Abitur Hessen Deutsch 2023 · LK · Auswirkungen des Genderns auf die Kommunikation in privaten und beruflichen Zusammenhängen

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, LK · Auswirkungen des Genderns auf die Kommunikation in privaten und beruflichen Zusammenhängen: 2 Teilaufgaben mit…

Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung und Stellungnahme

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte

Material

Ewa Trutkowski (*1973): Wer nicht gendert, landet im Abseits (2020)

Gendern, also die Nutzung sogenannter gendergerechter Sprache, kann als Konsequenz der Vermengung des Merkmals Genus mit dem Merkmal Sexus angesehen werden. Die Linguistin Elisabeth Leiss hat diese Vermischung bereits 1998 als „Sexualisierung bzw. Sexierung der Grammatik“ gebrandmarkt. Aber die unter anderem auf Jacob Grimm zurückgehende 5 Grundidee, wonach das natürliche Geschlecht (= Sexus) dem grammatischen Geschlecht (= Genus) vorausgeht, ist aus dem gesellschaftspolitischen Diskurs kaum mehr wegzudenken, und spätestens seit einige Institutionen und Verwaltungen den Gebrauch gendergerechter Sprache vorschreiben, ist diese Diskussion in der Praxis auch jener Sprachverwender angekommen, die damit nie etwas zu tun haben wollten.

10 Objektiv betrachtet, möchten die Verfechter einer genderneutralen Sprache nichts anderes, als alle nichtmännlichen Mitmenschen „zu Wort kommen“ zu lassen. Der teilweise vehemente Einsatz für eine veränderte Sprachnorm speist sich vor allem daraus, sprachliche Ungleichheit mit sozialer Ungleichheit zu verknüpfen und letztere durch Umkehrung der ersteren eliminieren zu wollen. Das ganze Projekt ist also durchweg gut gemeint. Nur leider ist gut gemeint nicht 15 gleich gut, denn die Befürworter des Genderns sitzen einigen Irrtümern und Fehleinschätzungen auf.

Die meisten davon sind in der eingangs erwähnten Vermengung von Genus und Sexus begründet, deshalb zur Klarstellung: Einen Genus haben nahezu alle Nomen und etliche Pronomen des Deutschen – dabei ist es unerheblich, ob das Bezeichnete belebt oder unbelebt 20 ist. Man denke nur an den maskulinen Löffel, die feminine Gabel oder das neutrale Messer. Das Genus eines Nomens kann zwar regional schwanken (wie bei „die/der Butter“), aber generell sind Nomen genusfest.

Sexus hingegen ist, wie man an „Mensch“, „Person“ oder „Mitglied“ sieht, kein obligatorisches Merkmal und über Wortbildungselemente wie „-erich“ (in „Enterich“) oder „-in“ (in 25 „Teilnehmerin“) frei hinzufügbar. Es gibt Sexus auch nur in den Varianten männlich oder weiblich, und da er das biologische Geschlecht anzeigt, ist Sexus eine exklusive Eigenschaft belebter Entitäten¹ – das schreibt schon Luise Pusch in einem Artikel aus dem Jahr 1980, in dem sie sich über eine potenzielle, aber eben nicht existente „Staubsaugerin“ lustig macht.

Die „Staubsaugerin“ zeigt uns, genau wie die „Motorin“, dass sich das weiblichen Sexus 30 anzeigende Suffix „-in“ nur mit belebten Nomen verbinden kann. Wenn es jedoch nach den Sprachpflegern der Stadtverwaltungen in Hannover und Lübeck geht, ist eine Institution wie die Kirche nicht mehr als „Arbeitgeber“, sondern als „Arbeitgeberin“ zu bezeichnen und eine Stadt nicht mehr „Herausgeber“, sondern als „Herausgeberin“ eines Leitfadens für sogenannte gendersensible Sprache. Wortwörtlich heisst es darin: „Institutionen, die einen weiblichen 35 Artikel haben, sollten grammatikalisch korrekt behandelt werden.“

Diese Anweisung zur Hyperkorrektheit lässt befürchten, dass die Macher der teilweise gleichlautenden Leitfäden von Lübeck und Hannover weder Linguisten noch Linguistinnen waren. Institutionen sind einfach keine belebten Entitäten, und insofern ist es auch keine Überraschung, dass ihre Sexualisierung der Intuition von Sprachnutzern widerspricht – die 40 präferierte generische Form hingegen vermeidet den hier unangebrachten Bezug auf das natürliche Geschlecht.

