Abitur Hessen Deutsch 2023 · LK · Verwendung von Metaphern im öffentlichen Sprachgebrauch

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, LK · Verwendung von Metaphern im öffentlichen Sprachgebrauch: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung und Stellungnahme

Teilaufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte

Henning Lobin (*1964): Warum wir eine Ethik der Metapher brauchen (2019)

Als Sprachwissenschaftler ist man unschlüssig, ob man sich freuen soll oder nicht: Seit

Langem schon wurde nicht mehr so intensiv über Sprache debattiert. Der Schriftsteller Durs

Grünbein meinte in der Zeit erklären zu können, wie aus Sprache Gewalt wird. Grünen-Chef

Robert Habeck hat ein ganzes Buch zum Thema Sprache verfasst. Bundespräsident Frank-

5 Walter Steinmeier hat in seiner Weihnachtsansprache an die Bürger appelliert, mehr

miteinander zu reden, selbst wenn man nicht einer Meinung ist. [...]

Es gibt viele weitere Beiträge, oft unter Stichwörtern wie „Sprachverrohung“ oder „sprachliche

Gewalt“. Man sollte gerade das, was so selbst zu einem Argument in der politischen

Kommunikation geworden ist, zunächst sortieren.

10 Da gibt es zum einen die direkten Beleidigungen. Wenn man jemanden als etwas bezeichnet,

das zu entsorgen ist, oder jemanden auf den Müllhaufen wünscht, dann kann dieser sich

strafrechtlich dagegen zur Wehr setzen. Im Internet soll das Netzwerkdurchsetzungsgesetz

eigentlich sicherstellen, dass sich Beleidigungen nicht verbreiten. Im Parlament können

Ordnungsrufe dafür sorgen, dass solches Verhalten geahndet wird. Beleidigungen, so wüst

15 sie auch sein mögen, sind kein Problem für das Gemeinwesen. Dafür haben wir Instrumente.

Die sogenannten diskursiven Strategien hingegen liegen am anderen Ende der

kommunikativen Skala und bezeichnen eine ganze Kette von Äußerungen, die man mit

strategischer Absicht unternimmt. Wenn man beispielsweise jemanden beleidigt hat, dann

kann man behaupten, dass das gar nicht als Beleidigung gemeint gewesen war. Wenn man –

20 wie der AfD-Politiker Björn Höcke – von einem „Denkmal der Schande“ 1 spricht, dann kann

man dem erwartbaren Entrüstungssturm begegnen, indem man sagt, man sei böswillig falsch

verstanden worden, die NS-Verbrechen seien ja wirklich eine Schande. Und wenn man das

Wort „völkisch“ 2 benutzt, dann kann man zu seiner Verteidigung vorbringen, man habe nur das

Adjektiv zu „Volk“ gebildet. All das ist so geschehen. [...] Dieses diskursive Spiel einfach nicht

25 mitzuspielen, kann eine geeignete Gegenmaßnahme sein – die schwarze Rhetorik 3 fällt dann

schnell in sich zusammen.

Viel schwieriger ist es jedoch, die Wirkung von Metaphern in der politischen Kommunikation

zu bewerten. Metaphern werden keineswegs mehr nur als Stilmittel in literarischen Texten

angesehen. Vielmehr stellen sie eine fundamentale Methode dar, im Denken einen

30 Erfahrungsbereich auf einen anderen zu übertragen – und dadurch den Ursprungsbereich

besser zu verstehen oder anders zu beleuchten. Wer statt von „Seenotrettung“ von einem

„Shuttle-Service“ 4 spricht, der wird im Hörer Assoziationen, die mit regelmäßig verkehrenden

Bussen oder Schiffen zu tun haben, auf den Ursprungsbereich übertragen: Ein Shuttle-Service

ist Teil einer Reise, erfolgt gegen Geld, ist eine planbare Dienstleistung, unterliegt gewissen

35 Qualitätsstandards, ist grundsätzlich nicht gefährlich – und so sollen dann auch die Ereignisse

auf dem Mittelmeer gesehen werden. Es ist ein politisches Anliegen, die Assoziationen von

Metaphern mit den ursprünglichen Gegebenheiten in Verbindung zu bringen, um sie in einer

gewünschten Weise einzuordnen oder zu deuten.

Derartige psychologische Mechanismen werden auch mit einem Begriff beschrieben, der [...]

