Aufgabe Vorschlag A · Abitur Hessen Erdkunde GK 2022
Thema: Wasser als knappe Ressource und Nutzungskonflikte · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Daten zu Bolivien
Kari Johansen et al.: The Andean glacier and water atlas: the impact of glacier retreat on water resources, UNESCO 2018, S. 27, URL: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000265810/PDF/265810eng.pdf.multi (abgerufen am 29.05.2021).
Material 2
Bolivien
Cedric Gouverneur: Gletschersterben in Bolivien, in: Le Monde diplomatique, 13.08.2020, URL: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5688407#anker2 (abgerufen am 24.05.2021).
Material 3
Grundlegende Wasser- und Sanitärversorgung in Bolivien 2017
Anteil der Bevölkerung mit zumindest grundlegender Wasserversorgung · 92,8%
Landbevölkerung · 78,1%
Stadtbevölkerung · 99,0%
Anteil der Bevölkerung mit zumindest grundlegender Sanitärversorgung · 60,7%
Landbevölkerung · 36,1%
Stadtbevölkerung · 71,7%
URL: https://knoema.de/atlas/Bolivien/topics/Wasser (abgerufen am 29.05.2021).
Material 4
Cedric Gouverneur: Gletschersterben in Bolivien (2020)
Der Chacaltaya […] liegt in der Cordillera Real, rund 30 Kilometer nördlich von La Paz. […] Hundert Meter unterhalb des Gipfels endet die Serpentinenstraße an einem kleinen Parkplatz hoch über dem Altiplano, dem Hochplateau der Anden. […] „In den neunziger Jahren war hier ein 15 Meter dicker Gletscher“, sagt Edson Ramírez und deutet auf einen steinigen Hang, wo einige verbogene Metallstangen rosten – die Überreste eines Skilifts. Ramírez ist Hydrologe und Glaziologe am Institut für Wasserkunde und Hydraulik der Universität Mayor de San Andrès (Umsa) in La Paz. Seit fast 30 Jahren beobachtet er die tropischen Gletscher der Anden. Der Wissenschaftler seufzt: „2003 hatte ich gewarnt, dass dieser 18.000 Jahre alte Gletscher bis 2015 verschwunden sein könnte. Ich war zu optimistisch. Das letzte Eis ist zwischen 2009 und 2011 geschmolzen.“ […] „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Gletscher in der Cordillera Real seit 1980 37 Prozent ihrer Fläche eingebüßt haben. […]
Anlässlich der UN-Klimakonferenz im Dezember 2018 in Katowice (Polen) veröffentlichte die Unesco einen Atlas zum Thema. Darin stellt sie fest, dass einige der bolivianischen Gletscher seit den 1980er Jahren „zwei Drittel ihrer Masse oder sogar mehr“ verloren haben. Der Atlas dokumentiert auch, dass die Schneefallgrenze in den tropischen Anden im Laufe des 20. Jahrhunderts um durchschnittlich 45 Meter gestiegen ist. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte die Temperatur hier „um 2 bis 5 Grad ansteigen“. […]
61 Prozent der Wasserversorgung von La Paz speist sich gewöhnlich aus Schmelzwasser, in trockenen Jahren sogar bis zu 85 Prozent. Den „Water Peak“, also den maximalen Abfluss von Schmelzwasser, haben die meisten Gletscher in der Region bereits überschritten – einige von ihnen schon in den 1980er Jahren. Seitdem fließt immer weniger Wasser ins Tal. […]
[Magali] Garcia [leitende Agraringenieurin am Institut zur Erforschung und Entwicklung chemischer Verfahren der Umsa] erforscht die Folgen der Erderwärmung auf die landwirtschaftlichen Anbaumethoden: „Die Andenbauern sehen, wie sich die Gletscher zurückziehen und die Bewölkung abnimmt. Die Sonne brennt immer heißer, der Regen fällt konzentrierter, die Verdunstung beschleunigt sich; selbst wenn die Niederschlagsmenge gleichbleibt.“ […]
Die Zeit drängt. Zwischen November 2016 und März 2017 führte das Wetterphänomen El Niño, bei dem sich das Meer vor der Westküste Südamerikas außergewöhnlich erwärmt, in Bolivien zur schlimmsten Dürre seit 1980: Die Niederschläge gingen um 40 Prozent zurück, und die Temperaturen stiegen um durchschnittlich 2 bis 3 Grad. Bolivien kennt zwar regelmäßig wiederkehrende Dürreperioden. Doch 2016 waren erstmals nicht nur die Städte Cochabamba, Oruro, Potosí und Sucre vom Wassermangel betroffen, sondern auch der Großraum La Paz/El Alto mit seinen mehr als 2 Millionen Einwohnern. […] Ab Oktober wurde vielerorts das Wasser abgestellt. […] Magali Garcia erläutert: „In Cochabamba sind die Menschen an Trockenheit gewöhnt. Sie sind besser darauf eingerichtet, und sie haben Zisternen. Auch die Bauern hatten 1983, 1987 und 2006 schon schlimmere Dürren erlebt, aber die Paceños, die Einwohner von La Paz, traf es vollkommen unvorbereitet.“ […]
Um auf künftige Dürren vorbereitet zu sein, wurden zwischen 2016 und 2019 im Umland von La Paz drei neue Wasserreservoirs gebaut. In El Alto grub man neue Brunnen. Wasserleitungen wurden erneuert und Lecks abgedichtet, um die Versickerung zu minimieren. Im Bezirk 4 von El Alto konnte auf diese Weise der Wasserverlust von 39,6 auf 26,5 Prozent des Gesamtvolumens reduziert werden. […]
Edson Ramirez warnt, dass künftige Dürren noch dramatischer ausfallen könnten, wenn das Land nicht mehr auf das Schmelzwasser der Gletscher zählen kann. […] Er richtet sich darauf ein, dass die Extremwetterlagen infolge des weltweiten Temperaturanstiegs immer unberechenbarer werden. 2018 und 2019 verursachten sintflutartige Regenfälle Überschwemmungen und lösten Erdrutsche aus.
