Aufgabe 2 - Säure-Base-Titration und Analytik · Abitur NRW Chemie LK · Nachtermin 2021
Thema: Säure-Base-Titration und Analytik · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Fachspezifische Vorgaben:
Eine häufige Darreichungsform von Medikamenten ist die orale Einnahme von Tabletten. Die eigentliche Aufnahme der Wirkstoffe soll im Dünndarm erfolgen, wo sie ins Blut übergehen und anschließend im Körper verteilt werden. Um eine frühzeitige Zersetzung des Wirkstoffes, z. B. im Mund, Speiseröhre oder Magen zu verhindern, werden Tabletten häufig mit einem magensaftresistenten Überzug versehen, der sich erst im Dünndarm auflöst.
Moderne Tablettenüberzüge wie Eudragit® bestehen meist aus Copolymeren, deren Hauptketten aus mindestens zwei unterschiedlichen Monomeren aufgebaut sind. Die Anordnung der Monomere ist hierbei nicht regelmäßig. Durch entsprechende Auswahl der Monomere sowie ihr Mengenverhältnis zueinander können die Eigenschaften von Copolymeren beeinflusst werden. Eudragit® L100 z. B. besteht aus den beiden Grundbausteinen Methacrylsäure und Methacrylsäuremethylester (MMA).
Herstellung von MMA
MMA lässt sich aus Methacrylsäure und Methanol in Gegenwart von Schwefelsäure synthetisieren. Die technische Synthese von Methanol erfolgt ausschließlich aus Synthesegas, einem Gemisch aus Kohlenstoffmonoxid und Wasserstoff im Verhältnis . Methacrylsäure lässt sich aus Methacrylsäureamidsulfat herstellen. Dieses wird wiederum aus 2-Hydroxy-2-methylpropionitril gebildet, für das Blausäure und Aceton die Edukte sind.
Untersuchung der Wasserlöslichkeit von Eudragit® L100
Entscheidend für die Eignung als magensaftresistentes Überzugsmaterial von Tabletten ist die Löslichkeit des Polymers in Wasser in Abhängigkeit vom pH-Wert. Um diese zu untersuchen, wird eine Trübungspunkttitration durchgeführt. Dabei löst man zuerst das Polymer in Natronlauge und titriert anschließend mit Salzsäure bis zur ersten auftretenden Trübung. Als Trübungs-pH-Wert wird der pH-Wert bezeichnet, an dem die erste bleibende Trübung durch ausgefälltes (unlösliches) Polymer auftritt. Für Eudragit® L100 ergab sich im Experiment bei 37 °C (Körpertemperatur) ein Trübungs-pH-Wert von 4,4.
Einfluss der Nahrung auf die Wirkstoffaufnahme
Einen entscheidenden Einfluss auf die Aufnahme haben Wechselwirkungen mit der Nahrung. Ist der Patient nüchtern, benötigt eine Tablette etwa zwei Stunden für die Passage des Magens. Durch gleichzeitig aufgenommene Nahrung verlängert sich die Magenpassage für magensaftresistente Tabletten um bis zu elf Stunden. Dies hat zur Folge, dass sich z. B. morgens, mittags und abends eingenommene Tabletten im Magen anreichern und erst nachts gemeinsam in den Dünndarm gelangen. Zudem führt die Aufnahme von Nahrung zu einem messbar höheren pH-Wert im Magen.
Zusatzinformationen:
pH-Werte im Verdauungstrakt des Menschen (Reihenfolge entspricht der Abfolge im Verdauungsprozess).
Organ · pH-Wert (ca.)
Mund/Speiseröhre ·
Magen ·
Dünndarm ·
Dickdarm ·
Gefahrenhinweise Methacrylate (Acrylsäuremethylester):
Methacrylat-Monomere wirken reizend auf Schleimhäute und die Atemwege und stehen im Verdacht, Allergien auszulösen.
