Abitur Niedersachsen Deutsch 2022 · LK · Hebbel: Maria Magdalena
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, LK · Hebbel: Maria Magdalena: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation dramatischer Texte. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Interpretation dramatischer Texte
Aufgabe
Interpretieren Sie den Textauszug aus Friedrich Hebbels Drama „Maria Magdalena". Berücksichtigen Sie dabei insbesondere die Darstellung der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander.
Material
Friedrich Hebbel (1813 – 1863): Maria Magdalena (1844)
Erster Akt
Zimmer im Hause des Tischlermeisters.
Erste Szene
Klara, Die Mutter.
1 KLARA. Dein Hochzeitskleid? Ei, wie es dir steht! Es ist, als ob's zu heut gemacht wäre!
MUTTER. Ja, Kind, die Mode läuft so lange vorwärts, bis sie nicht weiter kann, und umkehren muss. Dies Kleid war schon zehnmal aus der Mode, und kam immer wieder hinein.
KLARA. Diesmal doch nicht ganz, liebe Mutter! Die Ärmel sind zu weit. Es muss dich nicht 5 verdrießen?
MUTTER (lächelnd). Dann müsst ich du sein!
KLARA. So hast du also ausgesehen! Aber einen Kranz trugst du doch auch, nicht wahr?
MUTTER. Will's hoffen! Wozu hätt ich sonst den Myrtenbaum 1 jahrelang im Scherben 2 gepflegt!
KLARA. Ich hab dich so oft gebeten, und du hast es nie angezogen, du sagtest immer: Mein 10 Brautkleid ist's nicht mehr, es ist nun mein Leichenkleid, und damit soll man nicht spielen. Ich mocht es zuletzt gar nicht mehr sehen, weil es mich, wenn es so weiß dahing, immer an deinen Tod und an den Tag erinnerte, wo die alten Weiber es dir über den Kopf ziehen würden. – Warum denn heut?
MUTTER. Wenn man so schwer krank liegt, wie ich, und nicht weiß, ob man wieder gesund 15 wird, da geht einem gar manches im Kopf herum. Der Tod ist schrecklicher, als man glaubt, o, er ist bitter! Er verdüstert die Welt, er bläst all die Lichter, eins nach dem andern, aus, die so bunt und lustig um uns her schimmern, die freundlichen Augen des Mannes und der Kinder hören zu leuchten auf, und es wird finster allenthalben, da wird's hell, und man sieht viel, sehr viel, was man nicht sehen mag. Ich bin mir eben nichts 20 Böses bewusst, ich bin auf Gottes Wegen gegangen, ich habe im Hause geschafft, was ich konnte, ich habe dich und deinen Bruder in der Furcht des Herrn aufgezogen und den sauren Schweiß eures Vaters zusammengehalten, ich habe aber immer auch einen Pfennig für die Armen zu erübrigen gewusst, und wenn ich zuweilen einen abwies, so war es kein Unglück für ihn, denn ich rief ihn 25 gewiss wieder um und gab ihm doppelt. Ach, was ist das alles! Man zittert doch vor der letzten Stunde, wenn sie hereindroht, man krümmt sich, wie ein Wurm, man fleht zu Gott ums Leben, wie ein Diener den Herrn anfleht, die schlecht gemachte Arbeit noch einmal verrichten zu dürfen, um am Lohntag nicht zu kurz zu kommen.
30 KLARA. Hör davon auf, liebe Mutter! dich greift's an!
MUTTER. Nein, Kind, mir tut's wohl! Steh ich denn nicht gesund und kräftig wieder da? Hat der Herr mich nicht bloß gerufen, damit ich erkennen möchte, dass mein Feierkleid noch nicht fleckenlos und rein ist, und hat er mich nicht an der Pforte des Grabes wieder umkehren lassen, und mir Frist gegeben, mich zu schmücken für die himmlische Hochzeit 4 ? So 35 gnadenvoll war er gegen jene sieben Jungfrauen 5 im Evangelium, das du mir gestern Abend vorlesen musstest, nicht! Darum habe ich heute, da ich zum heiligen Abendmahl gehe, dies Gewand angelegt. Ich trug es den Tag, wo ich die frömmsten und besten Vorsätze meines Lebens fasste. Es soll mich an die mahnen, die ich noch nicht gehalten habe!
