Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Ethik GK 2022

Thema: Texterschließung: Text wiedergeben und zusammenfassen · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Dürfen wir uns genetisch optimieren? (2019)

Der Theologe Peter Dabrock diskutierte mit dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel. Das Gespräch führte Barbara Bleisch auf der Phil. Cologne 1.

Philosophie Magazin [im folgenden: PM]: Herr Merkel, Herr Dabrock, am 26. November 2018 kamen

zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte genetisch veränderte Babys zur Welt 2. War dieser

Eingriff in die menschliche Keimbahn ein Tabubruch?

Peter Dabrock: Für mich war das in der Tat ein Tabubruch, genauer gesagt: ein unverantwortlicher

5 Menschenversuch. Die Risiken, die mit diesem Versuch einhergehen, sind überhaupt noch nicht

absehbar. Als ich davon hörte, bin ich regelrecht vom Stuhl gekippt. […]

Reinhard Merkel: Der Eingriff des chinesischen Forschers hat fundamentale Normen verletzt. […] So

wird etwa vermutet, dass das veränderte Genom der beiden Mädchen ihre Lebenserwartung verkürzen

könnte. Und das ist nur eines der Risiken, die mit dem Eingriff verbunden sind. Ja, es handelt sich um

10 eine Menschheitsfrage. Wir sind heute in der Lage, die Spezies Homo sapiens in ihrer grundlegenden

Biologie zu verändern, also etwa in wenigen Generationen neue Formen des Menschseins zu

erzeugen, für deren evolutionäre Entwicklung die Natur eine Million Jahre brauchen würde. Solche

Veränderungen wären und blieben dann gegebenenfalls in der Welt, würden weitervererbt an die

Nachkommen. Das macht Keimbahneingriffe 3 so dramatisch.

15 […] Alarm ist vor allem mit Blick auf die sogenannten Off-Target-Effekte 4 angebracht. Das CRISPR-

Verfahren 5 ist zwar einerseits sehr zielgenau, weil das jeweils anvisierte Gen getroffen und verändert

werden kann. Da es sich aber um ein chemisches Verfahren handelt, besteht die Gefahr, dass es auch

Ziele trifft, die jenseits des eigentlichen Zieles liegen. Dass also Gene mitverändert werden, die dem

anvisierten Gen biochemisch ähnlich sind, die aber nicht verändert werden sollen. […] Nehmen wir

20 einmal an, die Risiken, die mit diesem Verfahren verbunden sind, werden irgendwann kontrollierbar

[…]. Dann habe ich keine grundsätzlichen Einwände dagegen, solche Eingriffe in die Keimbahn

zuzulassen. Jedenfalls dann nicht, wenn sie therapeutischen Zwecken dienten. Was sollte denn

„heilig“ sein an einem Genom, das etwa einen Defekt enthält, der seinen Träger zur Chorea

Huntington 6 disponiert, einer schweren, immer tödlichen Krankheit? Dass wir auch dieses Genom

25 unangetastet lassen sollten, wenn man das defekte Gen herausschneiden könnte, leuchtet mir nicht ein.

[…]

Dabrock: Ganz in diesem Sinne heißt es in der Stellungnahme des deutschen Ethikrats: „Die

menschliche Keimbahn ist nicht unantastbar.“ Und ich fand es interessant, dass die Reaktion gerade

aus Amerika war: Das ist ja ungeheuerlich. Ausgerechnet der deutsche Ethikrat als (vermeintlicher)

Inbegriff biokonservativen Denkens spricht von der Antastbarkeit der Keimbahn! Tatsächlich denkt

30 man ja schnell, dass das gleichbedeutend sei mit: „Die Würde des Menschen ist antastbar.“ Aber: Die

biologische Grundlage des Menschen ist nicht der Mensch selbst. Unantastbar ist die Würde eines

einzelnen Menschen, nicht irgendein biologisches Substrat. […] Unsere Gene fixieren nicht, wer wir

sind. […]

PM: […] Aber was ist mit Eingriffen zum Zweck der Optimierung? […]

35 Merkel: Genetische „Impfungen“ sind so legitim, wie es die Therapie der gegebenenfalls auftretenden

Krankheit wäre. Aber sie sind kein reines Enhancement 7. […] Die Fähigkeit, Skilanglauf-

Olympiasieger zu werden oder Ähnliches, haben Eltern ihren Kindern bitte nicht per biologischen

Eingriff mitzugeben. Aber andere, allgemeine, für jedes Menschenleben wertvolle Fähigkeiten: höhere

Konzentrationsfähigkeit, besseres Erinnerungsvermögen, kurz, höhere kognitive, mentale und

40 gegebenenfalls auch emotionale Leistungen – warum soll das im Prinzip verboten sein? Ich sehe

eigentlich keine Gründe.

