Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2022
Thema: Klassiker der Pädagogik · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Klassiker der Pädagogik und das System öffentlicher Bildung und Erziehung
Aufgabe 1: Ausgewählte Klassiker der Pädagogik
Material 1
Die Bedeutung des Spiels nach Friedrich Fröbel (2015)
1 Friedrich Fröbel (1782–1852) gilt als der Vater des Kindergartens. Nach dem Studium der Naturwissenschaften und Sprachen war er erst Schüler, später Lehrer bei Pestalozzi.
3 Er betätigte sich zunächst als Schulpädagoge und wandte sich im späteren Alter der Kleinkindpädagogik zu. Die Erkenntnisse aus seinen früheren Tätigkeiten veranlassten ihn, das Spiel als das 5 dem Wesen des kleinen Kindes gemäße Bildungs- und Erziehungsmittel in den Mittelpunkt seines pädagogischen Ansatzes zu stellen.
7 1840 gründete er den „allgemeinen Kindergarten“ und bildete kurz darauf die ersten Kindergärtnerinnen aus. So gesehen hat Fröbel als erster Pädagoge ein Ausbildungskonzept für den Beruf der Erzieherin entwickelt. Die Zeit war jedoch noch nicht reif für demokratische Erziehungsmethoden und Fröbels 10 Bild von einem dem Erwachsenen „ebenbürtigen Kind“ [...]. Der Kindergarten wurde 1851 verboten. Erst Jahre später, nach Fröbels Tod, wurde dieses Verbot aufgehoben.
12 Das Kind wird von Anfang an als ein kreativer, selbsttätiger und relativ autonomer Mensch gesehen. Fröbel geht davon aus, dass jedes Kind ein Geschöpf Gottes ist, das danach strebt, seine Bestimmung zu leben. Für Fröbel ist Gott auch Urgrund und letztes Ziel aller Menschenerziehung. Jeder Mensch ist 15 in jeder Lebensphase und Verfasstheit eine eigenständige Einheit im Rahmen der Vielfalt, die letztendlich wiederum auf eine absolute Einheit (Gott) bezogen ist. Alles ist mit allem verknüpft, in allen Bereichen des Natur- und Menschendaseins wiederholen sich dieselben Gesetze.
18 Der Begriff „Kindergarten“ ist leitend für Fröbels Konzept: Das Bild vom Kinder-Garten (Garten = Paradies) meint das dem Kind wiedergegebene Paradies, wo es Geschöpf und zugleich Schöpfer sein 20 kann (Kind als Akteur). Leitgedanke der Fröbel-Pädagogik ist die freie Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung des jungen Menschen. Alle Erfahrungen des Kindes sollen durch eigene Anschauung erworben werden: erst greifen, dann begreifen, erst anfassen, dann erfassen! Eine ganzheitliche Erziehung mit Platz für soziales, musiches, manuelles, schöpferisches und kognitives Lernen und Tun war für Fröbel ein Grundprinzip.
25 Dabei ist das Spiel die wirksamste Selbstbildung kleiner Kinder, wenn es durch Erziehung im Rahmen der sogenannten „Spielpflege“ von (aus)gebildeten Erwachsenen begleitet wird: „Spielen, Spiel ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung dieser Zeit; denn es ist freitätige Darstellung des Inneren, die Darstellung des Inneren aus Notwendigkeit und Bedürfnis des Inneren selbst, was auch das Wort Spiel selbst sagt“ [...]. So gesehen führte Fröbel das „Freie Spielen“ in die Pädagogik ein.
30 Fröbels Vorstellung vom Kindergarten war getragen von der Idee, durch das gemeinsame Spiel von Eltern und Kindern eine Verbesserung der familiären Beziehungen zu erwirken. Der Bildungsprozess geschieht in einem vom Kind gesteuerten und vom Erziehenden begleiteten und unterstützten Wechselwirkungsprozess. Grundlage für diesen Dialog ist eine persönlichkeits-, sozial- und sachkompetenzzentrierte Ausbildung der pädagogischen Fachkraft.
35 Fröbel hat als erster Pädagoge auf den Zusammenhang von Bindung an eine erwachsene Bezugsperson und die Bedeutung dieser emotionalen Beziehung für die frühkindlichen Bildungsprozesse verwiesen. Das Spiel- und Beschäftigungsmaterial, das Fröbel entwickelt hat, unterstützt die eigenständigen Bildungsleistungen des Kindes. Medien seiner Spielpflege (das gewollte und begleitete freie Spiel der Kinder) sind das sogenannte Spielgaben- und das Spielmittelsystem (heute Fröbel-Material 40 genannt), einschließlich der „Mutter-, Spiel- und Koselieder“. Folgende Spielgaben, deren Reihenfolge sorgfältig durchdacht ist, bilden den Mittelpunkt kindlichen Spiels:
42 Die von ihm als pädagogische Grundformen bezeichneten dreidimensionalen Formen Kugel, Zylinder und Würfel kennzeichnen sein Weltverständnis, nach dem scheinbar Gegensätzliches nicht widersprüchlich ist, sondern einander ergänzt.
