Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Ethik GK 2021

Thema: Kantische Ethik · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Kwame Anthony Appiah: Eine Frage der Ehre (2011)

Was können wir durch die Erforschung moralischer Revolutionen über die Moral lernen? [...] Obwohl

unser Denken und Fühlen moralisch durchaus bedeutsam sind, geht es in der Moral doch eigentlich

um unser Handeln. Da wir unter Revolutionen einen großen Wandel innerhalb kurzer Zeit verstehen,

müssen moralische Revolutionen von einer raschen Veränderung des moralischen Verhaltens und

5 nicht nur des moralischen Empfindens geprägt sein. Doch wie nach einer wissenschaftlichen

Revolution, so sollten auch nach einer moralischen Revolution die Dinge in einem neuen Licht

erscheinen. Im Rückblick und selbst über eine Zeitspanne von einer einzigen Generation fragen die

Menschen sich: „Was haben wir da nur gedacht? Wie konnten wir das all die Jahre tun?“

Deshalb begann ich, mir einige moralische Revolutionen genauer anzusehen und zu fragen, was wir

10 daraus lernen könnten. Schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass die verschiedenen von mir ins

Auge gefassten Fälle – das Ende des Duells, die Aufgabe des Füßebindens, die Abschaffung der

atlantischen Sklaverei – einige unerwartete Eigenschaften gemeinsam hatten. Dazu gehörte die

Tatsache, dass die Argumente gegen diese Praktiken schon lange vor deren Aufgabe oder Abschaffung

weithin bekannt waren und in aller Deutlichkeit vorgebracht wurden. [...] Was auch immer geschehen

15 sein mag, als diese unmoralischen Praktiken aufgegeben wurden, es konnte, wie mir schien, nicht

darauf zurückzuführen sein, dass die Menschen sich neuen moralischen Argumenten gebeugt hätten.

[...] Bei all diesen Wandlungsprozessen spielte etwas eine wesentliche Rolle, das man gemeinhin

„Ehre“ nennt. [...]

Zunächst einmal basierte die alte unmoralische Praxis selbst auf einem Ehrenkodex. Beim Duell liegt

20 das auf der Hand. Aber erinnern wir uns, dass auch das Füßebinden ursprünglich eine mit der Ehre

zusammenhängende Praxis war, die nicht nur den gesellschaftlichen Rang, sondern auch die

Keuschheit der Frauen aus der Han-Elite 1 sicherte. Und erinnern wir uns, dass die Plantagensklaverei

in der atlantischen Welt nicht nur eine ökonomische Institution – eine Quelle von Arbeitskraft –

darstellte, sondern auch ein Ehrsystem, in dem man die manuelle Arbeit einer ehrlosen Rasse 2 zuwies.

25 [...] In all diesen Fällen liegt danach ein wesentliches Element in der Tatsache, dass ein Ehrenkodex

sich verändern musste, wenn die betreffende Praxis verschwinden sollte. Das Duell durfte nicht länger

als Möglichkeit angesehen werden, die Ehre eines Gentleman zu verteidigen. Das Füßebinden durfte

nicht länger Zeichen eines höheren gesellschaftlichen Standes sein. Arbeit und afrikanische

Abstammung mussten vom Gedanken der Ehrlosigkeit getrennt werden. [...]

30 Doch warum sollten wir uns überhaupt mit der Ehre abgeben, wenn es um moralischen Fortschritt

geht? [...]

Betrachten wir den einfachsten Fall. Nehmen wir an, ich besitze Ehrgefühl. Und nehmen wir weiter

an, der Kodex meiner Ehrenwelt gewähre denen ein Recht auf Respekt, die sich gegenüber anderen

Menschen ehrlich verhalten – etwas, das natürlich auch die Moral verlangt. Wenn ich in Versuchung

35 gerate zu lügen, zu betrügen oder zu stehlen, gibt es eine Reihe guter Gründe, dieser Versuchung zu

widerstehen. Der einfachste Grund läge darin, dass es falsch wäre, so zu handeln. [...]

Da ich aber auch Ehrgefühl besitze, möchte ich mir mein Recht auf Respekt bewahren. Damit habe ich

einen zweiten Grund, der Versuchung zu widerstehen, nämlich die Erhaltung meiner Ehre. Ich möchte

des Respekts würdig sein, ganz gleich, ob andere mich tatsächlich respektieren oder nicht. [...]

40 Manchmal lassen wir uns von einem Gerechtigkeitsgefühl oder dem Wunsch, das Richtige zu tun,

motivieren, ohne darauf zu achten, ob andere das bemerken oder nicht. Oft jedoch lassen wir uns

(ausschließlich oder unter anderem) von unseren Erwartungen motivieren, wie andere Menschen auf

unser Tun reagieren werden. Menschen, die uns mögen, behandeln uns in der Regel besser, sodass wir

aus genau diesem Grund gemocht werden möchten. Solche Gründe, auf die Einstellungen anderer

45 Menschen uns gegenüber zu achten, können wir „instrumentell“ nennen. Im Großen und Ganzen

reagieren wir Menschen auf Achtung und Verachtung jedoch nicht aus solchen instrumentellen

Gründen, sondern weil wir nicht anders können. Es ist einfach eine Tatsache, dass wir geachtet werden

wollen, und zumindest zum Teil wünschen wir uns solchen Respekt um seiner selbst willen. [...]

Doch bei der Stützung und Disziplinierung der speziellen sozialen Rollen spielt der

50 Wertschätzungsrespekt eine entscheidende Rolle. Er trägt zur Aufrechterhaltung anspruchsvoller

sozialer Normen bei. [...] Der Grund ist einfach. Die Mitglieder einer Ehrenwelt betrachten alle, die

sich an den Ehrenkodex halten, ganz automatisch mit Respekt, während sie jene, die dagegen

verstoßen, mit Verachtung strafen. Da es sich hier um automatische Reaktionen handelt, lässt sich das

System ohne großen Aufwand aufrechterhalten, denn es verlangt von uns lediglich Reaktionen, zu

55 denen wir von Natur aus neigen. [...]

Es gehört zu den attraktiven Merkmalen der Ökonomie der Wertschätzung, dass wir alle deren

Wächter sind.

1 Die Han bilden die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe in China.

2 Appiah formuliert hier aus der Sichtweise der Sklavenhalter.

Kwame Anthony Appiah: Eine Frage der Ehre – oder – Wie es zu moralischen Revolutionen kommt, München 2011, S. 9f, 176, 195–208.

Hinweis

Kwame Anthony Appiah (*1954 in London) ist Professor für Philosophie in New York.

2

Stellen Sie die Ausführungen Appiahs (Material) der Moralphilosophie Kants gegenüber. [40 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Ethik GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Stellen Sie die Ausführungen Appiahs (Material) der Moralphilosophie Kants gegenüber.

Lösung: Differenzierte Gegenüberstellung der Positionen Kants (Handeln aus Pflicht vs. aus Neigung, Legalität vs. Moralität, kategorischer Imperativ, Autonomie) und Appiahs (Ehre als zusätzliche Motivation, Wertschätzungsrespekt, soziale Steuerung).

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