Aufgabe 2 bis 4 - Umweltfaktoren und ökologische Nische · Abitur NRW Biologie LK · Ostsee 2025
Thema: Umweltfaktoren und ökologische Nische · Aus der Prüfung LK · Ostsee (2025)
Aufgabenstellung
Hering und Sprotte im Lebensraum Ostsee
Die Ostsee ist in einem ökologisch kritischen Zustand. Sie unterliegt sowohl den klimatischen Veränderungen als auch dem Nutzungsdruck durch den Menschen. Forschende verzeichnen Veränderungen in den Fischbeständen und untersuchen daher deren Ursachen.
Material 1: Leben in der Ostsee
In aquatischen Ökosystemen wie der Ostsee findet man im Wasser viele schwebende Kleinstlebewesen, das sogenannte Plankton. Das Phytoplankton besteht aus Fotosynthese betreibenden pflanzlichen Organismen und das Zooplankton aus tierischen Organismen. Das Auftreten des Phytoplanktons ist temperaturabhängig. Die Menge an Phytoplankton schwankt im Jahresrhythmus.
Die Ostsee ist durch eine geringe Artenvielfalt gekennzeichnet. Abbildung 1 zeigt ein Nahrungsnetz von Lebewesen in der Ostsee.
Material 2: Hering und Sprotte
Der Atlantische Hering ist ein Schwarmfisch, der bis zu 45 cm lang und 25 Jahre alt werden kann. Die dichten Schwärme sind tagsüber in Meeresbodennähe zu finden. Sie lösen sich nachts auf und die Fische folgen dem Plankton, von dem sie sich ernähren, an die Oberfläche. Man unterscheidet beim Atlantischen Hering zwei Unterarten, von denen eine im Herbst und die andere im Frühjahr laicht.
Heringe sind ausgesprochen salztolerant, präferieren aber einen hohen Salzgehalt. Sie laichen jedoch auch noch bei einem geringen Salzgehalt. Bei geringem Salzgehalt wachsen die Larven allerdings sehr langsam. Heringe bevorzugen kühleres Wasser. Die jahreszeitliche Änderung der Wassertemperatur signalisiert den Fischen den Beginn der Laichzeit. Die Heringsweibchen laichen je nach Unterart im Herbst in 40 bis 70 m Tiefe oder im Frühjahr in geringeren Wassertiefen in Küstennähe. Ihre befruchteten, klebrigen Eier sinken auf Unterwasserpflanzen, Felsen oder Kies ab. Die Larven schlüpfen abhängig von der Wassertemperatur nach 10 bis 40 Tagen. Sie bewegen sich in höhere Wasserschichten und fressen dort vor allem das reichlich vorhandene Phytoplankton und später das ebenfalls ausreichend vorhandene Zooplankton.
Die Europäische Sprotte ist ein Schwarmfisch, der nur 16 cm groß wird und ca. 6 Jahre lebt. Tagsüber halten sich die Schwärme am Meeresboden auf. Die Schwärme lösen sich nachts auf und die Fische folgen dem Plankton, von dem sie sich ernähren, an die Oberfläche.
Sprotten präferieren niedrige Salzgehalte. Die Laichgebiete der Sprotten liegen in Küstennähe, in einer Tiefe von etwa 10 bis 20 m. Der Laich schwebt im Wasser und nach etwa einer Woche schlüpfen die Larven, die sich überwiegend von Fotosynthese betreibenden Kieselalgen ernähren. Der Fortpflanzungserfolg der Sprotten wird im Frühjahr durch hohe Wassertemperaturen und milde Winter gefördert.
Material 3: Einfluss von Algenarten auf die Sterblichkeit von Heringseiern
Der Greifswalder Bodden in der südwestlichen Ostsee ist ein Flachwasserbereich mit Süßwassereinleitung, der im Frühjahr als „Kinderstube des Herings“ bezeichnet wird. Bei Untersuchungen wurde ein Rückgang der Populationsdichte bei der im Flachwasser laichenden Unterart des Atlantischen Herings festgestellt.
Ein Forscherteam widmete sich daher im Jahr 2016 dem Einfluss von zwei Makroalgenarten, Ulva intestinalis und Pylaiella littoralis, auf den Atlantischen Hering. Makroalgen sind mehrzellige Algen. Ihre Länge reicht von wenigen Millimetern bis zu 60 m. Insbesondere die Alge P. littoralis profitiert von warmen Temperaturen und hohem Mineralstoffgehalt des Wassers. Beide Algenarten waren in den vergangenen Jahren immer früher im Jahr aufgetreten und als Laichgrund zur Zeit der Eiablage der Heringe verwendet worden. Zeitgleich wurde eine immer höhere Sterblichkeit der Heringseier beobachtet.
