Abitur Hessen Deutsch 2025 · LK · Entwicklungstendenzen in der deutschen Sprache
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2025, LK · Entwicklungstendenzen in der deutschen Sprache: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte.
Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung und Stellungnahme
Aufgabe 1
Material
Theo Stemmler: Osteoporose 1 im Sprachskelett (2020)
Nur tote Sprachen verändern sich nicht. Der Wandel, dem das Deutsche gerade heute unterliegt, ist ein Lebenszeichen. In fast allen Bereichen der Sprache ist vieles längst nicht mehr wie früher. Der Wortschatz, die Schreibung, die Satzbildung, der Stil sind für die älteren Sprachbenutzer anders, als sie es in der Schule gelernt haben. Sie stellen sich eher widerwillig 5 den Neuerungen, während dies den Jüngeren leichtfällt, denen die historische Dimension des Lernens fehlt. Die Zurückweisung des Neuen ist eine Altersfrage: Die Jungen zwitschern eben nicht, wie die Alten sungen 2, sondern sprechen und schreiben provokant anders.
Doch in den einzelnen Bereichen der Sprache gibt es unterschiedliche Härtegrade der Abwehr sprachlicher Neuerungen, die sich ohnehin nicht mit gleicher Geschwindigkeit ankündigen. Im 10 Wortschatz finden Veränderungen weit schneller statt als in der Grammatik mit ihren festen Flexionsformen und syntaktischen Regeln. Im Unterschied zum robusten System der Grammatik, das über lange Zeit stabil bleibt, erweist sich der Wortschatz immer wieder als volatil 3.
Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, das keinen festen Regeln folgt, sondern 15 jeweils aktuellen Trends: im achtzehnten Jahrhundert französischem Vorbild, heute angloamerikanischem. Ganz verschiedenartige Einflüsse – aus der Jugendsprache, dem politischen Diskurs oder der Welt der Technik – machen sich geltend.
Wörter verschwinden und werden durch neue ersetzt, die oft zunächst Missfallen erregen, schließlich aber geduldet werden: Der den braven Lehrling ersetzende grässliche Azubi ist ein 20 bekanntes Beispiel. Über das nützliche Handy hat man sich zunächst aufgeregt, dann aber eingesehen, dass es handlicher ist als das Mobiltelefon. Dem exotisch klingenden Schupo folgte der Polizist, dem französischen Mannequin das amerikanische Model, der langatmigen Eintrittskarte das simple Ticket, und der umständliche Sommerschlussverkauf ist dem kurzen und bündigen Sale gewichen.
25 All diese Neuzugänge stellen keine existentielle Bedrohung des Deutschen dar – ebenso wenig wie die Bedeutungsveränderungen in vielen Wörtern, auch wenn sie nicht jedem gefallen. Ein „heißer Typ“ existiert mittlerweile seit Jahren, und „geil“ als zustimmende Bewertung ohne sexuelle Konnotation ist inzwischen auch den älteren Sprachbenutzern geläufig, die allerdings immer noch über relative Neulinge wie „daddeln“ oder „Tanke“ die Nase 30 rümpfen und mit dem Satz „Er hat einen Lauf“ zunächst nichts anfangen können.
Manche einheimischen Wörter und Wendungen verlieren allmählich ihre alte vertraute Bedeutung und werden klammheimlich akzeptiert. „Ganze hundert Euro“ bedeutet neuerdings „nicht weniger als“ – und nicht, wie bisher, „nicht mehr als“. Und längst wird „scheinbar“ semantisch nicht mehr von „anscheinend“ unterschieden. Doch auch davon geht die Welt der 35 deutschen Sprache nicht unter. Derartige Veränderungen und Neuerungen betreffen die Weichteile der Sprache, nicht deren Skelett.
Im stilistischen Bereich geht man immer öfter durchlässig – eigentlich: fahrlässig – mit den verfügbaren Registern um. Dies sind im Grunde beifallheischende Saloppheiten, die sich viele Benutzer eines gehobenen Stils heutzutage gestatten. Sie weisen sich so als mit der Zeit 40 gehend aus. Da hat auch ein ansonsten sehr erwachsener Manager „null Bock“ auf weitere Umstrukturierungen, und ein kurz vor der Pensionierung stehender Gymnasialdirektor „steht nicht auf“ den Stundenplanentwurf seines Stellvertreters.