Dass der Verweis des Lübecker Leitfadens auf grammatikalische Korrektheit im Grunde peinlich ist, stellt man spätestens dann fest, wenn man ihn weiterliest: „Bei Pronomen schleicht sich oft die männliche Form ein, doch auch hierfür gibt es kleine, unkomplizierte Lösungen.“ 45 Vorgeschlagen wird, „jeder/jede“ durch „alle“ oder „jemand“ und „keiner“ durch „niemand“ zu ersetzen: Dumm nur, dass sowohl „jemand“ als auch „niemand“ Pronomen mit maskulinem Genus sind, was ungrammatische Sätze wie „Hier ist niemand, die sich auskennt“ zeigen. […]

Zu glauben, durch eine veränderte Sprachnorm politische Versäumnisse heilen und soziale Realitäten umstülpen zu können, ist eine Illusion: Es werden nicht mehr Frauen in 50 Lastwagencockpits steigen, wenn man fortan von „Lastwagenfahrenden“ oder „Lastwagenfahrerinnen und Lastwagenfahrern“ spricht, solange zukünftige Kapitäninnen der Landstrasse das Steuer nicht selbst in die Hand nehmen wollen.

Im Übrigen wird oft vergessen, dass Gendern eine Sprachhandlung ist, die sich aus der Überzeugung ableitet, das Maskulinum habe keine generische Bedeutung. Wer gendert und 55 eine maskuline Form benutzt, kann folglich nur die spezifisch männliche Lesart im Sinn haben. Diese triviale Konsequenz wird jedoch von den wenigsten zu Ende gedacht, denn sie bedeutet, dass sich generische Lesart des Maskulinums und Gendern gegenseitig ausschliessen. […]

Ungeachtet aller vorgebrachten Argumente liesse sich nun einwenden, es sei einfach ein Gebot der Höflichkeit, Menschen gendersensibel anzusprechen. Aber ist dieser sich oft 60 moralisch kleidende Impetus² wirklich ein alltagstaugliches Argument? In der Praxis ist die Faulheit ja doch stärker als die Moral, und umständliche Gender-Formulierungen widerstreben nun einmal sprachlichen Ökonomieprinzipien. Auch dass ausgerechnet die unmarkierte, oft kürzere maskuline Form und nicht die feminine Form die generische ist, zeugt von sprachlicher Ökonomie.

65 Daher sei hier die folgende Prognose gewagt: Ob (dynamischer) Unterstrich, Genderstern, Binnen-I, Doppelpunkt, Beidnennung oder generisches Femininum – nichts davon wird sich in der Sprachgemeinschaft durchsetzen, denn nicht die Schaffung, sondern die Vermeidung unnötiger Komplexität ist eine der Haupttriebfedern für Sprachwandel. Man schaue sich zum Vergleich den Gebrauch des Konjunktivs und mancher Tempusformen an: Wer ausser 70 emsigen Deutschlernern weiss überhaupt, dass Formen wie in „Maria sagte, dass du gegangen sein werdest“ existieren? So schön es auch wäre, wenn es klappte, sie zu benutzen – in der sprachlichen Realität gelingt es einfach nicht.

Schon allein aus diesem Grund sollten wir das generische Maskulinum nicht ablehnen, denn keine geschlechtergerechte Form ist so ökonomisch wie praktikabel. Das zeigt sich zuvorderst 75 daran, dass die Vorgaben des Hannoverschen Leitfadens nicht einmal auf der Website der Stadt umgesetzt werden, wo nach wie vor von einem Bürger-Service oder Künstlern und Veranstaltern die Rede ist. Denkt hier wirklich jemand, dass nichtmännliche Personen dadurch ausgeschlossen werden? Wohl kaum. Aus diesem Grund sollten sich alle, die das generische Maskulinum gern abschaffen möchten, die Frage stellen, ob ein Verzicht auf die Sexus-Suffixe 80 „-in“ und „-erich“ letztlich nicht klüger wäre. Es würde zwar eine Verarmung der deutschen Sprache bedeuten, wer aber das Sexistische bekämpfen möchte, sollte beim Sexus und nicht beim Genus anfangen.

Was die Diskussion um das generische Maskulinum und gendergerechte Sprache am meisten vergiftet, ist jedoch nicht der Kampf um die besseren Argumente im akademischen Diskurs, 85 sondern deren politische Anheimstellung. Es ist deprimierend, zu beobachten, wie wissenschaftliche Debatten durch moralisierende und politisierende Rekurse geistig enthauptet werden. So auch hier: Wer gendert, ist lieb und links. Wer es nicht tut – und auch nicht tun will –, böse und rechts.