40 Konjunktur erfahren hat: „Framing“. Ein Frame umfasst Wissens- und

Wahrnehmungsbestände, die sich in einem bestimmten Zusammenhang befinden: beim

Frame des Shuttle-Service etwa das Shuttleboot, der Bootsführer, die Reisenden, die

Reederei, die Tätigkeit des Transportierens, die alles miteinander verbindet. Der komplette

Frame kann allein durch eines dieser Elemente aktiviert werden, durch das Bild eines Bootes

45 etwa oder durch einen Fahrplan, aber eben auch durch ein Wort. In diesem Licht betrachtet,

können Metaphern als die denkbar knappste Methode verstanden werden, mit sprachlichen

Mitteln einen bestimmten Framing-Effekt zu erzielen.

Neu ist dieses Vorgehen keineswegs. Propagandistisch wird es vor allem in totalitären

Systemen eingesetzt, um das Eigene vom Fremden, das Gute vom Bösen und das Reine vom

50 Verdorbenen zu trennen. Ganze Metaphernkomplexe wurden im Dritten Reich entwickelt und

systematisch gepflegt, ob es sich nun um die antisemitischen Metaphern des Ungeziefers oder

des Parasiten am Volkskörper handelt, um die Metapher der Volksgesundheit zur Legitimation

von Euthanasie oder die des Lebensraums zur Begründung eines Angriffskriegs. Metaphern

richten den Scheinwerfer auf bestimmte Eigenschaften eines Sachverhalts, während andere

55 im Dunkeln liegen und umso schwerer erkennbar sind.

Wenn man in der aktuellen politischen Debatte derartige Metaphern verwendet, schwingen

diese Traditionen mit. Aus diesem Grund zucke ich selbst bei einem Wort wie „Ausgrenzeritis“

zusammen, das von einem AfD-Abgeordneten verwendet wurde, um die nur zögerliche

Bereitschaft der etablierten Parteien zu bezeichnen, die AfD bei der Wahl in

60 Parlamentsgremien zu berücksichtigen. Die Endung „-itis“ vermag fast jede mit Absicht

ausgeführte Handlung in eine Krankheit zu verwandeln, die also ohne Sinn und Verstand über

eine Person gekommen ist und nicht etwa das Ergebnis einer Überlegung darstellt, so

kritikwürdig die gewonnene Auffassung auch sein mag.

Eine alte Tradition findet sich auch in der Kriegsmetapher, die für die politische

65 Auseinandersetzung zur Konvention geworden ist („Wahlkampf“, „rechtes/linkes Lager“).

Allerdings gibt es die Übereinkunft, sie nicht kreativ zu erweitern und von einer „Jagd“ auf den

politischen Gegner zu sprechen, wie es Alexander Gauland 5 nach der Bundestagswahl getan

hat.

Offensichtlich mangelt es an einer Ethik der Metapher. Was sagt das Bildfeld, in das uns die

70 Metapher trägt, über den Sachverhalt aus? Werden wesentliche Aspekte unterdrückt, andere

überbetont, wenn wir sie mit den Fakten abgleichen? Wo verstößt eine Metapher gegen

allgemeine moralische Standards, nach denen Menschen nicht als Ungeziefer oder

Meinungen nicht als Krankheit bezeichnet werden? Trägt eine Metapher in ihrer Absolutheit

zu einer Verhärtung der Fronten bei und verhindert so einen Ausgleich – wenn etwa von

75 „Agrarmafia“ 6 die Rede ist?

Leider scheint die wahre Aufgabe einer politischen Argumentation aber darin zu liegen, die

eigene Gruppenzugehörigkeit und die damit verbundenen Meinungen und Auffassungen nach

den Maßstäben der Vernunft abzusichern und sich damit auch der anderen Mitglieder der

eigenen Gruppe zu vergewissern. Die Metaphern in der politischen Kommunikation haben also

80 nicht die Aufgabe, jemand anderen zu überzeugen, sondern vielmehr die eigene Seite mit

Bildern zu versehen, die geeignete Framing-Effekte, Schlussfolgerungen und Narrative

hervorrufen. [...]