Während dies stilistische Albernheiten sind, ist die verrohte Sprache in der politischen Rede ernst zu nehmen. Vielen ist der politische Gegner zum Feind geworden – schlimmer noch: 45 zum Jagdopfer. „Wir werden sie jagen“ 4 war denn auch nach der Bundestagswahl 2017 von einem prominenten Politiker zu hören. Und auch die Drohung „Ab morgen bekommen sie in die Fresse“ 5 zeigte die Brutalisierung des politischen Stils. Das ist neu. Beleidigt wurde schon zu Zeiten von Herbert Wehner 6 und Franz Josef Strauß 7, doch nicht mit einer Aktion gedroht. Entlarvend ist das angstmachende Futur in den beiden Zitaten: „wir werden...“ und „ab 50 morgen bekommen sie...“.
Der deutschen Sprache allgemein drohen jedoch Beschädigungen vor allem in ihrem systematischen Kernbereich: der Grammatik. Der grammatische Wandel unterscheidet sich grundlegend von jenem des Wortschatzes und der Bedeutung. Für ihn nämlich gibt es kein chaotisches Hin und Her, kein Vor oder Zurück, keine modischen Novitäten, die man nach 55 Belieben einführen oder auch wieder abschaffen kann. Die Veränderung grammatischer Formen erfolgt stets in einer Richtung: zur Vereinfachung hin. Der gemeine Sprachbenutzer ist faul und will es so.
Hinzu kommt – auch in ansonsten qualitätsbeflissenen Medien – ein schlampiger Umgang mit den seit langem etablierten syntaktischen Regeln, der auf jene sprachliche Logik verzichtet, 60 die lateinischen Texten – man traut sich dies heute kaum zu sagen – kristallklare Transparenz verlieh. Dieser Kombination von sprachlicher Faulheit mit fahrlässiger Ungenauigkeit verdanken wir einen Sprachzustand, der von manchem Beobachter auch als Verrohung des Deutschen bewertet wird.
Der Formenbestand unserer Sprache sinkt kontinuierlich, wenngleich er längst noch nicht die 65 Spärlichkeit des Englischen (zwölf Morpheme) erreicht hat. Bekanntlich ist der Dativ auf -e obsolet, der Genitiv auf -s stark gefährdet. Mehr noch: Viele Wörter, vor allem Fremdwörter, werden im Singular überhaupt nicht mehr flektiert – gängig sind allmählich „dem oder den Agent, Präsident, Kandidat, Journalist, Komponist, Student“.
Solche Vereinfachungen erleichtern dem trägen Sprachbenutzer das Leben, verringern jedoch 70 die grammatische Eindeutigkeit und die Zahl möglicher syntaktischer und damit auch stilistischer Varianten. Dass übrigens manch einer nicht mehr zwischen „das“ und „dass“ unterscheiden kann, ist eigentlich kein orthographisches Problem, sondern auch ein Zeichen grammatischer Verrohung: Es zeigt das Unvermögen, zwischen dem Pronomen „das“ und der Konjunktion „dass“ unterscheiden zu können.
75 Ebenso hapert es an der Rektion und Kongruenz – sprich: der korrekten Zuweisung bestimmter Kasus durch Verben, Adjektive, Präpositionen sowie der Übereinstimmung zusammengehörender Teile im Satz. Die „richtige“ Zuweisung eines im alltäglichen Sprachgebrauch üblichen Kasus ist nicht einfach, da sie – wie Sprache überhaupt – arbiträr (willkürlich) ist, jedoch einer allgemeinverbindlichen Konvention folgen muss, damit 80 Kommunikation möglich wird. Ein daraus resultierendes Unbehagen lässt sich in Dialekten und in der Umgangssprache deutlich erkennen.
Volkstümliches Paradebeispiel, das inzwischen Kultstatus erlangt hat, ist der Wortwechsel zwischen einem bekannten Fußballspieler und dem amtierenden Schiedsrichter aus dem Jahr 1965. „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen!“ – so der Schiedsrichter. „Ich danke Sie!“ – so der 85 Fußballspieler in seiner ironischen Antwort. Doch nicht nur in sportlichen Freizeitmilieus findet derartiger Kasuswechsel statt. Auch in qualitätsbewussten Medien begegnen wir solch morphologischem Drunter und Drüber. So klagt ein bekannter Autor: „Mir fror“, ein anderer verspricht „ein weltoffenes Deutschland, basierend auf christlichen Werte“.
