Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Psychologie GK 2022
Thema: Persönlichkeitspsychologie: Begriff, Paradigmen und Rogers · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
2 Paradigmen in der Persönlichkeitspsychologie
Material 2
Coronavirus – Allgemeine Schutzmaßnahmen
geändert nach: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung: Coronavirus – Allgemeine Schutzmaßnahmen, 2020, URL: https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3787 (abgerufen am 17.08.2021).
Material 3: Prof. Dr. Franz J. Neyer: Persönlichkeit in der Krise? (2020)
Was macht eine Krise wie die aktuelle mit dem Individuum?
Neyer: Als Persönlichkeitspsychologe finde ich eher die umgekehrte Frage interessant: Was macht das Individuum mit der Krise? Und nicht was die Krise mit dem Individuum macht. Dass wir uns alle große Sorgen machen und durch die Kontakteinschränkungen extrem belastet sind, ist gar keine Frage. Nicht trivial ist jedoch die Frage, auf welch verschiedene Art und Weise wir mit diesen Belastungen umgehen. Es gibt nämlich keine optimale Strategie, die ich jedem gleichermaßen empfehlen würde. Vielmehr muss jeder für sich ganz persönlich herausfinden, wie er am besten durch diese Zeit kommt. Für die Bewältigung solcher Krisen existieren ganz individuelle Strategien, und diese müssen immer zum Einzelnen passen.
Die Krisensituation scheint bei den Menschen die Wesenszüge zu verändern. Werden Menschen plötzlich zu Hamsterkäufern, Negierern, Corona-Aktivisten oder zu defensiven Optimisten?
Neyer: Ich erwarte nicht, dass sich unsere Persönlichkeit durch diese Krise ändert. Wir müssen zwar unser Verhalten ändern und uns an die Situation anpassen, aber unsere Persönlichkeit bleibt Gott sei Dank gleich. […] Ich finde es beruhigend zu wissen, dass Menschen sich anpassen können und zugleich sich selbst treu bleiben.
Wirkt die Krise wie eine Lupe auf die menschliche Psyche?
Neyer: Tatsächlich kann man in einer Situation, die so ungewiss und ergebnisoffen ist wie die aktuelle, interessante Persönlichkeitsunterschiede beobachten. Auch wenn jeder jetzt mehr Klopapier kauft, mag es besonders sicherheits- und kontrollbedürftige Menschen geben, die mehr Klopapier hamstern als der Durchschnitt. Und Personen, die von Haus aus optimistischer sind und mit einer rosaroten Brille vor den Augen durchs Leben gehen, werden die Lage nicht so bedrohlich wahrnehmen wie Pessimisten, die ohnehin immer alles negativ bewerten. Auch gehen stärker handlungsorientierte Personen bedrohliche Situationen offensiver an als Personen, die zurückhaltender sind und lieber abwarten, bis sich alles entspannt. Diese Beispiele geben einen Eindruck von der Vielfalt der Persönlichkeit und zeigen, dass jeder sein persönliches Risiko in dieser Zeit trägt. Es gibt keinen goldenen Standard, mit dem Krisen individuell bewältigt werden.
Die einen halten sich penibel, die anderen ungefähr und manche gar nicht an die einschränkenden Vorgaben. Stecken hinter dem unterschiedlichen Verhalten bei gleicher Situation die Charakterzüge des Menschen? Gibt es außerdem grundlegende Mechanismen?
Neyer: Jeder geht anders mit Bedrohung und Ungewissheit um; und dabei nehmen natürlich Persönlichkeitsunterschiede einen entscheidenden Einfluss. Übertriebene Vorsicht kann Ausdruck einer grundlegenden Ängstlichkeit sein und extremer Leichtsinn Ausdruck eines naiven Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit. Und weiterhin kann die Tendenz, sich nicht an vorgegebene Regeln zu halten, auf ein starkes Autonomiemotiv zurückgehen und das Gegenteil davon auf starke Autoritätshörigkeit. […]
Sind solche Wesenszüge bei allen Menschen angelegt?
