Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Ethik GK 2021

Thema: Anthropologische Grundpositionen: Menschenbilder · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Thema und Aufgabenstellung – Vorschlag C

Anthropologie und Theorien der Gerechtigkeit

Material

Heike Leitschuh: Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Egotrip

Drei Jahrzehnte Wirtschaftsliberalismus 1 haben inzwischen auch jene Lebensbereiche ökonomisiert, die bisher nicht auf entgeltliche Leistungen, sondern vorwiegend auf Vertrauen und Hilfe [...] aufbauten. [...] Hat man früher, zum Beispiel während der Buchmesse, mal Gäste bei sich übernachten lassen, so wird das heimische Sofa heute professionell gewinnbringend vermarktet. [...]

Mit dem Vordringen des Wirtschaftsliberalismus wird nun für das Individuum die Frage zur ständigen Begleiterin: Wie kann ich mir einen Vorteil gegenüber anderen verschaffen? Wie schaffe ich es, im Wettbewerb um Ausbildungsplätze, Studienplätze, Arbeitsplätze, ja sogar im Wettbewerb um die tollsten und schönsten Lebenspartner besser, schneller, cleverer zu sein als andere? Das verstärkt und legitimiert bei [...] Einzelnen berechnendes, egozentrisches und unsolidarisches Verhalten [...]. Die Ichbezogenheit wächst in die Alltagskultur hinein, ohne dass wir das richtig bemerken, wie eine Art „Kollateralschaden 2 “ des Neoliberalismus. 3 [...]

Wie ist das möglich geworden? Und warum merken wir es so spät? „Ich mach mein Ding“, singt Udo Lindenberg. Das klingt selbstbewusst und unabhängig. Im Prinzip ist auch nichts dagegen einzuwenden. Doch auf die Spitze getrieben, wenn also „mein Ding“ über allem steht, verkommt so ein Verhalten zur Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Umfeld. [...]

Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe aus Potsdam, sieht die Ursache für diese Haltung bei der „radikalen Individualisierung“, die mit dem Neoliberalismus um sich gegriffen habe. Wer nicht unter die Räder eines unerbittlichen Wettbewerbssystems kommen wolle, der müsse eine Haltung kultivieren, die besagt: „Es kommt vor allem auf mich an“. [...]

Die Orientierung auf Wettbewerb und ökonomische Effizienz verändere die Persönlichkeiten stark, meint der Professor für Sozialpsychologie Dieter Frey. „Es geht damit letztlich um das Knappheitsprinzip 4, um attraktive Positionen, entweder nach dem Leistungsprinzip oder nach dem Prinzip des besten Netzwerkes. [...] Und das verändert die Persönlichkeit, weil man zunächst versucht, als Homo oeconomicus 5 seine eigenen Vorteile zu sehen, sich in jeder Situation sofort überlegt: Was bedeutet das für mich? Wo kann ich Verluste minimieren? Und so weiter. [...] Die Menschen fühlen sich dadurch gehetzt, und es ist ja kein Zufall, dass psychosomatische Störungen 6, auch Depressionen, zunehmen und mehr Menschen das Gefühl haben, abgehängt zu werden und Verlierer dieses Trends zu sein.“ [...]

Baldo Blinkert, Gründer und ehemaliger Leiter des Freiburger Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (FIFAS), sieht eine Ursache für die Dominanz des Kosten-Nutzen-Verhaltens auch darin, dass sich im Verlauf der industriewirtschaftlichen Modernisierung in zunehmendem Maße diese „utilitaristisch-kalkulative Perspektive“, wie er es nennt, gegenüber sozialen Normen durchgesetzt habe. Der Grund: Die Menschen hätten sich aus Traditionen, sozialmoralischen Milieus und institutionellen Bindungen herausgelöst. Das wird in vielen Fällen als befreiend und emanzipativ empfunden: Frauen können ein selbstbestimmtes Leben ohne Eheschließung leben, man muss sich nicht mehr traditionellen Gepflogenheiten unterwerfen, wenn sie einem nicht gefallen [...]. Damit, so Blinkert, sei auch der Abbau der Bedeutung von „fixierten und vorentworfenen Handlungen“ verbunden. Das Individuum kann und muss nun zwischen Alternativen abwägen und entscheiden. Kriterien dabei sind die Wahrscheinlichkeiten von Kosten und Belohnungen, von Erfolg und Misserfolg. „Konformität oder Abweichung wird in zunehmendem Maße von dem Ergebnis eines Risiko-Nutzen-Kalküls abhängig.“ Damit würden laut Blinkert auch die Bedürfnisse des Individuums „zum einzig maßgeblichen Bezugsrahmen für das Handeln. [...] Es wird den Menschen zunehmend egal, was andere von ihren Entscheidungen denken, beziehungsweise, ob andere vielleicht sogar einen Nachteil von der eigenen Entscheidung haben könnten. [...]

Das neoliberale Denk- und Wertegebäude, das bereits in allen Ecken und Enden unserer Gesellschaft seine Spuren hinterlassen hat, heizt das Konkurrenzdenken und damit den Egoismus in uns an, die weit verbreiteten Ängste tun das ihrige dazu. [...] Die Schwachen unter uns geraten zunehmend ins Abseits, denn die Haltung macht sich breit, sie seien selbst schuld an ihrer Lage.

Heike Leitschuh: Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Egotrip, Frankfurt/Main 2018, S. 118-128 (Auszüge).

Anmerkungen

1 Der auf den schottischen Philosophen und Nationalökonomen Adam Smith zurückgehende Wirtschaftsliberalismus fordert eine völlige Nichteinmischung des Staates in die wirtschaftlichen Aktivitäten seiner Bürgerinnen und Bürger; er geht davon aus, dass ein unregulierter Markt zu den besten Ergebnissen für die Gesellschaft führt.

2 Kollateralschaden – bei einer militärischen Aktion in Kauf genommener (ggf. schwerer) Schaden

3 Der Neoliberalismus entspricht dem Wirtschaftsliberalismus mit dem Zusatz, dass er staatliche Eingriffe in den Markt dann für akzeptabel hält, wenn sie die Freiheit des Marktes befördern bzw. bewahren.

4 Als Knappheitsprinzip bezeichnet man in der Psychologie das Prinzip, dass eingeschränkt zugängliche Güter als wertvoller behandelt würden als uneingeschränkt verfügbare Güter.

5 homo oeconomicus – der ausschließlich von wirtschaftlichen Zweckmäßigkeitserwägungen geleitete Mensch

6 psychosomatische Störungen – körperliche Beschwerden mit psychischen Ursachen.

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Vergleichen Sie das von der Autorin (Material) entworfene Menschenbild mit der anthropologischen Konzeption Max Stirners sowie mit dem Menschenbild von Aristoteles oder Sigmund Freud. (40 BE)

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Lösung

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Vergleichen Sie das von der Autorin (Material) entworfene Menschenbild mit der anthropologischen Konzeption Max Stirners sowie mit dem Menschenbild von Aristoteles oder Sigmund Freud.

Lösung: Differenzierter Vergleich zwischen Leitschuhs Kritik, Max Stirners Konzeption des Eigners sowie Aristoteles oder Freud.

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