Mit fast gesetzmäßiger Häufigkeit wird in festen Fügungen der Genitiv durch den Dativ ersetzt: 90 Man „wird einem Problem Herr“, „gedenkt vielen Toten“, „nimmt sich einem Thema an“ und „bedient sich einem Trick“. Die Versuchung solchen Kasuswechsels ist umso größer, wenn man auf diese Weise das lästige Genitiv-s vermeiden kann.
Unsere Toleranzbereitschaft für derartige sprachliche Marscherleichterungen erlischt vollends, wenn ein bekannter Schriftsteller mitteilt: „Als Freundin wusste sie, wo ihren Freunden der 95 Schuh drückt.“ Und gar Ratlosigkeit stellt sich ein, wenn man liest: „Statt der Fassaden, die doch nur vorgeben, eine Universität als Ganzen bewerten zu können...“
Während manche Sprachbeobachter für solche Kasuswechsel doch noch ein gewisses Verständnis äußern, dürfte solche Duldung bei schludriger Kongruenz nicht mehr möglich sein. Denn Kongruenz, die Übereinstimmung zugehöriger Teile im Satz, ist nichts anderes als 100 grammatische Logik. Und die ist – wie jede Art von Logik – unentbehrlich. Kongruenzfehler tragen zu Beschädigungen der Sprache bei.
Kongruenz kann alle grammatischen Kategorien betreffen: Kasus, Numerus, Apposition, Genus. Jeweils ein Beispiel möge hier genügen. Nicht der erforderliche Dativ, sondern der Akkusativ wird verwendet: „Die New York Times meint zum Tod Epsteins 8 und die daraus 105 resultierenden Gerüchte...“ Statt des Plurals kommt der Singular zum Zug: „Die Bevölkerung und auch die Beschäftigtenzahl wächst deutlich schneller.“ Besonders häufig werden Beisätze inkongruent formuliert: „Die Reise in der Transsib 9 führt von Moskau nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei.“ Und im Reigen der misshandelten Kongruenz darf auch das grammatische Geschlecht nicht fehlen: „Der Baustofffachhandel hat auch neue Hallen für ihre 110 Waren gebaut.“
Mein Vorschlag: sich weniger über Anglizismen und Jugendsprache zu entrüsten und mehr auf politisch und grammatisch korrekte Sprache zu achten. Auf diese Weise könnte man Schaden von der deutschen Sprache abwenden.
Allerdings stoßen Sprachkritiker seit langem solche Kassandrarufe 10 aus – mit mäßigem 115 Erfolg. Bereits im neunten Jahrhundert bemängelte der Mönch Otfrid von Weißenburg, dass die grammatischen Regeln nicht befolgt werden. Und tausend Jahre später, aber nun auch schon wieder vor mehr als einem Jahrhundert, lamentierte der Gymnasiallehrer Gustav Wustmann: „Wohin man blickt, sieht man jetzt eine immer ärger werdende grammatische Fehlerhaftigkeit.“ Dennoch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Stemmler, Theo (27.04.2020): Osteoporose im Sprachskelett.
<https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sprachverfall-theo-stemmler-warnt-vor-nachlaessiger-grammatik-16742798.html>. 26.02.2024
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.
Theo Stemmler (*1936) ist emeritierter Professor der Anglistik.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Anmerkungen
1 Osteoporose: häufig im Alter auftretende Störung im Knochenstoffwechsel, die Knochen dünner, poröser und somit anfällig für Brüche macht.
2 Die Jungen zwitschern eben nicht, wie die Alten sungen: Anlehnung an das Sprichwort „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“.
3 volatil: flüchtig, unbeständig.
4 „Wir werden sie jagen“: Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland, gerichtet an die künftige Bundesregierung nach der Bundestagswahl am 24.09.2017.
5 „Ab morgen bekommen sie in die Fresse“: Aussage der SPD-Politikerin Andrea Nahles, gerichtet an die Bundesregierung nach ihrer Wahl zur SPD-Fraktionsvorsitzenden am 27.09.2017.
6 Herbert Wehner (1906–1990) war ein SPD-Politiker.
7 Franz Josef Strauß (1915–1988) war ein CSU-Politiker.
8 Jeffrey Epstein (1953–2019): verurteilter US-amerikanischer Investmentbanker.
9 Transsib: Abkürzung für Transsibirische Eisenbahn, die längste Eisenbahnstrecke der Welt und Hauptverkehrsachse des asiatischen Teils Russlands.
10 Kassandraruf: unheilvolle Warnung (nach Kassandra, der Tochter des trojanischen Königs Priamos, die den Untergang ihrer Vaterstadt voraussagte, aber keine Beachtung fand).