Wie soll man nun mit all dem umgehen? Das Gespräch ist, wie der Bundespräsident empfiehlt,

ein guter Anfang. Wenn uns aber die Vernunft vorzugsweise dazu dient, Verteidigungswälle

85 für die eigene Meinung zu errichten, dann sollten zuallererst Abrüstungsverhandlungen

unternommen werden. Das sprachliche Waffenarsenal sollte als solches Gesprächsthema

sein, die Gültigkeit also all der metaphorischen Zuspitzungen, Fahnenwörter 7 und Slogans,

die eingesetzt werden, um eine bestehende Konfrontation zu befeuern. Wenn schon nicht die

gegenseitige Überzeugung durch Argumente gelingt, so kann zumindest das Gespräch über

90 die sprachliche Gestalt, in die die vermeintlich rationale Argumentation gekleidet ist, eine

Annäherung bewirken. Auf dieser Ebene kann die Sprachwissenschaft tatsächlich etwas zur

öffentlichen Diskussionskultur beitragen.

Auch die Medien sollten häufiger auf die originelle Metapher verzichten und stattdessen die

präzise, differenziertere sprachliche Form wählen. Das ist nicht gleichbedeutend mit

95 Langweiligkeit, denn genauso wenig, wie sich eine gute Reportage auf Erfundenes stützen

muss, sollte sich auch die sprachliche Bezeichnung komplexer Sachverhalte auf Metaphern

stützen, die nur teilweise tragen. Bilder und Analogien sind zwar wichtig, um etwas

Kompliziertes besser zu verstehen, aber dann sollte dies auch als ein Vergleich

unterschiedlicher Dinge erkennbar bleiben und nicht in der Metapher miteinander

100 verschmelzen.

Die kognitive Substanz der Metapher mit ihrem unausgesprochenen Absolutheitsanspruch

kann nämlich wie ein Gift wirken, deshalb bedarf sie der Kontrolle durch die Erkennbarkeit des

Bildes als Vergleich. Die Flucht- und Rettungsereignisse im Mittelmeer mit dem Wort „Shuttle-

Service“ zu bezeichnen, verzerrt die tatsächlichen Ereignisse auf unheilvolle Weise. Sie

105 mögen manchen in einigen Punkten an so etwas wie einen Shuttle-Service erinnern, in

anderen aber nicht – darüber lässt sich diskutieren, und so viel sprachliche Differenzierung

muss schon sein, wenn uns unser friedliches Miteinander etwas wert ist. Deshalb sollten wir

verabsolutierende Metaphern in der öffentlichen Debatte sich nicht ungehindert verbreiten

lassen, sondern ihre Gültigkeit sofort zum Thema machen, um ihre schädliche Wirkung zu

110 neutralisieren. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass jede Form des Sprachkampfs, und

sei sie auch noch so verzerrend und verletzend, tatsächlich nur im Sprachlichen verbleibt.

Lobin, Henning (21.02.2019): Warum wir eine Ethik der Metapher brauchen. <https://www.sueddeutsche.de/kultur/framing-metapher-afd-ethik-sprachwissenschaft-1.4337984>. 27.02.2021

Anmerkungen

1 „Denkmal der Schande“: Björn Höcke verwendete diesen Begriff in einer Rede in Dresden im Januar 2017, um damit das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu bezeichnen.

2 völkisch: Schlüsselbegriff der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus.

3 schwarze Rhetorik: versteckte Einflussnahme durch Anwendung rhetorischer Techniken mit dem Ziel, eine Glaubens- oder Verhaltensänderung bei einer Person oder Personengruppe herbeizuführen.

4 „Shuttle-Service“: Der CSU-Politiker Stephan Mayer benutzte diesen Ausdruck im Jahr 2017 und warf damit Hilfsorganisationen im Mittelmeer vor, sie würden Menschen dazu ermuntern, ihr Land zu verlassen, indem sie Geflüchteten ein entsprechendes Hilfsangebot machten.

