Aufgabe Vorschlag C - Teil II Aufgabe 1 · Abitur Hessen Latein LK 2021
Thema: Inhalt und Gedankengang mit lateinischen Textbelegen · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material – Vorschlag C
Vorbemerkung:
Seneca setzt sich in einer seiner philosophischen Schriften mit der Bedeutung der Zeit sowie dem Umgang der Menschen mit ihrer Lebenszeit auseinander:
1 Omnia istorum tempora excute! Aspice, quam diu computent, quam diu insidientur, quam diu
2 timeant, quam diu colant, quam diu colantur, quantum vadimonia sua atque aliena occupent,
3 quantum convivia, quae iam ipsa officia sunt. Videbis, quemadmodum illos respirare non
4 sinant vel mala sua vel bona. Denique inter omnes convenit nullam rem bene exerceri posse
5 ab homine occupato, non eloquentiam, non liberales disciplinas, quando districtus animus
6 nihil altius recipit, sed omnia velut inculcata respuit. Nihil minus est hominis occupati quam
7 vivere. Nullius rei difficilior scientia est. Professores aliarum artium vulgo multique sunt.
8 Quasdam vero ex his pueri admodum ita percepisse visi sunt, ut etiam praecipere possent.
9 Vivere tota vita discendum est et, quod magis fortasse miraberis, tota vita discendum est mori.
10 Tot maximi viri [...] hoc unum in extremam usque aetatem egerunt, ut vivere scirent. [...]
11 Magni – mihi crede – et supra humanos errores eminentis viri est nihil ex suo tempore delibari
12 sinere. Et ideo eius vita longissima est, quia – quantumcumque patuit – totum ipsi vacavit.
13 Nihil inde incultum otiosumque iacuit.
Übersetzungshilfen
Z. 1 · istorum: Ergänzen Sie hominum.
tempora, -orum, n.: hier Beschäftigungen
excutere: hier prüfen, untersuchen
insidiari: hier hinterhältig planen
Z. 2 · colere, colo: hier Freunde besuchen ( als Zeichen der Wertschätzung)
vadimonium, -i, n: hier Termin
occupare: beanspruchen, in Anspruch nehmen
occupent: Ergänzen Sie istos.
Z. 3 · quantum convivia: Ergänzen Sie istos occupent.
respirare: zu Atem kommen, Erholung finden
Z. 4 · mala sua [...] bona: Ergänzen Sie tempora ( wie Z. 1: Beschäftigungen); hier Subjekt.
inter omnes convenit: man behauptet allgemein, es ist gängige Meinung bei allen
exercere, -ceo, -cui: hier ausüben
Z. 5 · occupatus, -a, -um: hier beschäftigt
liberales disciplinae (Pl.): philosophische Disziplinen
quando: hier weil
districtus, -a, -um: vielseitig in Anspruch genommen
Z. 6 · inculcatus, -a, -um: hier hineingestopft, hineingepresst
respuere, respuo, respui: ausspeien, hervorwürgen
minus est (+ Gen.): hier (jemand) kann weniger
occupatus, -a, -um: hier beschäftigt
Z. 7 · nullius rei difficilior scientia est: Ordnen Sie: scientia nullius rei difficilior est.
vulgo: hier überall
Z. 8 · quasdam [...] visi sunt: Ordnen Sie: pueri admodum quasdam vero ex his [artibus] ita percepisse visi sunt.
pueri admodum: noch sehr junge Schüler
praecipere, -cipio: lehren, unterrichten
Z. 9 · quod: hier worüber
Z. 10 · hoc unum agere, ut: sich um das Eine bemühen, dass
in extremam usque aetatem: Ordnen Sie: usque in extremam aetatem.
Z. 11 · magni [...] et [...] eminentis viri est: hier es ist die Fähigkeit eines bedeutenden und [...] erhabenen Mannes
Z. 11f. · delibari sinere: sich (weg)nehmen lassen
Z. 12 · quantumcumque patuit: was auch immer (an Zeit) er hatte
vacare (+ Dat.): (jemandem) zur freien Verfügung stehen
Z. 13 · otiosus, -a, -um: hier unbenutzt
iacere, iaceo, iacui: hier liegen bleiben
Arbeitsübersetzung
Prüfe alle Beschäftigungen dieser Menschen! Betrachte, wie lange sie rechnen, wie lange sie hinterhältig planen, wie lange sie sich fürchten, wie lange sie Freunde besuchen, wie lange sie besucht werden, wie sehr diese ihre eigenen und fremden Termine, wie sehr Gastmähler sie zeitlich in Anspruch nehmen, die schon als solche Pflichttermine sind. Du wirst sehen, wie weder ihre schlechten noch ihre guten Beschäftigungen jene zu Atem kommen lassen. Schließlich behauptet man allgemein, dass keine Sache von einem beschäftigten Menschen gut ausgeübt werden könne, nicht die Beredsamkeit, nicht die philosophischen Disziplinen, weil ein vielseitig in Anspruch genommener Geist nichts tiefer aufnimmt, sondern alles wie hineingestopft ausspeit. Nichts kann ein beschäftigter Mensch weniger als (wirklich) leben. Nichts ist schwerer als das Wissen um diese Sache. Für andere Fächer sind Lehrer überall und zahlreich zu finden. Noch sehr junge Schüler schienen manche von diesen Fächern tatsächlich so erfasst zu haben, dass sie sie sogar lehren konnten.
Man muss das ganze Leben lang lernen zu leben und, worüber du dich vielleicht noch mehr wunderst, das ganze Leben lang muss man lernen zu sterben. So viele hochbedeutende Männer [...] haben sich bis in die letzte Lebensphase um das Eine bemüht, (so) dass sie zu leben wussten. [...]
Glaube mir, es ist die Fähigkeit eines großen und über die menschlichen Irrtümer erhabenen Mannes, sich nichts von seiner Zeit wegnehmen zu lassen. Und deshalb ist dessen Leben besonders lang, weil alles – was auch immer an Zeit er hatte – ihm selbst ganz zur freien Verfügung stand. Nichts blieb daher unbeachtet und unbenutzt liegen.
II Interpretation
1 Skizzieren Sie unter Verwendung lateinischer Textbelege die Kernaussagen des Textes, welche die Haltung Senecas zum Umgang mit Zeit widerspiegeln. (Material)
(25 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Skizzieren Sie unter Verwendung lateinischer Textbelege die Kernaussagen des Textes, welche die Haltung Senecas zum Umgang mit Zeit widerspiegeln. (Material)
Lösung: Seneca behauptet, dass es Menschen gibt, die sich im Vielerlei ihrer Beschäftigungen (*quam [...] computent, quam [...] insidientur [...] quantum vadimonia [...], quantum convivia [...]*) verzetteln und weder im Guten noch im Schlechten Ruhe finden (*non respirare sinant vel mala sua vel bona*). Ein Mensch, der sich mit allzu vielen Dingen beschäftige (*homine occupato/districtus animus*), könne weder die Rhetorik (*eloquentiam*) noch die philosophischen Disziplinen (*liberales disciplinas*) noch überhaupt irgendetwas gut beherrschen (*nullam rem bene exerceri posse*). Ein homo occupatus könne auch nicht wirklich leben (*Nihil minus est hominis occupati quam vivere*). Der Mensch müsse aber gerade sein ganzes Leben lang lernen zu leben (*Vivere tota vita discendum est*) und auch zu sterben (*tota vita discendum est mori*). Ein erhabener Mann soll sich nichts von der Zeit wegnehmen lassen; so hat er ein langes und erfülltes Leben (*[...] eminentis viri est nihil ex suo tempore delibari sinere*).
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