Cedric Gouverneur: Gletschersterben in Bolivien, in: Le Monde diplomatique, 13.08.2020, URL: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5688407#anker2 (abgerufen am 24.05.2021).
Material 5
Wasserverbrauch in Bolivien 2017
eigene Darstellung nach: URL: https://knoema.de/atlas/Bolivien/topics/Wasser (abgerufen am 29.05.2021).
Material 6
Wasserkraft in Bolivien 2015/2018
Kari Johansen et al.: The Andean glacier and water atlas: the impact of glacier retreat on water resources, UNESCO 2018, S. 29; URL: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000265810/PDF/265810eng.pdf.multi (abgerufen am 29.05.2021).
Material 7
Ziel 6 der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung
Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten
Was soll erreicht werden?
6.1 Zugang zu Trinkwasser für alle
6.2 Zugang zu Sanitärversorgung und Hygiene für alle
6.3 Wasserqualität weltweit verbessern
6.4 Effizienz der Wassernutzung steigern
6.5 Integrierte Bewirtschaftung der Wasserressourcen umsetzen
6.6 Wasserverbundene Ökosysteme schützen und wiederherstellen
Wie soll das Ziel erreicht werden?
6.A Internationale Zusammenarbeit und die Unterstützung der Entwicklungsländer
6.B Mitwirkung lokaler Gemeinwesen
URL: http://www.a-iwa.at/wp-content/uploads/2019/11/Langergraber.pdf (abgerufen am 04.06.2021).
Material 8
Steffen Heinzelmann: Trinkwasserpolitik verschärft soziale Ungerechtigkeit (2021)
Lange galt Cochabamba als „Stadt des ewigen Frühlings“ inmitten der Kornkammer Boliviens. Doch inzwischen herrscht hier jedes Jahr monatelang Trockenheit. Da immer mehr Menschen in die Großstadt ziehen, ist Trinkwasser für viele knapp und teuer. […]
Es ist ein kostbares Gut, das Juan aus einem Rohr in den riesigen Tank seines Lastwagens rauschen lässt: Wasser. Sein Laster steht in einer langen Reihe mit anderen Cisternas, dicht an dicht im Norden der Stadt Cochabamba. Hier gibt es grüne Parks mit blühenden Bäumen, hier sprudelt noch Wasser aus Quellen und Leitungen, und hier kann Juan es kaufen und damit den Tank seines Lastwagens füllen. Wenn der Tank voll ist, fährt er ganz ans andere Ende der Stadt in die Zona Sur, um seine Fracht zu verkaufen. Denn im Süden Cochabambas herrscht Wassermangel, die Leitungen der städtischen Wasserversorgung SEMAPA reichen nicht bis dorthin, wo die Stadt besonders schnell wächst. Das Wasser spiegelt die sozialen Unterschiede Cochabambas, der Großstadt im Herzen Bolivien wider: Im wohlhabenden Norden sprudelt es aus dem Boden, im ärmeren Süden sitzen die Menschen meistens auf dem Trockenen. […]
[I]m kargen Süden der Stadt fehlen eine Kanalisation für Abwasser und Leitungen für Trinkwasser. Für Wasser müssen [die Bewohner] deshalb sogar viel mehr bezahlen als die Menschen […] im Zentrum und im Norden. Der Preis steht mit Farbe auf die Tanks der Wasserlaster gesprüht: 7 Bolivianos für ein Fass. Das sind mehr als 85 Eurocent für 200 Liter, zehnmal so viel, wie das städtische Leitungswasser kostet. Für die Händler mit den Tankwagen und vor allem die Verkäufer*innen im Norden ist Wasser ein sehr gutes Geschäft. „Das ist soziale Benachteiligung. Wir können es sogar Rassismus nennen, denn bei uns in der Zona Sur leben vor allem indigene Menschen“, erklärt María. […] María ist wütend über diese Benachteiligung. […]. Vor 20 Jahren habe etwa die Hälfte der Menschen in Cochabamba einen Anschluss an die Wasserversorgung gehabt; seitdem ist die Stadt kontinuierlich auf fast eine Million Einwohner*innen gewachsen, und mittlerweile sei es sogar deutlich weniger als die Hälfte, die einen Wasseranschluss hat. Als Grund dafür nennt [Oscar Olivera] vor allem die schlechte Verwaltung: Der Staat habe den Menschen die Möglichkeit genommen, ihr Wasser selbst zu verteilen.