5 Alexander Gauland: Der damalige Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag kündigte am Wahlabend der Bundestagswahlen im Jahr 2017 angesichts des Einzugs seiner Partei in das deutsche Parlament an: „Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.“

6 Agrarmafia: vom Journalismus geprägter Begriff im Zusammenhang mit Subventionsbetrug in der Landwirtschaft.

7 Fahnenwort: (politisches) Schlagwort, das einer Idee eines bestimmten Personenkreises Ausdruck verleiht.

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie den Argumentationsgang des Textes „Warum wir eine Ethik der Metapher brauchen“ von Henning Lobin dar und erläutern Sie die Intention des Textes.

ca. 40 %

Teilaufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte

Henning Lobin (*1964): Warum wir eine Ethik der Metapher brauchen (2019)

Als Sprachwissenschaftler ist man unschlüssig, ob man sich freuen soll oder nicht: Seit

Langem schon wurde nicht mehr so intensiv über Sprache debattiert. Der Schriftsteller Durs

Grünbein meinte in der Zeit erklären zu können, wie aus Sprache Gewalt wird. Grünen-Chef

Robert Habeck hat ein ganzes Buch zum Thema Sprache verfasst. Bundespräsident Frank-

5 Walter Steinmeier hat in seiner Weihnachtsansprache an die Bürger appelliert, mehr

miteinander zu reden, selbst wenn man nicht einer Meinung ist. [...]

Es gibt viele weitere Beiträge, oft unter Stichwörtern wie „Sprachverrohung“ oder „sprachliche

Gewalt“. Man sollte gerade das, was so selbst zu einem Argument in der politischen

Kommunikation geworden ist, zunächst sortieren.

10 Da gibt es zum einen die direkten Beleidigungen. Wenn man jemanden als etwas bezeichnet,

das zu entsorgen ist, oder jemanden auf den Müllhaufen wünscht, dann kann dieser sich

strafrechtlich dagegen zur Wehr setzen. Im Internet soll das Netzwerkdurchsetzungsgesetz

eigentlich sicherstellen, dass sich Beleidigungen nicht verbreiten. Im Parlament können

Ordnungsrufe dafür sorgen, dass solches Verhalten geahndet wird. Beleidigungen, so wüst

15 sie auch sein mögen, sind kein Problem für das Gemeinwesen. Dafür haben wir Instrumente.

Die sogenannten diskursiven Strategien hingegen liegen am anderen Ende der

kommunikativen Skala und bezeichnen eine ganze Kette von Äußerungen, die man mit

strategischer Absicht unternimmt. Wenn man beispielsweise jemanden beleidigt hat, dann

kann man behaupten, dass das gar nicht als Beleidigung gemeint gewesen war. Wenn man –

20 wie der AfD-Politiker Björn Höcke – von einem „Denkmal der Schande“ 1 spricht, dann kann

man dem erwartbaren Entrüstungssturm begegnen, indem man sagt, man sei böswillig falsch

verstanden worden, die NS-Verbrechen seien ja wirklich eine Schande. Und wenn man das

Wort „völkisch“ 2 benutzt, dann kann man zu seiner Verteidigung vorbringen, man habe nur das

Adjektiv zu „Volk“ gebildet. All das ist so geschehen. [...] Dieses diskursive Spiel einfach nicht

25 mitzuspielen, kann eine geeignete Gegenmaßnahme sein – die schwarze Rhetorik 3 fällt dann

schnell in sich zusammen.

Viel schwieriger ist es jedoch, die Wirkung von Metaphern in der politischen Kommunikation

zu bewerten. Metaphern werden keineswegs mehr nur als Stilmittel in literarischen Texten

angesehen. Vielmehr stellen sie eine fundamentale Methode dar, im Denken einen

30 Erfahrungsbereich auf einen anderen zu übertragen – und dadurch den Ursprungsbereich

besser zu verstehen oder anders zu beleuchten. Wer statt von „Seenotrettung“ von einem

„Shuttle-Service“ 4 spricht, der wird im Hörer Assoziationen, die mit regelmäßig verkehrenden

Bussen oder Schiffen zu tun haben, auf den Ursprungsbereich übertragen: Ein Shuttle-Service

ist Teil einer Reise, erfolgt gegen Geld, ist eine planbare Dienstleistung, unterliegt gewissen

35 Qualitätsstandards, ist grundsätzlich nicht gefährlich – und so sollen dann auch die Ereignisse

auf dem Mittelmeer gesehen werden. Es ist ein politisches Anliegen, die Assoziationen von

Metaphern mit den ursprünglichen Gegebenheiten in Verbindung zu bringen, um sie in einer

gewünschten Weise einzuordnen oder zu deuten.

Derartige psychologische Mechanismen werden auch mit einem Begriff beschrieben, der [...]