Neyer: Menschen auf singuläre Merkmale wie Optimismus oder Pessimismus zu reduzieren, macht wenig Sinn. Die Persönlichkeit umfasst ja viele Facetten, die ganz individuell ausgeprägt sind und die Besonderheit einer jeden Person ausmachen. Wir wissen heute, dass die Variation solcher Merkmale oder Merkmalsprofile zu etwa gleichen Teilen genetisch und durch die Umwelt beeinflusst wird. Genetische und Umwelteinflüsse stehen in einer dynamischen Wechselwirkung, so dass die Persönlichkeit niemals vorherbestimmt ist. […]
Lernt der Mensch aus einer solchen Krise und verändert sich?
Neyer: Natürlich können Menschen lernen und ihr Verhalten anpassen, aber sie müssen deshalb nicht ihre Persönlichkeit ändern. Ich finde es politisch und gesellschaftlich wenig hilfreich zu fordern, dass Menschen sich in ihrer Persönlichkeit ändern sollten. Wir müssen akzeptieren, dass keiner wie der andere ist, und jedem die Chance geben, das Beste von sich zu entfalten. Das macht unsere Gesellschaft reicher und menschlicher. Es erscheint mir in einer solchen Krise auch sinnvoller, Menschen dazu zu ermuntern, ihre individuellen Potenziale und Stärken zu reflektieren und auf ihre möglichen Schwachpunkte zu achten, damit sie gut durch diese Zeit kommen. […]
Kann eine Krise für die Psyche auch positive Effekte haben?
Neyer: Natürlich kann sie positive Effekte haben. Im besten Fall können wir etwas über uns und über andere lernen. Beispielsweise können wir neue Erfahrungen in Partnerschaft, Familie und Freundeskreis machen, die uns mehr Sicherheit schenken und uns bereichern. Ich will hier aber keinen naiven Optimismus verbreiten, denn auch ich weiß, dass viele Menschen derzeit schlimme Erfahrungen in ihren engen Beziehungen machen, die sie nicht so einfach wegstecken.
2.1
Skizzieren Sie das dynamisch-interaktionistische Paradigma und das Informationsverarbeitungsparadigma der Persönlichkeitspsychologie. [10 BE]
2.2
Ordnen Sie Neyers Aussagen über den unterschiedlichen Umgang mit Corona-Maßnahmen (Material 3) in die Paradigmen aus Aufgabe 2.1 ein. [12 BE]
2.3
Stellen Sie die Grundlagen des behavioristischen Paradigmas dar. Erläutern Sie anhand der zwei bekannten Lernmechanismen den möglichen Umgang mit Corona-Maßnahmen (Material 2). [17 BE]
Hinweis: Es ist ausreichend, jeweils nur einmal auf die folgenden Corona-Maßnahmen einzugehen: „Maske tragen“, „Schutzabstand halten“.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2.1 Skizzieren Sie das dynamisch-interaktionistische Paradigma und das Informationsverarbeitungsparadigma der Persönlichkeitspsychologie.
Lösung: Darstellung der Kernannahmen beider Paradigmen: - Dynamisch-interaktionistisches Paradigma: Befasst sich mit der Persönlichkeitsentwicklung über die Lebensspanne als kontinuierliche Wechselwirkung (Interaktion) zwischen der Umwelt und Eigenschaften des Individuums. Die Umwelt beeinflusst die Persönlichkeitsentwicklung und die Persönlichkeit beeinflusst Umweltveränderungen. - Informationsverarbeitungsparadigma: Menschliches Verhalten und Erleben beruhen auf Informationsverarbeitungsprozessen im Nervensystem (Gehirn). Persönlichkeitsunterschiede resultieren aus Schnelligkeit/Intensität der Informationsverarbeitung, Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses sowie individuellen Inhalten des Langzeitgedächtnisses.