Oscar Olivera arbeitet für die Stiftung Fundación Abril, die in den Stadtvierteln ein Netz von gemeinschaftlichen Wassertanks aufbaut und auch an Schulen große Tanks installiert, in denen Regenwasser für die Bäder und die Gärten der Schulen gesammelt wird. […] Wie Oscar Olivera setzt auch María […] wenig Hoffnung in die Regierung in La Paz oder die Stadtverwaltung Cochabamba. In ihrer Not seien die Menschen im Süden der Stadt zu wahren Expert*innen im Sparen und Wiederverwenden von Wasser geworden, erklärt sie. Wichtig sei aber, sich zu organisieren und deutlich zu machen, dass der Zugang zu Wasser für alle ein Recht sei. Und nicht der Verlust eines guten Geschäfts, mit dem sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit bereichern können. […]
Irgendwann, so […] verspricht die Stadtverwaltung seit langem, soll Wasser aus dem Stausee Misicuni ganz am anderen Ende der Stadt bis in den Süden Cochabambas fließen. Durch 20 Kilometer lange, riesige Rohre. Im Stausee Misicuni, auf den grünen Hügeln im Norden gelegen, gibt es reichlich Wasser, das einfach nicht genutzt wird. Nur neun Prozent des Wassers kommt bei den Menschen an, weil die Leitungen nicht bis in die Stadt gebaut werden. Und in den alten Wasserrohren, die durch das Zentrum führen, versickert die Hälfte des Wassers, bevor es irgendeinen Wasserhahn erreicht.
Steffen Heinzelmann: Trinkwasserpolitik verschärft soziale Ungerechtigkeit, Nachrichtenpool Lateinamerika e.V., 07.01.2021, URL: https://www.npla.de/thema/urbanes-leben/blaues-gold-trinkwasserpolitik-verschaerft-soziale-ungerechtigkeit/ (abgerufen am 04.06.2021).
Wasser – Boliviens bedrohte Ressource?
Aufgaben
1
Geben Sie die Daten zu Bolivien aus Material 1 wieder und beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen Boliviens. (Material 1–2, Atlas)
(25 BE)
2.1
Stellen Sie die Situation der Wasserversorgung in Bolivien dar. (Material 3–6)
(15 BE)
2.2
Untersuchen Sie die Wasserversorgung Boliviens hinsichtlich der Versorgung und des Verbrauchs. (Material 1–6)
(30 BE)
3
Nennen Sie die grundlegenden Ziele und handlungsleitenden Prinzipien der UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung und überprüfen Sie die Umsetzung des UN-Nachhaltigkeitsziels 6 in Bolivien. (Material 1–8)
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Geben Sie die Daten zu Bolivien aus Material 1 wieder und beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen Boliviens. (Material 1–2, Atlas)
Lösung: Ausführliche Darstellung der Daten aus Material 1 sowie der naturräumlichen Gegebenheiten (Lage, Relief, Klima, Böden, Vegetation, Hydrologie).
2.1 Stellen Sie die Situation der Wasserversorgung in Bolivien dar. (Material 3–6)
Lösung: Darstellung der Wasser- und Sanitärversorgung, der Rolle der Gletscherschmelze, der Speicherinfrastruktur und der Verbrauchsanteile.
2.2 Untersuchen Sie die Wasserversorgung Boliviens hinsichtlich der Versorgung und des Verbrauchs. (Material 1–6)
Lösung: Untersuchung der Einflussfaktoren auf Wassergewinnungsseite (Gletscher, Niederschläge) und Verbraucherseite (Landwirtschaft, Industrie, Bevölkerung, Energiewirtschaft).
3 Nennen Sie die grundlegenden Ziele und handlungsleitenden Prinzipien der UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung und überprüfen Sie die Umsetzung des UN-Nachhaltigkeitsziels 6 in Bolivien. (Material 1–8)
Lösung: Nennung der Grundprinzipien der SDGs (5 P) und differenzierte Überprüfung der Umsetzung von Ziel 6 in Bolivien mit Fazit.
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