40 Konjunktur erfahren hat: „Framing“. Ein Frame umfasst Wissens- und

Wahrnehmungsbestände, die sich in einem bestimmten Zusammenhang befinden: beim

Frame des Shuttle-Service etwa das Shuttleboot, der Bootsführer, die Reisenden, die

Reederei, die Tätigkeit des Transportierens, die alles miteinander verbindet. Der komplette

Frame kann allein durch eines dieser Elemente aktiviert werden, durch das Bild eines Bootes

45 etwa oder durch einen Fahrplan, aber eben auch durch ein Wort. In diesem Licht betrachtet,

können Metaphern als die denkbar knappste Methode verstanden werden, mit sprachlichen

Mitteln einen bestimmten Framing-Effekt zu erzielen.

Neu ist dieses Vorgehen keineswegs. Propagandistisch wird es vor allem in totalitären

Systemen eingesetzt, um das Eigene vom Fremden, das Gute vom Bösen und das Reine vom

50 Verdorbenen zu trennen. Ganze Metaphernkomplexe wurden im Dritten Reich entwickelt und

systematisch gepflegt, ob es sich nun um die antisemitischen Metaphern des Ungeziefers oder

des Parasiten am Volkskörper handelt, um die Metapher der Volksgesundheit zur Legitimation

von Euthanasie oder die des Lebensraums zur Begründung eines Angriffskriegs. Metaphern

richten den Scheinwerfer auf bestimmte Eigenschaften eines Sachverhalts, während andere

55 im Dunkeln liegen und umso schwerer erkennbar sind.

Wenn man in der aktuellen politischen Debatte derartige Metaphern verwendet, schwingen

diese Traditionen mit. Aus diesem Grund zucke ich selbst bei einem Wort wie „Ausgrenzeritis“

zusammen, das von einem AfD-Abgeordneten verwendet wurde, um die nur zögerliche

Bereitschaft der etablierten Parteien zu bezeichnen, die AfD bei der Wahl in

60 Parlamentsgremien zu berücksichtigen. Die Endung „-itis“ vermag fast jede mit Absicht

ausgeführte Handlung in eine Krankheit zu verwandeln, die also ohne Sinn und Verstand über

eine Person gekommen ist und nicht etwa das Ergebnis einer Überlegung darstellt, so

kritikwürdig die gewonnene Auffassung auch sein mag.

Eine alte Tradition findet sich auch in der Kriegsmetapher, die für die politische

65 Auseinandersetzung zur Konvention geworden ist („Wahlkampf“, „rechtes/linkes Lager“).

Allerdings gibt es die Übereinkunft, sie nicht kreativ zu erweitern und von einer „Jagd“ auf den

politischen Gegner zu sprechen, wie es Alexander Gauland 5 nach der Bundestagswahl getan

hat.

Offensichtlich mangelt es an einer Ethik der Metapher. Was sagt das Bildfeld, in das uns die

70 Metapher trägt, über den Sachverhalt aus? Werden wesentliche Aspekte unterdrückt, andere

überbetont, wenn wir sie mit den Fakten abgleichen? Wo verstößt eine Metapher gegen

allgemeine moralische Standards, nach denen Menschen nicht als Ungeziefer oder

Meinungen nicht als Krankheit bezeichnet werden? Trägt eine Metapher in ihrer Absolutheit

zu einer Verhärtung der Fronten bei und verhindert so einen Ausgleich – wenn etwa von

75 „Agrarmafia“ 6 die Rede ist?

Leider scheint die wahre Aufgabe einer politischen Argumentation aber darin zu liegen, die

eigene Gruppenzugehörigkeit und die damit verbundenen Meinungen und Auffassungen nach

den Maßstäben der Vernunft abzusichern und sich damit auch der anderen Mitglieder der

eigenen Gruppe zu vergewissern. Die Metaphern in der politischen Kommunikation haben also

80 nicht die Aufgabe, jemand anderen zu überzeugen, sondern vielmehr die eigene Seite mit

Bildern zu versehen, die geeignete Framing-Effekte, Schlussfolgerungen und Narrative

hervorrufen. [...]