2.2 Ordnen Sie Neyers Aussagen über den unterschiedlichen Umgang mit Corona-Maßnahmen (Material 3) in die Paradigmen aus Aufgabe 2.1 ein.
Lösung: Einordnung in die Paradigmen: Dynamisch-interaktionistisches Paradigma (Wechselwirkung zwischen Umwelt und Persönlichkeitseigenschaften): - Übertriebene Vorsicht kann Ausdruck grundlegender Ängstlichkeit sein. Ängstliche Menschen verhalten sich vorsichtiger; tritt ihre Befürchtung ein, werden sie durch die Umwelt bestärkt und verhalten sich noch vorsichtiger. - Leichtsinn kann Glaube an Unverwundbarkeit sein. Bleibt Leichtsinn folgenlos in der Umwelt, verfestigt sich der Glaube an Unverwundbarkeit. - Nichteinhalten von Regeln kann auf starkes Autonomiemotiv zurückgehen. Fühlt sich das Individuum durch die Konsequenzen bestätigt, reagiert das Autonomiemotiv. - Regeltreue kann auf Autoritätshörigkeit hindeuten. Bestätigung durch die Umwelt führt zu verstärkter Autoritätshörigkeit. Informationsverarbeitungsparadigma (Gedächtnisinhalte, Einstellungen, Wahrnehmung): - Kontrollbedürftige Menschen fühlen sich durch Toilettenpapiermangel verunsichert und kaufen vermehrt Klopapier. - Optimisten nehmen die Lage kognitiv als weniger bedrohlich wahr als Pessimisten. - Handlungsorientierte Personen reagieren offensiver auf bedrohliche Lagen als zurückhaltende Personen.
2.3 Stellen Sie die Grundlagen des behavioristischen Paradigmas dar. Erläutern Sie anhand der zwei bekannten Lernmechanismen den möglichen Umgang mit Corona-Maßnahmen (Material 2).
Lösung: Grundlagen des Behaviorismus (5 BE): - Der Mensch kommt als unbeschriebenes Blatt (Tabula rasa) zur Welt, ausgestattet nur mit Spontanaktivität und Reflexen. - Verhalten steht unter dem Einfluss von Umweltreizen; komplexe Verhaltensweisen sind erlernt. - Zentrale Lernmechanismen: Klassisches Konditionieren (Signallernen) und operantes Konditionieren (Lernen durch Konsequenzen: Verstärkung/Bestrafung). - Kognitionen und Emotionen gelten als nicht beobachtbare Black Box und spielen keine erklärende Rolle; Persönlichkeitsunterschiede sind das Ergebnis individueller Lerngeschichten und Verstärkungsmuster. Erläuterung anhand von zwei Lernmechanismen (12 BE): 1. Schutzabstand halten: - Klassisches Konditionieren: Schilder an öffentlichen Plätzen/Geschäften weisen auf 1,5 m Abstand hin. Nach wiederholter Koppelung von Menschenansammlungen mit Abstandhalten löst der Anblick belebter öffentlicher Orte das Abstandhalten auch ohne Schilder aus. - Operantes Konditionieren: Ein Kunde hält den Abstand nicht ein und wird vom Personal verwarnt (Androhung des Ladenverweises). Um diese Bestrafung zu vermeiden, hält er künftig Abstand (negative Verstärkung bzw. Vermeidungslernen). 2. Maske tragen: - Klassisches Konditionieren: Beim Aufsetzen der Maske empfindet eine Person Beklemmung/Angst (unkonditionierter Reiz/Reaktion). Nach mehrfacher Koppelung löst bereits der Anblick oder Gedanke an die Maske Angst aus; die Maske wird nicht mehr getragen. - Operantes Konditionieren: Eine Person trägt eine Maske und wird ausgelacht/beleidigt (Bestrafung). Nimmt sie die Maske ab, enden die Beleidigungen (negative Verstärkung für das Abnehmen/Nichttragen der Maske).
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