KLARA. Du sprichst noch immer wie in deiner Krankheit.
Zweite Szene
40 KARL (tritt auf). Guten Morgen, Mutter! Nun, Klara, möchtest du mich leiden, wenn ich nicht dein Bruder wäre?
KLARA. Eine goldene Kette? Woher hast du die?
KARL. Wofür schwitz ich? Warum arbeite ich abends zwei Stunden länger, als die andern? Du bist impertinent 6 !
45 MUTTER. Zank am Sonntagmorgen? Schäme dich, Karl!
KARL. Mutter, hast du nicht einen Gulden für mich?
MUTTER. Ich habe kein Geld, als was zur Haushaltung gehört.
KARL. Gib nur immer davon her! Ich will nicht murren, wenn du die Eierkuchen vierzehn Tage 50 lang etwas magerer bäckst. So hast du's schon oft gemacht! Ich weiß das wohl! Als für Klaras weißes Kleid gespart wurde, da kam monatelang nichts Leckeres auf den Tisch. Ich drückte die Augen zu, aber ich wusste recht gut, dass ein neuer Kopfputz, oder ein anderes Fahnenstück auf dem Wege war. Lass mich denn auch einmal davon profitieren!
MUTTER. Du bist unverschämt!
55 KARL. Ich hab nur keine Zeit, sonst – (Er will gehen.)
MUTTER. Wohin gehst du?
KARL. Ich will's dir nicht sagen, dann kannst du, wenn der alte Brummbär 7 nach mir fragt, ohne rot zu werden, antworten, dass du's nicht weißt. Übrigens brauch ich deinen Gulden gar nicht, es ist das Beste, dass nicht alles Wasser aus Einem Brunnen geschöpft werden soll. 60 (Für sich.) Hier im Hause glauben sie von mir ja doch immer das Schlimmste; wie sollt' es mich nicht freuen, sie in der Angst zu erhalten? Warum sollt' ich's sagen, dass ich, da ich den Gulden nicht bekomme, nun schon in die Kirche gehen muss, wenn mir nicht ein Bekannter aus der Verlegenheit hilft? (Ab.)
Dritte Szene
65 KLARA. Was soll das heißen?
MUTTER. Ach, er macht mir Herzeleid! Ja, ja, der Vater hat Recht, das sind die Folgen! So allerliebst, wie er als kleiner Lockenkopf um das Stück Zucker bat, so trotzig fordert er jetzt den Gulden! Ob er den Gulden wirklich nicht fordern würde, wenn ich ihm das Stück Zucker abgeschlagen hätte? Das peinigt mich oft! Und ich glaube, er liebt mich nicht einmal. Hast du 70 ihn ein einziges Mal weinen sehen während meiner Krankheit?
KLARA. Ich sah ihn ja nur selten, fast nicht anders, als bei Tisch. Mehr Appetit hatte er, als ich!
MUTTER (schnell). Das war natürlich, er musste die schwere Arbeit 8 verrichten!
KLARA. Freilich! Und wie die Männer sind! Die schämen sich ihrer Tränen mehr, als ihrer 75 Sünden! Eine geballte Faust, warum die nicht zeigen, aber ein weinendes Auge? Auch der Vater! Schluchzte er nicht den Nachmittag, wo dir zur Ader gelassen wurde, und kein Blut kommen wollte, dass mir's durch die Seele ging! Aber als ich nun zu ihm trat, und ihm über die Backen strich, was sagte er? Versuch doch, ob du mir den verfluchten Span nicht aus dem Auge herausbringen kannst, man hat so viel zu tun und kommt nicht vom 80 Fleck.