Die Forschenden nutzten für ihre Untersuchungen Aquarien mit verschiedenen Ansätzen (Abb. 2). Diese wurden mit Wasser aus dem Greifswalder Bodden versorgt und die abiotischen Faktoren unter nahezu konstanten, natürlichen Bedingungen gehalten. Das Forscherteam gab die gleiche Anzahl an Heringseiern in die Aquarien.
Die Anzahl der lebenden Eier in den verschiedenen Aquarien wurde zu Beginn des Experiments als Referenzwert, nach der Hälfte der Entwicklungszeit und kurz vor dem Schlüpfen am Ende der Entwicklungszeit ermittelt (Abb. 3).
Material 4: Lebensraum Ostsee und der Klimawandel
Der Salzgehalt in der Ostsee ist im Oberflächenwasser geringer als im Tiefenwasser und ist abhängig von verschiedenen Bedingungen. Zahlreiche Flüsse wie z. B. die Oder, münden in die Ostsee und leiten so Süßwasser ein. Dem Süßwassereinstrom steht bei Herbst- und Winterstürmen ein Salzwassereinstrom aus der Nordsee in die Ostsee gegenüber. Der Einstrom von Salzwasser in die Ostsee verteilt sich je nach Sturmlagen sehr ungleichmäßig über die Monate und Jahre. Große Mengen an Salzeinträgen innerhalb kurzer Zeiträume sind selten und fanden zuletzt vor einigen Jahren statt. Wissenschaftler nehmen an, dass durch die zunehmenden Starkregenereignisse der Salzgehalt der Ostsee zukünftig weiter sinken wird.
Aufgrund des Klimawandels hat sich auch die Temperatur des Oberflächenwassers der Ostsee im Laufe der letzten Jahre geändert (Abb. 4).
2
Erklären Sie das gemeinsame Vorkommen von Hering und Sprotte in der Ostsee unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen ökologischen Nischen (M 1, M 2). [9 BE]
3
Werten Sie die Ergebnisse des Experiments aus (M 3). [9 BE]
4
Begründen Sie die Notwendigkeit des in Abbildung 2 dargestellten Kontrollversuchs (M 3). [5 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Erklären Sie das gemeinsame Vorkommen von Hering und Sprotte in der Ostsee unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen ökologischen Nischen (M 1, M 2).
Lösung: Sprotte und Hering besitzen ähnliche ökologische Nischen (beide ernähren sich von Zooplankton bzw. Plankton, sind nachtaktiv zur Nahrungssuche an der Oberfläche und laichen im Frühjahr küstennah), was zu interspezifischer Konkurrenz führen kann. Eine Koexistenz (Konkurrenzvermeidung) wird durch Nischendifferenzierung ermöglicht: - Unterschiedliche Salztoleranz bzw. -präferenz: Hering präferiert hohen Salzgehalt, Sprotte niedrigen Salzgehalt. - Temperaturansprüche: Hering präferiert kühleres Wasser, Sprotte höhere Wassertemperaturen. - Ort und Tiefe der Eiablage: Heringseier sinken auf den Meeresboden bzw. heften an Pflanzen/Felsen (im Herbst in 40–70 m Tiefe, im Frühjahr flacher), während Sprotteneier frei im Wasser schweben (Laichtiefe ca. 10–20 m).
3 Werten Sie die Ergebnisse des Experiments aus (M 3).
Lösung: Bei Ulva intestinalis überleben in beiden Ansätzen rund 70 % der Eier bis kurz vor dem Schlupf, was sogar über der Kontrolle (ca. 60 %) liegt; die Alge hat also keinen negativen, eventuell sogar leicht positiven Effekt. Bei Pylaiella littoralis hingegen bricht der Anteil lebender Eier drastisch ein (nach der Hälfte der Zeit ca. 40 %, kurz vor dem Schlupf unter 10 % gegenüber ca. 80 % in der Kontrolle). Da die Sterblichkeit in Ansatz 1 (mit Kontakt) und Ansatz 2 (ohne direkten Kontakt) gleichermaßen hoch ist, schädigt P. littoralis die Eier nicht mechanisch durch Kontakt, sondern vermutlich durch die Abgabe toxischer Substanzen ins Wasser.
4 Begründen Sie die Notwendigkeit des in Abbildung 2 dargestellten Kontrollversuchs (M 3).
Lösung: Der Kontrollversuch mit neutralem Substrat ohne Algen ist notwendig, um die natürliche Sterblichkeit der Heringseier unter den Versuchsbedingungen als Referenz- bzw. Vergleichsgröße zu ermitteln. Dadurch lässt sich sicherstellen und ausschließen, dass nicht andere Faktoren des Versuchsaufbaus für das Absterben verantwortlich sind, sondern eindeutig die Anwesenheit der jeweiligen Algenart.
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