen: Präteritumform von „schallen“, hier: weithin hörbar sein.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Loerke: Die gespiegelte Stadt 2024

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Interpretieren Sie das Gedicht „Die gespiegelte Stadt“ von Oskar Loerke unter Berücksichtigung des literaturgeschichtlichen Hintergrundes.

Lösung: Umfassende literarische Interpretation des Gedichts „Die gespiegelte Stadt“ von Oskar Loerke (1916) gemäß den Aspekten des amtlichen Erwartungshorizonts.

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