Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Ethik GK 2022
Thema: Theorien der Gerechtigkeit · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Michael J. Sandel: Vom Ende des Gemeinwohls – Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt (2020)
Nehmen wir an, wir könnten das Versprechen erfüllen und jedem Kind die gleiche Chance geben, beim Wettbewerb um Erfolg in der Schule, am Arbeitsplatz und im Leben mitzuhalten. Würde das für eine gerechte Gesellschaft ausreichen? […]
Eine vollkommen mobile 1 Gesellschaft ist aus zwei Gründen ein inspirierendes Ideal. Erstens bringt sie eine gewisse Vorstellung von Freiheit zum Ausdruck. Unser Schicksal sollte nicht durch die Umstände unserer Geburt festgelegt sein – wir sollten vielmehr selbst entscheiden können. Zweitens verweist sie auf die Hoffnung, dass das, was wir erreichen, widerspiegelt, was wir verdient haben. Wenn wir die Freiheit besitzen, auf der Basis unserer eigenen Entscheidungen und Fähigkeiten aufzusteigen, scheint die Aussage fair zu sein, dass diejenigen, die Erfolg haben, diesen auch verdienen.
Wie stark dieser Anreiz auch sein mag – es gibt begründete Zweifel daran, dass eine perfekt verwirklichte Leistungsgesellschaft tatsächlich eine gerechte Gesellschaft wäre. […]
Ist die Ungleichheit, die sich aus dem meritokratischen 2 Wettbewerb ergibt, gerechtfertigt? Verfechter der Leistungsgesellschaft bejahen das – vorausgesetzt, dass alle unter gleichen Ausgangsbedingungen konkurrieren, ist das Ergebnis gerecht. Auch ein fairer Wettbewerb bringt Gewinner und Verlierer hervor. Es kommt darauf an, dass alle an der gleichen Startlinie ins Rennen gehen, nachdem sie gleichen Zugang zu Trainingsmöglichkeiten, Coaching, Ernährung und so weiter hatten. In diesem Fall verdient der Sieger des Rennens den Preis. Die Tatsache, dass einige schneller laufen als andere, bedeutet keine Ungerechtigkeit. […]
Diese Annahme kann man aus zwei Gründen in Frage stellen. Erstens: Dass ich über diese oder jene Fähigkeit verfüge, ist nicht die Folge eigenen Handelns, sondern einem günstigen Zufall zu verdanken, weshalb ich die Vorteile (oder Lasten), die auf glückliche Umstände zurückzuführen sind, nicht erworben oder verdient habe. Meritokraten räumen ein, dass ich die Vorteile nicht verdiene, die der Tatsache zu verdanken sind, dass ich in einer reichen Familie zur Welt gekommen bin. Warum aber sollten dann andere Formen glücklicher Umstände – etwa, dass man über eine überragende natürliche Begabung verfügt – anders betrachtet werden? […]
Zweitens: Dass ich in einer Gesellschaft lebe, die genau die Fähigkeiten schätzt, über die ich zufällig verfüge, ist auch nichts, für das mir Anerkennung zusteht. Auch das hat mit günstigen Umständen zu tun. LeBron James 3 macht als Basketballspieler zig Millionen Dollar – das Spiel ist ungeheuer populär. Abgesehen davon, dass er mit einer Überfülle sportlicher Gaben gesegnet ist, hat LeBron James das Glück, in einer Gesellschaft zu leben, die diese schätzt und belohnt. Er kann nichts dafür, dass er heute lebt, in einer Zeit, in der die Menschen das Spiel lieben, in dem er glänzt, und nicht im Florenz der Renaissance, wo eine große Nachfrage nach Fresko-Malern herrschte, Basketballspieler hingegen eher weniger gesucht waren. […]
Der Reiz des Glaubens an die Leistungsgesellschaft besteht weitgehend in der Vorstellung, unser Erfolg sei von uns selbst geschaffen – zumindest unter den richtigen Bedingungen. Soweit die Wirtschaft ein Feld fairen, nicht durch Privilegien oder Vorurteile befleckten Wettbewerbs ist, sind wir für unser Schicksal selbst verantwortlich. Wir siegen oder scheitern auf Basis unserer Leistungen. Wir bekommen, was wir verdient haben.