Natürlich, Gendern polarisiert, und es gibt hier keinen leisen Mittelweg, auch nicht über die 90 Vermeidung generischer Maskulina durch eine semantisch widersinnige und in den meisten Fällen ziemlich lächerliche Flucht in die Partizipbildung (die „Mitarbeitenden“, „Verkaufenden“ und „Studierenden“ lassen schön grüssen). Doch war Gendern bisher ein Signet³ selbstverantwortlicher politischer Verortung, bekommt der, der es nicht tut, mittlerweile auch einen Stempel aufgedrückt. Grund hierfür ist die mit einer überheblichen Gerechtigkeitsattitüde 95 vorangetriebene Institutionalisierung der Gendersprache durch Parteien, Verwaltungen und Universitäten (keine, die keinen Leitfaden hat) – wer sich nicht beugt, gerät schnell unter Verdacht.

Das mag die Rechte freuen, doch am meisten freut es diejenigen, welche schon immer der Meinung waren, Gendern mache sie zu moralisch besseren Menschen. Auch einige Linguisten 100 möchten sich, wie es scheint, hier einreihen: Sie verlinken die Kritik an Gendersprache mit traditionellen Gesellschaftsvorstellungen und weisen denjenigen, die sich aus was für Gründen auch immer gegen die Verwendung sogenannter gendergerechter Sprache aussprechen, implizit ein Plätzchen in der politisch konservativen bis rechten Ecke zu. Mit intellektueller Differenziertheit oder gar Wissenschaft hat das nicht viel zu tun, aber es passt zu der 105 allgemeinen Tendenz, Wissen durch Haltung und Erkenntnis durch Betroffenheit zu ersetzen.

¹ Entität: ein existierendes Ding.

² Impetus: Antrieb.

³ Signet: visuelles Zeichen.

Trutkowski, Ewa: Wer nicht gendert, landet im Abseits. In: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2020, S. 26.

Ewa Trutkowski ist eine Schweizer Sprachwissenschaftlerin.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle (schweizerische Orthografie).

Aufgabenstellung

1. Fassen Sie den Argumentationsgang des vorliegenden Textes zusammen und erläutern Sie dessen Intention.

ca. 40 %

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte

Material

Ewa Trutkowski (*1973): Wer nicht gendert, landet im Abseits (2020)

Gendern, also die Nutzung sogenannter gendergerechter Sprache, kann als Konsequenz der Vermengung des Merkmals Genus mit dem Merkmal Sexus angesehen werden. Die Linguistin Elisabeth Leiss hat diese Vermischung bereits 1998 als „Sexualisierung bzw. Sexierung der Grammatik“ gebrandmarkt. Aber die unter anderem auf Jacob Grimm zurückgehende 5 Grundidee, wonach das natürliche Geschlecht (= Sexus) dem grammatischen Geschlecht (= Genus) vorausgeht, ist aus dem gesellschaftspolitischen Diskurs kaum mehr wegzudenken, und spätestens seit einige Institutionen und Verwaltungen den Gebrauch gendergerechter Sprache vorschreiben, ist diese Diskussion in der Praxis auch jener Sprachverwender angekommen, die damit nie etwas zu tun haben wollten.

10 Objektiv betrachtet, möchten die Verfechter einer genderneutralen Sprache nichts anderes, als alle nichtmännlichen Mitmenschen „zu Wort kommen“ zu lassen. Der teilweise vehemente Einsatz für eine veränderte Sprachnorm speist sich vor allem daraus, sprachliche Ungleichheit mit sozialer Ungleichheit zu verknüpfen und letztere durch Umkehrung der ersteren eliminieren zu wollen. Das ganze Projekt ist also durchweg gut gemeint. Nur leider ist gut gemeint nicht 15 gleich gut, denn die Befürworter des Genderns sitzen einigen Irrtümern und Fehleinschätzungen auf.

Die meisten davon sind in der eingangs erwähnten Vermengung von Genus und Sexus begründet, deshalb zur Klarstellung: Einen Genus haben nahezu alle Nomen und etliche Pronomen des Deutschen – dabei ist es unerheblich, ob das Bezeichnete belebt oder unbelebt 20 ist. Man denke nur an den maskulinen Löffel, die feminine Gabel oder das neutrale Messer. Das Genus eines Nomens kann zwar regional schwanken (wie bei „die/der Butter“), aber generell sind Nomen genusfest.