MUTTER (lächelnd). Ja, ja! Ich sehe den Leonhard ja gar nicht mehr. Wie kommt das?
KLARA. Mag er wegbleiben!
MUTTER. Ich will nicht hoffen, dass du ihn anderswo siehst, als hier im Hause!
KLARA. Bleib ich etwa zu lange weg, wenn ich abends zum Brunnen gehe, dass du Grund 85 zum Verdacht hast?
MUTTER. Nein, das nicht! Aber nur darum hab ich ihm Erlaubnis gegeben, dass er zu uns kommen darf, damit er dir nicht bei Nebel und Nacht aufpassen soll. Das hat meine Mutter auch nicht gelitten.
KLARA. Ich seh ihn nicht nicht!
MUTTER. Schmollt ihr miteinander? Ich mag ihn sonst wohl leiden, er ist so gesetzt! Wenn er 90 nur erst etwas wäre! Zu meiner Zeit hätt er nicht lange warten dürfen, da rissen die Herren sich um einen geschickten Schreiber, wie die Lahmen um die Krücke, denn sie waren selten. Auch wir geringeren Leute konnten ihn brauchen. Heute setzte er dem Sohn einen Neujahrswunsch für den Vater auf, und erhielt allein für den vergoldeten Anfangsbuchstaben so viel, dass man einem Kinde eine Docke 9 dafür hätte kaufen können. Morgen gab ihm der 95 Vater einen Wink und ließ sich den Wunsch vorlesen, heimlich, bei verschlossenen Türen, um nicht überrascht zu werden und die Unwissenheit aufgedeckt zu sehen. Das gab doppelte Bezahlung. Da waren die Schreiber obenauf und machten das Bier teuer. Jetzt ist's anders, jetzt müssen wir Alten, die wir uns nicht aufs Lesen und Schreiben verstehen, uns von neunjährigen Buben auspotten lassen! Die Welt wird immer klüger, vielleicht kommt noch 100 einmal die Zeit, wo einer sich schämen muss, wenn er nicht auf dem Seil tanzen kann!
KLARA. Es läutet!
MUTTER. Nun, Kind, ich will für dich beten! Und was deinen Leonhard betrifft, so liebe ihn, wie er Gott liebt, nicht mehr, nicht weniger. So sprach meine alte Mutter zu mir, als sie aus der Welt ging, und mir den Segen gab, ich habe ihn lange genug behalten, hier hast du ihn wieder.
105 KARL (reicht ihr einen Strauß). Da!
MUTTER. Der kommt gewiss von Karl!
KLARA (nickt; dann beiseite 10). Ich wollt', es wäre so! Was ihr eine rechte Freude machen soll, das muss von ihm kommen!
MUTTER. O, er ist gut und hat mich lieb! (Ab.) […]
Hebbel, Friedrich: Maria Magdalena – Agnes Bernauer. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, S. 39-43.
Christian Friedrich Hebbel war ein deutscher Dramatiker und Lyriker.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
1 Myrte: Strauch oder kleiner Baum, dessen Zweige zum Binden von Brautkränzen verwendet werden; der Myrtenkranz galt als Zeichen der jungfräulichen Braut. 2 im Scherben: im Blumentopf. 3 verdrießlich: missmutig. 4 himmlische Hochzeit: Nach christlich-mystischer Vorstellung nimmt Jesus die Seele der Verstorbenen zur Braut. 5 sieben Jungfrauen: Anspielung auf das biblische Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen. 6 impertinent: frech. 7 Brummbär: Hier ist der mürrische Vater gemeint. 8 schwere Arbeit: Karl arbeitet in der väterlichen Tischlerei. 9 Docke: Puppe. 10 Beiseitesprechen: etwas sagen, was das Publikum hören kann, nicht aber der Dialogpartner.
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie den Textauszug aus Friedrich Hebbels Drama „Maria Magdalena". Berücksichtigen Sie dabei insbesondere die Darstellung der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander.
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
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