45 Großes Interesse schenkte Fröbel auch den Kreis- und Bewegungsspielen, die wie die Spielgaben einer Reihenfolge unterliegen.
47 Zur Vollständigkeit eines Kindergartens war für Fröbel auch ein Garten unverzichtbar, in dem jedes Kind sein eigenes Beet zum Bearbeiten hat.
geändert nach: Landesverband Katholischer Kindertagesstätten (Hg.): Pädagogische Ansätze und Handlungskonzepte, in: Tacheles Expertise Themenheft, Stuttgart 2. Aufl. 2015, S. 8 f.
Material 2
Hans Scheuerl, Was ist ein pädagogischer Klassiker? (1995)
1 Klassiker wären dann diejenigen, die in ihren Erfahrungswelten, Gründungen und Konzepten eine Idee, eine Position, eine Tradition oder Traditionskritik, eine Vision oder „Bewegung“ besonders deutlich und eindringlich repräsentieren. Sie müssen nicht die ersten sein, die eine Position vertreten – 5 Vorläufer sind erlaubt. Sie müssen aber eine pädagogische Position oder Idee möglichst präzise und prägnant (das heißt zu Deutsch: treffsicher und gleichsam schwanger mit weiterführenden Impulsen) darstellen. Wir müssen von ihnen noch lernen, in ihrem Werk noch Entdeckungen machen können. Dabei brauchen sie keine fehlerfreien, gar vollkommenen Menschen zu sein. Ihr Werk kann oder Teile 10 davon können gescheitert, mit Hohn und Spott bedacht werden, in Vergessenheit geraten und später vielleicht gerade deshalb wiederentdeckt worden sein, weil sie in ihrem Scheitern noch uneingelöste Hoffnungen und Versprechungen enthalten, wie sie unsere Geschichte manchmal an unerwarteten Stellen uns bietet. Weder der „Erfolg“ in der eigenen Zeit, sei es der praktische, sei es der literarische, noch die Erfolgskontinuität in der Wirkungsgeschichte sind zwingende Kriterien für Klassizität.
geändert nach: Hans Scheuerl: Was ist ein pädagogischer Klassiker?, in: Zeitschrift für Pädagogik, Jahrgang 41, Heft 2, März/April 1995, S. 158 f.
1.1
Geben Sie die Vorstellungen zu Erziehung und Bildung von Friedrich Fröbel aus dem Text des Landesverbandes Katholischer Kindertagesstätten „Die Bedeutung des Spiels nach Friedrich Fröbel“ (Material 1) wieder. [15 BE]
1.2
Vergleichen Sie biografische Aspekte sowie Ideen und Ziele zu Bildung und Erziehung der beiden Klassiker Jean-Jacques Rousseau und Johann Pestalozzi mit denen von Friedrich Fröbel. [20 BE]
1.3
Überprüfen Sie anhand des Textes „Klassiker der Pädagogik“ (Material 2), inwieweit es sich bei Jean Jacques Rousseau oder bei Johann Pestalozzi um einen Klassiker der Pädagogik handelt. [15 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1.1 Geben Sie die Vorstellungen zu Erziehung und Bildung von Friedrich Fröbel aus dem Text des Landesverbandes Katholischer Kindertagesstätten „Die Bedeutung des Spiels nach Friedrich Fröbel“ (Material 1) wieder.
Lösung: Ausführliche Darstellung der Erziehungs- und Bildungsvorstellungen Fröbels auf Basis von Material 1.
1.2 Vergleichen Sie biografische Aspekte sowie Ideen und Ziele zu Bildung und Erziehung der beiden Klassiker Jean-Jacques Rousseau und Johann Pestalozzi mit denen von Friedrich Fröbel.
Lösung: Systematischer Vergleich von Biografie, Bild vom Kind sowie Bildungs- und Erziehungsvorstellungen.
1.3 Überprüfen Sie anhand des Textes „Klassiker der Pädagogik“ (Material 2), inwieweit es sich bei Jean Jacques Rousseau oder bei Johann Pestalozzi um einen Klassiker der Pädagogik handelt.
Lösung: Überprüfung der Kriterien nach Scheuerl anhand von Rousseau oder Pestalozzi.
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