1. Analysieren Sie Theo Stemmlers Text „Osteoporose im Sprachskelett“. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention des Textes. [ca. 80 %]
Aufgabe 2
Material
Theo Stemmler: Osteoporose 1 im Sprachskelett (2020)
Nur tote Sprachen verändern sich nicht. Der Wandel, dem das Deutsche gerade heute unterliegt, ist ein Lebenszeichen. In fast allen Bereichen der Sprache ist vieles längst nicht mehr wie früher. Der Wortschatz, die Schreibung, die Satzbildung, der Stil sind für die älteren Sprachbenutzer anders, als sie es in der Schule gelernt haben. Sie stellen sich eher widerwillig 5 den Neuerungen, während dies den Jüngeren leichtfällt, denen die historische Dimension des Lernens fehlt. Die Zurückweisung des Neuen ist eine Altersfrage: Die Jungen zwitschern eben nicht, wie die Alten sungen 2, sondern sprechen und schreiben provokant anders.
Doch in den einzelnen Bereichen der Sprache gibt es unterschiedliche Härtegrade der Abwehr sprachlicher Neuerungen, die sich ohnehin nicht mit gleicher Geschwindigkeit ankündigen. Im 10 Wortschatz finden Veränderungen weit schneller statt als in der Grammatik mit ihren festen Flexionsformen und syntaktischen Regeln. Im Unterschied zum robusten System der Grammatik, das über lange Zeit stabil bleibt, erweist sich der Wortschatz immer wieder als volatil 3.
Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, das keinen festen Regeln folgt, sondern 15 jeweils aktuellen Trends: im achtzehnten Jahrhundert französischem Vorbild, heute angloamerikanischem. Ganz verschiedenartige Einflüsse – aus der Jugendsprache, dem politischen Diskurs oder der Welt der Technik – machen sich geltend.
Wörter verschwinden und werden durch neue ersetzt, die oft zunächst Missfallen erregen, schließlich aber geduldet werden: Der den braven Lehrling ersetzende grässliche Azubi ist ein 20 bekanntes Beispiel. Über das nützliche Handy hat man sich zunächst aufgeregt, dann aber eingesehen, dass es handlicher ist als das Mobiltelefon. Dem exotisch klingenden Schupo folgte der Polizist, dem französischen Mannequin das amerikanische Model, der langatmigen Eintrittskarte das simple Ticket, und der umständliche Sommerschlussverkauf ist dem kurzen und bündigen Sale gewichen.
25 All diese Neuzugänge stellen keine existentielle Bedrohung des Deutschen dar – ebenso wenig wie die Bedeutungsveränderungen in vielen Wörtern, auch wenn sie nicht jedem gefallen. Ein „heißer Typ“ existiert mittlerweile seit Jahren, und „geil“ als zustimmende Bewertung ohne sexuelle Konnotation ist inzwischen auch den älteren Sprachbenutzern geläufig, die allerdings immer noch über relative Neulinge wie „daddeln“ oder „Tanke“ die Nase 30 rümpfen und mit dem Satz „Er hat einen Lauf“ zunächst nichts anfangen können.
Manche einheimischen Wörter und Wendungen verlieren allmählich ihre alte vertraute Bedeutung und werden klammheimlich akzeptiert. „Ganze hundert Euro“ bedeutet neuerdings „nicht weniger als“ – und nicht, wie bisher, „nicht mehr als“. Und längst wird „scheinbar“ semantisch nicht mehr von „anscheinend“ unterschieden. Doch auch davon geht die Welt der 35 deutschen Sprache nicht unter. Derartige Veränderungen und Neuerungen betreffen die Weichteile der Sprache, nicht deren Skelett.
Im stilistischen Bereich geht man immer öfter durchlässig – eigentlich: fahrlässig – mit den verfügbaren Registern um. Dies sind im Grunde beifallheischende Saloppheiten, die sich viele Benutzer eines gehobenen Stils heutzutage gestatten. Sie weisen sich so als mit der Zeit 40 gehend aus. Da hat auch ein ansonsten sehr erwachsener Manager „null Bock“ auf weitere Umstrukturierungen, und ein kurz vor der Pensionierung stehender Gymnasialdirektor „steht nicht auf“ den Stundenplanentwurf seines Stellvertreters.