Sexus hingegen ist, wie man an „Mensch“, „Person“ oder „Mitglied“ sieht, kein obligatorisches Merkmal und über Wortbildungselemente wie „-erich“ (in „Enterich“) oder „-in“ (in 25 „Teilnehmerin“) frei hinzufügbar. Es gibt Sexus auch nur in den Varianten männlich oder weiblich, und da er das biologische Geschlecht anzeigt, ist Sexus eine exklusive Eigenschaft belebter Entitäten¹ – das schreibt schon Luise Pusch in einem Artikel aus dem Jahr 1980, in dem sie sich über eine potenzielle, aber eben nicht existente „Staubsaugerin“ lustig macht.

Die „Staubsaugerin“ zeigt uns, genau wie die „Motorin“, dass sich das weiblichen Sexus 30 anzeigende Suffix „-in“ nur mit belebten Nomen verbinden kann. Wenn es jedoch nach den Sprachpflegern der Stadtverwaltungen in Hannover und Lübeck geht, ist eine Institution wie die Kirche nicht mehr als „Arbeitgeber“, sondern als „Arbeitgeberin“ zu bezeichnen und eine Stadt nicht mehr „Herausgeber“, sondern als „Herausgeberin“ eines Leitfadens für sogenannte gendersensible Sprache. Wortwörtlich heisst es darin: „Institutionen, die einen weiblichen 35 Artikel haben, sollten grammatikalisch korrekt behandelt werden.“

Diese Anweisung zur Hyperkorrektheit lässt befürchten, dass die Macher der teilweise gleichlautenden Leitfäden von Lübeck und Hannover weder Linguisten noch Linguistinnen waren. Institutionen sind einfach keine belebten Entitäten, und insofern ist es auch keine Überraschung, dass ihre Sexualisierung der Intuition von Sprachnutzern widerspricht – die 40 präferierte generische Form hingegen vermeidet den hier unangebrachten Bezug auf das natürliche Geschlecht.

Dass der Verweis des Lübecker Leitfadens auf grammatikalische Korrektheit im Grunde peinlich ist, stellt man spätestens dann fest, wenn man ihn weiterliest: „Bei Pronomen schleicht sich oft die männliche Form ein, doch auch hierfür gibt es kleine, unkomplizierte Lösungen.“ 45 Vorgeschlagen wird, „jeder/jede“ durch „alle“ oder „jemand“ und „keiner“ durch „niemand“ zu ersetzen: Dumm nur, dass sowohl „jemand“ als auch „niemand“ Pronomen mit maskulinem Genus sind, was ungrammatische Sätze wie „Hier ist niemand, die sich auskennt“ zeigen. […]

Zu glauben, durch eine veränderte Sprachnorm politische Versäumnisse heilen und soziale Realitäten umstülpen zu können, ist eine Illusion: Es werden nicht mehr Frauen in 50 Lastwagencockpits steigen, wenn man fortan von „Lastwagenfahrenden“ oder „Lastwagenfahrerinnen und Lastwagenfahrern“ spricht, solange zukünftige Kapitäninnen der Landstrasse das Steuer nicht selbst in die Hand nehmen wollen.

Im Übrigen wird oft vergessen, dass Gendern eine Sprachhandlung ist, die sich aus der Überzeugung ableitet, das Maskulinum habe keine generische Bedeutung. Wer gendert und 55 eine maskuline Form benutzt, kann folglich nur die spezifisch männliche Lesart im Sinn haben. Diese triviale Konsequenz wird jedoch von den wenigsten zu Ende gedacht, denn sie bedeutet, dass sich generische Lesart des Maskulinums und Gendern gegenseitig ausschliessen. […]

Ungeachtet aller vorgebrachten Argumente liesse sich nun einwenden, es sei einfach ein Gebot der Höflichkeit, Menschen gendersensibel anzusprechen. Aber ist dieser sich oft 60 moralisch kleidende Impetus² wirklich ein alltagstaugliches Argument? In der Praxis ist die Faulheit ja doch stärker als die Moral, und umständliche Gender-Formulierungen widerstreben nun einmal sprachlichen Ökonomieprinzipien. Auch dass ausgerechnet die unmarkierte, oft kürzere maskuline Form und nicht die feminine Form die generische ist, zeugt von sprachlicher Ökonomie.