Relative Wasserlöslichkeiten:
Methacrylsäure > MMA
Teilaufgabe 3 & 4
3. Vergleichen Sie Versuchsaufbau und Ziel der Trübungspunkttitration mit einem Titrationsverfahren, das Sie kennen. Erläutern Sie, welche chemischen Prozesse im Verlauf des Versuchs ablaufen. Bestimmen Sie die Oxonium-Ionen-Konzentration am Trübungspunkt. [16 Punkte]
3a)
3b)
3c)
4. Stellen Sie eine Hypothese darüber auf, wie sich ein größerer Methacrylsäure-Anteil auf den Auflöse-pH-Wert von Eudragit® auswirkt. Beurteilen Sie, ob Eudragit® als Filmüberzug für magensaftresistente Tabletten geeignet ist, und beziehen Sie dabei die pH-Werte im Verdauungstrakt sowie das Ergebnis der Trübungspunkttitration ein. Diskutieren Sie mögliche Probleme bei der Wirkstofffreisetzung magensaftresistenter Tabletten, wenn Nahrung aufgenommen wurde. [16 Punkte]
4a)
4b)
4c)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Vergleichen Sie Versuchsaufbau und Ziel der Trübungspunkttitration mit einem Titrationsverfahren, das Sie kennen.
Lösung: Gemeinsamkeiten: Vorlage einer Probelösung, Zugabe einer Säure bzw. Maßlösung mit Endpunktbestimmung durch visuelle Beobachtung (Farbumschlag bzw. Trübung durch Ausfällung). Unterschiede: Die klassische Titration dient der quantitativen Konzentrationsbestimmung (mithilfe einer genau eingestellten Maßlösung), während die Trübungspunkttitration der Ermittlung der pH-abhängigen Löslichkeit dient (keine Maßlösung erforderlich).
Erläutern Sie, welche chemischen Prozesse im Verlauf des Versuchs ablaufen.
Lösung: In alkalischer Lösung liegen die Carboxygruppen deprotoniert als Carboxylat-Anionen vor, wodurch das Polymer wasserlöslich ist. Bei Zugabe von Salzsäure sinkt der pH-Wert, und die Carboxylat-Gruppen werden zunehmend protoniert. Dadurch verliert das Polymer seine Ladung und die Hydrophilie nimmt ab, bis ab pH 4,4 so viele Gruppen ungeladen vorliegen, dass das Polymer als Feststoff ausfällt (Trübung).
Bestimmen Sie die Oxonium-Ionen-Konzentration am Trübungspunkt.
Lösung: mol/L / mmol/L
Stellen Sie eine Hypothese darüber auf, wie sich ein größerer Methacrylsäure-Anteil auf den Auflöse-pH-Wert von Eudragit® auswirkt.
Lösung: Ein höherer Anteil an Methacrylsäure führt zu einem niedrigeren Auflöse-pH-Wert, da mehr polare und saure Carboxygruppen im Molekül vorhanden sind, sodass bereits bei geringerem Deprotonierungsgrad bzw. niedrigerem pH-Wert eine ausreichende Wasserlöslichkeit erreicht wird.
Beurteilen Sie, ob Eudragit® als Filmüberzug für magensaftresistente Tabletten geeignet ist, und beziehen Sie dabei die pH-Werte im Verdauungstrakt sowie das Ergebnis der Trübungspunkttitration ein.
Lösung: Eudragit® L100 ist sehr gut als magensaftresistenter Überzug geeignet. Im Magen (pH 1–1,5) liegt der pH-Wert weit unterhalb des Trübungspunkts (pH 4,4), sodass das Polymer unlöslich bleibt und den Wirkstoff schützt. Im Dünndarm (pH 6–8) liegt der pH-Wert deutlich über 4,4, wodurch sich das Polymer rasch auflöst und der Wirkstoff gezielt freigesetzt und resorbiert werden kann.
Diskutieren Sie mögliche Probleme bei der Wirkstofffreisetzung magensaftresistenter Tabletten, wenn Nahrung aufgenommen wurde.
Lösung: Nahrungsaufnahme verlängert die Verweilzeit im Magen drastisch (bis zu 11 Stunden) und puffert die Magensäure, sodass der pH-Wert im Magen ansteigt. Dadurch kann sich der Überzug vorzeitig im Magen an- oder auflösen, was zu Wirkstoffverlust oder Schleimhautreizungen führt. Werden über den Tag mehrere Tabletten genommen, können diese im Magen akkumulieren und nachts schlagartig gemeinsam in den Dünndarm gelangen, was eine gefährliche Überdosierung zur Folge hat.
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