Während dies stilistische Albernheiten sind, ist die verrohte Sprache in der politischen Rede ernst zu nehmen. Vielen ist der politische Gegner zum Feind geworden – schlimmer noch: 45 zum Jagdopfer. „Wir werden sie jagen“ 4 war denn auch nach der Bundestagswahl 2017 von einem prominenten Politiker zu hören. Und auch die Drohung „Ab morgen bekommen sie in die Fresse“ 5 zeigte die Brutalisierung des politischen Stils. Das ist neu. Beleidigt wurde schon zu Zeiten von Herbert Wehner 6 und Franz Josef Strauß 7, doch nicht mit einer Aktion gedroht. Entlarvend ist das angstmachende Futur in den beiden Zitaten: „wir werden...“ und „ab 50 morgen bekommen sie...“.
Der deutschen Sprache allgemein drohen jedoch Beschädigungen vor allem in ihrem systematischen Kernbereich: der Grammatik. Der grammatische Wandel unterscheidet sich grundlegend von jenem des Wortschatzes und der Bedeutung. Für ihn nämlich gibt es kein chaotisches Hin und Her, kein Vor oder Zurück, keine modischen Novitäten, die man nach 55 Belieben einführen oder auch wieder abschaffen kann. Die Veränderung grammatischer Formen erfolgt stets in einer Richtung: zur Vereinfachung hin. Der gemeine Sprachbenutzer ist faul und will es so.
Hinzu kommt – auch in ansonsten qualitätsbeflissenen Medien – ein schlampiger Umgang mit den seit langem etablierten syntaktischen Regeln, der auf jene sprachliche Logik verzichtet, 60 die lateinischen Texten – man traut sich dies heute kaum zu sagen – kristallklare Transparenz verlieh. Dieser Kombination von sprachlicher Faulheit mit fahrlässiger Ungenauigkeit verdanken wir einen Sprachzustand, der von manchem Beobachter auch als Verrohung des Deutschen bewertet wird.
Der Formenbestand unserer Sprache sinkt kontinuierlich, wenngleich er längst noch nicht die 65 Spärlichkeit des Englischen (zwölf Morpheme) erreicht hat. Bekanntlich ist der Dativ auf -e obsolet, der Genitiv auf -s stark gefährdet. Mehr noch: Viele Wörter, vor allem Fremdwörter, werden im Singular überhaupt nicht mehr flektiert – gängig sind allmählich „dem oder den Agent, Präsident, Kandidat, Journalist, Komponist, Student“.
Solche Vereinfachungen erleichtern dem trägen Sprachbenutzer das Leben, verringern jedoch 70 die grammatische Eindeutigkeit und die Zahl möglicher syntaktischer und damit auch stilistischer Varianten. Dass übrigens manch einer nicht mehr zwischen „das“ und „dass“ unterscheiden kann, ist eigentlich kein orthographisches Problem, sondern auch ein Zeichen grammatischer Verrohung: Es zeigt das Unvermögen, zwischen dem Pronomen „das“ und der Konjunktion „dass“ unterscheiden zu können.
75 Ebenso hapert es an der Rektion und Kongruenz – sprich: der korrekten Zuweisung bestimmter Kasus durch Verben, Adjektive, Präpositionen sowie der Übereinstimmung zusammengehörender Teile im Satz. Die „richtige“ Zuweisung eines im alltäglichen Sprachgebrauch üblichen Kasus ist nicht einfach, da sie – wie Sprache überhaupt – arbiträr (willkürlich) ist, jedoch einer allgemeinverbindlichen Konvention folgen muss, damit 80 Kommunikation möglich wird. Ein daraus resultierendes Unbehagen lässt sich in Dialekten und in der Umgangssprache deutlich erkennen.
Volkstümliches Paradebeispiel, das inzwischen Kultstatus erlangt hat, ist der Wortwechsel zwischen einem bekannten Fußballspieler und dem amtierenden Schiedsrichter aus dem Jahr 1965. „Herr Lippens, ich verwarne Ihnen!“ – so der Schiedsrichter. „Ich danke Sie!“ – so der 85 Fußballspieler in seiner ironischen Antwort. Doch nicht nur in sportlichen Freizeitmilieus findet derartiger Kasuswechsel statt. Auch in qualitätsbewussten Medien begegnen wir solch morphologischem Drunter und Drüber. So klagt ein bekannter Autor: „Mir fror“, ein anderer verspricht „ein weltoffenes Deutschland, basierend auf christlichen Werte“.