Das ist ein befreiendes Bild, weil es nahelegt, dass wir selbst erschaffene menschliche Akteure sind – Urheber unseres Schicksals, die Herren unserer Bestimmung. Auch moralisch ist es befriedigend, weil es erwarten lässt, dass die Wirtschaft auf die altehrwürdige Vorstellung von Gerechtigkeit antworten kann, wonach den Menschen gegeben wird, was ihnen zusteht.
Doch wenn man einräumt, dass unsere Talente nicht unser eigenes Werk sind, wird dieses Bild der Selbsterschaffung komplizierter. […] Wenn unsere Talente Gaben sind, die uns zu Dank verpflichten – ob nun der genetischen Lotterie oder Gott –, dann ist es falsch und eine Täuschung, wenn wir annehmen, wir würden die daraus hervorgehenden Vorteile verdienen.
Dagegen berufen sich die Verfechter der Leistungsgesellschaft auf Anstrengung und harte Arbeit. Sie meinen, dass diejenigen, die aufgrund harter Arbeit aufsteigen, für den Erfolg verantwortlich sind, den ihre Anstrengungen bringen, und dass sie es wert sind, für ihren Fleiß gelobt zu werden. Bis zu einem gewissen Punkt trifft das zu. […]
Denn ungeachtet der Bedeutung von Anstrengungen beruht Erfolg selten auf harter Arbeit allein. Was Olympiasieger und NBA-Stars von weniger erfolgreichen Athleten unterscheidet, ist nicht nur ihr strenges Trainingsprogramm. Viele Basketballspieler trainieren so hart wie LeBron James, doch nur wenige können sich mit seinen Leistungen auf dem Spielfeld messen. […] Anstrengung ist nicht alles.
Michael J. Sandel: Vom Ende des Gemeinwohls – Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt, Frankfurt/Main 2020, S. 194–199.
1 mobile – Gemeint ist hier soziale Mobilität im Sinn der Möglichkeiten, im sozialen Rang innerhalb der Gesellschaft auf- bzw. abzusteigen.
2 In einer Meritokratie werden gesellschaftliche Güter nach Leistung bzw. Verdienst vergeben.
3 LeBron Raymone James (*1984) ist ein US-amerikanischer Basketballspieler.
Hinweis: Michael J. Sandel (*1953) ist Professor für Philosophie in Harvard.
3
„Dagegen berufen sich die Verfechter der Leistungsgesellschaft auf Anstrengung und harte Arbeit. Sie meinen, dass diejenigen, die aufgrund harter Arbeit aufsteigen, für den Erfolg verantwortlich sind, den ihre Anstrengungen bringen, und dass sie es wert sind, für ihren Fleiß gelobt zu werden.“ (Material)
Diskutieren Sie die im Zitat vorgestellte Position. Beziehen Sie dabei auch das Menschenbild von Sigmund Freud mit ein.
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 „Dagegen berufen sich die Verfechter der Leistungsgesellschaft auf Anstrengung und harte Arbeit. Sie meinen, dass diejenigen, die aufgrund harter Arbeit aufsteigen, für den Erfolg verantwortlich sind, den ihre Anstrengungen bringen, und dass sie es wert sind, für ihren Fleiß gelobt zu werden.“ (Material) Diskutieren Sie die im Zitat vorgestellte Position. Beziehen Sie dabei auch das Menschenbild von Sigmund Freud mit ein.
Lösung: Individuelle Urteilsbildung und strukturierte Diskussion unter Einbezug von Sigmund Freuds Instanzenmodell (Es, Ich, Über-Ich).
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