65 Daher sei hier die folgende Prognose gewagt: Ob (dynamischer) Unterstrich, Genderstern, Binnen-I, Doppelpunkt, Beidnennung oder generisches Femininum – nichts davon wird sich in der Sprachgemeinschaft durchsetzen, denn nicht die Schaffung, sondern die Vermeidung unnötiger Komplexität ist eine der Haupttriebfedern für Sprachwandel. Man schaue sich zum Vergleich den Gebrauch des Konjunktivs und mancher Tempusformen an: Wer ausser 70 emsigen Deutschlernern weiss überhaupt, dass Formen wie in „Maria sagte, dass du gegangen sein werdest“ existieren? So schön es auch wäre, wenn es klappte, sie zu benutzen – in der sprachlichen Realität gelingt es einfach nicht.

Schon allein aus diesem Grund sollten wir das generische Maskulinum nicht ablehnen, denn keine geschlechtergerechte Form ist so ökonomisch wie praktikabel. Das zeigt sich zuvorderst 75 daran, dass die Vorgaben des Hannoverschen Leitfadens nicht einmal auf der Website der Stadt umgesetzt werden, wo nach wie vor von einem Bürger-Service oder Künstlern und Veranstaltern die Rede ist. Denkt hier wirklich jemand, dass nichtmännliche Personen dadurch ausgeschlossen werden? Wohl kaum. Aus diesem Grund sollten sich alle, die das generische Maskulinum gern abschaffen möchten, die Frage stellen, ob ein Verzicht auf die Sexus-Suffixe 80 „-in“ und „-erich“ letztlich nicht klüger wäre. Es würde zwar eine Verarmung der deutschen Sprache bedeuten, wer aber das Sexistische bekämpfen möchte, sollte beim Sexus und nicht beim Genus anfangen.

Was die Diskussion um das generische Maskulinum und gendergerechte Sprache am meisten vergiftet, ist jedoch nicht der Kampf um die besseren Argumente im akademischen Diskurs, 85 sondern deren politische Anheimstellung. Es ist deprimierend, zu beobachten, wie wissenschaftliche Debatten durch moralisierende und politisierende Rekurse geistig enthauptet werden. So auch hier: Wer gendert, ist lieb und links. Wer es nicht tut – und auch nicht tun will –, böse und rechts.

Natürlich, Gendern polarisiert, und es gibt hier keinen leisen Mittelweg, auch nicht über die 90 Vermeidung generischer Maskulina durch eine semantisch widersinnige und in den meisten Fällen ziemlich lächerliche Flucht in die Partizipbildung (die „Mitarbeitenden“, „Verkaufenden“ und „Studierenden“ lassen schön grüssen). Doch war Gendern bisher ein Signet³ selbstverantwortlicher politischer Verortung, bekommt der, der es nicht tut, mittlerweile auch einen Stempel aufgedrückt. Grund hierfür ist die mit einer überheblichen Gerechtigkeitsattitüde 95 vorangetriebene Institutionalisierung der Gendersprache durch Parteien, Verwaltungen und Universitäten (keine, die keinen Leitfaden hat) – wer sich nicht beugt, gerät schnell unter Verdacht.

Das mag die Rechte freuen, doch am meisten freut es diejenigen, welche schon immer der Meinung waren, Gendern mache sie zu moralisch besseren Menschen. Auch einige Linguisten 100 möchten sich, wie es scheint, hier einreihen: Sie verlinken die Kritik an Gendersprache mit traditionellen Gesellschaftsvorstellungen und weisen denjenigen, die sich aus was für Gründen auch immer gegen die Verwendung sogenannter gendergerechter Sprache aussprechen, implizit ein Plätzchen in der politisch konservativen bis rechten Ecke zu. Mit intellektueller Differenziertheit oder gar Wissenschaft hat das nicht viel zu tun, aber es passt zu der 105 allgemeinen Tendenz, Wissen durch Haltung und Erkenntnis durch Betroffenheit zu ersetzen.

¹ Entität: ein existierendes Ding.

² Impetus: Antrieb.

³ Signet: visuelles Zeichen.

Trutkowski, Ewa: Wer nicht gendert, landet im Abseits. In: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2020, S. 26.

Ewa Trutkowski ist eine Schweizer Sprachwissenschaftlerin.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle (schweizerische Orthografie).

Aufgabenstellung

2. Erörtern Sie die Position der Autorin und beziehen Sie die Auswirkungen des Genderns auf die Kommunikation in privaten und beruflichen Zusammenhängen ein.

ca. 60 %

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