Mit fast gesetzmäßiger Häufigkeit wird in festen Fügungen der Genitiv durch den Dativ ersetzt: 90 Man „wird einem Problem Herr“, „gedenkt vielen Toten“, „nimmt sich einem Thema an“ und „bedient sich einem Trick“. Die Versuchung solchen Kasuswechsels ist umso größer, wenn man auf diese Weise das lästige Genitiv-s vermeiden kann.
Unsere Toleranzbereitschaft für derartige sprachliche Marscherleichterungen erlischt vollends, wenn ein bekannter Schriftsteller mitteilt: „Als Freundin wusste sie, wo ihren Freunden der 95 Schuh drückt.“ Und gar Ratlosigkeit stellt sich ein, wenn man liest: „Statt der Fassaden, die doch nur vorgeben, eine Universität als Ganzen bewerten zu können...“
Während manche Sprachbeobachter für solche Kasuswechsel doch noch ein gewisses Verständnis äußern, dürfte solche Duldung bei schludriger Kongruenz nicht mehr möglich sein. Denn Kongruenz, die Übereinstimmung zugehöriger Teile im Satz, ist nichts anderes als 100 grammatische Logik. Und die ist – wie jede Art von Logik – unentbehrlich. Kongruenzfehler tragen zu Beschädigungen der Sprache bei.
Kongruenz kann alle grammatischen Kategorien betreffen: Kasus, Numerus, Apposition, Genus. Jeweils ein Beispiel möge hier genügen. Nicht der erforderliche Dativ, sondern der Akkusativ wird verwendet: „Die New York Times meint zum Tod Epsteins 8 und die daraus 105 resultierenden Gerüchte...“ Statt des Plurals kommt der Singular zum Zug: „Die Bevölkerung und auch die Beschäftigtenzahl wächst deutlich schneller.“ Besonders häufig werden Beisätze inkongruent formuliert: „Die Reise in der Transsib 9 führt von Moskau nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei.“ Und im Reigen der misshandelten Kongruenz darf auch das grammatische Geschlecht nicht fehlen: „Der Baustofffachhandel hat auch neue Hallen für ihre 110 Waren gebaut.“
Mein Vorschlag: sich weniger über Anglizismen und Jugendsprache zu entrüsten und mehr auf politisch und grammatisch korrekte Sprache zu achten. Auf diese Weise könnte man Schaden von der deutschen Sprache abwenden.
Allerdings stoßen Sprachkritiker seit langem solche Kassandrarufe 10 aus – mit mäßigem 115 Erfolg. Bereits im neunten Jahrhundert bemängelte der Mönch Otfrid von Weißenburg, dass die grammatischen Regeln nicht befolgt werden. Und tausend Jahre später, aber nun auch schon wieder vor mehr als einem Jahrhundert, lamentierte der Gymnasiallehrer Gustav Wustmann: „Wohin man blickt, sieht man jetzt eine immer ärger werdende grammatische Fehlerhaftigkeit.“ Dennoch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Stemmler, Theo (27.04.2020): Osteoporose im Sprachskelett.
<https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sprachverfall-theo-stemmler-warnt-vor-nachlaessiger-grammatik-16742798.html>. 26.02.2024
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.
Theo Stemmler (*1936) ist emeritierter Professor der Anglistik.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Anmerkungen
1 Osteoporose: häufig im Alter auftretende Störung im Knochenstoffwechsel, die Knochen dünner, poröser und somit anfällig für Brüche macht.
2 Die Jungen zwitschern eben nicht, wie die Alten sungen: Anlehnung an das Sprichwort „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“.
3 volatil: flüchtig, unbeständig.
4 „Wir werden sie jagen“: Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland, gerichtet an die künftige Bundesregierung nach der Bundestagswahl am 24.09.2017.
5 „Ab morgen bekommen sie in die Fresse“: Aussage der SPD-Politikerin Andrea Nahles, gerichtet an die Bundesregierung nach ihrer Wahl zur SPD-Fraktionsvorsitzenden am 27.09.2017.
6 Herbert Wehner (1906–1990) war ein SPD-Politiker.
7 Franz Josef Strauß (1915–1988) war ein CSU-Politiker.
8 Jeffrey Epstein (1953–2019): verurteilter US-amerikanischer Investmentbanker.
9 Transsib: Abkürzung für Transsibirische Eisenbahn, die längste Eisenbahnstrecke der Welt und Hauptverkehrsachse des asiatischen Teils Russlands.
10 Kassandraruf: unheilvolle Warnung (nach Kassandra, der Tochter des trojanischen Königs Priamos, die den Untergang ihrer Vaterstadt voraussagte, aber keine Beachtung fand).
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