Wie soll man nun mit all dem umgehen? Das Gespräch ist, wie der Bundespräsident empfiehlt,

ein guter Anfang. Wenn uns aber die Vernunft vorzugsweise dazu dient, Verteidigungswälle

85 für die eigene Meinung zu errichten, dann sollten zuallererst Abrüstungsverhandlungen

unternommen werden. Das sprachliche Waffenarsenal sollte als solches Gesprächsthema

sein, die Gültigkeit also all der metaphorischen Zuspitzungen, Fahnenwörter 7 und Slogans,

die eingesetzt werden, um eine bestehende Konfrontation zu befeuern. Wenn schon nicht die

gegenseitige Überzeugung durch Argumente gelingt, so kann zumindest das Gespräch über

90 die sprachliche Gestalt, in die die vermeintlich rationale Argumentation gekleidet ist, eine

Annäherung bewirken. Auf dieser Ebene kann die Sprachwissenschaft tatsächlich etwas zur

öffentlichen Diskussionskultur beitragen.

Auch die Medien sollten häufiger auf die originelle Metapher verzichten und stattdessen die

präzise, differenziertere sprachliche Form wählen. Das ist nicht gleichbedeutend mit

95 Langweiligkeit, denn genauso wenig, wie sich eine gute Reportage auf Erfundenes stützen

muss, sollte sich auch die sprachliche Bezeichnung komplexer Sachverhalte auf Metaphern

stützen, die nur teilweise tragen. Bilder und Analogien sind zwar wichtig, um etwas

Kompliziertes besser zu verstehen, aber dann sollte dies auch als ein Vergleich

unterschiedlicher Dinge erkennbar bleiben und nicht in der Metapher miteinander

100 verschmelzen.

Die kognitive Substanz der Metapher mit ihrem unausgesprochenen Absolutheitsanspruch

kann nämlich wie ein Gift wirken, deshalb bedarf sie der Kontrolle durch die Erkennbarkeit des

Bildes als Vergleich. Die Flucht- und Rettungsereignisse im Mittelmeer mit dem Wort „Shuttle-

Service“ zu bezeichnen, verzerrt die tatsächlichen Ereignisse auf unheilvolle Weise. Sie

105 mögen manchen in einigen Punkten an so etwas wie einen Shuttle-Service erinnern, in

anderen aber nicht – darüber lässt sich diskutieren, und so viel sprachliche Differenzierung

muss schon sein, wenn uns unser friedliches Miteinander etwas wert ist. Deshalb sollten wir

verabsolutierende Metaphern in der öffentlichen Debatte sich nicht ungehindert verbreiten

lassen, sondern ihre Gültigkeit sofort zum Thema machen, um ihre schädliche Wirkung zu

110 neutralisieren. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass jede Form des Sprachkampfs, und

sei sie auch noch so verzerrend und verletzend, tatsächlich nur im Sprachlichen verbleibt.

Lobin, Henning (21.02.2019): Warum wir eine Ethik der Metapher brauchen. <https://www.sueddeutsche.de/kultur/framing-metapher-afd-ethik-sprachwissenschaft-1.4337984>. 27.02.2021

Anmerkungen

1 „Denkmal der Schande“: Björn Höcke verwendete diesen Begriff in einer Rede in Dresden im Januar 2017, um damit das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu bezeichnen.

2 völkisch: Schlüsselbegriff der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus.

3 schwarze Rhetorik: versteckte Einflussnahme durch Anwendung rhetorischer Techniken mit dem Ziel, eine Glaubens- oder Verhaltensänderung bei einer Person oder Personengruppe herbeizuführen.

4 „Shuttle-Service“: Der CSU-Politiker Stephan Mayer benutzte diesen Ausdruck im Jahr 2017 und warf damit Hilfsorganisationen im Mittelmeer vor, sie würden Menschen dazu ermuntern, ihr Land zu verlassen, indem sie Geflüchteten ein entsprechendes Hilfsangebot machten.

5 Alexander Gauland: Der damalige Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag kündigte am Wahlabend der Bundestagswahlen im Jahr 2017 angesichts des Einzugs seiner Partei in das deutsche Parlament an: „Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.“

6 Agrarmafia: vom Journalismus geprägter Begriff im Zusammenhang mit Subventionsbetrug in der Landwirtschaft.

7 Fahnenwort: (politisches) Schlagwort, das einer Idee eines bestimmten Personenkreises Ausdruck verleiht.

Aufgabenstellung

2.

Erörtern Sie ausgehend vom Text Lobins Position zur Verwendung von Metaphern im öffentlichen Sprachgebrauch. Beziehen Sie dabei Wissen zum Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit in gesellschaftlichen Zusammenhängen ein.

ca. 60 %

Du kannst auch nach Themen lernen

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