Dabrock: […] Realität aber sind ja bereits ganz andere Formen von Eingriffen, die nicht auf

genetische Veränderung, sondern auf Selektion zielen. […] Gut möglich, dass eine In-vitro-

Fertilisation 8 in 30, 40 Jahren zur normalen Form der Fortpflanzung wird und wir eine vollständige

45 Entkopplung von Sexualität und Reproduktion haben. Das scheinen mir Entwicklungen zu sein, die

bei der Fragestellung „Dürfen wir uns genetisch optimieren?“ viel eher im Vordergrund stehen sollten.

Kürzlich las ich, dass sich die Disposition zur Intelligenz in den nächsten zehn Jahren sehr deutlich

identifizieren lässt. Und wenn man diese Disposition nicht manipulieren kann, dann wird man

möglicherweise selektieren. Mit Blick auf das Selbstverständnis des Menschen sehe ich hier eine

50 problematische Drift 9.

Merkel: […] Problematisch erscheint mir aber, dass durch die Möglichkeit des genetischen Eingriffs

sozialer Druck entstehen kann für alle zukünftigen Eltern, etwa so: „Besser, Sie optimieren Ihr Kind,

um ihm nicht Nachteile für seine Lebensführung mitzugeben, indem Sie sein Enhancement

unterlassen, während der Nachbar das an seinen Kindern sehr wohl durchführen lässt.“ Hier sehe ich

55 den Staat in der Pflicht. Es ist seine Aufgabe, eine solche freiheitsfeindliche soziale Dynamik zu

verhindern.

„Dürfen wir uns genetisch optimieren?“, in: Philosophie Magazin, 05/2019 August/September, S. 25–29.

Hinweise

Prof. Peter Dabrock (*1964) lehrt Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 2016–2020 agierte er als Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

Prof. Reinhard Merkel (*1950) lehrt Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg. 2012–2020 war er Mitglied des Deutschen Ethikrats. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Frage nach der menschlichen Freiheit im Kontext technischer Innovationen.

1 Die Phil. Cologne ist ein jährliches philosophisches Festival in Köln, bei welchem anerkannte Experten über aktuelle philosophische/ethische Themen diskutieren.

2 2018 veränderte der chinesische Forscher He Jiankui, trotz des in China geltenden Verbots solcher Eingriffe, das Erbgut von Zwillingen, sodass sie fortan resistent gegen HIV sein würden.

3 Keimbahneingriffe – Eingriffe in das Erbgut von Eizellen oder Samenzellen, welche in der veränderten Form an die Nachkommen weitergegeben werden

4 Off-Target-Effekte – Effekte außerhalb der gewünschten Zielsequenz; z. B. das unbeabsichtigte Entfernen bestimmter Gen-Sequenzen, unerwünschte Mutationen ähnlicher, ursprünglich nicht anvisierter Gene

5 CRISPR-Verfahren (CRISPR/Cas-Methode) – eine chemische Methode, durch die einzelne DNS-Bausteine von Lebewesen und Pflanzen gezielt verändert oder entfernt werden können

6 Chorea Huntington (Huntington-Krankheit; veraltet: Veitstanz) – erbliche, unheilbare Krankheit aufgrund eines defekten Gens, was die Zerstörung zentraler Bereiche des Gehirns bedingt; zu den Symptomen von Chorea Huntington zählt der Kontrollverlust über Muskeln und psychische Funktionen.

7 Enhancement, hier: im Sinne von Human-Enhancement – Verbesserung und Selbstgestaltung des Menschen ohne medizinische Notwendigkeit

8 In-vitro-Fertilisation – „im Glas“ herbeigeführte Verschmelzung einer Eizelle mit einer Samenzelle

9 Drift – sog. Strömung, unkontrolliertes Treiben

1

Geben Sie die wesentlichen Aussagen Peter Dabrocks und Reinhard Merkels wieder. (Material) (30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Ethik GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Geben Sie die wesentlichen Aussagen Peter Dabrocks und Reinhard Merkels wieder. (Material)

Lösung: Eine vollständige Einleitung (Interview des Philosophiemagazins mit dem Titel „Dürfen wir uns genetisch optimieren?“, 2019, Barbara Bleisch mit Peter Dabrock und Reinhard Merkel über Legitimität und Folgen gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn) sowie die strukturierte Darstellung der Kernpositionen beider Gesprächspartner.

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